Emissions Gap Report 2026: Auf dem Weg zu 2,8 Grad Erwärmung
Die Welt droht das Pariser Klimaziel deutlich zu verfehlen, warnt der neue UN-Bericht zur „Klimaschutzlücke“. Eine Rückkehr zu 1,5 Grad ist noch möglich – falls der Treibhausgas-Ausstoß rasch sinkt.
Es ist eine ernüchternde Botschaft, mit der das UN-Umweltprogramm Unep seinen neuen Bericht zur globalen „Klimaschutzlücke“ eröffnet: Die Chance, die Erderwärmung ohne oder mit nur geringer Überschreitung auf 1,5 Grad zu begrenzen, ist vertan.
Damit verschiebt sich die Aufgabe der Klimapolitik. Sie muss nun verhindern, dass die Temperatur allzu weit über diese Marke steigt und dort lange verharrt.
Und sie muss die Voraussetzungen schaffen, um die Erde bis zum Ende des Jahrhunderts wieder auf 1,5 Grad oder darunter abzukühlen. Ohne Kurswechsel droht sogar eine Erwärmung um 2,8 Grad bis 2100.
„The Point of Return“ – also Punkt der Rückkehr – ist der Emissions Gap Report 2026 deshalb übertitelt. Das jährliche Werk vergleicht die Klimapläne der Staaten mit den nach Erkenntnis der Wissenschaft erforderlichen Emissionssenkungen.
Die Bilanz fällt alarmierend aus. Doch Unep belässt es aber nicht bei der Warnung: Der Bericht zeigt auch, wie schnell erneuerbare Energien vorankommen und dass politische Maßnahmen den Ausstoß tatsächlich drücken können.
Aussichten sind schlechter als im Vorjahresbericht
Setzt die Welt ihre bisherige Politik fort, könnte die Erwärmung in diesem Jahrhundert 2,8 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau erreichen und danach weitergehen.
Werden sämtliche von den Regierungen eingereichten „nationalen Klimabeiträge“ zum Paris-Abkommen, die sogenannten NDCs, realisiert und vergleichbare Anstrengungen fortgesetzt, wären es 2,6 Grad.
Selbst im optimistischsten Fall, in dem zusätzlich alle Netto-Null-Zusagen für den CO2-Ausstoß erfüllt werden, bleibt es bei 2,1 Grad.
Die Aussichten sind damit schlechter als im Vorjahresbericht. Das Unep führt dies auf den Austritt der USA aus dem Paris-Abkommen und auf revidierte Berechnungen früherer Emissionen zurück.
Die seit dem letzten Report neu eingereichten Klimapläne haben die Temperaturprognosen hingegen kaum verbessert. Die Lücke zwischen dem 1,5-Grad-Versprechen aus dem Paris-Vertrag und dem dafür nötigen Klimaschutz bleibt enorm.
Wie ließe sie sich schließen? Das vom Unep untersuchte Szenario einer möglichst geringen Überschreitung würde die Erwärmung bis 2050 auf etwa 1,7 bis 1,8 Grad begrenzen.
Bis 2100 könnte sie dann mit rund 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit wieder auf 1,5 Grad sinken. Dafür müssten die weltweiten Treibhausgasemissionen gegenüber 2025 bis 2030 um 18 Prozent, bis 2035 um 45 Prozent und bis 2040 um 69 Prozent zurückgehen.
Fünf Jahre „weiter so“ bedeuten ein Zehntelgrad mehr
Die geltenden nationalen Klimazusagen reichen dafür bei Weitem nicht aus. Ihre vollständige Umsetzung würde bis 2030 nur fünf bis acht Prozent und bis 2035 elf bis 15 Prozent Einsparung bringen. Für den notwendigen Kurs wären bis 2035 im Mittel jährliche Minderungen um fast sechs Prozent erforderlich, erläuterte Unep-Chefin Inger Andersen.
Und mit jedem Aufschub wird das schwieriger: Fünf Jahre CO2-Ausstoß auf heutigem Niveau treiben die Temperaturspitze nach Unep-Angaben um etwa ein weiteres Zehntelgrad nach oben.
„Jeder zusätzliche Bruchteil eines Grades und jedes zusätzliche Jahr mit einer Erwärmung über 1,5 Grad erhöhen die Klimafolgen und Risiken“, warnt Unep-Chefin Andersen. Dazu zählten tödliche Überschwemmungen, Hitzewellen und Waldbrände, die auch dieses Jahr viele Länder heimgesucht hätten.
Andersen: „Deshalb müssen wir alle Hebel in Bewegung setzen, um die maximale Erwärmung zu minimieren und bis zum Ende des Jahrhunderts zu 1,5 Grad zurückzukehren. Das ist möglich.“
Hormus-Krise drückt auf fossilen Verbrauch
Immerhin könnte der globale CO2-Ausstoß aus fossilen Brennstoffen 2026 wieder etwas sinken. Das Klima-Onlineportal Carbon Brief erwartet auf Grundlage von Prognosen der Internationalen Energieagentur IEA einen Rückgang um rund 0,5 Prozent.
Hintergrund ist die Energiekrise infolge des Iran-Kriegs und der Störungen an der Straße von Hormus. Die hohen Öl- und Gaspreise bremsen den Verbrauch und erhöhen den Anreiz, auf Alternativen umzusteigen.
Zwar steigt deswegen auch die Kohlenutzung – die weltweite Nachfrage wird hier laut der Analyse voraussichtlich um 1,2 Prozent wachsen. Die zusätzlichen Emissionen dürften allerdings durch den geringeren Öl- und Gasverbrauch mehr als ausgeglichen werden.
Für Entwarnung reicht das dennoch nicht. Die IEA-Prognose betrifft nur fossiles CO2, während das Unep sämtliche Treibhausgase betrachtet, darunter Methan und Lachgas.
Zudem wäre ein halbes Prozent Rückgang weit vom erforderlichen Tempo entfernt. Ein krisenbedingter Verbrauchsrückgang ersetzt keine dauerhafte Klimapolitik.
Erneuerbare wachsen dreimal so schnell wie erwartet
Dass diese wirken kann, zeigt der Unep-Bericht anhand von mehr als 220 Auswertungen politischer Instrumente. Untersuchte Maßnahmen im Stromsektor senkten die Emissionen in den jeweiligen Betrachtungszeiträumen durchschnittlich um neun Prozent.
Ökonomische Instrumente wie Emissionshandel und CO2-Steuern erzielten sektorübergreifend Minderungen von fünf bis 13 Prozent. Die Erfolge müssten nun verbreitert und verstetigt werden.
Besonders dynamisch entwickeln sich Wind- und Sonnenenergie. Seit Abschluss des Paris-Abkommens von 2015 ist die weltweite Ökostrom-Kapazität laut Unep dreimal so schnell gewachsen wie erwartet, der Photovoltaik-Ausbau sogar siebenmal so schnell.
Hält der Trend an und wird er politisch unterstützt, könnte das Ziel erreicht werden, die Erneuerbaren-Kapazitäten bis 2030 zu verdreifachen. Darauf hatten sich die Staaten 2023 bei der UN-Klimakonferenz COP 28 in Dubai verständigt, ebenso wie auf ein verdoppeltes Tempo bei der Energieeffizienz-Steigerung und die Abkehr von fossilen Energien.
„Die Botschaft ist einfach“
Die Rückkehr zu 1,5 Grad hat jedoch eine weitere, heikle Voraussetzung. Im Laufe des Jahrhunderts müssten rund 320 Milliarden Tonnen CO2 aus der Atmosphäre entfernt und dauerhaft gespeichert werden. Das entspricht ungefähr acht Jahren weltweitem CO2-Ausstoß im Umfang von 2024.
Aufforstung kann Kohlenstoff binden, technische Verfahren können CO2 aus der Luft filtern. Doch ob die erforderlichen Mengen technisch, wirtschaftlich und sozialverträglich erreichbar sind, ist sehr unsicher, wie auch der Unep-Bericht einräumt.
Bill Hare, Chef des Berliner Forschungsinstituts Climate Analytics, fordert als Reaktion auf den Bericht rasches Handeln: „Die wichtigste Botschaft ist einfach: Die Regierungen müssen endlich Maßnahmen umsetzen, die den Verbrauch fossiler Brennstoffe so schnell wie möglich senken.“
Besonders nimmt er große Öl- und Gasproduzenten wie die USA und Saudi-Arabien in die Pflicht. „Im Moment schauen sie auf das Feuer, leugnen seine Existenz und gießen noch mehr Benzin hinein“, kritisiert Hare. Dabei leide ihre eigene Bevölkerung zunehmend unter extremer Hitze, Waldbränden und anderen Folgen.
Quelle
Der Bericht wurde von der Redaktion „klimareporter.de“ (Joachim Wille) 2026 verfasst – der Artikel darf nicht ohne Genehmigung (post@klimareporter.de) weiterverbreitet werden!







