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Depositphotos | margaryta

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Wir alle kommen aus der Landwirtschaft

Landwirtschaft ist die Grundlage jeder Zivilisation. Wir kommen (fast) alle aus der Landwirtschaft.

Vor 200 Jahren waren noch über 90 Prozent der Menschen Bauern. 1949 arbeitete noch ein Viertel der deutschen Bevölkerung in der Landwirtschaft. Heute sind es noch etwa ein Prozent. Seit 1950 ist die landwirtschaftliche Bruttowertschöpfung an der gesamten Wirtschaftsleitung hierzulande von elf auf ein Prozent gesunken. Die Industrie erwirtschaftet heute ein Viertel der gesamten Wirtschaftsleistung und mehr als zwei Drittel entfallen auf die Dienstleistungen (Süddeutsche Zeitung, 9. Januar 2024).

Immer mehr Menschen leben schon rein räumlich immer weiter von den Bauern entfernt. Das führt auch zu Spannungen zwischen der Stadt- und Landbevölkerung. So meinen manche Städter in diesen Wochen der Bauernproteste: „Brauchen wir überhaupt Bauern? – wir haben doch Aldi!“

Doch der Boden, von Bauern mühevoll bearbeitet, ist die Lebensgrundlage für Mensch, Tiere, Pflanzen und Bäumen – für alles Leben. Er bildet die Basis für unsere Lebensmittel, unsere Mittel zum Leben. Der Boden ist Lebensraum für unzählige Bodenbewohner, dient als Filter für Schadstoffe, dämpft die Erderwärmung, speichert Regenwasser und hilft so, Überschwemmungen vorzubeugen.

Die letzten Wochen haben gerade im überschwemmten  Deutschland gezeigt, was es bedeutet, wenn diese Bodenfunktionen nicht mehr zuverlässig funktionieren. Wir behandeln den Boden, die Felder und die Landwirtschaft oft als den „letzten Dreck“. Die Bodenökologie schlägt Alarm, weil die Böden meist mit zu vielen Herbiziden, Pestiziden und Fungiziden traktiert werden. Insekten und Vögel verschwinden, Moore und Felder vertrocknen, die Nitrat-Werte im Boden steigen, Millionen Tiere leiden unnötig, Bauernhöfe sterben. Das sind nur einige der tiefer liegenden Probleme der heutigen Landwirtschaft.

Zurecht werden die Bauern als Boden-Arbeiter für ihre Gemeinschaftarbeit mit Steuergeld unterstützt. Der Deutsche Bauernverband argumentiert: Die derzeitigen Bauern-Proteste richten sich nicht nur gegen die stufenweise Abschaffung der Dieselbeihilfe, sondern auch gegen den zu harten Wettbewerb mit Betrieben aus anderen EU-Staaten, steigende Energiekosten und zu hohe Pachtpreise.

Die aktuellen Proteste offenbaren nicht nur ein politisches, sondern auch ein gesellschaftliches Problem. Solange die meisten Verbraucherinnen und Verbraucher einkaufen nach dem Motto „Hauptsache billig“, haben die Erzeuger unserer Lebensmittel finanzielle Probleme und die Verbraucher gesundheitliche Probleme. Über 70 Milliarden Euro bezahlen die deutschen Steuerzahler jedes Jahr wegen ernährungsbedingter Krankheiten. Billiges Essen ist sehr teuer.

Wir essen zu fett, zu süß und zu viel. Außerdem landen durch zu wenig Achtsamkeit gegenüber unseren Lebensmitteln zu viele wertvolle Nahrungsmittel im Müll.

Wenn das Klima entlastet, das Tier-Wohl verbessert und unser Essen gesünder werden soll, dann muss sich die europäische Landwirtschaft grundlegend ändern. Dann müssen nicht nur Schmetterlinge und Bienen, sondern auch Landwirte besser geschützt werden.

Beinahe die Hälfte des gesamten EU-Haushalts sind Subventionen für die Bauern. Doch Europas Agrarmilliarden haben die Bauern-Misere bisher nicht abwenden können. Im Gegenteil: Sie haben sie noch befördert. Die Bauern ackern sich je länger desto mehr zu Tode. Das ist ein Weckruf an die Regierungen der Welt, die Landwirtschaft nachhaltiger und ökologischer zu gestalten.

Nur etwa zehn Prozent der deutschen Landwirte arbeiten bis heute ökologisch. Nur Öko-Landwirtschaft, sagt die Chefin des UN-Umweltprogramms (UNEP), Inger Andersen, könne die Landwirtschaft wieder zu einem Haupttreiber für das Wohlergehen der Menschheit machen, den Klimawandel stoppen helfen und den Naturverlust verringern.  Wenn alles so bleibt wie es heute ist, sind nicht nur die Bauern die Verlierer, sondern auch die Natur und die Gesellschaft.

Ein kleiner Lichtblick: Die Zahl der Betriebe mit ökologischer Tierhaltung steigt in Deutschland kontinuierlich. In den letzten zehn Jahren um 41 Prozent. 13.000 Betriebe halten ihr Rinder naturgerecht und 5.400 ihre Hühner. Auch die Zahl der ökologisch gehaltenen Schweine stieg um 36 Prozent. Aber der ökologisch gehaltene Schweinebestand liegt insgesamt noch immer unter einem Prozent.

Weniger Fleisch, weniger Klimaschäden, mehr Gesundheit, mehr Lebensfreude: Wir können lernen, im Tier ein Mitgeschöpf zu sehen. Diese Verantwortung beschert auch uns mehr Lebensfreude und Glücksgefühle. Die gesunde Ernährung der Zukunft ist: agrarökologisch, pflanzenbasiert und regional.

Franz Alt „Agrarwende jetzt: Gesunde Lebensmittel für alle“ (Goldmann 2004) | Kindle

Quelle

Franz Alt 2024

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