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© pixabay.com | Cornell Frühauf | Hat die ganze Kommune etwas von den Projekten oder nur die Grundstückseigentümer?

Ausbau der Erneuerbaren: Schwerer Start in die zweite Halbzeit

Für den Fortgang der Energiewende ist 2026 das entscheidende Jahr, verkünden Verbände, Politik und Experten besorgt bei jeder Gelegenheit. Tatsächlich steht allein schon die Stromwende vor einem schweren Start in ihre anstehende „zweite Halbzeit“.

Das Bild vom ganz großen Bahnhof blieb diesmal noch aus. Am Freitag um halb elf wollte Kerstin Andreae, Chefin des mächtigen Energie-Branchenverbandes BDEW, mit Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) vor die Medien treten.

Selbst langjährig in dem Bereich Tätige können sich nicht erinnern, dass die BDEW-Spitze sich jemals so plakativ mit dem Umweltministerium gezeigt hätte. Nur das Winterwetter hatte was dagegen. Der Flieger mit Andreae an Bord komme nicht mehr rechtzeitig aus dem Süden Deutschlands nach Berlin, wurde vor Beginn mitgeteilt.

Den BDEW durfte dann Tilman Schwencke, Leiter des Geschäftsbereichs Strategie und Politik, vertreten. Nach dem Medientermin wurden dann die Themen erneuerbare Energien, Stromwende und Netzausbau im Ministerium noch zwei Stunden lang mit Vorträgen und einer Podiumsdebatte diskutiert.

Letzte Woche konnte sich der Bundesumweltminister bei diversen Auftritten nicht so ganz entscheiden, ob der Anteil der Erneuerbaren an der Stromerzeugung nun bei mehr als 55 oder bei fast 60 Prozent liegt – klar ist aber: Allein schon bei der Stromwende zeichnet sich für die nunmehr anstehende „zweite Halbzeit“ (Schneider) ein schwerer Start ab. Die wichtigsten Erzeuger von Ökostrom stecken, bildlich gesprochen, in der Pausenkabine fest.

Wachsende Probleme bei Solar, Wind und Biomasse 

So weist die Solarbranche darauf hin, dass die private Nachfrage nach Solardächern 2025 im Vergleich zum Vorjahr um rund ein Viertel eingebrochen ist. Eine wahre Phalanx von Verbänden warnt vor weiteren Einschnitten bei der Photovoltaik-Förderung. Ohne einen attraktiven Förderrahmen drohe sich der Solarausbau im Heimsegment mindestens zu halbieren.

Bei der Windkraft an Land stehen derzeit zwar genehmigte Anlagen mit gut 20.000 Megawatt in den Büchern, und im Jahresverlauf könnten noch einmal so viel dazukommen. Doch 2026 werden über die Ausschreibungen der Bundesnetzagentur nur knapp 11.000 Megawatt einen Zuschlag bekommen, also dann auch wirklich gebaut werden.

Abgesehen davon, dass starke Konkurrenz in den Ausschreibungen die garantierte Einspeisevergütung drückt: Wer dieses Jahr mit seinem Windprojekt nicht mehr zum Zuge kommt, wird 2027 mit einem reformierten Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) zurechtkommen müssen.

Darin wird, so verlangt es die EU, dann eine Gewinnabschöpfung verankert sein. Die greift, wenn der Windstrom am Strommarkt höhere Erlöse erzielt als durch die EEG-Vergütung garantiert. Bisher dürfen die Betreiber den Gewinn behalten. Als bevorzugtes Mittel für die Gewinnabschöpfung gelten die sogenannten Contracts for Difference (CfD).

Die werden ab 2027 auch für neue Offshore-Anlagen gelten. Ohnehin steckt die Windkraft auf See in einer längeren Ausbaupause fest. Für zwei Ausschreibungen von Nordsee-Flächen gab es letztes Jahr keine Bewerber.

Diese Flächen müssten dieses Jahr neu ausgeschrieben werden. Das wird nun auf Beschluss des Bundeskabinetts auf 2027 verschoben – unter Beifall der Betroffenen. Ein „richtiges Signal“ sei das, lobt der Offshore-Windverband BWO.

Auch die Bioenergie steht vor einer ungewissen Zukunft. Ihre Entwicklung zu einem flexiblen Backup für die schwankende Einspeisung aus Sonne und Wind kommt nicht voran. So weisen Branchenexperten darauf hin, dass gerade in Zeiten negativer Strompreise wegen Solar-Überangebots weiter bis zu 3.000 Megawatt Biogas am Netz sind – und dieses zusätzlich belasten.

Umweltminister will vor allem bei EEG-Reform mitspielen

Inwieweit die drei Branchen auf die Hilfe des Umweltministers in der zweiten Halbzeit zählen können, wurde am Freitag nicht deutlich. Sein Haus wolle sich vor allem bei der EEG-Reform einbringen, betonte Schneider.

Wäre es nach ihm gegangen, hätte die geplante Gewinnabschöpfung per CfD schon früher eingeführt werden können. Man sei jetzt in einer Phase, wo die Erneuerbaren nicht mehr vor den großen Monopolisten geschützt werden müssten. Mit den, so der Minister wörtlich, „Übergewinnen“ der Anlagenbetreiber ließen sich die EEG-Kosten senken.

An der Einspeisevergütung für Erneuerbare als Mindestvergütung und „implizite Staatsgarantie“ will Schneider aber festhalten. Das EEG werde weniger ein Förder- und mehr ein Absicherungsinstrument sein, sagte er.

Wichtig bei der EEG-Reform ist dem Umweltminister auch die Akzeptanz der Bevölkerung für die Energiewende. Von vielen Landräten und Planungsgemeinschaften erhalte er die Rückmeldung, dass es nicht ganz einfach sei, die Ziele des Windenergieflächenbedarfsgesetzes zu erreichen. Die Frage sei, ob auch Gemeinden und Anwohner von der Windkraft profitierten oder nur Grundstückseigner und Anlagenbetreiber, schilderte Schneider das bekannte Problem.

Auch beim Netzausbau kam der Minister mit einer Idee für die „zweite Halbzeit“ um die Ecke, die der Solarbranche wenig gefallen wird. Weil der Ausbau der Stromnetze mit dem schnellen Zuwachs der Freiflächen-Photovoltaik nicht mithalten kann, sollten neue, direkt ins Netz einspeisende Anlagen vor allem in Regionen ohne Netzengpässe gebaut werden, schlug Schneider vor.

Im Hintergrund geistert dazu seit Monaten eine Gesetzesinitiative aus Mecklenburg-Vorpommern durch die Gremien, laut der Anlagen in Netzengpass-Regionen nur dann unverzüglich angeschlossen werden sollen, wenn sie für bis zu vier Jahre auf eine Entschädigung bei Abregelung verzichten. Das nennt sich Redispatch unter Vorbehalt.

Netzbranche und Erneuerbare kommen derzeit nicht zusammen 

Darauf wie auch auf Schneiders Idee gingen die Debatten am Freitag nicht genauer ein. BDEW-Vertreter Schwencke sprach nur mehrmals davon, dass die Netze optimiert werden müssten, wollte sich aber in Details nicht festlegen.

Die Präsidentin des Erneuerbaren-Verbandes BEE, Ursula Heinen-Esser, lehnte es am Freitag ihrerseits kategorisch ab, den Ausbau der Erneuerbaren am Netzausbau zu orientieren. Das wäre der Tod für den Erneuerbaren-Ausbau, warnte sie und forderte die Netzbetreiber auf, sich zu flexibilisieren und zu digitalisieren.

Wenig gefallen dürfte der Erneuerbaren-Branche auch, dass der Umweltminister die Gaskraftwerks-Pläne von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) ziemlich geräuschlos begleitet. Über fossiles Erdgas verlor Schneider beim BDEW-Termin kein Wort – anders als beim vorangegangenen Energie-Gipfel der Wirtschaftszeitung Handelsblatt.

Dass Reiche nun 10.000 Megawatt an Gaskraftwerken ausschreibt, sei „gemeinsam so verabredet“, hatte Schneider dort erklärt. Er sei immer der Auffassung gewesen, dass in Zeiten, wo die Grundlast nicht über Kohle und andere Möglichkeiten gesichert wird, für eine Übergangszeit dann Gaskraftwerke als Backup gebraucht werden, sagte Schneider bei seinem Auftritt.

Auch zum neuen Gebäudemodernisierungsgesetz gibt sich der Umweltminister bisher recht zurückhaltend. Schneider vermied es bei verschiedenen Gelegenheiten, sich ausdrücklich für die Regel auszusprechen, dass neue Heizungen auch künftig zu 65 Prozent mit erneuerbarer Energie zu betreiben sind.

Für den BDEW stellen die 65 Prozent dagegen die Messlatte dar. Wenn jemand eine andere Lösung habe, müsse sie das leisten, was ein 65-Prozent-Anteil leiste, betonte Verbandsstratege Tilman Schwencke am Freitag. Auch strebe der BDEW eine nachhaltige Einigung an, die über eine Legislatur hinausreiche.

Ob der Umweltminister das gut findet, darüber muss in der zweiten Halbzeit schon noch geredet werden.

Quelle

Der Bericht wurde von der Redaktion „klimareporter.de“ (Jörg Staude) 2026 verfasst – der Artikel darf nicht ohne Genehmigung (post@klimareporter.de) weiterverbreitet werden! 

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