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Warum die Sache schiefgeht

Wie Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen uns um die Zukunft bringen: Ein wichtiges Buch mit notwendigen Übertreibungen. Zu Karen Duves Katastrophenbuch. Von Rupert Neudeck

Das Buch hält sich nicht mit Vornehmheit und diplomatischem Geplänkel auf. Es haut in die Kerbe unserer Harakiri-Nachrichten, die wir nicht hören wollen. Das Buch ist glänzend geschrieben, weil es der tödlichen Realität gerecht wird. Die Autorin möchte schreibend immer schreien, hält sich von Kapitel zu Kapitel im Zaum, verdrängt die Schreie. Aber sie schreibt immer wieder, in dem sie den Leser mit reißt: „Es kann doch nicht so schwierig sein, eine globale Obergrenze für CO2 Emissionen festzulegen und den Verbrauch einigermaßen gerecht auf die Länder zu verteilen und innerhalb dieser Länder auf die Individuen und Unternehmen“. 

Und gleichermaßen imperativisch: Die Industrie „muss sich unter den neuen Regierungen an den Grundwerten Solidarität, Gewaltlosigkeit und Fairness orientieren“. Das klingt wie bei Friedrich Schiller: „Brüder, überm Sternenzelt MUSS ein guter Vater wohnen“. Der Autorin wäre lieber, Schiller hätte die gute Mutter dafür eingetauscht. Sei‘s drum, eine bewegende Streitschrift, die uns immer wieder den Blick weitet auf uns selbst. Sie nimmt sich selbstbewusst viele Berufe vor, haut sie in die Pfanne, möchte aber kein Physiker Bashing machen, wie sie an einer Stelle betont. Im Gegensatz zu Managern und Politikern bräuchten Wissenschaftler „durchaus Fachkompetenz und überdurchschnittliche Intelligenz“, um es bis nach oben zu schaffen. Und ohne die Wissenschaftler hätten wir keine regelmäßige Stromversorgung und keine Fernseher oder Nylonstrumpfhosen! Allerdings sollten wir das Vertrauen nicht so weit treiben und ihren Risikoanalysen folgen. 

Denn, da wird sie ganz heftig: Wenn uns die Fukushima Katastrophe eines gelehrt habe, dann, „dass Risikoberechnungen nach menschlichem Ermessen und aktuellem Informationsstand sehr viel weniger wert sind“ und sie eigentlich keinen wissenschaftlichen Wert haben. Prof. Prasser von der ETH Zürich, eine Kapazität, wie man nicht sagen muss, hatte noch 2008 behauptet, dass sich ein Unfall mit vielen Strahlentoten bei einem AKW der dritten Generation „nur einmal in einer Milliarde Jahren ereignen würde“. Der Wert einer solchen Einschätzung hängt auch davon ab, dass sie nur Störfälle berücksichtigt, die man für möglich hält. „Als würde niemals etwas anderes als das Erwartete eintreffen. Als wären unvorhergesehene Ereignisse nicht existent.“ 

Zu Recht sagt die Autorin, dass der Effekt solcher Analysen darin bestehe, falsches Vertrauen einzuflößen.  Und so heißt es am Ende dieser sicheren und klaren Zeitanalyse: Der heutige Stand der Wissenschaft kann nicht verhindern, dass wir Fehler machen. Aber er versetzt uns – wie schon die Warnungen der Ärzte gegen den Atomkrieg uns nahegebracht haben – in die Lage, „Fehler in einer Größenordnung zu machen, die wir nicht überleben würden“. Deshalb könne es durchaus auch mal eine politische Option sein (Fracking z.B.), eine vielversprechende Sache einfach sein zu lassen und nicht zu machen. 

Aber ein bisschen protestieren muss der Leser, wenn die Autorin anhebt zu einer vernichtenden Einschätzung einer Berufsgruppe, die sie gefressen hat, der Ärzte. Die Entwicklung der Menschheit werde von Individuen beherrscht, „die sich hoffnungslos überschätzen“. Das ist mir denn doch zu modisch, denn das Mediziner-Bashing ist durchaus eine beliebte Form geworden, uns von den Übertreibungen und Engführungen des modernen Lebens etwas zu entlasten. Dazu geht sie zurück ins Mittelalter, begründet ihre Abneigung mit der Lektüre des historischen Romans „Der Medicus“ von Noah Gordon von 1986, in dem es Narrenschneiden bei als wahnsinnig diagnostizierten Menschen gab, wo der ungewaschene Kopf mit einem Bohrer aufgebohrt wird, um ihm den Wahnsinn in Form von Steinen aus dem Gehirn zu holen. Der Starstecher führt eine lange Nadel dem Patienten in das Weiße des Augapfels hinein, bis die Nadelspitze über der Linse in der Pupille sichtbar wird. 

Das ist die Verächtlichmachung einer Zunft und einer menschheitsbefreienden Wissenschaft und Kunst, die wir in westlichen Ländern Gott sei Dank mit einer manchmal bürokratischen Perfektion ausgebildet haben, die aber niemand missen möchte. Man verfolge nur die Erschütterung, die über die Vereinigten Staaten insgesamt gehen, weil ein Ebola Patient aus Liberia dort angekommen ist. Sie beschreibt die „Draufgänger auf Kosten anderer“, wie den südafrikanischen Herzchirurgen Christiaan Barnard, der am 3. Dezember 1967 das erste menschliche Herz transplantierte und damit das Todesurteil über den Empfänger des Spenderorgans, Louis Washkanskly sprach. Sie nimmt das gleich zurück, denn die Klage dieses Mannes war hoffnungslos. Aber sie erregt sich dann über den Lebensstil des berühmten Medizinstars, als ob da ein Einwand wäre, dass er später mit Gina Lollobrigida eine Liebesaffaire hatte. Wie soll das denn zusammenpassen? 

Das sollte die Autorin ändern, es mindert den Wert Ihres Buches: Das sind Pauschal-Abrechnungen, die sie betreibt, die einfach der Realität unserer Welt nicht standhalten. Sie hasst den Barnard, der sich seinem Playboy Leben hingab und sich mit einem Nacktmodell im Arm von einer Illustrierten abbilden ließ. Und sie hasst die Chirurgen, die Verfahren mit Hunden machten und deren Wissen über Immunologie begrenzt war, aber sie sich aufgerufen fühlten: einfach mal zu versuchen. „Zumal die öffentliche Meinung die Transplantationen auch dann als Erfolg wertete, wenn die Patienten kurz danach starben“. Das sind Vorurteile, die das Buch und seine wertvollen Thesen stören und beschädigen. 

Sie geht mit dem Bauernverband heftig ins Gericht. Sie zitiert in dem Kapitel eine Studie, nach der in Niedersachsen in 82 Prozent der Masthuhnbetriebe, 77 % der Mastschweinbetriebe und 100 % der Mastkalbbetriebe Antibiotika eingesetzt werden. Bei manchen Putenbetrieben war die Therapiehäufigkeit bei über 80 Einzelgaben pro Tier und Mastdurchgang. Sie wehrt sich heftig gegen die windelweichen Äußerungen der Bauernverbände, z.B.: „Wenn Tiere krank sind, müssen sie doch behandelt werden“, das ist eine wirkliche Frechheit. Die Antibiotikaabgabe sei keine Behandlung eines gelegentlich vorkommenden Krankheitsfalls, sondern „die Anpassung an grausame Haltungsbedingungen, da sie sonst die paar Wochen bis zur Schlachtreife nicht überleben würden“. Jedenfalls nicht, wenn man das verkeimte Qualfleisch weiterhin zu diesem Preis produzieren will und die Tiere in ihrem eigenen Kot stehen lässt“. 

Im Kapitel Frauen würde ich der Autorin empfehlen, mal eine Reise in das ostafrikanische Land Ruanda zu machen. Man könne nicht übersehen, dass in jeder Gesellschaft Männer bevorzugt werden. Das trifft auf Ruanda nicht zu, ein Land, das sich der Autorin auch aus einem anderen Grunde anbietet. Es ist das erste Land, das zwar nicht verhindern wird, dass die Sache der Umweltverschonung insgesamt schiefgeht, aber vielleicht nicht in diesem Land. Das Land verweigert (und zwar per ordre de Mufti und knochenhart) die Einfuhr von Plastik. Es nimmt dem westlichen Besucher, der sich eine Plastiktüte erworben hat beim Duty free in Frankfurt, die Tüte freundlich aus der Hand und gibt sie der Vernichtung anheim. Der Besucher des Landes  kann sich für einen Dollar eine praktische Jutetüte kaufen. 

Es mag überraschend sein, sagt Karen Duve, wenn Menschen, die eindeutig mehr als genug haben, so weit gehen, „die Lebensgrundlage kommenden Generationen für alle Zeiten zu zerstören, um sich nur ja nicht einschränken zu müssen“. Der Autorin gelingt der überzeugende Ton einer heftigen Weltklage, einer Menschheitsklage: Früher wurden Kolonien ausgebeutet, damit sich die Bewohner der Industrieländer auf Kosten der dortigen Bewohner es sich gut gehen lassen konnten. „Heute betreiben wir vor allem den Generationen Imperialismus“, in dem Enkel und Urenkel ihren zukünftigen Bedarf an Rohstoffen als Tribut an unser Komfortbedürfnis und unseren Spaß an Shoppen abzutreten haben. 

Manche Sätze gehören durchaus gleich in das Stammbuch unserer Großpolitiker. Gefährdete Arbeitsplätze, gefährdeter Wohlstand und gefährdete Renten würden zwar das meiste Geschrei auslösen, dürften aber durchaus vernachlässigt werden, „wenn gerade alle Voraussetzungen, die das Leben auf der Erde bisher ermöglicht haben, dabei sind, sich zu verändern“. Das macht sie deutlich mit einem schönen alltäglichen Beispiel: Wer schon mal einen Ersten Hilfekurs mitgemacht hat, der wird sich erinnern, dass eine Reihenfolge einzuhalten sei, wenn man an einen Unglücksort mit mehreren Verletzten kommt. Die, die am lautesten schreien, muss man vernachlässigen, das sind Brüche, die tun weh, sind aber nicht lebensgefährlich. 

So geht es mit einem Paukenschlag zum nächsten, aber immer mit viel Argument, mit viel guter und klarer Überzeugung und manchmal dem leisen Anflug an Verzweiflung, aber nie Zynismus. Das Kapitel Risikobereitschaft endet mit den Sätzen: der heutige Stand der Wissenschaft könne nicht verhindern, dass wir Fehler machen. Aber er versetze uns in die Lage, „Fehler zu machen in einer Größenordnung, die wir nicht überleben würden.“ Deswegen sollte es auch eine Option sein, eine vielversprechende Sache einfach mal zu lassen. 

Bangladesh wird untergehen, aber was macht das gerade aus? Das Land verursachte 2011 nur 0,3 Prozent des weltweiten CO2 Ausstoßes – weniger als die Stadt New York. Mit solchen Beispielen tritt die Autorin uns bildlich und im übertragenen Sinn  in den Hintern, mit der Nutzanwendung: das wir unser Leben ändern.

Weitere Informationen:

 

Quelle

Rupert Neudeck 2014 | Grünhelme 2014

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