Klimakrise und Krieg – ein Teufelskreis?
Kriege dominieren die Schlagzeilen, die Klimakrise verschwindet aus dem Fokus. Dabei hängen beide eng zusammen: Neue Studien zeigen, wie steigende Temperaturen und Klimaschwankungen zu mehr Konflikten führen.
Seit ich 15 bin, bewegt mich die Klimakrise. Fridays-for-Future-Demos und später das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung waren lange Zeit meine privaten Leuchttürme. Klar irgendwie, schließlich ist die Klimakrise die größte und wichtigste Herausforderung unserer Zeit. Das hat Priorität. Dachte ich zumindest.
Doch spätestens seit der sogenannten Zeitenwende geraten die steigenden Temperaturen, scheiternden Weltklimakonferenzen und eskalierenden Extremwetterereignisse mehr und mehr in den Hintergrund. Stattdessen berichten Medien über andere, dringlicher wirkende Katastrophen: den Ukrainekrieg, das Ende der Auseinandersetzungen in Syrien und die unbeschreibliche Gewalt im Sudan-Konflikt.
Und während sich Klimaaktivist:innen und ‑journalist:innen darüber unterhalten, wie sie die Klimakrise wieder auf Bildschirme, auf Zeitungsseiten und in die Köpfe der Menschen bekommen, ist es doch eigentlich so: Klimakrise und Kriege sind untrennbar miteinander verwoben. Denn Kriege hinterlassen nicht nur verzweifelte und verletzte Menschen.
Sie blasen durch Aufrüstung und den damit einhergehenden Ressourcenverbrauch auch Millionen Tonnen an Treibhausgasen in die Atmosphäre. Und auch umgekehrt verstärken die durch den menschengemachten Klimawandel steigenden globalen Temperaturen bestehende Konflikte.
Klimaschwankungen erhöhen Konfliktrisiken
Genau diesen Zusammenhang unterstreicht nun eine neue Untersuchung der US-amerikanischen Rice-Universität. Die im Fachjournal PNAS veröffentlichte Studie zeigt, dass natürliche Klimaschwankungen wie El Niño das Risiko, dass innerhalb eines Jahres ein Konflikt ausbricht, um mehr als ein Drittel verstärken.
Denn während die geschätzte Wahrscheinlichkeit für einen neuen bewaffneten Konflikt in einem starken La‑Niña-Jahr bei weltweit 3,6 Prozent lag, stieg sie in einem starken El‑Niño-Jahr auf 4,9 Prozent.
El Niño ist ein Wetterphänomen, bei dem sich die üblichen Wind-, Regen- und Niederschlagsmuster im tropischen Pazifik umkehren. Dabei steigen die globalen Temperaturen, es herrschen starke Regenfälle über südamerikanischen Ländern wie Peru und Dürren in Australien, Südostasien und im südlichen Afrika. Bei der entgegengesetzten Entwicklung – La Niña – sinken die Temperaturen im Schnitt.
Dabei ist wichtig zu erwähnen: El Niño ist ein natürliches Wetterphänomen, es existiert auch ohne Klimawandel. Entsprechend beschreibt die Studie keinen direkten Zusammenhang zwischen Klimawandel und bewaffneten Konflikten. Sie zeigt aber, was bei steigenden globalen Temperaturen und veränderten Niederschlagsmustern geschieht, die den Klimawandel ähnlich wie El Niño kennzeichnen – wobei sich beide verstärken.
Die Konfliktrisiken erhöht El‑Niño vor allem durch abnehmende Niederschläge und daraus resultierende stärkere Trockenheit, wie die Untersuchung zeigt. „Anhaltende Trockenheit hat in der Regel stärkere Auswirkungen auf die Landwirtschaft und damit verbundene Konflikte als erhöhte Niederschläge“, erläutert Jürgen Scheffran vom Institut für Geographie der Universität Hamburg. Denn Dürre und Trockenheit führen zu Ernteausfällen, dadurch steigen Nahrungsmittelpreise, was Unzufriedenheit und Gewaltbereitschaft steigert. Auch Rivalitäten um Wasser werden geschürt.
Auf ähnliche Art entwickelte sich auch der aktuelle Konflikt im Sudan. Vor über 20 Jahren verschärfte eine Dürreperiode die bereits bestehenden politischen und sozialen Spannungen. Da sich die Sahara bereits über Jahre hinweg immer weiter in den fruchtbaren Süden des Landes ausbreitete, wurden Wasserstellen zum Konfliktpunkt, an dem die Gewalt eskalierte. So brach der Vorläufer des heutigen Sudan-Konflikts aus: der Darfur-Konflikt, der auch als erster Klimakonflikt der Welt gilt.
„Dabei sind ärmere Länder, in denen gesellschaftliche Instabilität und Konflikte bestehen, besonders anfällig gegenüber Klimavariation und ‑wandel“, betont Klimaexperte Scheffran.
Genaue Mechanismen unklar
Mittlerweile beschreibt eine wachsende Zahl an Untersuchungen die Zusammenhänge von Klima und Konflikten. Eine „Nature“-Studie fasste im Jahr 2019 den Forschungsstand zusammen.
Es zeigte sich, dass Klimavariabilität oder Klimawandel im Verlauf des vergangenen Jahrhunderts um drei bis 20 Prozent häufigere, längere und intensivere Konflikte mit mehr Todesopfern und größerer Zerstörung hervorgerufen hatten. Bis heute erhöht der Klimawandel das Risiko aller Konflikte um rund fünf Prozent. Bei einer globalen Erwärmung um etwa zwei Grad, wie sie noch in diesem Jahrhundert erwartet wird, würde sich das Konfliktrisiko sogar um 13 Prozent steigern.
Gleichzeitig betonen Expert:innen, dass Konflikte und Kriege überwiegend durch andere Faktoren hervorgerufen werden. „In dieser wie in früheren Forschungen sind klimatische Variablen im Kontext vieler anderer – ökologischer, geografischer, sozialer, wirtschaftlicher, politischer – Konfliktfaktoren zu sehen, die meist wirksamer sind“, erklärt Scheffran.
So begünstigen vor allem Armut, Ungleichheit im Land sowie eine jüngere Geschichte gewaltsamer Konflikte auch zukünftige Konflikte. „Der Klimawandel kann diese Faktoren allerdings indirekt beeinflussen und in ihrer Konfliktwirkung verstärken“, so Scheffran.
Dann können steigende Temperaturen eine ohnehin schon fragile Situation zum Kippen bringen: etwa, wenn Folgen des Klimawandels zusammen mit anderen globalen und lokalen Problemen eine Gesellschaft überfordern, bis sie dem Druck nicht mehr standhalten kann.
Als Beispiel für diese Dynamik gilt der Bürgerkrieg in Syrien. Als wegen einer Dürre viele bäuerliche Familien in die Städte flohen, resultierte dies in urbaner Überbevölkerung. Soziale und politische Unzufriedenheit verstärkten sich, was 2011 – infolge der Repression des Assad-Regimes – in einen Aufstand umschlug, aus dem sich der Syrienkrieg entwickelte.
„Dabei muss berücksichtigt werden, dass Konflikte die Verwundbarkeit gegenüber dem Klimawandel erhöhen und Kriege Umweltzerstörung und Klimawandel verschärfen können – was zu einem Teufelskreis führt“, mahnt Scheffran.
Quelle
Der Bericht wurde von der Redaktion „klimareporter.de“ (Tine Heni) 2026 verfasst – der Artikel darf nicht ohne Genehmigung (post@klimareporter.de) weiterverbreitet werden!







