Mehr Wissen für alle über Niedrigwasser
Ein bundesweites wie öffentlich zugängliches Informationssystem für Niedrigwasser startete Umweltminister Schneider am Mittwoch. Die überfällige Maßnahme sorgt zumindest für mehr Transparenz angesichts wachsender Nutzungskonflikte ums Wasser.
Klimawandel und Wasser – ist das ein Problem in Deutschland? Im Frühjahr 2025 wiegelte die Wasserwirtschaft noch ab.
Zwar verschiebe sich mit fortschreitender Erwärmung das Klimasystem und der Mittelmeerraum werde deutlich trockener und Nordeuropa dagegen nasser – alle Klimaszenarien für 2050 oder 2100 zeigten aber, dass die in Deutschland insgesamt verfügbare Wassermenge ungefähr auf dem jetzigen Niveau bleiben werde, gab sich der Branchenverband DVGW gegenüber den Medien überzeugt.
Ganz anders bewertet das Umweltbundesamt (UBA) die Lage. Dieser Tage veröffentlichte die Behörde einen Forschungsbericht zur künftigen Entwicklung des Wasserbedarfs.
Das Verständnis über die Entwicklung der Wasserbedarfe sei in Deutschland bisher „sehr begrenzt“, wird in dem Bericht beklagt. So leiteten viele Konzepte den Bedarf fast ausschließlich aus der demografischen Entwicklung und der Pro-Kopf-Wassernutzung ab. Auch werde für den Wasserverbrauch in Landwirtschaft, Industrie und Gewerbe aufgrund hoher Unsicherheiten und fehlender belastbarer Annahmen häufig einfach der Status quo fortgeschrieben, stellt der UBA-Report fest.
Gerade die Landwirtschaft werde sich wachsenden Problemen gegenübersehen, heißt es weiter. Obwohl derzeit nur 3,3 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche in Deutschland bewässert werden, stieg nach den Angaben der Bewässerungsbedarf von 2009 bis 2022 um 47 Prozent.
Bei fortschreitendem Klimawandel prognostiziert der Bericht eine weitere Zunahme der Bewässerung. Dies könne regional zu Nutzungskonflikten und steigenden Druck auf lokale Wasserressourcen führen, gerade auch mit dem Blick auf wachsende wasserintensive Zweige wie Halbleiterherstellung, Kühlung von Rechenzentren oder Wasserstoffproduktion.
Minister: Klimawandel setzt Wasserressourcen unter Druck
Angesichts des Konfliktpotenzials konnte Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) am Mittwoch die gute Nachricht verkünden, dass Deutschland nunmehr einen zuverlässigen wie öffentlichen Einblick in die aktuelle Niedrigwassersituation im ganzen Land hat. Gestern startete nämlich nach zweijähriger Vorbereitungszeit das neue Niedrigwasserinformationssystem, kurz Niwis.
Niedrigwasserinformationssystem Niwis
Die Informationsplattform Niwis integriert erstmals bundesweit Wasserstände, Abflüsse, Grundwasserstände, Bodenfeuchte und Niederschläge. Grundlage sind derzeit 380 Messstellen für Oberflächengewässer, 230 für Grundwasser sowie weitere Daten der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV) und des Deutschen Wetterdienstes (DWD) ab 1991, die eine flächendeckende, vergleichbare Einordnung der aktuellen Lage ermöglichen. In den kommenden Jahren sollen weitere Messstationen eingebunden und zusätzliche Parameter – etwa ausgewählte Seen- und Speicherstände – integriert werden.
Zur Niedrigwasser-Klassifikation in vier Kategorien (kein Niedrigwasser, Niedrigwasser, sehr niedrig, extrem niedrig) werden die aktuellen Daten ins Verhältnis zum gleichen Jahreszeitraum einer Bezugsperiode – in der Regel 1991 bis 2020 – gesetzt. Diese Klassifikation trifft damit die Aussage, ob die gemessene Abflussmenge, der gemessene Wasser- oder Grundwasserstand oder die gemessene Quellschüttungsmenge für die Zeit des Jahres „niedrig“, „sehr niedrig“, „extrem niedrig“ oder „kein Niedrigwasser“ ist.
Zur Abgrenzung dienen folgende Kennwerte:
- Q75, Niedrigwasser: Wert, der von 75 Prozent der saisonalen Vergleichswerte im Bezugszeitraum überschritten wird
- Q95/Q90, sehr niedrig: Wert, der von 95 oder 90 Prozent der saisonalen Vergleichswerte im Bezugszeitraum überschritten wird
- Q99, extrem niedrig: Wert, der von 99 Prozent der saisonalen Vergleichswerte im Bezugszeitraum überschritten wird
Dazu wird nach den weiteren Angaben aus der Bundesanstalt für Gewässerkunde für jeden Kalendertag eines Jahres ein zeitliches Fenster betrachtet, das 31 Tage umfasst und über alle Jahre im Bezugszeitraum reicht. Zum Fenster gehören dabei die 15 Tage vor und 15 Tage nach dem jeweiligen Tag über alle Jahre im Bezugszeitraum. Für dieses Fenster werden dann die Quantile Q75, Q95/Q90 und Q99 berechnet.
Auch für den Umweltminister setzt der Klimawandel die Wasserressourcen immer stärker unter Druck, wie er beim Niwis-Start betonte. Niedrige Pegelstände in Flüssen und im Grundwasser sowie ausgetrocknete Böden seien längst keine Ausnahme mehr. Deshalb müsse Wasserknappheit früher erkannt und ihr besser vorgebeugt werden, so Schneider weiter.
Genau dafür biete Niwis eine bundesweite Informationsgrundlage und schließe eine Lücke. Auf die Daten könnten nicht nur Behörden zugreifen, sondern alle Interessierten, betonte der Minister.
Von der Möglichkeit, dass sich die Menschen nunmehr selbst informieren können, erhofft sich der Umweltminister, dass Entscheidungen der Kommunen zum Wasserverbrauch besser nachvollzogen werden. Aktuell sollen bereits um die 80 der 294 Landkreise Einschränkungen bei der Wassernutzung ausgesprochen haben.
Carsten Schneider wies in dem Zusammenhang auch auf die anhaltende „Austrocknung“ des Landes hin. In den letzten 20 Jahren seien Deutschland rund 60 Milliarden Kubikmeter Wasser verloren gegangen, zitierte der Umweltminister am Mittwoch aus einer im Januar veröffentlichten Analyse des Naturschutzbundes Nabu und der Beratungsgesellschaft BCG. Die verlorene Wassermenge kommt dabei der – inzwischen muss man sagen: normalen – Füllmenge des Bodensees nahe.
Als Ursachen für die „Austrocknung“ benennt die Nabu-BCG-Studie trockenere Sommer, weniger vorhersehbare Niederschlagsmuster, häufigere und verheerendere Dürren und Überschwemmungen, außerdem die Erschöpfung des Grundwassers, eine höhere Verdunstung aus Gewässern und Wäldern sowie die steigende landwirtschaftliche Nachfrage.
Der Bundesumweltminister plädierte beim Niwis-Start dafür, dem Wasser als wertvollste Ressource eine viel stärkere öffentliche Aufmerksamkeit zu widmen. Inzwischen sei der Klimawandel unmittelbar zu erleben: mit Hitze, Dürren, förmlich glühenden Städten, mit Waldbränden – aber auch mit Starkregen, der wegen der Trockenheit sofort in den Böden abfließt und nicht gespeichert wird, zählte der Minister die Folgen auf.
Bei der Wasserverfügbarkeit gehe es nicht nur um Lebensqualität, so Schneider, sondern auch um wirtschaftliche Standortfragen. So spiele bei der Ansiedlung von Tech-Unternehmen und Rechenzentren immer auch die Verfügbarkeit von Wasser eine Rolle, sagte der Minister.
Hat die Wasserwirtschaft die Klimaentwicklung unterschätzt?
Die neu gewonnene Wasser-Transparenz hob beim Niwis-Start auch Dirk Schwardmann hervor, Präsident der Bundesanstalt für Gewässerkunde. Besonders erfreut den Behördenchef, dass es gelang, die verschiedenen Systeme der Bundesländer zu vereinheitlichen.
Jeder könne jetzt online auf die Deutschlandkarte schauen und bis in seine Region hinein sehen, ob es tatsächlich Niedrigwasser gebe, sagte Schwardmann. Die Daten könnten dabei auch aus dem Niwis herausgezogen und für eigene Berechnungen genutzt werden.
Angesichts dessen, dass in Deutschland seit gut zwei Jahrzehnten über Klimaanpassung geredet wird, kommt der Start des Niwis allerdings reichlich spät. Schwardmann räumte auf Nachfrage auch ein, dass die Wasserwirtschaft die Probleme des Klimawandels unterschätzt habe.
Das könne man rückblickend so sagen – allerdings würde er daraus keinen Vorwurf formulieren wollen, betonte der Präsident der Bundesanstalt. Er glaube, so Schwardmann weiter, dass die dramatische Entwicklung der letzten Jahre – mehr Trockenheit, Beschleunigung des Wasserkreislaufs samt Verdunstung und regionalen Starkniederschlägen – so für niemand vorhersehbar gewesen sei. Insofern würde er auch niemandem in der Wasserwirtschaft ein Versagen vorwerfen.
Quelle
Der Bericht wurde von der Redaktion „klimareporter.de“ (Jörg Staude) 2026 verfasst – der Artikel darf nicht ohne Genehmigung (post@klimareporter.de) weiterverbreitet werden!







