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© S. Fischer Verlag

Wachstum bremsen oder untergehen

Wie wir mit „Degrowth“ die Welt retten können – Rezension von Udo E. Simonis

Ein Buch der Provokation aber auch der Zustimmung, ein Buch über neue Sichtweisen und aktive Herausforderungen an die Ökonomie.  Timothée Parrique, ein junger französischer Ökonom, schlägt ein revolutionäres Projekt der Gesellschaft vor: „Degrowth“ – eine stationäre Ökonomie, die im Einklang mit der Natur ist, in der wichtige Entscheidungen nicht von wenigen, sondern von vielen getroffen werden – und wo der Wohlstand gerecht geteilt wird, um auch ohne großes weiteres Wirtschaftswachstum prosperieren zu können.

© Manon Jalibert | S. Fischer

Der Autor begründet diese revolutionäre Position auf strikte Weise: „Jeder weiß doch, dass es ein Problem gibt, das in der Geschichte der Menschheit ohnegleichen ist: der „Umweltkollaps“, mit dem wir konfrontiert sind, fordert jeden Tag seinen Tribut an Katastrophen“ (S. 9). Mit dem Hinweis auf das „Zeitalter des Anthropozän“ dieses Problem beantworten zu wollen, hieße nichts anderes, als die Menschheit als Ganzes (anthropos) dafür schuldig zu nennen. Das aber sei falsches Denken: Die reichsten 10% der Haushalte der Welt besitzen etwa 80 % des Gesamtvermögens. Die Reichsten 1 % der Welt haben rund 38 % des gesamten seit 1995 erwirtschafteten Wohlstands vereinnahmt, während die ärmste Hälfte der Menschheit nur 2 % erhalten hat. Hinzu kommt noch, dass zwischen Reichtum und Schadstoffemissionen nahezu perfekte Symmetrie besteht.

Diese „globale Apartheid“ stelle eine doppelte Ungerechtigkeit dar, sagt der Autor: „Die Reichen verschmutzen die Umwelt, und die Armen leiden darunter… Die Hauptursache für die ökologische Entgleisung ist nicht die Menschheit, sondern die Vorherrschaft des Ökonomischen über alles Andere – und das hemmungslose Streben nach mehr Wachstum“ (S. 12). In der Ökonomie scheine mehr immer gleichbedeutend mit besser zu sein. Doch das ist ein fundamentaler Denkfehler!

Der Autor bringt seine Lösungsvorschläge noch in anderer Fassung auf den Punkt: „Die Herausforderung, die vor uns liegt, ist die des Weniger, des Leichteren, des Langsameren, des Kleineren. Es ist die Herausforderung der Genügsamkeit, der Mäßigung und der Suffizienz. Es geht dabei um eine Landung, nicht um einen Absturz – um eine Diät, nicht um eine Amputation,“ (S.16).                                  

Das Einleitungskapitel enthält eine Doppeldefinition, die den Leser/die Leserin durch das ganze Buch begleiten soll: „Degrowth“ als eine demokratisch geplante Reduzierung der Produktion und des Konsums zur Verringerung des ökologischen Fußabdrucks im Geiste sozialer Gerechtigkeit und in der Sorge um Wohlstand. Hin zum „Postwachstum“, einer statischen Wirtschaft im Einklang mit der Natur, in der Entscheidungen gemeinsam getroffen werden und der Wohlstand fair verteilt wird, um auch ohne Wachstum prosperieren zu können“ (S.17).

Zum Abschluss dieses Kapitels gibt der Autor noch eine einfache, aber fulminante Warnung: „Das Wirtschaftswachstum ist zu einem existenziellen Problem geworden. Unser Überleben hängt davon ab, ob wir in der Lage sind, das Wirtschaftsmodell zu ändern oder aber nicht“ (S. 17).

In anderen Teilen des Buches geht der Autor zunächst der Frage nach, wie Wirtschaftswachstum definiert wurde. Hierzu betrachtet er besonders die Geschichte des Konzepts des „Bruttoinlandsprodukts“ (BIP), die Bestandteile der erfassten und der nichterfassten Wirtschaftsaktivitäten, die Formen des technischen Fortschritts, die wichtigsten Wachstumsmotoren und schließlich auch, sehr ausführlich, die „Ideologie des Wachstums“.

Dass das BIP von Natur völlig abstrahiert, nennt der Autor die schädlichste Schwachstelle dieses Konzepts. Zur Unterstützung dieser Meinung zitiert er Eloi Laurent: „Das BIP ist einäugig, was das wirtschaftliche Wohl angeht, ist blind für das menschliche Wohl, taub für das menschliche Leid und stumm in Bezug auf den Planeten Erde“ (S. 36).

Diese Pointierung mag vielen Lesern attraktiv sein, versteckt aber die Versuche, die zur Verbesserung des volkswirtschaftlichen Rechensystems gemacht worden sind. Unter dem Projekttitel „GNP and beyond“ haben sehr wohl viele Ökonomen seit den 1970er Jahren Studien vorgelegt, die zumindest teilweise in die Systeme der „Weltbank2 und mehrerer nationaler Statistischer Ämter aufgenommen wurden. Das heißt: Methodisch gesehen ist das GNP von 2026 nicht mehr das von 1970.

Der Autor behandelt diese Studien aber nicht näher, widmet sich stattdessen dem Thema „Markt contra Gesellschaft“. Da sind zunächst die sozialen Grenzen des Wachstums. Die industrielle Produktion basiert nicht nur auf der Natur, sondern auch auf nurture, das heißtder Fähigkeit, für uns und für andere zu sorgen. Wie die Ökosysteme können auch die Soziosysteme nicht endlos wachsen; ein exponentieller Anstieg der Wirtschaft stößt also früher oder später auch auf die reproduktiven Fähigkeiten des Menschen, der Gesellschaft.

Die Moral von dieser Geschichte sieht der Autor so: Kein unendliches Wachstum in einer endlichen Welt; ab bestimmten Schwellenwerten geht die Geschwindigkeit der Einen auf Kosten der Verlangsamung für die Anderen. Dieser Gefährdung der sozialen Reproduktion widmet der Autor mehrere Passagen, die in seiner Sicht in einem „Traurigen Wachstum“ enden: Ein (großer) Wirtschaftsboom kann zu einer (großen) sozialen Rezession führen.

Zu diesem Dilemma zitiert er Ezra Mishan und dessen Studie „The Costs of Economic Growth“, Herman Daly mit seiner Metapher vom „Antiökonomischen Wachstum“ und Jan Drewnowski mit dem Bild einer „Wohlstandslinie“, die nicht überschritten werden dürfe. Für diese und weitere Autoren ist Wohlstand nicht eine Geschichte unendlichen Wachstums (der „Akkumulation“), sondern der optimalen Größe (der „Suffizienz“). Wenn Wohlstand eine Geschichte der Suffizienz ist, dann – so folgert der Autor – sei es höchste Zeit, sich die Frage nach der optimalen Größe einer Ökonomie zu stellen: „Wie viele Dinge produzieren und konsumieren wir heute, obwohl wir sie nicht wirklich brauchen“ (S. 128).

Dieses Kapitel endet mit einem Blick es Autors auf die „Ökonomisierung der Mentalitäten“. Die fortschreitende Kommerzialisierung habe nicht nur soziologische, sondern auch psychologische Auswirkungen. Je mehr Zeit wir damit verbringen, das „Spiel der Marktwirtschaft“ zu spielen, desto mehr werde die Mentalität der Geldgewinnmaximierung zum Gemeingut. Das könne aber nicht gut enden…. 

Die strategischen Konsequenzen seiner Problempräsentation behandelt Parrique in zwei Kapiteln. Das erste handelt von der „Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Naturbelastung“, das zweite von den „umstrittenen politischen Kontroversen“.

Kann man Ökonomie und Ökologie entkoppeln, die erste entwickeln, ohne die zweite zu zerstören? Der Autor hält die vorwiegende Reduzierung auf den Begriff „Grünes Wachstum“ als eine Mystifizierung. Ein wirklich grünes Wachstum wäre ein Produktionswachstum, das mit einer Senkung der gesamten Umweltbelastung einhergeht: „Es wäre also ein Wachstum, das auf einer vollständigen Entkopplung beruht, das absolut, von unten, global und dauerhaft wäre. Die Verringerung der Umweltbelastung müßte zudem so schnell erfolgen, dass die planetaren Grenzen nicht überschritten werden“ (S. 66). Parrique hat keine derartige Hoffnung: „Ein solches grünes Wachstum hat es bis heute nicht gegeben“ (ebenda).

Das andere Kapitel handelt von vermutlich heftigen „Kontroversen“ um das Thema „Degrowth“. Der Autor gesteht, dass es eine interessante Aufgabe war zu klären, was da zurzeit diskutiert wird. Doch alle 12 Kontroversen, die er betrachtet hat, versieht er selbst mit eindeutigen Fragezeichen: von Schreckgespenst, Schmerzhaft, Wirkungslos, Arm Machend, bis zu Widernatürlich, Inakzeptabel, Totalitär und anderen.

Spätestens jetzt gilt noch zu berichten, was sich hinter zwei weiteren Kapiteln des Buches verbirgt. Das eine Kapitel reicht von der „Vorgeschichte des Degrowth“, das andere von der „Geburt von Degrowth“ bis zum „Degrowth heute“.

Der Begriff „décroissance“ findet sich erstmals in einem Kommentar von Andre Gorz zu dem ersten Meadows-Bericht. Besonders bedeutsam bei der Promotion des Begriffs sieht der Autor des weiteren in Nicholas Georgescu-Roegen „The Energy Law and the Economic Process“,1971, Meadows et al. „The Limits to Growth“, 1972 und Bernhard Charbonneau „The System et le Chaos“, 1973.

Die Idee des Degrowth ist aber auch unter anderen Bezeichnungen fruchtbar geworden. Der Autor nennt hierzu E. F. Schumacher „Small is beautiful“, Fred Hirsch „Social Limits to Growth“, Mariling Waring „If Women Counted“ und besonders Herman Daly: „Steady-State Economics“, 1977. Während diese (und andere) Autoren primär über ökologische Grenzüberschreitungen besorgt waren, reichte es damit dreißig Jahre später nicht mehr, von „Grenzen des Wachstums“ zu reden, so der Autor: „Man mußte ein Schock-Konzept finden, um das allgemeine Bewußtsein zu wecken und zu stärken – und das hieß und heit „Degrowth“ bzw. „Postwachstum“.

Das erste Buch zu Degrowth in Frankreich erschien mit großem Erfolg im Jahr 2003: „Objectif décroissance. Vers une societe harmonieuse“, herausgegeben von Vincent Cheynet, Michel Bernard und Bruno Clementin. Mehr als nur eine ökologische Strategie wurde Degrowth hier zu einer sozialen Philosophie. Viele Konferenzen, wissenschaftliche Literatur, Alltagsbücher, Aktionsgruppen und politische Programme öffneten sie für breitere Kreise. Sie verbreitete sich auch in anderen Ländern, doch in Frankreich am stärksten.

Das Fazit des Autors: Nach zwei Jahrzehnten intellektueller Prügelei sei „Degrowth“ jetzt im Aufwind und halte in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens, der Künste und der Medien Einzug.  

Das Buch endet mit einem wuchtigen Schlusskapitel – der Autor wird noch einmal ganz ernst: „Wer im Fernsehen eine politische Debatte verfolgt, kann nur entsetzt sein über die Verehrung, die Politiker aller Couleur, Journalisten und Ökonomen dem BIP weiterhin entgegenbringen“ (S. 317). „Die meisten Ökonomen glauben felsenfest an eine künftige „Vergrünung des BIP“ (S. 318). „Die Wirtschaft wächst, aber die Armut bleibt bestehen. Die BIP-Punkte häufen sich an, doch die Kaufkraft der Mehrheit der Bevölkerung stagniert oder verschlechtert sich. Das Wachstum schafft viele Tätigkeiten, die kaum jemand braucht, und Arbeitsplätze, die kaum jemand haben will. Die Wirtschaft wächst, aber die Lebensqualität sinkt“ (S. 319).

Der Autor resümiert nach diesen Zitaten dann seine Arbeit noch einmal: „Wir müssen uns vom Wachstum verabschieden. Wir müssen uns ein Wirtschaftsleben jenseits eines blinden Produktivismus vorstellen“ (S. 320). Und dann rechnet er mit seiner eigenen Profession ab: „Wir brauchen keine gefügigen Ökonomen, die als brave Klempner des Kapitalismus agieren, sondern Architekten alternativer Ökonomien. Schluss mit den Reparaturen, vorwärts mit der Konzeption“! (S. 322).  

Noch ein kurzes Fazit des Rezensenten: Timothée Parrique ist ein talentierter Autor; sein historisches und aktuelles Wissen, sein Formulierungs- und Urteilsvermögen sind beeindruckend. Im französischen Sprachraum wurde das Thema décroissence seit Jahren intensiv diskutiert und wird weiter aktualisiert. Im deutschen Sprachraum wurden auch erste Schritte zum „Postwachstum“ getan, von Niko Paech, Irmi Seidl und Angelika Zahrnt. Mit Hilfe des vorliegenden, spannenden Buches kann der entsprechende gesellschaftliche Diskurs in Europa weiter befördert werden; es ist vollen Engagements für eine andere, bessere Welt. Deshalb mußte dies hier auch zu einer außergewöhnlich langen Rezension werden.

Quelle

Udo E. Simonis 2026 ist Professor Emeritus am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB)

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