Klimaziel auf dem Papier erreicht – aber mehr CO2 in der EU ausgestoßen
Die EU will ihre Emissionen bis 2040 um 90 Prozent im Vergleich zu 1990 senken. Fünf Prozent sollen erstmals über internationale CO2-Zertifikate erfüllt werden können.
Doch ein neuer Policy Brief des NewClimate Institute im Auftrag der Klima-Allianz Deutschland warnt vor hohen Kosten und der Verschleppung des Klimaschutzes.
Wenn ein Teil dieses Ziels über internationale CO₂-Zertifikate erfüllt wird, führt dies zu deutlich höheren innereuropäischen Emissionen im Jahr 2040. Für Deutschland hieße das: Statt auf etwa 150 Millionen Tonnen CO₂ im Jahr 2040 zu sinken, könnten die Emissionen real bei über 200 Millionen Tonnen liegen – bis zu 42 Prozent höher als ohne den Ankauf von Zertifikaten. Gleichzeitig könnten künftig steigende Kosten für CO₂-Zertifikate den Bundeshaushalt mit bis zu 37 Milliarden Euro belasten und Investitionen in den Klimaschutz verzögern.
Juliette de Grandpré, Expertin des NewClimate Institute und Co-Autorin des Policy Briefs: “Wenn Deutschland und die EU die geplante Menge an internationalen CO2-Zertifikaten zukaufen, lässt ihnen dies erheblichen Spielraum, mehr Emissionen auszustoßen. Der Druck, die Emissionen innerhalb der EU zu reduzieren, sinkt dadurch. Notwendige Maßnahmen werden verschoben und müssen nach 2040 schneller und teurer nachgeholt werden, um bis spätestens 2050 klimaneutral zu sein. Das widerspricht dem Zweck von Artikel 6 des Pariser Klimaabkommens: Das Instrument soll höhere Ziele ermöglichen, nicht Klimaschutzverpflichtungen ins Ausland verlagern.“
Neben den klimapolitischen Risiken weist der Policy Brief auch auf die finanziellen Folgen hin. Die Kosten für Zertifikate könnten ein Niveau erreichen, das der Größenordnung des aktuellen Klima- und Transformationsfonds von ca. 37 Milliarden Euro entspricht. Geld, das nicht mehr für die nötigen Investitionen in die Wirtschaft zur Verfügung stünde.
Dr. Christiane Averbeck, Geschäftsführende Vorständin bei der Klima-Allianz Deutschland: “Die europäischen und deutschen Klimaziele müssen durch eigene CO₂-Einsparungen erreicht werden, statt durch Ankäufe aus dem Ausland. Internationale Zertifikate werden nur begrenzt verfügbar und voraussichtlich teuer sein. Die Bundesregierung sollte deshalb auf ihren Einsatz verzichten und stattdessen frühzeitig in saubere Industrie, klimafreundliche Mobilität und Gebäude und in den sozialen Ausgleich investieren.“
Erfahrungen mit dem bisherigen internationalen Kohlenstoffmarkt zeigen zudem, dass die allermeisten Projekte keine zusätzlichen Einsparungen gebracht haben und ihre Qualität oft unzureichend überprüft wurde. Im besten Fall sind internationale CO2-Zertifikate damit ein Nullsummenspiel für das Klima, in vielen Fällen sind die tatsächlichen Emissionen sogar höher ausgefallen.
Anika Schroeder, Referentin für internationale Klimapolitik bei der Entwicklungsorganisation Misereor: “Auch im globalen Süden setzt der Handel mit CO2-Zertifikaten Fehlanreize für nachhaltige Entwicklung und Klimaschutz. Länder könnten ihre Klimaziele bewusst niedriger ansetzen, um Einnahmen aus dem Verkauf von Zertifikaten zu erzielen. Dabei verbleibt ein Großteil des Geldes bei Zwischenhändlern und Projektentwicklern aus dem globalen Norden. Zudem zeigt die Erfahrung mit diesen oft landintensiven Projekten, dass den Menschen vor Ort Landrechtskonflikte und Vertreibungen drohen.”
Hintergrund:
Die EU-Kommission hat sich mit dem Europäischen Parlament und dem Europäischen Rat auf ein neues Zwischenziel bis 2040 von 90 Prozent Treibhausgasreduktion gegenüber 1990 geeinigt. Erstmalig soll es nun erlaubt sein, bis zu 5 Prozent der Nettoemissionen der EU von 1990 durch die Anrechnung internationaler Kohlenstoffzertifikate über Artikel 6 des Pariser Klimaabkommens ab 2036 im EU-Klimaziel für 2040 zu erreichen. Mindestens 85 Prozent Emissionsminderung müssen demnach innereuropäisch erbracht werden. Der Vorschlag der EU-Kommission vom Juli 2025 wurde in den Verhandlungen deutlich abgeschwächt. Der EU-Klimabeirat (ESABCC) hatte sogar eine Minderung von 90-95 Prozent bis 2040 empfohlen, ohne die Anrechnung internationaler Zertifikate. Die Verhandlungen in der EU über die genaue Ausgestaltung und die Umsetzung der Qualitätsanforderungen sollen voraussichtlich in diesem Jahr starten.








