Ad

Anzeige

Zurück zur Übersicht

21.04.2020

"How to Win the New Climate War" - Wie man den neuen Klimakrieg gewinnt

Im „Skeptical Inquirer Magazine“ erschien vor kurzem ein Kommentar des renommierten Klimaforschers Michael E. Mann mit dem etwas martialischen Titel „How to Win the New Climate War“, Matthias Hüttmann von der "SONNENENERGIE" hat ihn frei für Sie übersetzt.

Der Professor für Atmosphärenwissenschaft und Direktor des Earth System Science Center an der Penn State Universität, ist Autor zahlreicher Bücher, u.a. auch dem aktuellen Bestseller „The Madhouse Effect“ (auf Deutsch hier bei der DGS erschienen). Michael Mann plant im Übrigen unter dem gleichen Titel (Untertitel: The Plan to Take Back Our Planet from the Polluters) die Veröffentlichung eines neuen Buches. Sobald hierzu genaueres feststeht, das Erscheinen ist für nächstes Jahr angedacht, werden Sie es hier als erstes erfahren.

Wie man den neuen Klimakrieg gewinnt

"Es besteht eine allgemeine wissenschaftliche Übereinstimmung, dass ... die Menschheit das globale Klima ... durch die Freisetzung von Kohlenstoffdioxid durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe beeinflusst. ... Es gibt einige potenziell katastrophale Ereignisse, die in Betracht gezogen werden müssen. ... Der Mensch hat ein Zeitfenster von fünf bis zehn Jahren, bevor ... harte Entscheidungen über ... Energiestrategien kritisch werden könnten. ... Sobald die Auswirkungen messbar sind, sind sie möglicherweise nicht mehr umkehrbar."

Sie könnten annehmen, dass diese prophetischen Worte einst von Al Gore gesprochen wurden. Damit wären Sie jedoch auf dem vollkommen falschen Dampfer, denn es sind vielmehr die Worte der Experten des fossilen Brennstoffgiganten ExxonMobil, die in kürzlich ausgegrabenen internen Dokumenten aus den 1970er Jahren zu Tage traten. Das Erschreckende: Anstatt die Warnungen der eigenen Wissenschaftler zu beherzigen, führten ExxonMobil und andere Interessenvertreter der fossilen Brennstoffe in den folgenden Jahrzehnten vielmehr PR-Kampagnen durch, in der sie die wissenschaftlichen Beweise in Frage stellten und eine Politik blockierten, die auf eine Reduzierung der die Erde erwärmenden Treibhausgase abzielte.

Infolgedessen hat sich unser Planet mittlerweile gefährlich erwärmt ohne dass notwendige Maßnahmen gegen die Krise  ergriffen wurden. Das bedeutet, dass wir uns in einem Konflikt befinden, den wir letztendlich nur gewinnen können, indem wir lernen, den Charakter des Gegners und dessen Taktiken zu verstehen.

Ein Blick zurück zeigt, dass das Drehbuch der Wissenschaftsleugnung bereits vor langem niedergeschrieben wurde. Damals versuchte die Tabakindustrie den Zusammenhang zwischen Zigaretten und Lungenkrebs in Misskredit zu bringen, obwohl ihre eigenen internen Forschungen aus den 1950er Jahren den tödlichen und suchtfördernden Charakter ihres Produkts belegten. Davon inspiriert und finanziert von milliardenschweren Plutokraten wie den Gebrüdern Koch, Robert Mercer, oder Richard Mellon Scaife, führt die fossile Brennstoffindustrie, unter anderem ExxonMobil, bereits seit Jahrzehnten eine finanziell äußerst aufwändige Kampagne der Wissenschaftsverweigerung durch, die der der Tabakindustrie sehr ähnlich ist. Dabei wurde massiv daran gearbeitet, die Wissenschaft zu diskeditieren, welche sich mit dem vom Menschen verursachten beschleunigten Klimawandel und dessen primärer Ursache, der Verbrennung fossiler Brennstoffe, beschäftigt.

Die Auswirkungen sind schon lange nicht mehr nur abstrakt. Vielmehr tauchen sie tagtäglich in den Nachrichten, auf den Fernsehbildschirmen, in den Schlagzeilen unserer Zeitungen und in unseren Sozialen Medien auf. Küstenüberflutungen, Hitzewellen mit einhergehenden Dürreperioden, verheerende Überschwemmungen und nie dagewesene Waldbrände: Das alles ist das Gesicht des gefährlichen Klimawandels. Es ist ein Gesicht, das auch in Amerika zunehmend erkannt wird.

Das hat auch dazu geführt, dass jene Kräfte der Leugnung und Verzögerung - die fossile Brennstoffindustrie, rechte Plutokraten, Schwarzgeldorganisationen und  fossile Petrostaaten – sich dem Klimaschutzt gegenüber scheinbar offener zeigen. Sie sind stattdessen zu einer weicheren Form der Verleugnung übergegangen und führen eine mehrgleisige Offensive auf der Grundlage von Ablenkung, Täuschung und Verzögerung durch - was ich den "Neuen Klimakrieg" nenne.

In dem Zuge wird eine schon als meisterhaft zu bezeichnende Ablenkungskampagne durchgeführt, die darauf abzielt, die Verantwortung von den Unternehmen auf den Einzelnen zu verlagern. Persönliche Handlungen, von der „Veganisierung“ bis hin zur Flugvermeidung, werden zunehmend als primäre Lösung für die Klimakrise angepriesen. Wenngleich diese Maßnahmen selbstverständlich lohnenswert sind, befreit eine alleinige Fixierung auf freiwillige Maßnahmen die Regierungen vom Druck, emissionsreiche Unternehmen zur Rechenschaft zu ziehen.

Eine solche Kampagne verlagert das Problem und bietet dem eigentlichen Verursacher die Gelegenheit, einen Keil in die Gesellschaft zu treiben. Dabei nutzt man geschickt die bereits bestehende Kluft innerhalb der Klimaschutzbewegung aus, indem man einen Widerspruch zwischen individuellem Handel und politischen Maßnahmen suggeriert. Auch werden andere, bereits bestehende Gräben bei Fragen der Gleichberechtigung, der ethnischen Herkunft und der sozialer Gerechtigkeit verwendet, um Gesellschaften zu spalten.

Durch den Einsatz sogenannter Online-Bots und Trollen sowie allgemein durch die Manipulation von sozialen Medien und Internet-Suchmaschinen, werden zudem Cyber-Waffen eingesetzt. Diese wurden im Zuge der US-Präsidentschaftswahlen 2016 perfektioniert. Hass, Eifersucht, Furcht, Wut und Bigotterie, alle diese niederträchtigen Impulse des Reptiliengehirns werden hier genutzt, um Zwietracht, Dissens und Spaltung innerhalb der Klimabewegung zu säen, während gleichzeitig Empörung von Seiten ihrer "Basis" - der unzufriedenen Rechten – hervorgerufen werden. In der Zwischenzeit werden politische Maßnahmen wirksam blockiert, die

  1. eine Regulierung oder Verteuerung von Treibhausgasemissionen betreffen
  2. tragfähige Alternativen wie Erneuerbare Energien angreifen und im Gegenzug
  3. Scheinlösungen fördern, wie etwa die Kohlenstoffabscheidung oder das unbewiesene und potenziell gefährliche Geoengineering. Diese hypothetischen zukünftigen "Innovationen", so das Argument, werden uns irgendwie retten, so dass keine Notwendigkeit für eine aktuelle politische Intervention bestehe.

Da die Fortschritte im Klimaschutz durch den Rückbau der ehemals klimafreundlichen Politik  der amerikanischen Umweltschutzbehörde EPA zunichte gemacht werden - genannt sei die Rücknahme von Vorschriften bezüglich Schadstoffen, die  Genehmigungen neuer Öl- und Gaspipelines, die direkte finanzielle Unterstützung einer in Schwierigkeiten befindlichen Kohleindustrie sowie billige Pachtverträge für Bohrungen auf öffentlichem Grund und Boden - , kann die fossile Brennstoffindustrie ihre umweltverschmutzende Unternehmungen wieder uneingeschränkt ausweiten.

Gleichzeitig werden Narrative gestärkt, welche die Auswirkungen des Klimawandels mild und harmlos erscheinen lassen und den Eindruck vermitteln, dass es ein leichtes sei, sich daran anzupassen. Das perfide Ziel besteht darin, das Bewusstsein um die Dringlichkeit zu untergraben und gleichzeitig den Klimawandel als natürlich und unvermeidbar hinzustellen, um jegliches Gespür des Handelns zu dämpfen. Letztere Bemühungen wurden von Einzelpersonen unterstützt und begünstigt, die angeblich Klima-Champions sind, die Katastrophe jedoch als unverrückbare Tatsache darstellen. Sie tun das, indem sie entweder den bereits angerichteten Schaden überbewerten, die Mobilisierung der zur Abwendung der Katastrophe notwendigen Maßnahmen ablehnen oder deren Konsequenzen derart dramatisieren (z.B. den Zusammenbruch der Marktwirtschaft an die Wand malen), dass jeglicher Klimaschutz praktisch zum Scheitern verurteilt ist.

Aber es ist nicht alles verloren, wenn wir lernen, die angewandten Taktiken – d.h. die Kräfte der Untätigkeit - zu erkennen und zu bekämpfen. Hier ist mein Vierpunktplan für die Offensive:

  1. Ignorieren Sie die Schwarzseher: Wir müssen die offenkundige Untergangsstimmung und Düsternis zurückweisen, auf die wir im heutigen Klimadiskurs zunehmend stoßen. In Wahrheit gibt es genügend Motivation zum Handeln. So dürfen wir uns auch nicht von falschen Prophezeiungen über den unvermeidlichen Untergang ablenken lassen. Wir müssen uns weiterhin darauf konzentrieren, nach vorn zu blicken und das Problem zu lösen.
  2. Ein Kind wird sie leiten: Die jüngste Generation kämpft mit Händen und Füßen um die Rettung ihres Planeten, in ihrer Botschaft steckt große moralische Autorität und Klarheit. Aber das Auge Saurons ist auf sie gerichtet. Der Chef der Organisation der erdölexportierenden Länder (OPEC) bezeichnete die jugendliche Klimabewegung als die "größte Bedrohung" für die fossile Brennstoffindustrie. Wir müssen ihnen den Rücken freihalten, wenn sie sich den Angriffen an der vordersten Linie des neuen „Klimakrieges“ aussetzen. Sie sind unsere Zukunft.
  3. Erziehen: Die meisten hartgesottenen Verweigerer des Klimawandels sind unbeweglich. Sie betrachten den Klimawandel durch das Prisma der rechten Ideologie und sind unempfindlich gegenüber Fakten. Verschwenden Sie nicht Ihre Zeit und Mühe damit, sie zu überzeugen. Im Gegensatz dazu gibt es viele ehrliche, jedoch bisweilen verwirrte Einzelpersonen, die im Spannungsfeld der Desinformationskampagne zum Klimawandel sich als Opfer fühlen. Wir müssen sie von den Mythen befreien, sie mit den Fakten vertraut machen und sie mit beständigen Informationen versorgen, auf die sie sich verlassen können.
  4. Systemischer Wandel: Bei der Desinformationsmaschinerie für fossile Brennstoffe geht es nicht um systemische  und mögliche Anreize. Stattdessen werden Einzelpunkte, wie das Auto, das man fährt, die Lebensmittel, die man isst, und der Lebensstil, den man führt, thematisiert und in den Vordergrund gestellt. Um dieses Klimaproblem zu lösen, braucht es jedoch einen massiven, systemischen Wandel, bei dem unsere Regierungen und Unternehmen die Verantwortung für die Lösung des Problems übernehmen. Wir benötigen eine Politik, die uns auf saubere Energie umstellt, und Politiker, die gemäß unseres Willens handeln, statt nach dem Gutdünken mächtiger Umweltverschmutzer. Wir müssen also Druck ausüben, indem wir die Macht unserer Stimme und unseres Stimmrechts nutzen.

Es ist leicht, sich von der Größe der vor uns liegenden Herausforderung überwältigen zu lassen. Veränderungen sind immer schwierig, und wir sind aufgefordert, eine Reise in eine ungewohnte Zukunft zu unternehmen. Es überrascht nicht, dass die Klimakrise und unsere Bemühungen, mit ihr umzugehen, von Angst und Besorgnis begleitet sind. Wir müssen jedoch verstehen, dass die Kräfte der Verleugnung und Verzögerung sich von unserer Angst und Furcht nähren und sie gegen uns einsetzen, letztlich mit dem Ziel unseren Widerstand zu brechen. Wir müssen also mutig sein und die Kraft finden, weiter zu kämpfen, indem wir diese Angst und Furcht in Motivation und Handeln umwandeln. Der Ernst der Lage ist einfach zu gewichtig.

Während wir weiter den Kosmos erforschen, haben wir immer noch keine Anzeichen von Leben anderswo in unserem Sonnensystem, unserer Galaxie oder sogar im gesamten Universum gefunden. Leben scheint in der Tat sehr selten zu sein. Komplexes Leben sogar noch seltener. Und was intelligentes Leben anbelangt ... mögen wir, zumindest im Großen und Ganzen, allein sein. Nur wir treiben an Bord dieses "Raumschiffs Erde", für das es keinen anderen Ort zum Anlegen und alternative Häfen gibt, an denen man sich mit Luft zum Atmen, Wasser zum Trinken und Essen zum Verzehr versorgen kann.

Wir haben einen goldenen Planeten mit genau der richtigen atmosphärischen Zusammensetzung, genau der richtigen Entfernung von seinem Stern, der Sonne, genau dem richtigen Temperaturbereich für Leben, mit Ozeanen aus flüssigem Wasser und sauerstoffreicher Luft. Jeder Mensch, den wir jemals kennenlernen werden, jedes Tier oder jede Pflanze, der wir jemals begegnen werden, ist darauf angewiesen, dass die Bedingungen genau so bleiben.

Diese Bedingungen weiterhin wissentlich zu verändern, nur damit einige wenige sehr große Unternehmen weiterhin Rekordgewinne erzielen können, ist ein Verbrechen gegen unseren Planeten und alles bekannte Leben. Wir können nicht passiv dabei zusehen, wie die Umweltzerstörer darauf hinarbeiten, dass diese Situation eintritt. Wir haben noch eine Chance, dafür zu sorgen, dass dies nicht unser Vermächtnis wird. 

..............................................................................................................

Literatur

Zurück zur Übersicht

Quelle   Michael E. Mann 2020 | Der Bericht wurde von der Deutsche Gesellschaft für Sonnenenergie e.V. (Mattias Hüttmann) 2020 übersetzt – der Artikel darf nicht ohne Genehmigung von Matthias Hüttmann weiterverbreitet werden! | SONNENENERGIE 01/2020 | Das Inhaltsverzeichnis zum Download!

Das könnte sie auch interessieren