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© ClipDealer.com | strels | E-Autos sollen in Zukunft Autos mit Verbrennungsmotoren ersetzen. Ein notwendiger Schritt für die Verkehrswende, andere müssen folgen.

Das unvermeidliche Aus für den Verbrenner

EU-Parlament diskutiert neben vielen anderen Klimaschutzmaßnahmen auch über eine drastische Begrenzung der Kraftfahrzeug-Emissionen

„Beerdigt Brüssel jetzt den Verbrennungsmotor?“, fragt der Spiegel voller Bangen und liefert damit einmal mehr ein Beispiel für den konservativen, rückwärtsgewandten Umgang mit den bevorstehenden einschneidenden Veränderungen der Industriegesellschaft, der hierzulande in Redaktionen, an den Stammtischen und im politischen Establishment wie auch in den Konzernetagen zum guten Ton gehört.

Hintergrund ist die heutige Abstimmung im Europaparlament über das „Fit for 55“-Paket der EU-Kommission, in dem es neben schärferen Regeln für den Emissionshandel und die Erhöhung der Energieeffizienz auch um den Verkehrssektor geht.

Die Grenzwerte für den CO₂-Ausstoß von neu zugelassenen Kraftfahrzeugen sollen deutlich abgesenkt werden, sodass bis 2030 die Emissionen der Neuwagen im Durchschnitt nur noch 45 Prozent des 1990er-Niveaus ausmachen.

Außerdem soll ein Ende der Zulassung neuer Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren bis 2035 vorbereitet werden. Wobei es für letzteres eventuell umstrittene Ausnahmen geben könnte, wenn Kraftstoffe eingesetzt werden, die mit Strom synthetisiert wurden oder aus dem Anbau von Pflanzen stammen.

55 oder 70 Prozent?

Während die Bundesregierung seit den 1990ern immer wieder strengere Grenzwerte für Pkw hinausgezögert oder verwässert hat, gibt es auch an den neuen Vorschlägen Kritik von Umweltschützern und kritischen Verkehrsexperten.

Der ökologische Verkehrsclub Deutschland fordert zum Beispiel in einer Pressemitteilung, dass die durchschnittlichen Emissionen bis 2030 nicht um 55, sondern um 70 Prozent abgesenkt werden.

„Spätestens 2035 sollten dann wirklich nur noch emissionsfreie Fahrzeuge zugelassen werden. Jegliches Verschieben und Aufweichen konterkariert Klimaschutz und Energiesicherheit.“ Michael Müller-Görnert, verkehrspolitischer Sprecher des VCD

Von den sogenannten E-Kraftstoffen hält der VCD wenig. Strom basierte Kraftstoffe seien teuer und würden dies auch bleiben. Das ist durchaus naheliegend, denn durch verschiedene Umwandlungsschritte geht ein erheblicher Teil der Energie verloren, noch bevor der Kraftstoff im Auto verbrannt wird. Und dieses kann dann kaum mehr als 20 Prozent der im Kraftstoff – egal ob E-Kraftstoff oder konventioneller – gebundenen chemischen Energie in Bewegungsenergie umsetzen.

Peak Verbrennungsmotor

Unterdessen hat die Nachrichtenagentur Bloomberg, die sich einen eigenen Recherchezweig für Analysen und Trends in den neuen Technologien leistet, eine Übersicht über den globalen Markt für Kraftfahrzeuge aller Art vorgelegt.

Das Fazit: Der Verbrennungsmotor hat seinen Höhepunkt überschritten. Zwar haben erst 27 Millionen der über einer Milliarde Kraftfahrzeuge einen Elektromotor und weniger als zwei Millionen der Busse, Transporter und Lkw.

Doch der Verkauf von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren geht zurück. Mit nicht ganz 86 Millionen hat er bereits 2017 seinen Allzeit-Höhepunkt erreicht. Schon 2019 war der Gesamtmarkt leicht geschrumpft und dann durch die Pandemie 2020 regelrecht eingebrochen.

Zugleich haben aber Elektro-Fahrzeuge ihren Marktanteil rasch ausbauen können. Die Bloomberg-Analysten gehen davon aus, dass der globale Kraftfahrzeugmarkt 2024 wieder den bisherigen Höchststand von 2018 erreichen wird, allerdings dann mit einem deutlich höheren Elektroanteil.

Eine ganz andere Frage ist unterdessen, dass der bloße Umstieg auf Elektrofahrzeuge nur wenige Nachteile des bisherigen autozentrierten Verkehrssystems überwindet. An viel zu hohem Rohstoffverbrauch, an der Verstopfung der Städte, an der Benachteiligung der Nicht-Motorisierten und an der viel zu hohen Zahl der Unfallopfer – meist unter den Nicht-Motorisierten – ändert sich nichts.

Das letzte Wort

Bei dem genannten Paket handelt es sich um eine Reihe von Direktiven und anderen Vorschlägen – also sozusagen um EU-Gesetze –, die bereits im Juli 2021 von der EU-Kommission vorgelegt wurden.
Entsprechend den Regeln der EU müssen nun neben dem Parlament auch noch die Vertreter der Mitgliedsregierungen im Ministerrat zustimmen, die üblicherweise das letzte Wort haben.

Mithin handelt es sich nicht, wie in der Spiegel-Überschrift impliziert, um eine einsame Entscheidung der Brüsseler Bürokratie, sondern des Parlaments und der Regierungen.

Wobei das ganze System natürlich erhebliche demokratische Mängel hat, für Bürgerinnen und Bürger höchst undurchsichtig und damit der ideale Tummelplatz für Industrie-Lobbyisten ist, aber auch das ist ein anderes Thema.

Quelle

Der Bericht wurde von der Redaktion „TELEPOLIS“ (Wolfgang Pomrehn) 2022 verfasst – der Artikel darf nicht ohne Genehmigung von Wolfgang Pomrehn 2022 weiterverbreitet werden! 

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