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© pixabay.com | Herbert Aust | Intakte Wälder, Moore und naturnahe Landschaften können auch als CO2-Senke wirken und damit schwer oder gar nicht vermeidbare Emissionen aus Industrie und Landwirtschaft ausgleichen.

Klima-Beirat empfiehlt eine Milliarde jährlich für Moorschutz

Auch die Emissionsminderung durch Wälder und Moore steckt in Deutschland in der Krise. Mögliche Auswege zeigt ein Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats für Natürlichen Klimaschutz auf. Für eine öffentliche Präsentation hat das zuständige Ministerium keine Zeit.

Was hilft in den Augen deutscher Umweltministerien gegen Klimakrise, schwindende Artenvielfalt und die Folgen von Extremwetter? Bei solchen Fragen kam die ehemalige Umweltministerin Steffi Lemke (Grüne) früher oder später auf das „Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz“ zu sprechen.

Es sei, sagte sie ein ums andere Mal, das umfassendste Programm für natürlichen Klimaschutz und Klimaanpassung in der Geschichte Deutschlands.

Zwar wurde das Aktionsprogramm im Zuge der Haushaltskrise der Ampel von anfangs fünf Milliarden auf 3,5 Milliarden Euro gestutzt. Aber auch für den neuen Umweltminister Carsten Schneider (SPD) blieb das Programm „essenziell“, wie er im Bundestag betonte. „Die Natur gibt uns Menschen so viel“, sagte er noch.

Tatsächlich kann die Natur sehr dabei helfen, Deutschland bis 2045 klimaneutral zu machen, indem sie Treibhausgase in großer Menge aufnimmt. Laut Bundes-Klimaschutzgesetz soll der sogenannte LULUCF-Sektor im Jahr 2030 mindestens 25 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent einbinden und 2045 schließlich 40 Millionen Tonnen.

LULUCF steht für „Land Use, Land Use Change and Forestry“, also Landnutzung, Landnutzungsänderungen und Forstwirtschaft. Unter diesem Terminus wird erfasst, wie sich Veränderungen in der Landschaft auf die klimarelevanten Emissionen auswirken. Ein verheerendes Beispiel sind derzeit die massiven Waldbrände im südlichen Europa.

Intakte Wälder, Moore und naturnahe Landschaften können aber auch als CO2-Senke wirken und damit schwer oder gar nicht vermeidbare Emissionen aus Industrie und Landwirtschaft ausgleichen.

Landnutzung ist seit 2014 Klima-Emissionsquelle

Was dafür bei der Landnutzung passieren sollte, dazu hat der noch von Lemke eingesetzte Wissenschaftliche Beirat für Natürlichen Klimaschutz (WBNK) kürzlich Empfehlungen vorgelegt. Auf fast 260 Seiten geht es darum, die Klimafunktion natürlicher Lebensräume wie Moore, Wälder, Auen, Böden und Küsten wiederherzustellen und zu stärken, wie das Wissenschaftsgremium schreibt.

Der weitaus größte Teil menschengemachter Emissionen stammt zwar aus fossiler Verbrennung. Die intensivierte Nutzung der Landschaft sorgt aber ebenfalls für zunehmende Emissionen. Am bekanntesten dafür sind trockengelegte Moore. Aber auch künstliche Gewässer stoßen Klimagase aus – in Deutschland zuletzt etwa fünf Millionen Tonnen CO2-Äquivalent jährlich.

Bislang herrschte die Annahme vor, der Landnutzungsbereich mit seinen Mooren, Wiesen und Wäldern sei eine mächtige CO2-Senke. Der „Projektionsbericht 2023“ des Umweltbundesamtes, der die Erreichbarkeit der deutschen Klimaziele abbildet, rechnete noch mit jährlich um die 16,3 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent, die vom LULUCF-Sektor von 2027 bis 2030 eingebunden werden.

Derartige Annahmen, wonach bei der Landnutzung quasi Millionen Tonnen an Emissionen hastdunichtgesehen „verschwinden“, halten viele Fachleute seit Langem für Augenwischerei. Die Landnutzung zur großen CO2-Senke hochzujubeln, diente ihrer Ansicht nach vor allem als Rechtfertigung, beim Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas nicht allzu forsch vorgehen zu müssen.

Mit der klimapolitischen Landnutzungs-Legende räumt der Beirat endlich offiziell und gründlich auf. Seit 2014 sei der LULUCF-Sektor in Deutschland zu einer Netto-Emissionsquelle geworden, stellen die WBNK-Mitglieder eingangs ihrer Arbeit klar.

Und die Quelle ist inzwischen so groß, dass die deutsche Klimaneutralität heftig ins Wanken gerät. Statt – wie im Klimagesetz festgeschrieben – im Jahr 2045 etwa 40 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent einzubinden, wird der LULUCF-Sektor nach derzeitiger Prognose knapp 35 Millionen Tonnen emittieren.

Das ergibt eine klimabilanzielle Diskrepanz von 75 Millionen Tonnen. Die Landnutzungs-Ziele des Klimagesetzes noch zu erfüllen, hält der Beirat wenig überraschend für eine „enorme Herausforderung“.

Niedersachsens Ex-Moore emittieren mehr als ganz Slowenien

Das größte CO2-Potenzial weisen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der verstärkten Wiedervernässung von Mooren zu.

Zum einen stoppt das die enormen Emissionen aus den Ex-Mooren, die derzeit sieben Prozent der gesamten Treibhausgase in Deutschland „erzeugen“. Trockene Moore in Niedersachsen stoßen allein mehr Klimagase aus als ganz Slowenien, solche in Bayern mehr als ganz Island und die in Mecklenburg-Vorpommern mehr als Jamaika, rechnet der Beirat anschaulich vor.

Zum anderen kann die Vernässung ein Moor wieder zu einer CO2-Senke machen – auch wenn es rund 15 Jahre dauert, bis das wiedervernässte Moor in etwa die CO2-Leistung eines niemals entwässerten Moores erreicht.

In den letzten Jahrzehnten wurden in Deutschland im Schnitt jährlich um die 2.000 Hektar Moore wiedervernässt. Für das Ziel der Klimaneutralität 2045 greift der WBNK die schon seit Jahren bestehende Forderung aus der Wissenschaft auf, jedes Jahr mehr als 50.000 Hektar zu vernässen. Das ist die 25-fache Moorfläche.

Um dem Nachdruck zu verleihen, schlägt der Beirat vor, ein eigenes Flächenziel ins Klimagesetz aufzunehmen. Danach sollen bis 2045 etwa 80 Prozent der heute landwirtschaftlich genutzten Moorflächen vernässt werden.

Die Beiratsmitglieder vergleichen diese Moor-Renaissance in ihrem Gutachten vom gesellschaftlichen Stellenwert her mit dem Kohleausstieg. Sie halten die Bereitstellung von zunächst rund einer Milliarde Euro pro Jahr für die Rücktransformation der Moorflächen für angemessen.

Zählt man die Moorfinanzierung des WBNK-Gutachtens zusammen, kommt bis 2045 insgesamt eine Summe von mehr als 15 Milliarden Euro zusammen. Nicht wenig, aber deutlich weniger als für den Kohleausstieg, den sich Deutschland um die 40 Milliarden kosten lässt – und der „nur“ fossile Emissionen stoppt und keine natürliche CO2-Senke erzeugt.

Moor-Klimaschutz verlangt Agrarwende

Moor-Klimaschutz ist aber nicht nur eine Frage des Geldes, macht der WBNK deutlich, sondern vor allem einer anderen Agrarpolitik. So verlangt der Beirat, die Subventionierung der Landwirtschaft auf entwässerten Moorböden im Rahmen der EU-Agrarpolitik einzustellen, sofern für die landwirtschaftlichen Betriebe Wiedervernässungsoptionen existieren.

Schon eine solche Forderung ist ein tiefrotes Tuch für die Lobby konventioneller Agrarwirtschaft. Das Wissenschaftsgremium geht aber noch weiter. Der Beirat will Moorklimaschutz als „überragendes öffentliches Interesse“ gesetzlich verankert sehen und aus dem Erneuerbare-Energien-Recht die Idee der „Beschleunigungsgebiete“ auf die Planung von Wiedervernässungsprojekten übertragen.

Warum auch, lässt sich zu Recht fragen, sollen Moore, Wälder und klimaneutrale Landschaften in der Klimapolitik weniger wert sein als Photovoltaik und Windräder, als Stromtrassen und E‑Mobilität?

Über diese und andere spannende Empfehlungen für das „umfassendste“ und „essentielle“ Programm für den natürlichen Klimaschutz hätte man mit dem Bundesumweltminister und seinem Beirat gern direkt gesprochen. Aber Fehlanzeige – eine presseöffentliche Vorstellung des Gutachtens habe leider aus Termingründen nicht stattfinden können, teilte eine Sprecherin des Ministeriums auf Nachfrage mit.

Die Vorschläge des WBNK werde das Ministerium sorgfältig prüfen, so die Sprecherin weiter, sie würden dann in die Weiterentwicklung des Aktionsprogramms Natürlicher Klimaschutz einfließen.

Solche Besser-nicht-zu-viel-drüber-reden-Strategien haben andere Regierungsbeiräte bereits umgangen, indem sie später einfach eine Tagung zum Thema veranstalteten. Vielleicht findet der WBNK den Mut dazu. Die Natur, die uns so viel gibt, hätte es verdient.

Quelle

Der Bericht wurde von der Redaktion „klimareporter.de“ (Jörg Staude) 2025 verfasst – der Artikel darf nicht ohne Genehmigung (post@klimareporter.de) weiterverbreitet werden! 

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