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09.04.2020

Und nach der Corona-Krise? Was wird aus der Energiewende?

"Das Geld muss in die Zukunftstechnologien - Die Corona-Krise kostet Arbeitsplätze, die Rezession ist da, die Wirtschaft liegt am Boden. Konjunkturprogramme müssen den Klimaschutz berücksichtigen", sagt Claudia Kemfert. Interview mit Claudia KemfertErstveröffentlichung "chrismon" - 06.04.2020 von Nils Husmann 2020

chrismon: Denken Sie in der Corona-Krise manchmal: "Wenn wir das mit dem Klima und der Energiewende doch auch nur so entschlossen anpacken würden!"

Claudia Kemfert: Das ist nur bedingt vergleichbar, weil es in der Corona-Krise unmittelbar darum geht, Menschenleben zu retten. Aber es gibt auch Gemeinsamkeiten. Wir sehen derzeit im Zeitraffer, wie entschieden man einer Krise begegnen kann, wenn man die wissenschaftlichen Erkenntnisse ernst nimmt. Die Virologen und Epidemiologen sind sich einig, dass und wie gefährlich Covid-19 ist. Daran richtet die Politik ihre Maßnahmen aus. Und auch in der Klimaforschung besteht Konsens, dass wir dringend handeln müssen, weil die menschgemachte Erderwärmung gefährlich ist.

Was sind die anderen Gemeinsamkeiten?

Das Motto der Stunde: "Flatten the Curve", flacht die Kurve ab, bleibt zu Hause! Beim Klima ist es ähnlich: Wir müssen heute handeln, um die Katastrophe von morgen zu verhindern. Je stärker wir jetzt die Zahl der Infektionen senken, desto mehr Zeit gewinnen wir. Die Analogie dazu ist: Je stärker wir nun die Emissionen an Treibhausgasen senken, desto mehr gute Jahre werden wir und vor allem auch nachfolgende Generationen haben. Außerdem zeigt die Corona-Krise, wie wichtig eine starke Demokratie ist. Nichts ist jetzt so wichtig wie verantwortungsbewusste Solidarität.

Welche Solidarität meinen Sie?

In der Corona-Krise schließen wir derzeit einvernehmlich eine Art Generationenvertrag: Die Jungen schützen die Älteren, die besonders stark zu erkranken drohen. In der Klimakrise sind die Älteren aufgefordert, sich für die Jungen einzusetzen, denn die werden die Folgen der Erderwärmung massiv spüren, wenn wir nun nicht alle gegensteuern.

Armin Laschet sagte Mitte März in der Sendung "Anne Will", die Politik müsse das Primat der Wissenschaft anerkennen. Warum gelingt genau das der Klimaforschung nicht?

Das Corona-Virus ist unsichtbar, aber die Erkrankungen und Todesfälle zeigen die Bedrohung sehr drastisch. Der Klimawandel ist für viele noch zu abstrakt. Die Wissenschaft ist deswegen stärker gefordert, ihre Erkenntnisse verständlich und anschaulich zu machen. Auch für die Politikerinnen und Politiker. In der Wissenschaft ist es Konsens, dass wir derzeit vor tipping points stehen – Kipppunkten, die das Klima so verändern, dass es keinen Weg zurück mehr gibt. Wir haben nicht mehr viel Zeit! Das sagen über 26 000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unmissverständlich. Deswegen haben sie – im Gefolge von "Fridays for Future" – die "Scientists for Future" gegründet. Aber: Es gibt Menschen, die kein Interesse daran haben, dass die Erkenntnisse der Klimaforschung in die Politik einfließen. Die USA unter Trump zum Beispiel. Der Administration im Weißen Haus gehören Vertreter der fossilen Industrien an. Schon bald nach Amtsantritt hat Donald Trump den Klimaschutz zurückgedreht. Und auch in Deutschland standen Interessenvertreter unmittelbar im Kontakt mit der Kanzlerin, die beispielsweise strengere Klimarichtlinien für die deutschen Autohersteller in Brüssel und der EU verhindert hat.

Wie weit sind wir bei Klimaschutz und Energiewende?

Das ist wie der Anfang eines Marathons: Wir sind mit der Förderung der erneuerbaren Energien vor 20 Jahren zwar sehr gut gestartet und haben es auch geschafft, den Anteil der Atomenergie an der Stromerzeugung immer weiter zurückzufahren. Aber nun müssen wir dringend schrittweise aus der Kohleenergie aussteigen und gleichzeitig das Tempo, mit dem wir die erneuerbaren Energien ausbauen, erhöhen. Es müsste sich mindestens verdoppeln. Und die Energiewende gilt ja nicht nur für die Stromversorgung. Wir brauchen den Einsatz der Erneuerbaren auch im Wärmesektor. Ebenso im Verkehr, wo wir auf Elektromobilität setzen müssen. In beiden Sektoren muss aber auch viel mehr getan werden, um Energie einzusparen. Durch energetische Gebäudesanierung, durch Verkehrsvermeidung und den effizienten Einsatz von Treibstoffen. Da sind wir noch nicht mal losgelaufen. Doch in der Corona-Krise erleben alle, dass man nicht für jede Konferenz auf die Autobahn oder ins Flugzeug muss. Und in den Städten in aller Welt entdecken derzeit viele das Fahrrad für sich. Eine Verkehrswende kann also funktionieren.

Um die Wirtschaft nach der Krise anzukurbeln, wäre ein Konjunkturprogramm denkbar ...

... und es ist absolut angebracht, schon jetzt in der Krise mitzudenken, dass wir Maßnahmen in die Programme einbauen, damit wir für eine gerechtere Klimazukunft gewappnet sind. Sonst wiederholen wir nur die Fehler aus der Krise 2009.

Was war damals los?

Die Banken- und Finanzkrise hatte zu einem Wirtschaftseinbruch geführt. Die Politik reagierte richtigerweise, aber leider indem sie veraltete Technologien förderte. Denken Sie an die Abwrackprämie. Wer sein altes Auto durch einen neuen Wagen ersetzte, bekam einen Zuschuss – und es war egal, wie viel mehr Energie die neuen Autos verbrauchten. Auch deshalb verfehlen wir unsere verbindlichen Klimaziele und müssen bald horrende Strafgelder zahlen. Das staatliche Rettungsgeld muss diesmal in die Förderung zukunftsfähiger Technologien gehen, die auf erneuerbaren Energien basieren. Auch die Flugbranche könnte längst klimaschonende Treibstoffe nutzen und muss jetzt im Zuge der Rettungsmaßnahmen dazu verpflichtet werden. Die aktuelle Krise eröffnet viele Chancen. Der Wiederaufbau der Wirtschaft ist nur dann zukunftstauglich, wenn er klimagerecht ist.

"Wichtiger als Stromautobahnen ist eine dezentrale Energiewende"

Denkbar ist auch, dass die Politik sagt: Jetzt drücken wir Stromautobahnen durch, um Windenergie von Nord nach Süd zu leiten! Jetzt beschleunigen wir endlich die Genehmigungsverfahren und beschränken den Klageweg!

Viel wichtiger wäre es, die digitale Energiewende und Speichertechnologien zu fördern. Wir brauchen dezentrale Netze, keine Riesenmasten für Stromautobahnen. Und diese Netze können wir digital verknüpfen zu virtuellen Kraftwerken. Es ist technisch kein Problem, dass Häuser mehr Energie erzeugen, als sie selbst verbrauchen. Das sind Kleinkraftwerke, die wir zusammenschalten können.

Warum spricht kaum jemand noch von einer dezentralen Energiewende?

Es fehlen Vordenker wie Hermann Scheer. Er hat die Sache vom Ziel her gedacht. Heute dominiert wieder eine zentrale Sicht auf die Volkswirtschaft, so ein Blick von oben: Irgendwo steht ein Kraftwerk, das eine ganze Region versorgt, und das muss dann immer so bleiben. Auf dieses Denken sind viele Menschen geprägt, und dadurch haben wir Schwierigkeiten, uns eine Versorgung mit vielen kleinen Einheiten vorzustellen. Die bieten aber einen riesigen Vorteil: Die Bürger können an ihnen mitwirken, ihre eigene Energie herstellen und an den Erlösen beteiligt werden. Viele Studien zeigen, dass genau solche Beteiligungsmodelle die Akzeptanz der Energiewende erhöhen.

Sie haben 2017 ein Buch geschrieben, "Das fossile Imperium schlägt zurück". Wer soll das sein, das Imperium?

Das ist eine Metapher, um die weltweit gut vernetzte Gruppe derjenigen zu beschreiben, die mit den alten Techniken Geld verdienen. Zum Beispiel mit der Kohle. Sie legen der Energiewende viele Steine in den Weg und lobbyieren etwa für riesige Abstandsgebote von Windkrafträdern zu Häusern. Doch statt der alten Verhinderungskämpfe sollten wir uns auf eine konstruktive Zusammenarbeit konzentrieren. Mit meinem neuen Buch "Mondays for Future" gebe ich Anregungen, was wir tun können. Denn es gibt eine Mehrheit, die Klimaschutz fordert – und die Energiewende. Und die Corona-Krise lehrt, wie stark wir sind, wenn wir solidarisch zusammenhalten.

Einige Kritiker der Energiewenden unterstellen den Klimaschützern, eine Ökodiktatur zu errichten.

Der Begriff Ökodiktatur ist ein Widerspruch in sich. Öko und Diktatur passen nicht zusammen. Die Corona-Krise zeigt, dass Autokraten den gesellschaftlichen Herausforderungen nicht gewachsen sind. Weltweiter Klimaschutz braucht Bürgerbeteiligung und starke Demokratien. Je mehr Menschen mitmachen und einfach loslegen, desto schneller kommen wir ans Ziel.

Die Energiewende gefährdet auch einige Arbeitsplätze, etwa im Tagebau. Die Corona-Krise vernichtet jetzt auch Jobs. Ganz schön mutig von Ihnen, dass Sie sich in der Rezession Mehrheiten für den Klimaschutz erhoffen!

In der Corona-Krise lernen wir, dass andere Arbeiten systemrelevant sind, als viele bislang dachten. In der Branche der erneuerbaren Energien waren in Deutschland bereits 400 000 Jobs entstanden. Viele wurden wieder vernichtet, als die Energiewende zuletzt ausgebremst wurde – zum Beispiel die Windkraft, deren Ausbau fast zum Erliegen gekommen ist. Aber das Potenzial an zukunftssicheren, krisenfesten Jobs kann niemand leugnen. Eine kluge, dezentrale Energiewende und gut durchdachter Klimaschutz bieten der Wirtschaft enorme Chancen. Und in der Krise müssen wir sie endlich nutzen. Das Geld muss in die Zukunftstechnologien.

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  • Das neue Buch von Claudia Kemfert "Mondays for Future", erscheint am 21. April 2020. Es kann bereits vorbestellt werden. | Prof. Dr. Claudia Kemfert, "Mondays for Future. Freitag demonstrieren, am Wochenende diskutieren und ab Montag anpacken und umsetzen.", 1. Auflage, 200 Seiten, 18,00 €, Murmann-Verlag.


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Quelle   Erstveröffentlichung "chrismon" - 06.04.2020 von Nils Husmann 2020

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