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16.03.2020

Corona ist nur ein kleiner Blick in die Zukunft

Welche Folgen die „globale Erwärmung“, um mal einen verharmlosenden Begriff zu verwenden, auf unsere Gesundheit haben wird, hat Michael E. Mann in dem Buch „der Tollhauseffekt“ (im Original: The Madhouse Effect) eindrucksvoll beschrieben.

Milde Winter sind womöglich gar nicht so ungünstig, zumindest was die Ausbreitung von Grippeviren angeht. Zyniker könnten deshalb skandieren: Es ist doch gar nicht so schlimm, wenn wir momentan den wärmsten Winter seit über 100 Jahren erleben, damit sind wir als Gesellschaft viel gesünder! Das ist natürlich Quatsch, schließlich erleben wir mittlerweile zu allen Jahreszeiten einen Temperaturanstieg. Wenn es vielleicht irgendwann keine Schmuddel-Jahreszeit mehr geben sollte, ist das lediglich ein unbedeutender Aspekt. Und Achtung: Die Erhöhung der globale Mitteltemperatur entspricht bei weitem nicht der zu erwartenden Erhöhung der Temperatur an Land, da sich Ozeane weniger stark erhitzen.

Zurück zu den Grippeviren: Die mögen es kalt und trocken. So tritt die Influenza, auch "saisonale Grippe" genannt, auf der Nordhalbkugel meist zwischen November und März auf. Die Südhalbkugel hat sie von Mai bis September. Bei einer hohen Luftfeuchtigkeit von 80 Prozent und darüber wird das Virus gar nicht mehr übertragen. Auch ist die Ansteckungsrate bei Temperaturen um 5 Grad deutlich höher als bei 20 Grad. Bei Sommertemperaturen um 30 Grad gibt es eigentlich keine Ansteckungen mehr. Dagegen wird durch das Heizen und einer damit einhergehenden relativ trockenen Luft in Verbindung mit kühlen Wintertemperaturen die Ausbreitung des Virus begünstigt. Wenn die Influenza bei uns im Frühjahr ihre Dynamik verliert, sollten wir dennoch bedenken, dass uns Milliarden von Viren permanent umgeben, egal zu welcher Jahreszeit. Um es mal so zu sagen: Dem Virus ist die Jahreszeit egal. Das wiederum hat zur Folge, dass wir theoretisch auch im Sommer an der Influenza erkranken können, da diese vor allem bei geschwächten Immunsystemen leichteres Spiel hat. Bekanntlich ist das bei vielen von uns im Winter weniger gut, da wir uns in der Zeit schlechter ernähren, weniger raus gehen, weniger Sonne abbekommen und uns auch oft zu warm anziehen.

Ob sich nun die Influenza dank des Klimawandels abschwächen könnte, ist mehr als spekulativ und auch gar nicht das Thema der Zeit. Diese wird von Corona beherrscht, um genauer zu sein von Covid-19. Und Covid-19 ist keine Grippe, auch wenn die Symptome gar nicht so unähnlich sind. Deshalb ist es auch nicht sinnvoll die beiden Viren miteinander zu vergleichen. Denn auch wenn man so ziemlich alles mit allem vergleichen kann, auch Äpfel mit Birnen, wäre man bei dem Vergleich des Coronavirus mit der alljährlichen winterlichen Grippe wieder bei Äpfeln und Birnen angelangt.

Unabhängig davon, ob sich Covid-19 nun durch äußere Einflüsse wie Temperatur, UV oder Luftfeuchtigkeit beeinflussen lässt und der Klimawandel in dem Fall einen „positiven Effekt“ haben sollte, muss uns die aktuelle Situation vor Augen führen, auf welchem Grad wir in Sachen Klimakatastrophe wandern und welch verheerende Auswirkungen ein beschleunigter Klimawandel haben wird. Denn, das wird zwar in allen Szenarien beschrieben, von uns aber noch wenig umrissen: Höhere Temperaturen begünstigen die Ausbreitung von pathogenen Erregern nach Norden, das heißt in unsere „gemäßigten“ Klimazonen. Das hätte zur Folge, dass sogenannte „neglected tropical diseases“ dann auch bei uns auf der Tagesordnung stünden. Neben extremen Wetterbedingungen werden sich Infektionskrankheiten, die schon jetzt die zweithäufigste Todesursache weltweit darstellen, weiter ausbreiten. Insbesondere vektorübertragene Krankheiten, bei denen eine Übertragung vom Tier auf den Menschen und umgekehrt möglich ist, werden durch ein verändertes Klima extrem beeinflusst.

Ebenso ist unklar ob Infektionen, wie wir sie aus der Subsahara-Region kennen, auch in Europa zukünftig zunehmen werden. So mancher Experte erachtet das für eher unwahrscheinlich, da beispielsweise Malaria auch durch sozio-ökonomische Faktoren und nicht nur durch höhere Temperaturen begünstigt wird. Aber es gibt andere, neuere exotische Krankheiten die zu uns in Europa kommen könnten. Dazu könnten beispielsweise Zecken beitragen. Die Vermehrung der Überträger von Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) und der Lyme-Borreliose wird durch erhöhte Temperaturen begünstigt. Auch sorgen mildere Winter für ein besseres Nahrungsangebot und eine erhöhte Überlebensrate von Nagetieren, die als Wirtstiere der Zecken gelten. Dazu kommen noch Erreger von anderen Kontinenten, die bei uns heimisch werden. Mückenpopulationen stellen das größte Risiko in Bezug auf viele vektorübertragene Infektionskrankheiten dar. So beobachtet man seit Jahren die Ausbreitung der Tigermücke, die sowohl Dengue-, Chikungunya- als auch Gelbfieberviren übertragen kann.

Die allgemeine Veränderung der Lebensbedingungen hat womöglich auch zur Folge, dass uns vermehrt Tierseuchen heimsuchen. Nach Schweinepest und Vogelgrippe kam die Blauzungenkrankheit. Alle reisen im Schlepptau das Klimawandels, vermuten manche Forscher. Die Blauzungenkrankheit war ursprünglich als Erreger nur in wärmeren Gefilden heimisch, seit einigen Jahren taucht sie aber auch in Südeuropa auf. Noch ein weiterer Aspekt: Der Abbau der Ozonschicht führt zu einem Anstieg der Zahl der Hautkrebsfälle und zu einer Schwächung des Immunsystems.

Corona lässt es erahnen
Betrachtet man nun die aktuelle Situation, sollte uns diese sehr zu denken geben. Wenn schon ein einziger Virus sich derart schnell ausbreitet und solch enorme Auswirkungen hat, aber vermeintlich weniger mit Klimawandel als vielmehr mit der Globalisierung zusammenhängt, dann muss man sich fragen, was passiert, wenn in kürzeren Zeitabständen Epidemien, oder auch länderübergreifend Pandemien, anrollen werden. Fakt ist, dass in Folge der Klimakatastrophe Krankheiten häufiger über uns kommen werden und es kaum vorstellbar ist, welche Verwerfungen hier entstehen können. Da muss man die Frage, ob wir darauf vorbereitet sein werden, ehrlicherweise schon vorab eher mit Nein beantworten. Die weltweiten Kapazitäten im Gesundheitswesen sind ja jetzt schon überlastet. Was auch bedacht werden sollte ist, dass es zu einer unheilvollen Koalition von Klimawandel und Globalisierung kommen und diese zu einer Eskalation führen kann. Auch hier wird die Geschwindigkeit der Veränderungen noch zu großen Schwierigkeiten führen.

Konsequent inkonsequent
Wenn nun Angela Merkel in der Bundespressekonferenz zum Coronavirus sagt: „Die Maßstäbe unseres politischen Handelns ergeben sich aus dem, was uns Wissenschaftler und Experten sagen", dann macht das wütend. Denn wenn diese Maßgabe die Prämisse politischen Handelns wäre, warum können wir diese Empfehlungen bei einem Virus durchsetzen, sie aber gleichzeitig beim Klimawandel nahezu ignorieren. Wobei die Vermeidung der Klimakatastrophe noch wesentlich eminenter und vor allem die wissenschaftliche Evidenz deutlich größer ist. Beim Klimaschutz sind wir schon längst wieder in das Fahrwasser des business as usual abgedriftet und die marktkonforme Demokratie Merkelscher Prägung ist wieder das Maß aller Dinge. Zurück zu Covid-19: Hier ist man sich einig, dass es wichtig ist, die Ausbreitung zu verlangsamen. Man betont ausdrücklich, dass es nicht egal sei, was wir tun, schließlich ginge es um den Schutz von Familie und Gesellschaft. Dafür sei besonnenes und vernünftiges Verhalten notwendig. Es wird auch hervorgehoben, dass das Coronavirus 60 bis 70 Prozent der Menschen infizieren werde, so Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts. Es ginge darum, Zeit zu gewinnen, um Therapeutika oder Impfstoffe zu entwickeln.

Beim Klimaschutz ist es bekanntlich ähnlich: Auch hier geht es um den Zeitpunkt. Je später man mit der Reduktion der Treibhausgase beginnt, desto schneller muss diese erfolgen und umso umkehrbar sind die Auswirkungen. Hier ergäben sich die Maßstäbe des politischen Handelns noch viel mehr aus dem, was uns Wissenschaftler und Experten sagen. Wenn man bedenkt, dass der beschleunigte Klimawandel mittel bis längerfristig viel gefährlicher als Covid-19 ist, wird klar, dass bei der Wissenchaft mit zweierlei Maß gemessen wird.


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Der Tollhauseffekt

Welche Folgen die „globale Erwärmung“, um mal einen verharmlosenden Begriff zu verwenden, auf unsere Gesundheit haben wird, hat Michael E. Mann in dem Buch „der Tollhauseffekt“ (im Original: The Madhouse Effect) eindrucksvoll beschrieben. Aus aktuellem Anlass ein kleiner Auszug daraus:

„Warum sollten wir uns um all das kümmern? Genau genommen aus nahezu jedem nur erdenklichen Grund. Das verhängnisvollste an der gesellschaftlichen Debatte über den Klimawandel ist die Unbekümmertheit, sich ein erwärmtes Klima als ein im Wesentlichen wenig bedrohliches Ereignis, in Form eines Art Status quo, vorzustellen. „Globale Erwärmung“ klingt ja auch ganz angenehm. Wie ein Tag im Frühling. Vielleicht haben Sie jemanden als Antwort auf einen schönen Wintertag schon einmal sagen hören: „Wenn das die globale Erwärmung ist, dann habe ich da nichts dagegen.“ Eine sanfte, komfortable Anpassung an Lebensumstände, ähnlich dem Aufdrehen des Heizungsthermostats um ein oder zwei Grad. Also kein Grund zur Sorge!

Schätzungen zufolge wird der Klimawandel bis 2030 weltweit jährlich bis zu 700.000 Todesfälle verursachen. Zum Vergleich: Jedes Jahr sterben derzeit 443.000 Menschen vorzeitig an den Folgen des Rauchens und Passivrauchens. So gesehen könnte man durchaus argumentieren, dass die von der Industrie finanzierte Kampagne zur Leugnung der Auswirkungen des durch den Menschen verursachten Klimawandels mehr Menschenleben gekostet hat und noch mehr kosten wird und ein noch größeres Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellt als die Kampagnen der Tabakindustrie zur Leugnung der gesundheitlichen Auswirkungen des Rauchens. Unterernährung tötet jährlich mehr als sieben Millionen Menschen, darunter viele Kinder. Mehr als zwei Millionen Menschen sterben jährlich an Komplikationen wie Durchfall und durch Wasser übertragenen Krankheiten, die sich aus dem fehlenden Zugang zu sauberem Trinkwasser ergeben. Die überwiegende Mehrheit sind wiederum Kinder. Die negativen Auswirkungen des Klimawandels auf Nahrung und Wasser werden die Zahl der Todesopfer noch erhöhen. Die Entwicklungsländer – mit ihrer schwachen Infrastruktur im Gesundheitswesen – werden am wenigsten damit zurechtkommen.

Eine wärmere Erde bedeutet mehr extreme, gefährliche Hitze und mehr Todesfälle durch Hitzschlag und Erschöpfung. In den Vereinigten Staaten hat es in den vergangenen fünfzig Jahren eine Verdoppelung der täglichen Rekordtemperaturen gegeben und dieser Anstieg hat seinen Tribut gefordert. Bei der Hitzewelle von Chicago kamen 1988 etwa 1.000 Menschen ums Leben. Davon kam ein sehr großer Teil aus den am stärksten gefährdeten Personenkreisen: ältere Menschen und Säuglinge. Angesichts der zunehmenden Verbreitung von Klimaanlagen in Häusern, Gebäuden und Fahrzeugen ist man in den Vereinigten Staaten gut vor den Auswirkungen extremer Hitzeeinwirkungen geschützt und es kommt im Zusammenhang mit starker Hitze zu weniger als 1.000 Todesfällen pro Jahr. Aber die Kehrseite der Klimatisierung ist natürlich, dass die Kühlsysteme große Mengen an Elektrizität benötigen, was wiederum die Verbrennung von zusätzlichen fossilen Brennstoffen erfordert.

Andere Länder, die weniger von dieser Infrastruktur besitzen, haben es nicht so gut. So forderte die Rekordhitzewelle in Europa im Jahr 2003 70.000 Tote, die Rekordhitze in Russland im Jahr 2010 kostete weitere 56.000 Menschenleben. Die Hitzewelle in Indien und Pakistan im Jahr 2015 forderte ebenfalls mehrere Tausend Opfer. Am verwundbarsten sind ältere Menschen, Kleinkinder, Arbeiter im Freien und diejenigen, die keinen Zugang zu Unterkünften haben.

Der Klimawandel bringt nicht nur den Tod, sondern auch Seuchen. Es ist zu erwarten, dass sich Infektionskrankheiten wie Dengue-Fieber und Malaria auch in die außertropischen Regionen ausbreiten, sollte sich der Globus weiter erwärmen. Das sogenannte West-Nil-Fieber wurde in New York City zum ersten Mal im Anschluss an das Rekordjahr 1998 diagnostiziert. Ebenso scheint sich das gefährliche Hantavirus vom Westen der USA nach Norden auszubreiten.

Dann gibt es da noch den Problemkreis Luftqualität, Allergien und Asthma. Das liegt daran, dass mehr atmosphärisches CO2 Unkräuter wie Ambrosia begünstigt, deren Pollen Allergien auslösen und Asthma verstärken. Steigende Temperaturen erhöhen auch den bodennahen Ozonsmog, was ebenso Asthma begünstigt. Die Zahl der Pollenallergiker und Asthmatiker scheint in den letzten Jahrzehnten nicht zuletzt auch deshalb zu steigen, weil sich der Globus weiter erwärmt.“

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Quelle   Der Bericht wurde von der Deutsche Gesellschaft für Sonnenenergie e.V. (Mattias Hüttmann) 2020 verfasst – der Artikel darf nicht ohne Genehmigung von Matthias Hüttmann weiterverbreitet werden! | SONNENENERGIE 01/2020 | Das Inhaltsverzeichnis zum Download!

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