„Die KI, die dem Klima hilft, unterscheidet sich stark von der KI, die viel Energie verbraucht“
74 Prozent der Behauptungen über die Klimavorteile von KI seien unbewiesen, stellt der Report „The AI climate hoax“ fest. Ein Bericht in RESET 2026 | Autorin Sarah-Indra Jungblut
Besonders problematisch: Kleine Anwendungen mit tatsächlichem Klimanutzen dienten dazu, große umweltschädliche Anwendungen zu rechtfertigen. Die Verfasser:innen fordern daher eine differenzierte Betrachtung. Es wird viel von den Potenzialen von KI für den Klimaschutz gesprochen, sei es in Berichten von Unternehmen und Think Tanks oder Reports verschiedener Organisationen.
Und einige bekannte Big-Tech-Vertreter:innen sehen den Klimawandel damit quasi schon gestoppt, also zumindest in unmittelbarer Zukunft. Die Sache hat nur einen Haken: Wirkliche Beweise für das enorme Potenzial der Technologie gibt es derzeit nicht. Das ist das Ergebnis eines neuen Reports, der von einem Konsortium von Umweltorganisationen wie Beyond Fossil Fuels, Climate Action Against Disinformation (CAAD), Friends of the Earth U.S., Green Screen Coalition, Green Web Foundation und Stand.earth in Auftrag gegeben wurde und den Ketan Joshi, unabhängiger Klima- und Energieanalyst, verfasst hat.
Die Aussage könnte nicht klarer sein: 74 Prozent der Behauptungen über die Klimavorteile von KI seien unbewiesen und dienten vor allem den Profiten der Tech- und fossilen Brennstoffindustrie. Gleichzeitig würden durch die Vermischung von traditioneller KI und generative KI (GenAI) die erheblichen Klimaschäden der großen Sprachmodelle heruntergespielt. Der Report „The AI Climate Hoax“ nennt dies eine neue Form des Greenwashings. Allerhöchste Zeit also für eine differenzierte Betrachtung der Potenziale von KI.
Kaum zuverlässige Belege für Klimavorteile von KI
„Grundsätzlich haben wir herausgefunden, dass die Belege für die behaupteten Klimavorteile von KI aus unzuverlässigen Quellen stammen – wie zum Beispiel Unternehmenswebsites – oder gar nicht vorhanden sind“, berichtet Ketan Joshi im Interview mit RESET.
Die Studie hat 154 Aussagen von Unternehmen wie Google und Microsoft sowie von Institutionen wie der Internationalen Energieagentur (IEA) untersucht, in denen behauptet wird, dass KI unterm Strich einen Klimanutzen hat. Die Grundannahme wiederholt sich hier: In den Studien wird davon ausgegangen, dass der positive Beitrag von KI den erhöhten Bedarf an fossilen Brennstoffen für Rechenzentren ausgleicht. Den Ergebnissen von Joshi zufolge stützten sich jedoch nur 26 Prozent der Behauptungen auf wissenschaftliche Arbeiten und 36 Prozent gaben überhaupt keine Belege an. „Die Modelle, die zeigen, dass die globalen Emissionen dank des Einsatzes von KI um Gigatonnen sinken, sind unserer Meinung nach überbewertet“, so Joshi.
Fatale Vermischung von traditioneller KI und GenAI
Der Report deckt außerdem eine fatale Vermischung verschiedener Arten von KI auf. Denn die meisten tatsächlich erwiesenen „Vorteile” für das Klima hingen mit älteren, schlankeren Modellen des maschinellen Lernens zusammen – der Report nennt sie „traditionelle KI”. Der größte Schaden sei jedoch auf generative KI (GenAI) zurückzuführen.
Auch wir bei RESET betonen immer wieder diese wichtige Unterscheidung. Traditionelle KI umfasst kleine Modelle, die jeweils spezifische Aufgaben lösen. Ihr Training beruht zumeist auf überschaubaren Datensätzen, was den Energiebedarf niedrig hält. Solche traditionellen KI-Anwendungen können beispielsweise dabei helfen, Waldbrände frühzeitig zu erkennen oder beim Wildtier-Monitoring unterstützen. Viele weitere KI-Anwendungen findest du hier: Künstliche Intelligenz im Umwelt- und Klimaschutz
Zu GenAI dagegen gehören die großen Sprachmodelle wie ChatGPT, Gemini oder Copilot. Sie sollen für alle nur denkbaren Aufgaben eingesetzt werden können, daher fließen in ihr Training so viele Daten wie möglich. Damit hat die Technologie einen enormen Energiebedarf, der sich im irrwitzigen Boom von Rechenzentren zeigt. Big-Tech-Unternehmen investieren Unsummen in neue Rechenzentren, die auch dann gebaut werden, wenn das lokale Netz keine Energie bereitstellt. Im Zweifelsfall werden eben Gasturbinen angeworfen – mit massiven Auswirkungen auf Anwohner:innen und das Klima.
Von der Vermischung der verschiedenen KI-Modelle profitieren vor allem jene, die die negativen Auswirkungen der neuen Modelle herunterspielen. „Die Arten von KI werden durcheinandergebracht, sodass die kleinen, potenziell guten Anwendungen dazu dienen, die großen, schlechten und schädlichen Anwendungen zu rechtfertigen“, so Joshi.
Im Rahmen der Recherche konnte Ketan Joshi kein einziges Beispiel finden, bei dem generative KI zu tatsächlichen Emissionsreduktionen oder anderen Vorteilen für Klima und Umwelt geführt hat. Ähnlich ernüchternd fällt das Ergebnis des Reports aber auch für traditionelle KI aus. „Wir konnten keine verlässlichen Zahlen zum Energieverbrauch traditioneller KI finden. Aber wir gehen davon aus, dass er nicht massiv ist.“ Es gibt also traditionellen KI-Technologien mit einem positiven Umweltnutzen. Aber auch hier ist davon auszugehen, dass die tatsächlichen Emissionsreduktionen überbewertet sind.
Behauptungen über Klimavorteile verschleiern irreversible Schäden für Gemeinden und die Gesellschaft
Damit macht der Report klar: Die Beweise dafür, dass KI zu groß angelegten Klimavorteilen führen wird, sind schwach. Demgegenüber haben wir starke Beweise, dass GenAI für unmittelbare und erhebliche Klima- und Umweltschäden sorgt.
„Die Versprechen einer planetrettenden Technologie bleiben hohl, solange KI-Rechenzentren jeden Tag Kohle und Gas Leben einhauchen“, stellt Ketan Joshi fest. KI grundsätzlich als eine Technologie anzupreisen, die uns aus der Klimakrise führt, sei daher eine irreführende Lockvogel-Taktik, die die Autor:innen als eine neue Form des Greenwashing bezeichnen.
Wir sind weiterhin auf Schätzungen angewiesen
Möglich macht das unter anderem auch, dass wir nach wie vor wenig konkrete Daten zu den Ressourcenverbräuchen von Rechenzentren haben. Wir wissen, dass in vielen Hotspots keine Netzzugänge mehr zu haben sind. Auf Satelliten- und Wärmebildern sehen wir die Gasturbinen, aus denen sich mehr und mehr Rechenzentren speisen. Und es mehren sich Berichte von Anwohner:innen, dass sich das Mikroklima um Rechenzentren ändert und Wasserressourcen knapper werden. Dennoch gibt es keine objektiven und unabhängigen Messungen zum Wasser- und Energieverbrauch einzelner Rechenzentren. „Alle Daten müssen aus Unternehmensangaben oder in einigen Regionen aus der staatlichen Überwachung von Energie und Emissionen zusammengesetzt werden“, bestätigt Joshi.
Stichhaltige Beweise für starke Behauptungen fordern
Wir sollten das Klima aber nicht auf diese unbegründeten Behauptungen setzen, sagt Joshi. Zumal wir uns zusätzlich an einem kritischen Punkt befinden, „an dem über die Zukunft entschieden wird“, so Ketan. Daher sollten wir stichhaltige Beweise für starke Behauptungen fordern.
Mit dem neuen Report will das Konsortium vor allem der weiteren Ausbreitung fossiler Brennstoffe und Greenwashing-Narrativen entgegenwirken. Zentral dabei sei, dass Regierungen von der KI-Industrie grundlegende Transparenz verlangen. „Nur so können Gemeinden und Wissenschaftler wissen, wie viel Energie für diese Technologie verbraucht wird“, sagt Michael Khoo, Co-Vorsitzender für Politik bei Climate Action Against Disinformation und Programmdirektor bei Friends of the Earth U.S..
Zudem sollten die verschiedenen Arten von KI klar voneinander abgegrenzt werden, um ihre Klimaeffekte realistisch einordnen zu können. Das ist eine Aufgabe, die nicht nur Unternehmen, Organisationen und Regierungen angehen müssen, sondern auch wir als Journalist:innen ernst nehmen sollten.
Was aber bedeutet das für uns Endverbraucher:innen – sollten wir GenAI meiden? Die Antwort von Ketan Joshi fällt klar aus: „Ja, meide GenAI, wo immer du kannst. Das ist gut für dein Gehirn und für den Planeten. Natürlich wirst du sie nicht vollständig vermeiden können. Aber das Wichtigste ist: Unterstütze Künstler, Journalisten, Schriftsteller, Aktivisten und Kreative, die echte menschliche Arbeit leisten. Sie brauchen deine Unterstützung viel mehr, als wir jemanden brauchen, der Chatbots boykottiert.“
CO2-Sorgen bei GenAI? So nutzt du Sprachmodelle sparsamer
KI-Chatbots wie ChatGPT, Perplexity oder Gemini bereichern deinen Alltag, aber du machst dir Sorgen um die Nachhaltigkeit? Es gibt durchaus Möglichkeiten, den digitalen CO2-Fußabdruck bei der Nutzung von GenAI kleiner zu bekommen. Wir haben einige Regeln und Fragen für einen nachhaltigeren Umgang mit Sprachmodellen formuliert.
Quelle
Mit freundlicher Genehmigung von RESET 2026 | Autorin Sarah-Indra Jungblut, 09.03.26 | Grafiken © Ketan Joshi









