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© pixabay.com | rabedirkwennigsen | Seit Jahrzehnten werden atomare „Endlager“ gesucht, aber noch nirgendwo konnte ein Lager für schwer strahlenden Atommüll gefunden werden. Auch nicht in Deutschland.

Sicherheit für eine Million Jahre?

US-Präsident Barack Obama wollte vor über 10 Jahren  in der Wüste Nevada ein Atommüll-Endlager errichten lassen. Ein US-Gericht entschied: Das Lager wird genehmigt, wenn die Betreiber Sicherheit für eine Million Jahre garantieren können.

Denn so lange strahle der Müll und so lange bestehe eine Gefahr für die Menschheit und für alles Leben. Die Betreiber konnten aber nur für 10.000 Jahre Sicherheit garantieren. Das Atommüll-Endlager wurde nicht genehmigt.

So ist es überall auf der Welt

So ähnlich läuft es überall in der Welt. Seit Jahrzehnten werden atomare „Endlager“ gesucht, aber noch nirgendwo konnte ein Lager für schwer strahlenden Atommüll gefunden werden. Auch nicht in Deutschland.

Seit 60 Jahren versprechen die Betreiber von Atomkraftwerken, dass „in wenigen Jahren“ das Problem des Atommülls gelöst sei. Doch bisher gibt es auf der Welt nur gefährliche und provisorische „Zwischenlager“. Der US-Atommüll lagert in der Zwischenzeit hauptsächlich auf den Marshallinseln. Der hochtoxische Stoff bedroht den gesamten Pazifik. Niemand will mehr zuständig sein.

Die Schweizer haben vor kurzem nach ebenfalls langer Suche einen Endlagerplatz entdeckt: Nicht zufällig direkt an der Grenze zu Deutschland gegenüber der Gemeinde Hohentengen am Hochrhein. Baubeginn soll allerdings erst 2045 sein. Doch Fragen bleiben auch hier wie überall. Der Bürgermeister von Hohentengen, Martin Benz: „Es müssen weitere Aussagen zu radiologischen , zu radioaktiven Auswirkungen und zu möglichen Störfellen gemacht werden. Uns mache die Auswirkungen auf das Grundwasser erhebliche Sorgen.“ Nur so viel ist klar: Nach 50 Jahren Endlagersuche: Alle Fragen offen.

Das Endlagerprojekt Gorleben

Gesucht wird auch hierzulande ein „Endlager“ seit langem vergeblich.  Im Jahr 1977 war unter der SPD-Bundesregierung von Helmut Schmidt und der CDU-Landesregierung von Ernst Albrecht in Niedersachsen die Standort-Entscheidung für das atomare „Endlager“-Projekt Gorleben scheinbar gefallen.  Doch gegen diese Planung eines atomaren Entsorgungslagers wurden damals nicht nur im Wendland Protest laut. Kurz zuvor war ich mit Ernst Albrecht zu einem Fernseh-Interview in seinem Privathaus verabredet. Er kam eine Stunde zu spät, stieg kreidebleich und verstört aus dem Hubschrauber, aus dem er zuvor aus der Luft 100.000 Demonstranten in Hannover beobachtet hatte: Fix und fertig sagte er in die Kamera: „Mir wurde jetzt erstmals klar, dass ich schießen lassen muss, wenn ich an den Endlagerplänen festhalte. Aber als Christ kann ich das nicht“. Im März 1979 verkündete dann Albrecht, dass „zu diesem Zeitpunkt in Gorleben ein Endlager politisch nicht durchzusetzen ist.“ Große Teile seiner Partei waren entsetzt über diese „Feigheit“.

Später wurde Gorleben ein „Zwischenlager“ und am 28. September 2020 ganz aufgegeben. Gorleben kann leben. Doch damit ist das Problem nicht gelöst. Denn der Müll ist ja da. Bisher sollte bis 2031 mit dem Bau eines „Endlagers“ in Deutschland begonnen werden, sagte die Bundesgesellschaft für Endlagerung“ (BGE). Doch dieser Termin sei nicht haltbar, erklärt jetzt deren Geschäftsführer Stefan Studt. Im Extremfall könnte es das Jahr 2068 sein. Experten, schreibt die TAZ, gehen davon aus, dass die Endlagerung erst im Jahr 2080 beginnen kann und nicht vor 2120 abgeschlossen sein wird Bisher sind 90 Standortregionen als potentiell endlagertauglich ausgesucht. Bei Inbetriebnahme des Lagers soll der gefährlich strahlende Abfall in 1.900 Castor-Behälter verpackt sein.

Seit Jahrzehnten betreiben wir auf unserem Planeten um die 400 Atomkraftwerke. Diese produzieren Tausende Tonnen schwach-, mittel- und stark strahlenden Müll, für den es bis heute kein einziges Endlager gibt. Noch nie hat eine Maus eine Mausefalle gebaut, aber wir Menschen bauen Atomkraftwerke, obwohl wir nicht wissen, wohin mit dem Müll, der dabei anfällt. Sollte homo sapiens nicht wenigstens so klug sein wie eine Maus?

Wer AKWs betreibt, schafft Altlasten für die Ewigkeit. Denn bis heute weiß niemand, wohin mit dem hoch giftigen Atommüll, der unabwendbar anfällt. Sicher ist nur das Risiko. Wie gefährlich schon der Normalbetrieb von AKWs ist, haben 1986 Tschernobyl und 2011 Fukushima gezeigt. Bei vielen anderen Beinahe-Unfällen wie 1979 im AKW Three Mile Island bei Harrisburg/USA, wo wegen einer partiellen Kernschmelze bereits über 100.000 Menschen evakuiert worden waren oder in Sellafield/England hatten wir nur Glück, dass nichts Schlimmeres passiert ist. In Sellafield war die Krebs-Sterberate bei Kleinkindern noch zehn Jahre danach etwa achtmal höher als im Landesdurchschnitt. Der Betrieb von AKW ist so verantwortungslos wie der Bau von Atombomben. Und beides hängt zusammen. Eine Regierung, die auf Atombomben zur militärischen „Abschreckung“ setzt, muss AKWs betreiben, denn dort fällt der Stoff zum Bau der Bombe an – siehe unsere Nachbarn Frankreich. Ein Teufelskreis. Denn sicher ist nur das Risiko.

Warum ich ein Gegner wurde

Ich selbst war bis 1986, bis zur Katastrophe von Tschernobyl, auch Anhänger der Atomenergie. Ich hatte den „Fachleuten“ geglaubt, die uns erzählt haben, dass „höchstens alle zehntausend Jahre etwas passieren kann“. Nach dem Unfall interviewte ich für die ARD den Chef der Aufräumarbeiten in Tschernobyl, Professor Wladimir Tschernousenko. Er war Professor für Atomphysik, glühender Anhänger der Atomenergie und von Gorbatschow nach dem 26. April 1986 zum Chefaufräumer in Tschernobyl berufen. Aber er wurde im havarierten Reaktor wie viele andere auch nuklear verstrahIt, sein Arzt gab dem Anfangsfünfziger  noch fünf Jahre zum Leben. Ich fragte diesen Atomexperten, ob die deutschen AKWs nicht sicherer seien als die sowjetischen. Seine  Antwort: „Es gibt auf der ganzen Welt kein einziges hundert Prozent sicheres Atomkraftwerk. Jedes AKW hat ein atomares Restrisiko.“ Ich wollte dann wissen, was ein atomares Restrisiko sei. Tschernousenkos denkwürdige Antwort: „Atomares Restrisiko ist jenes Risiko, das uns jeden Tag den Rest geben kann. Deshalb heißt es so.“

Forscher warnen zunehmend vor den  nicht absehbaren Folgen von Heißzeiten oder Eiszeiten sowie vor Extremwetterereignissen und vor den Unwägbarkeiten des Klimawandels über die Zeit von einer Million Jahren. All dies widerlegt die Mär vom sicheren und preiswerten Atomstrom. Die Erde bebt, Sturzfluten reißen ganze Ortschaften mit sich, Eisschichten und schmelzendes Eis verformen  Landschaften. Was kostet es, einen Pförtner zu bezahlen, der über eine Million Jahre lang bei einem Monatsverdienst von 3.000 Euro und bei einer Inflationsrate von zwei Prozent über eine Million Jahre Atommüll bewachen soll? Diese Frage habe ich einmal in der Talkshow bei „Maischberger“ gestellt.

© Rowohlt Verlag

Ein deutscher Mathematikprofessor begann noch während der Sendung zu rechnen. Seine Annahmen: Der Pförtner bekommt ein Monatsgehalt von 3000 Euro – eine Million Jahre lang und wir haben eine Inflationsrate von nur zwei Prozent – ebenfalls über eine Million Jahre. Das Ergebnis dieser Berechnung:  E i n  Pförtner kostet uns über eine Million Jahre mehr Geld als die gesamte Menschheit heute Geld hat. Billiger Atomstrom? Ein größerer Schwindel wurde uns nie aufgetischt.

Diese Frage stellt sich in Deutschland, in der Schweiz, in den USA und überall, wo noch AKWs betrieben werden. Doch befriedigende Antworten gibt es nirgendwo und wird es vielleicht niemals geben. Deshalb muss die ganze Welt so rasch wie möglich auf erneuerbare, preiswerte und sichere Energie aus Sonne, Wind, Wasserkraft, Bioenerige, Erdwärme sowie Strömungs- und Wellenenergie der Ozeane umsteigen.

Der Atomfachmann Wladimir Tschernousenko starb sechs Jahre nach der Tschernobyl-Katastrophe an Krebs und ich bin seither ein Gegner der Atomenergie. Aus guten Gründen.

Quelle

Franz Alt 2022 / Erstveröffentlichung in „Gesundheitsberater“ | Januar 2023

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