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Depositphotos.com | frizio | Tibet Flagge

© Depositphotos.com | frizio | Tibet Flagge

Trotz Folter und Angst: Eine junge Aktivistin spricht über das Leben unter Chinas Überwachung

Eine junge tibetische Aktivistin, die mit nur 15 Jahren wegen ihres Protestes inhaftiert wurde. In diesem Interview spricht sie über die grausamen Haftbedingungen, die systematische Unterdrückung nach ihrer Freilassung und ihre Flucht ins Exil. Von Nicole König

Standhaft trotz Misshandlung und Überwachung

© Tibet Initiative | Namkyi

Am 21. Oktober 2015 protestierten Namkyi und ihre Cousinen- Schwester Tenzin Dolma in dem Ort Ngaba, Provinz Sichuan (Amdo), auf einer Straße, die unter den Tibetern auch als „Straße der Märtyrer“ bekannt ist. Sie hielten Porträts von Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama hoch und forderten seine Rückkehr nach Tibet sowie die Unabhängigkeit Tibets. Später wurde Namkyi im Alter von nur 15 Jahren zu 13 Monaten Gefängnis verurteilt.

Nach deinem mutigen Protest wurdest du in einem der größten Frauengefängnisse Chinas inhaftiert. Welche Auswirkungen hatten die repressiven Maßnahmen dort auf deine körperliche und emotionale Gesundheit und dein Selbstbild?

Die Diskriminierung, der ich im Gefängnis ausgesetzt war, lag daran, dass ich Tibeterin bin. Im Gegensatz zu anderen Gefangenen, die eine Standardbehandlung erhielten, wurde ich wegen meiner ethnischen Zugehörigkeit und meines politischen Hintergrundes härter behandelt. Ich wurde über viele Monate zu kräftezehrenden, militärähnlichen Drills gezwungen, während andere diese nur zwei Monate lang durchlaufen mussten.

Die Diskriminierung, der ich im Gefängnis ausgesetzt war, lag daran, dass ich Tibeterin bin.

Ich wurde von den anderen Gefangenen isoliert, durfte weder mit ihnen kommunizieren noch ihnen begegnen und wurde ständig von Aufsehern überwacht. Zusätzlich wurde ich gezwungen, chinesische Gesetze und die Politik der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) zu studieren, und musste bis ein oder zwei Uhr nachts wach bleiben, um diese Inhalte zu lernen, obwohl ich kein Chinesisch sprach und sie nicht meiner Kultur entsprachen.

Auch bei Privilegien und grundlegenden Menschenrechten wurde ich benachteiligt. Während andere Gefangene einen Lohn erhielten, um sich Dinge zu kaufen, bekam ich nur einen geringen Betrag, der mir keine Freiheiten ließ. An Sonntagen, wenn andere Gefangene Pause hatten, um sich auszuruhen oder Wäsche zu waschen, musste ich als Tibeterin weiterarbeiten.

Auch Familienbesuche waren für mich stark eingeschränkt. Während chinesische Insassen regelmäßig Besuch erhielten, durfte mein Vater mich nur ein einziges Mal besuchen – und das auch nur, nachdem er die Wärter darum angefleht hatte. Isolation, Zwangsarbeit und der Entzug grundlegender Freiheiten waren Ausdruck tief verwurzelter Diskriminierung gegenüber allen tibetischen Gefangenen wegen unserer ethnischen Zugehörigkeit und unserer politischen Überzeugungen.

Welche Erfahrungen hast du während deiner Inhaftierung gemacht, und wie konntest du die körperliche Folter und den psychischen Druck überstehen?

Während meiner Inhaftierung musste ich schwere körperliche Entbehrungen ertragen. Direkt nach meinem Protest nahmen sie mir meine traditionelle, warme Kleidung weg und gaben mir dünne Kleidungsstücke im bitterkalten Winter. Ich konnte meine Hände und Füße kaum noch spüren. Das Essen bestand aus stark verwässertem Reis oder Essensresten mit Fliegen und Würmern. Ich war ständig hungrig. Die Nahrung war so zubereitet, dass wir äußerlich gesund wirken sollten, innerlich aber litten wir.

Auch der psychische Druck war enorm. Nach über einem Jahr boten mir zwei Staatsanwälte an, meine Strafe zu mildern, wenn ich ein Schuldbekenntnis ablegte – sie schlugen sogar vor, die Anklage auf geringere Vergehen wie Mord zu ändern. Ich lehnte ab, weil ich meine Überzeugungen nicht verraten konnte. Meine Cousinen-Schwester und ich wurden daraufhin zu drei Jahren Haft verurteilt

Ich konnte meine Hände und Füße kaum noch spüren. Das Essen bestand aus stark verwässertem Reis oder Essensresten mit Fliegen und Würmern.

Nach dem Prozess sang ich ein Lied zu Ehren Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama als Zeichen des Widerstandes. Die Beamten drohten mir damit, dass drei Jahre vielleicht nicht genug seien, aber ich bereute mein Handeln nicht. Meine Kraft schöpfte ich vor allem aus meiner Identität und aus der tiefen Verbundenheit zu meinem Volk. Trotz der harten Bedingungen weigerte ich mich, meine Überzeugungen aufzugeben, denn ich wusste: Nur durch Standhaftigkeit konnte ich meine Würde bewahren und der Unterdrückung entgegentreten.

Wie war die Zeit nach deiner offiziellen Freilassung? Konntest du ein normales Leben führen?

Nach meiner Freilassung am 21. Oktober 2018 wurde ich erneut für eine Woche auf der Polizeiwache festgehalten, umsicherzustellen, dass ich nicht wieder protestiere. Meine Familie und die Bewohner meines Dorfes wurden gezwungen, ein Dokument zu unterschreiben, in dem stand, dass auch sie mit Konsequenzen rechnen müssten, falls ich erneut protestieren würde

Obwohl ich offiziell frei war, war ich es nie wirklich. Ich konnte mich nicht frei bewegen, keine Freunde treffen oder mich frei äußern. Ich wurde ständig überwacht, auf Schritt und Tritt verfolgt, und meine WeChat-Nachrichten und Anrufe wurden kontrolliert. Im Februar 2022 postete ich ein Bild von Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama auf WeChat, dazu einige seiner Lehren, und ich änderte meinen Account-Namen in „Dalai Lama“. Nur wenige Tage später erhielt ich einen Anruf von der Polizeiwache. Ich wurde aufgefordert, sofort dort zu erscheinen. Auf dem Weg dorthin wurde mein Telefon konfisziert mit der Begründung, ich würde „subversive Inhalte“ verbreiten.

Es war ein deutliches Zeichen: Meine Freilassung bedeutete keine Freiheit, sondern anhaltende Repression und Kontrolle. Die ständige Überwachung machte ein normales Leben für mich unmöglich. Ich lebte in ständiger Angst, dass schon wegen kleinster Ausdrucksformen meines Glaubens nicht nur ich, sondern auch mein Umfeld erneut bestraft werden könnte.

Seit deiner Flucht sprichst du öffentlich über deine traumatischen Erfahrungen und die aktuelle Lage in Tibet. Welche Auswirkungen hat das auf dich persönlich und auf deine Familie in Tibet?

Im Mai 2023 gelang mir schließlich die Flucht ins Exil nach Nepal. Meine Familie wusste nichts von meinem Plan – hätte ich sie eingeweiht, wären sie womöglich selbst im Gefängnis gelandet. Etwa fünf Tage nach meiner Ankunft in Nepal erhielt ich einen Anruf aus Tibet: Die Polizeibeamten meines Bezirks hatten meinen Eltern mitgeteilt, dass ich aus Tibet geflohen sei. Sie drohten mir am Telefon und erinnerten mich daran, dass meine Familie noch immer dort lebe.

Im April 2024 entschloss ich mich schließlich, offen über meine Inhaftierung und meine Erfahrungen zu sprechen, um die internationale Öffentlichkeit auf die Lage in Tibet aufmerksam zu machen. Ich hielt eine Pressekonferenz in Dharamsala (Indien) ab. Kurz darauf wurden meine Eltern und befreundete ehemalige politische Gefangene für eine Woche auf der Polizeiwache festgehalten und verhört – nur weil sie mit mir über WeChat in Kontakt standen.

Die KPCh setzt alles daran, unsere uralte Kultur auszulöschen.

Welche Rolle sollten die Vereinten Nationen und demokratische Regierungen angesichts der systematischen Unterdrückung in Tibet spielen, um die Rechte der Tibeter zu schützen und ihre Kultur und Sprache zu bewahren?

Ich muss alle daran erinnern, dass die Situation in Tibet bis heute äußerst dramatisch ist. Tibeter und Tibeterinnen werden schlechter behandelt als Tiere. Insbesondere Lamas, Lehrer und Künstler – werden gezielt ins Visier genommen und inhaftiert. Viele von ihnen, die ich persönlich kannte, sind aus mysteriösen Gründen früh verstorben. Familien, Kinder und ihre Eltern, werden gegen ihren Willen voneinander getrennt. In meiner Region gab es mehrere tibetische Privatschulen, in denen neben Tibetisch auch Englisch, Chinesisch, Naturwissenschaften und Mathematik unterrichtet wurde. Doch diese Schulen sind seit Jahren immer wieder von chinesischen Repressionsmaßnahmen betroffen – wir alle kennen das Beispiel der erzwungenen Schließung der bekannten Ragya-Schule.

Erst im vergangenen Jahr, 2024 wurde die Klosterschule des Klosters Kirti abgerissen mit dem Ziel, ihre Wiedereröffnung unmöglich zu machen. Alle 1.000 Schüler wurden unter Zwang in staatlichen Internaten untergebracht. Den Eltern wurde angedroht, dass sie ihren Arbeitsplatz verlieren und mit bis zu drei Jahren Haft sowie hohen Geldstrafen rechnen müssten, wenn sie ihre Kinder nicht in diese chinesischen Internate schicken. Solche Einschüchterungen zielen darauf ab, uns Tibetern das Erlernen unserer Sprache, Kultur und Religion zu verwehren. Die reiche und jahrhundertealte tibetische Tradition wird damit systematisch zerstört. Die KPCh setzt alles daran, unsere uralte Kultur auszulöschen.

Wie bereits erwähnt, hattest du in Tibet Kontakt zu anderen politischen Gefangenen und auch zu Personen, die sich aus Protest selbst verbrannt haben. Kannst du uns mehr über deren Situation und Hintergründe erzählen?

2011 setzte sich einer meiner engen Verwandten, damals erst 16 Jahre alt, aus Protest selbst in Brand. Das überlebte er. Nach vier bis sechs Jahren Haft wurde er zwar entlassen, doch da war er nicht mehr derselbe. Die traumatischen Erlebnisse hatten seine Psyche und sein Verhalten schwer geschädigt. Er erkannte nicht einmal mehr seine Eltern und wurde zunehmend aggressiv. Aus Angst, dass er anderen etwas antun könnte, sah sich seine Familie gezwungen, ihn zu Hause anzuketten. Tragischerweise griff er eines Tages seine Mutter an und tötete sie – ohne zu wissen, wer sie war. Sein Vater versuchte, die Behörden zur Rechenschaft zu ziehen, und machte das Gefängnis für den Zustand seines Sohnes verantwortlich. Doch die Polizei weigerte sich, seinen Sohn zurückzunehmen, mit der Begründung, er sei geisteskrank. Erst nachdem sein Vater den Polizisten Geld gegeben hatte, nahmen sie ihn wieder in einem Gefängnis auf. 2024 wurde seine Asche an die Familie übergeben.

Wir vermuten, dass er im Gefängnis durch eine Injektion getötet wurde. Ich mache mir auch große Sorgen um andere Selbstverbrennungsopfer wie Lobsang, dem nach seiner Tat gewaltsam ein Glied amputiert wurde. Die brutalen Bedingungen im Gefängnis hinterlassen bei ihnen, auch bei anderen politischen Gefangenen, nach ihrer Freilassung bleibende psychische und physische Narben. Ihr Leiden ist verheerend und führt oft zu einem Leben mit anhaltenden Schmerzen oder einem frühen Tod. Das ist die tragische Realität in Tibet. Ich mache mir Sorgen um das Schicksal derjenigen, die noch inhaftiert sind und weiterhin unter diesen unmenschlichen Bedingungen leiden müssen.

Was sollte deiner Meinung nach die internationale Gemeinschaft tun, um diesen Menschen wirksam beizustehen und sicherzustellen, dass sie die notwendige Unterstützung und den Schutz erhalten?

Der erste Mönch, der sich in Tibet selbst verbrannte, stammt wie ich aus Ngaba. Trotz seiner Freilassung wird er ständig überwacht, rund um sein Zuhause sind Überwachungskameras installiert, um ihn im Blick zu behalten. Ich fordere die Vereinten Nationen und demokratische Regierungen dringend auf, einen Weg zu finden, diese Überlebenden zu retten und in freie Länder zu bringen, damit sie medizinisch behandelt werden und ein sicheres Leben führen können.

Quelle

Der Bericht wurde von der Redaktion „Tibet Initiative Deutschland 2025“ (Nicole König) verfasst – der Artikel darf nicht ohne Genehmigung (office@tibet-initiative.de) weiterverbreitet werden! Blue Tibet • Brennpunkt Tibet

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