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Die Diskrepanz zwischen dem KI-Anspruch der EU und ihrer Energieplanung

Europa will im globalen Wettlauf um künstliche Intelligenz mithalten, doch der steigende Strombedarf von Rechenzentren droht, die aktuellen Planungen für den Ausbau der Energieinfrastruktur zu übersteigen – mit Folgen für Klimaziele, Wirtschaftswachstum und Wettbewerbsfähigkeit.

Ohne eine bessere Abstimmung zwischen Energieversorgung und digitaler Infrastruktur könnte die EU in ein teures Trilemma geraten, das ihre strategischen Ambitionen untergräbt.

Ein neuer Kiel Policy Brief von Matilde Ciani, Forscherin in der Macrofinance-Forschungsgruppe am Kiel Institut, analysiert den EU-„AI Continent Action Plan“, der eine Verdopplung der Rechenzentrumskapazitäten bis 2030 vorsieht, sowie dessen Auswirkungen auf den Strombedarf. Auffällig ist dabei, dass Europa selbst bei vollständiger Umsetzung des Plans voraussichtlich weiter hinter seine wichtigsten Wettbewerber, die USA und China, zurückfallen wird.

Die Analyse zeigt, dass die geplanten Rechenzentren bis 2030 voraussichtlich zwischen 98,5 und 168 TWh Strom verbrauchen werden – etwa so viel wie der gesamte Strombedarf Polens im Jahr 2024 und bis zu 5 Prozent des gesamten EU-Verbrauchs. „KI-Politik darf nicht von Energiepolitik getrennt werden“, sagt Ciani. „Europa plant ehrgeizige digitale Infrastruktur, ohne sicherzustellen, dass das Stromsystem dies auch tragen kann.“

Im Kiel Policy Brief wird davor gewarnt, dass die zusätzliche Stromnachfrage durch die geplanten Rechenzentren nur gedeckt werden kann, wenn die Nachfrage aller anderen Sektoren weitgehend unverändert bleibt – was angesichts der zunehmenden Elektrifizierung von Wohnen und Verkehr unrealistisch ist. Ohne Gegenmaßnahmen droht der EU ein Trilemma: Abhängigkeit von fossiler Energie, Einschränkungen beim Wirtschaftswachstum oder ein weiteres Zurückfallen im internationalen KI-Wettlauf.

Ciani empfiehlt, den Ausbau von Rechenzentren systematisch mit zusätzlicher CO₂-armer Stromversorgung zu koppeln, die Planung von Energie und digitaler Infrastruktur stärker zu verzahnen und öffentliche-private Partnerschaften zu nutzen, um den Ausbau erneuerbarer Energien parallel zur neuen KI-Infrastruktur zu sichern.

„Die Ambitionen Europas müssen mit realistischer Planung einhergehen“, so Ciani abschließend. „Nur wenn KI-Entwicklung und Energieversorgung aufeinander abgestimmt werden, kann Europa wettbewerbsfähig bleiben und gleichzeitig seine Klimaziele erreichen.“

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• Das globale Rennen um die KI-Führerschaft hat begonnen, und Europa versucht, vorne mitzuspielen. Es besteht jedoch eine deutliche Diskrepanz zwischen der Planung von Rechenzentrumskapazitäten und der Stromversorgungsplanung in der EU.

• Trotz ambitionierter Pläne droht die EU im globalen KI-Rennen weiter zurückzufallen: China will seine Rechenzentrumskapazität bis 2030 verdreifachen, die Vereinigten Staaten sind dabei, sie zu verdoppeln, wodurch Europa mit deutlich geringeren Anteilen an der globalen Kapazität zurückbleibt.

• Der Strombedarf der EU-Rechenzentren wird sich in den nächsten fünf Jahren voraussichtlich verdoppeln, von etwa 80 auf 168 TWh. Die obere Grenze dieses Bereichs entspricht dem gesamten Elektrizitätsbedarf einer europäischen Industrienation, beispielsweise dem Bedarf von Polen im Jahr 2024. Der Anteil des gesamten EU-Strombedarfs, der auf Rechenzentren entfällt, wird daher rasch von rund 2% im Jahr 2023 auf rund 5% im Jahr 2030 ansteigen.

• Die Deckung des zusätzlichen Strombedarfs, der durch Rechenzentren entstehen wird, ist nur möglich, wenn der Verbrauch der übrigen Wirtschaftsbereiche weit gehend konstant bleibt. Dies ist jedoch unwahrscheinlich, da der Bedarf auch in anderen Sektoren steigen wird, insbesondere im Wohnungsmarkt (Wärmepumpen) und im Verkehrssektor (Elektrofahrzeuge).

• Bis 2030 entsteht dadurch eine erhebliche Lücke zwischen Strombedarf und verfügbarer Elektrizität, die dem Netto-Stromverbrauch von Ländern wie Belgien oder Finnland im Jahr 2024 entspricht. Ohne vorausschauende Planung droht der Europäischen Union ein gefährliches Trilemma: Sie müsste zwischen Wachstum, Klimaneutralität und einer führenden Rolle im KI-Rennen abwägen.

  • Auf dem Weg ins Debakel: Die Diskrepanz zwischen dem KI-Anspruch der EU und ihrer Energieplanung – Kiel Policy Brief, 208 Download
  • Europa muss bei Energie unabhängig werden | Expertinnen der Brookings Institution fordern massive Investitionen und geostrategisches Denken: „Die Kosten werden hoch sein – aber die Kosten der Untätigkeit werden noch höher sein.“
Quelle

KIEL Institut 2026 | Matilde Ciani – Kiel Institute Researcher

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