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23.04.2020

Drittes Dürrejahr in Folge möglich

Erste Warnungen aus der Wissenschaft - Die Böden in Deutschland sind vor allem in der Tiefe extrem trocken. Dabei waren die Niederschläge in Europa 2019 eher durchschnittlich, allerdings war es das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen.

Besorgniserregendes Déjà-vu: Vor genau einem Jahr warnte der Deutsche Wetterdienst (DWD), dass ausbleibende Niederschläge einen Dürresommer wahrscheinlicher werden lassen.

Ernteeinbrüche und sterbende Bäume waren dann tatsächlich die Folge, sinkende Wasserstände in Flüssen legten die Binnenschifffahrt und fossile Kraftwerke lahm. Dabei waren die heißen und trockenen Sommermonate von 2018 noch keineswegs vergessen.

Und auch in diesem Frühjahr vermeldet nun die Wetterbehörde, dass in vielen Regionen Niederschläge ausbleiben. Weniger als zehn Liter pro Quadratmeter fielen in den vergangenen fünf Wochen, 50 Liter wären üblich gewesen.

Lediglich in einigen Regionen Baden-Württembergs, in Teilen Bayerns und in Holstein gab es mehr Regen. Zudem entzogen starke Winde den Böden die noch verbliebene Restfeuchte.

Für die austreibende Vegetation reichte das vielerorts nicht. "Die Folgen konnten viele von uns bei Spaziergängen in der Natur oder im eigenen Garten beobachten: Die oberen Bodenschichten sind ausgetrocknet", sagt Tobias Fuchs, beim DWD zuständig für Klima und Umwelt. In einigen Gebieten Deutschlands sei die Bodenfeuchte jetzt schon auffällig niedrig.

Ein Blick auf den Dürremonitor des Leipziger Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ). Die Deutschland-Karte färbt sich nur in wenigen Regionen – vor allem in Teilen Mitteldeutschlands sowie im Süden von Baden-Württemberg und Bayern – bedrohlich rot. Gelb und Orange dominieren die Karte. Hier ist es trocken, aber noch nicht extrem.

"Der Oberboden ist verglichen mit den Jahren 1951 bis 2015 relativ trocken, trotzdem ist in weiten Teilen Deutschlands die Pflanzenwasserverfügbarkeit momentan noch relativ gut", sagt der Klimawissenschaftler Andreas Marx vom UFZ.

Der Oberboden sei ein guter Indikator für das, was in der Landwirtschaft passiere. "Bisher ist die Situation in der Landwirtschaft noch nicht bedenklich und hängt stark davon ab, wie sich die Trockenheit in den nächsten Wochen entwickelt", sagt Marx.

"Bäume bleiben im Trockenstress"

Das Bundeslandwirtschaftsministerium ist dennoch alarmiert. "Wir sehen derzeit, dass es in vielen Regionen des Landes seit Wochen nicht mehr geregnet hat", sagt Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU). Man beobachte die derzeitige Situation auf den Feldern sehr intensiv, denn ein weiteres Dürrejahr würde viele Betriebe hart treffen.

Klimaforscher Marx beunruhigt dagegen die starke Trockenheit der Gesamtböden bis in 1,80 Meter Tiefe. Der Gesamtboden ist vor allem für das verantwortlich, was im Grundwasser und im Wald passiert. "Große Teile Deutschlands sind mit wenigen Unterbrechungen seit Mitte 2018 unter Dürre", sagt Marx. Im Sommer sei das Wasserdefizit schlechter auszugleichen, weil Verdunstung und Niederschlagsintensität dann höher seien als im Winter.

"2020 wird wahrscheinlich die dritte Vegetationsperiode in Folge sein, in der Bäume als große Wasserverbraucher im Trockenstress bleiben", warnt der UFZ-Forscher. Bei Wassermangel können sich Bäume weniger gegen Schädlinge wehren. Sie können beispielsweise kein Harz bilden, das Tiere am Stamm kleben bleiben lässt.

Weil überdies der vergangene Winter besonders mild war, werden hohe Populationen bei Borkenkäfern erwartet. Wegen der anhaltenden Trockenheit ist die Waldbrandgefahr in einigen Regionen Brandenburgs oder Nordrhein-Westfalens schon jetzt hoch.

Mit Hilfsgeldern für die Bewältigung von Schäden und die Anpassung von Wäldern an den Klimawandel will das Bundeslandwirtschaftsministerium der Forstwirtschaft unter die Arme greifen.

Copernicus-Bericht: Europa fast zwei Grad wärmer

Auch in Polen ist seit Wochen kaum Regen gefallen, die Bodenfeuchte ist viel zu gering für die Landwirtschaft. Ähnlich wie Deutschland erlebte das Nachbarland schon im Vorjahr eine extreme Dürre. Drei längere Hitzewellen sorgten im Februar, Juni und Juli teilweise für neue Temperaturrekorde, zeigt der neue Klimabericht des EU-Satellitenprogramms Copernicus, der am heutigen Mittwoch veröffentlicht wurde.

Demnach war 2019 in Europa das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. Und der Bericht belegt für ganz Europa einen deutlichen Trend zu steigenden Temperaturen: Elf der zwölf wärmsten Jahre fielen in das 21. Jahrhundert.

Der Temperaturdurchschnitt der vergangenen fünf Jahre liegt in Europa bei fast zwei Grad über dem vorindustriellen Wert. Eigentlich hat sich die Weltgemeinschaft mit dem Pariser Klimaabkommen 2015 vorgenommen, die Erderwärmung auf allerhöchstens zwei Grad zu begrenzen. Allerdings bezieht sich das auf die weltweiten Durchschnittstemperaturen. Diese lagen in den vergangenen fünf Jahren bei 1,1 Grad über den vorindustriellen Wert.

Die warmen Bedingungen und Hitzewellen im Sommer führten zur Dürre in Zentraleuropa, die der Pflanzendecke in weiten Teilen des Kontinents schadete. Über das Jahr gesehen waren die Niederschlagsmengen allerdings eher durchschnittlich.

Klimaforscher:innen gehen davon aus, dass Dürren durch den Klimawandel häufiger eintreten und länger dauern werden. In Ländern wie Deutschland können die Auswirkungen von Dürren durch Anpassungsmaßnahmen – wie Bewässerung, den Anbau klimaresistenter Sorten oder den Umbau zu Mischwäldern – eingedämmt werden.

In armen Ländern droht sofort Hunger

In Entwicklungsländern ist das anders. "In den ärmeren Ländern, insbesondere in Subsahara-Afrika, sind Dürren immer noch sehr gefährlich für die Ernährungssicherheit", sagt der Dürreexperte Michael Brüntrup vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik.

In der Region seien alle vier größeren Hungerkatastrophen dieses Jahrtausends auf Dürren zurückzuführen. Neben Hunger sei auch längerfristige Armut die Folge.

Anders als in industrialisierten Ländern gehen die Folgen von Dürren in Entwicklungsländern viel schneller an die Substanz. "Die Leute ernähren sich schlechter, was besonders bei Kindern zu bleibenden Entwicklungsschäden führen kann", so der Experte.

"Sie verkaufen ihre Produktionsmittel – von Geräten über Vieh bis zu Saatgut –, sodass der Wiederaufbau schwierig oder unmöglich ist." Dabei würden die natürlichen Ressourcen zum Teil so stark in Anspruch genommen, dass sie sich nicht mehr erholen. Auch das habe ökologische und ökonomische Langzeitwirkungen.

Dennoch, so Brüntrup, ließen sich die Gefahren abmildern: durch eine "aktive Dürrepolitik" mit Überwachungs- und Frühwarnsystemen und durch das rechtzeitige Erkennen von gefährdeten Bevölkerungsgruppen und Regionen sowie Investitionen in risikomindernde Maßnahmen.

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Quelle   Der Bericht wurde von der Redaktion „klimareporter.de“ (Sandra Kirchner) 2020 verfasst - der Artikel darf nicht ohne Genehmigung (post@klimareporter.de) weiterverbreitet werden! 

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