COP31: Neue Kohleprojekte statt Klimaschutz -Gastgeber Türkei und Australien unter Druck
Drei neue Kohleprojekte für jedes gestoppte Vorhaben: Die aktuelle Global Coal Exit List von urgewald zeigt, dass die weltweite Kohleindustrie weiter expandiert.
Besonders widersprüchlich ist die Situation in den Gastgeberländern der kommenden Weltklimakonferenz: Während die Türkei Elektrifizierung als Schwerpunkt der COP31 präsentiert und auch erneuerbare Energien ausbaut, hält sie trotzdem noch an Kohlekraftwerken fest. Australien plant Dutzende neue Kohleminen und Erweiterungen.
Wenige Wochen vor Beginn der Weltklimakonferenz COP31 im türkischen Antalya zeichnet eine neue Analyse der Umwelt- und Menschenrechtsorganisation urgewald ein ernüchterndes Bild der globalen Kohleindustrie. Die am 20. Oktober veröffentlichte Global Coal Exit List 2026 (GCEL) zeigt, dass weltweit weiterhin zahlreiche neue Kohleprojekte geplant werden – trotz des raschen Ausbaus erneuerbarer Energien und der zunehmenden Klimarisiken.
Im Jahr 2025 wurden laut der Datenbank 76 geplante Kohleprojekte auf Eis gelegt oder gestrichen. Gleichzeitig kündigten Unternehmen weltweit 257 neue Projekte an. Insgesamt ist die Zahl der geplanten neuen Kohlebergbau-, Kraftwerks-, Chemie- und Infrastrukturprojekte damit auf 1.510 gestiegen.
„Auf jedes zurückgestellte kamen drei neue Kohleprojekte“, erklärt Pacôme David-Mauduit, Senior Researcher bei urgewald. Mehr als 40 Prozent der in der Datenbank erfassten Unternehmen entwickeln demnach derzeit neue Kraftwerkskohleprojekte.
Die GCEL gilt als eine der umfassendsten öffentlich zugänglichen Datenbanken zur Kraftwerkskohleindustrie. Sie erfasst mehr als 1.500 Mutterkonzerne und 1.150 Tochtergesellschaften. Weltweit nutzen bereits 717 Finanzinstitute die Datenbank, um ihre Finanzierungen des Kohlesektors zu überprüfen und gegebenenfalls einzuschränken.
Türkei: Elektrifizierung mit Kohle als Widerspruch
Besonders deutlich treten die Widersprüche in der Türkei zutage, die gemeinsam mit Australien die COP31 ausrichtet. Während die türkische Regierung die Elektrifizierung als einen Schwerpunkt ihrer Klimakonferenz-Agenda hervorhebt, bleibt Kohle ein zentraler Bestandteil der Stromversorgung.
Laut GCEL entfielen 2025 rund 34 Prozent der türkischen Stromerzeugung auf Kohle. Wind- und Solarenergie kamen zusammen auf 22 Prozent. Zudem unterstützt die Regierung die Kohleindustrie laut urgewald mit jährlichen Subventionen von umgerechnet mehr als 2,4 Milliarden Euro.
Ein Beispiel für den anhaltenden Expansionskurs ist das Kohlekraftwerk Afşin-Elbistan. Obwohl ein Gericht die Umweltverträglichkeitsprüfung für geplante neue Kraftwerksblöcke für ungültig erklärt hat, legte das zuständige Ministerium Berufung ein. Geleitet wird es von Murat Kurum, dem Präsidenten der COP31.
Auch an anderer Stelle droht ein Ausbau: Im Juni 2026 kündigte Cenal Elektrik, eine Tochtergesellschaft der Cengiz Holding, einen zusätzlichen Kraftwerksblock mit 1.050 Megawatt Leistung für das Kraftwerk Cenal in der Provinz Çanakkale an.
Die Folgen für Umwelt und Bevölkerung sind ein wesentlicher Streitpunkt. Süheyla Doğan von einer regionalen Vereinigung zum Schutz des Natur- und Kulturerbes kritisiert die Luftverschmutzung sowie Schäden an Küstengewässern und landwirtschaftlichen Flächen. Die Organisation will die Erweiterung verhindern.
Für urgewald-Geschäftsführerin Heffa Schücking passt die Förderung der Elektrifizierung nicht zum Festhalten an Kohle. Sie vergleicht den Versuch, eine saubere Energiezukunft auf einem schmutzigen Energieträger aufzubauen, mit dem Duschen in verschmutztem Wasser.
Hinzu kommt die Abhängigkeit von importierter Kohle. Ein großer Teil der in türkischen Kraftwerken verbrannten Kohle stammt aus Russland. Damit ist die Energiepolitik auch mit geopolitischen Risiken und den Einnahmen Russlands verbunden.
Australien plant 49 neue Kohleminen oder Erweiterungen
Auch der zweite COP31-Gastgeber steht wegen seiner Kohlepolitik in der Kritik. Australien ist der zweitgrößte Kohleexporteur der Welt. Laut GCEL plant das Land derzeit 49 neue Kohleminen oder Erweiterungen bestehender Anlagen. Zwanzig davon sollen vollständig neue Minen an Standorten ohne bisherige Kohleförderung sein.
Zu den bedeutenden Vorhaben zählt das Hunter Valley Operations Continuation Project im Bundesstaat New South Wales. Die dort geplante Erweiterung zweier Tagebauminen wurde am 30. September 2026 von der Landesregierung genehmigt. Die Betreiber Yancoal Australia und Glencore wollen den Betrieb bis 2045 verlängern und in diesem Zeitraum rund 429 Millionen Tonnen Kohle fördern.
Die endgültige Entscheidung liegt allerdings bei der australischen Bundesregierung. Sie muss klären, ob die ursprünglich vorgesehenen Stilllegungstermine 2026 und 2030 gelten oder der Kohleabbau über Jahrzehnte fortgesetzt werden darf.
Gleichzeitig gibt es rechtliche Grenzen für neue Projekte. Am 7. Oktober 2026 erklärte Australiens Oberster Gerichtshof die Genehmigung zur Verlängerung der Mount-Pleasant-Mine für ungültig, weil die Behörden die sogenannten Scope-3-Emissionen nicht berücksichtigt hatten. Dabei handelt es sich um Emissionen, die entstehen, wenn die geförderte Kohle später verbrannt wird – auch im Ausland.
Das Urteil könnte für künftige Genehmigungsverfahren bedeutsam sein: Die Klimafolgen der Kohleverbrennung dürfen bei der Prüfung von Minenerweiterungen nicht einfach ausgeblendet werden.
Australien hat auf der vergangenen Weltklimakonferenz in Brasilien zwar die Belém-Erklärung unterstützt, die einen schrittweisen Ausstieg aus fossilen Energieträgern befürwortet. Ein konkretes Datum für den Kohleausstieg hat das Land bislang jedoch nicht festgelegt.
Weltweit 740 Gigawatt neue Kohlekraftwerksleistung geplant
Die Expansion beschränkt sich nicht auf die beiden Gastgeberländer. Die GCEL 2026 identifiziert 335 Unternehmen, die neue Kohlekraftwerke entwickeln. Zusammen planen sie 606 Projekte mit einer zusätzlichen Leistung von mehr als 740 Gigawatt – das entspricht laut urgewald etwa dem Vierfachen der installierten Kohlekraftwerksleistung der USA.
Besonders stark ist die Expansion in China und Indien. Chinesische Unternehmen verantworten rund 70 Prozent der weltweit geplanten neuen Kohlekraftwerksleistung, indische Unternehmen weitere 18 Prozent.
Auch der Kohlebergbau soll weiter wachsen. 357 Unternehmen planen in 39 Ländern neue Kraftwerkskohleminen oder Erweiterungen bestehender Förderstätten. Die erfassten Bergbauprojekte könnten zusammen eine zusätzliche Förderkapazität von mindestens 3.271 Millionen Tonnen pro Jahr erreichen. Das entspricht laut urgewald 41 Prozent der heutigen weltweiten Kraftwerkskohleproduktion.
Damit droht eine langfristige Bindung an einen Energieträger, dessen Nutzung für die Erreichung der Klimaziele stark reduziert werden muss.
95 Prozent der Kohleunternehmen ohne Ausstiegsplan
Besonders problematisch ist, dass die große Mehrheit der Kohleunternehmen bislang keine verbindlichen Ausstiegspläne vorgelegt hat. Laut urgewald haben nur 142 der mehr als 2.700 in der GCEL erfassten Mutter- und Tochtergesellschaften einen Termin für den Ausstieg aus sämtlichen Kohlegeschäften festgelegt.
Im laufenden Jahr gaben fünf Unternehmen ihre bisherigen Ausstiegspläne auf. Zwölf weitere verschoben ihre Termine. Seit der letzten Aktualisierung haben lediglich 17 Unternehmen ihre Kohleaktivitäten beendet und wurden deshalb aus der Datenbank entfernt.
Dabei setzt der Ausbau erneuerbarer Energien die Kohleindustrie zunehmend unter Druck. Neue Solar- und Windkraftanlagen sowie Batteriespeicher ermöglichen eine Stromversorgung mit geringeren Treibhausgasemissionen. Nach Einschätzung der Internationalen Energieagentur ist für einen klimaneutralen Energiesektor ein Ausstieg aus der Kraftwerkskohle bis 2030 in Industrieländern und bis 2040 weltweit erforderlich.
Finanzinstitute können den Kohleausstieg beschleunigen
Neben der Politik sieht urgewald auch Banken, Investoren und Versicherungen in der Verantwortung. Sie haben die Expansion der Kohleindustrie über Jahrzehnte mitfinanziert, können aber durch klare Ausschlusskriterien und Ausstiegsfristen auch einen Wandel vorantreiben.
Nach Angaben der Organisation haben inzwischen mehr als 400 große Finanzinstitute Richtlinien zur Einschränkung ihrer Kohlegeschäfte verabschiedet. 130 davon schließen ausdrücklich Finanzierungen, Investitionen oder Versicherungen für Unternehmen mit Expansionsplänen aus.
Eine im September 2026 veröffentlichte Analyse von urgewald zeigt zudem, dass EU-Banken ihre Kohlefinanzierungen innerhalb von vier Jahren um 46 Prozent reduziert haben.
Für die kommenden Klimaverhandlungen ergibt sich daraus eine zentrale Aufgabe: Klimaziele müssen sich nicht nur in Konferenzreden, sondern auch in konkreten Entscheidungen über Kraftwerke, Kohleminen, Subventionen und Finanzierungen widerspiegeln.
Die Global Coal Exit List zeigt, wie groß die Lücke zwischen Klimaschutzansprüchen und wirtschaftlicher Realität noch ist. Gerade die Gastgeber der COP31 werden daran gemessen werden, ob sie den Ausbau erneuerbarer Energien tatsächlich vorantreiben und neue Kohleprojekte begrenzen – oder ob sie weiterhin Investitionen in eine fossile Zukunft ermöglichen.
- GCEL 2026 zum Download: https://coalexit.org
- „GCEL 2026: Datenbank-Update zeigt Kohlewidersprüche der COP31-Ausrichter Türkei und Australien“







