‹ Zurück zur Übersicht

© Bild: EU/Copernicus | Copernicus Marine und Copernicus Climate Change: Tägliche globale Meeresoberflächentemperaturen brechen Rekorde für diese Jahreszeit.

Globale Erwärmung – Wenn das Meer Fieber hat

In den Ozeanen wurde ein neuer Temperaturrekord für den Monat Juni gemessen. Die hohen Temperaturen im Meer können auch Hitzewellen an Land verstärken. Ganz einfach ist der Zusammenhang aber nicht.

Die Weltmeere waren im Juni so warm wie noch nie in diesem Monat. Die durchschnittliche Oberflächentemperatur der eisfreien Ozeane erreichte nach Angaben des europäischen Erdbeobachtungsprogramms Copernicus rund 21 Grad Celsius und lag damit über den bisherigen Juni-Rekorden von 2023 und 2024.

Die Welt könnte mit diesem Trend auf „unerforschtes Terrain“ zusteuern, warnte Corpernicus-Direktor Carlo Buontempo. Bei den derzeitigen Ozeantemperaturen und dem sich entwickelnden El Niño dürften in den kommenden Monaten weitere Temperaturrekorde fallen.

Die ungewöhnlich hohen Wassertemperaturen können Hitzewellen an Land begünstigen, tropische Wirbelstürme mit zusätzlicher Energie versorgen und Starkregen intensivieren.

Besonders auffällig waren Ende Juni die europäischen Meere. In weiten Teilen von Ostsee, Nordsee, Mittelmeer und vor der Atlantikküste lagen die Oberflächentemperaturen deutlich über dem langjährigen Mittel.

Im westlichen Mittelmeer erreichten die Abweichungen stellenweise etwa sechs Grad – besonders im Golf von Lion vor Südfrankreich sowie im Ligurischen und Tyrrhenischen Meer an der italienischen Westküste. Solche regionalen Ausschläge sind für die Ökosysteme oft folgenreicher als der globale Mittelwert.

Stress für Meeresökosysteme 

Die Meere sind der große Wärmespeicher des Klimasystems. Sie haben bisher mehr als 90 Prozent der zusätzlichen Energie aufgenommen, die wegen der menschengemachten Erwärmung im Erdsystem gespeichert wird.

Die aufgenommene Wärme verschwindet jedoch nicht: Sie erwärmt das Wasser, trägt zum Anstieg des Meeresspiegels bei, beschleunigt das Abschmelzen von Eis und kann später wieder an die Atmosphäre abgegeben werden.

Für Meeresökosysteme bedeutet die Dauerhitze erheblichen Stress. Marine Hitzewellen können Korallenbleichen auslösen, Seegras- und Tangwälder schädigen, Sauerstoffmangel verschärfen und Fischbestände sowie Nahrungsketten verändern. Nach Angaben des Weltklimarats IPCC hat sich ihre Häufigkeit seit den 1980er Jahren etwa verdoppelt. Sie werden zudem intensiver und dauern länger.

Auch für das Wetter an Land ist die Entwicklung bedeutsam. Ein wärmerer Ozean gibt mehr Wärme und Wasserdampf an die Atmosphäre ab. Gelangt diese Luft über Land, nehmen gefühlte Temperatur und Schwüle zu. Besonders problematisch sind heiße Nächte, in denen sich der menschliche Körper schlechter erholen kann.

Tiefdruckgebiete und Gewitter wiederum können in einer feuchteren Atmosphäre größere Regenmengen mobilisieren. Copernicus weist darauf hin, dass hohe Ozeantemperaturen die Atmosphäre länger warm halten und Stürmen zusätzliche Energie und Feuchtigkeit liefern können.

Ein heißes Meer allein bringt noch keine Hitzewelle 

Ein heißes Meer erzeugt allerdings nicht automatisch eine Hitzewelle. Dafür braucht es eine passende Großwetterlage, meist ein starkes und ortsfestes Hochdruckgebiet. In ihm sinkt Luft ab, Wolken lösen sich auf, und die Sonneneinstrahlung heizt Böden und bodennahe Luft auf. Die absinkende Luft wird komprimiert und dadurch zusätzlich wärmer.

Unter einer solchen atmosphärischen Kuppel kann sich die Hitze über Tage oder Wochen stauen – daher die Bezeichnung „Hitzedom“. Trockene Böden verstärken den Vorgang, weil weniger Sonnenenergie für die Verdunstung von Wasser verbraucht wird.

Europas Meere heizten sich in den letzten Tagen um bis zu sechs Grad über dem langjährigen Mittel auf. (Bild: EU/Copernicus)

Interessant ist hier das aktuelle Beispiel Portugals. Das Land steht unter dem Einfluss einer solchen Konstellation. Der portugiesische Wetterdienst IPMA erwartet einen länger anhaltenden Zeitraum mit sehr heißem und trockenem Wetter.

In weiten Teilen des Landes sollen 35 bis 41 Grad erreicht werden, im Tejo-Tal und im Alentejo sogar 41 bis 44 Grad. Auch nachts bleibt die Belastung hoch: In einigen Regionen könnten die Temperaturen mehrere Nächte in Folge nicht unter 24 bis 28 Grad fallen. Verantwortlich ist vor allem ein kräftiges Hochdruckgebiet, das sehr heiße Luft auf die Iberische Halbinsel lenkt.

Der ungewöhnlich warme Atlantik und das aufgeheizte Mittelmeer wirken dabei eher als Verstärker denn als Auslöser. Küstennahe Meereswärme kann die nächtliche Abkühlung bremsen und der Atmosphäre zusätzliche Feuchtigkeit zuführen.

Die konkreten Höchstwerte hängen aber vor allem von der Lage des Hochs, der Windrichtung, der Herkunft der Luftmassen, der Bodenfeuchte und der Sonneneinstrahlung ab. Eine einfache Gleichung nach dem Muster „heißes Meer gleich Hitzewelle“ wäre deshalb falsch.

Meereshitze wirkte 2023 als Verstärker in Nordamerika

Gleichwohl können warme Ozeanregionen die atmosphärische Zirkulation so verändern, dass Hitzedome wahrscheinlicher oder langlebiger werden. Sehr deutlich wurde das bei der außergewöhnlich langen Hitzewelle im Südwesten der USA und in Mexiko im Sommer 2023.

Beobachtungsdaten und Modellrechnungen der US-Klimabehörde NOAA zeigen, dass damals vor allem der rekordwarme tropische Atlantik großräumige Windmuster veränderte und zu einer Hochdruck-Blockadelage beitrug, die sich mehr als sechs Wochen hielt.

Der sich entwickelnde El Niño im Pazifik verstärkte den Effekt, spielte aber eine kleinere Rolle. Zusammen verdoppelten die warmen Meeresgebiete in den Simulationen die Zahl regionaler Hitzewellen, verdreifachten die Zahl der Hitzetage und verlängerten die Ereignisse um etwa 50 Prozent.

Ob auch die derzeitigen Hitzedome in den USA in vergleichbarer Weise von den warmen Ozeanen beeinflusst werden, ist noch unklar. Dafür wäre eine spezielle Attributionsstudie zur aktuellen Wetterlage nötig.

El Niño macht neue Rekorde wahrscheinlicher 

Einen starken Einfluss auf die globalen Meeres- und Lufttemperaturen hat El Niño. Das natürliche Klimaphänomen entsteht, wenn sich der zentrale und östliche tropische Pazifik überdurchschnittlich erwärmt und sich Passatwinde sowie Luftzirkulation verändern.

Die NOAA stellte im Juni El-Niño-Bedingungen fest und erwartet eine Verstärkung bis zum kommenden Winter. Für die Monate November bis Januar beziffert die Behörde die Wahrscheinlichkeit eines sehr starken Ereignisses auf 63 Prozent.

El Niño hebt die globale Mitteltemperatur zeitweise zusätzlich an, weil der tropische Pazifik besonders viel Wärme an die Atmosphäre abgibt. Außerdem verschiebt das Phänomen Niederschlagszonen und Strahlströme und beeinflusst so das Wetter in vielen Weltregionen.

In Nordamerika sind die Zusammenhänge vergleichsweise deutlich, in Europa dagegen weniger eindeutig und besonders im Sommer von vielen anderen Faktoren überlagert. Die aktuelle Hitze in Portugal lässt sich daher nicht El Niño zuschreiben.

Buontempos Warnung zielt auf die Überlagerung zweier Entwicklungen: den langfristigen, vom Menschen verursachten Erwärmungstrend und einen natürlichen Klimazyklus, der zusätzlich Wärme aus dem Pazifik an die Atmosphäre abgibt.

El Niño erzeugt den langfristigen Temperaturanstieg nicht. Er kann aber auf dem bereits stark erhöhten Ausgangsniveau neue Rekorde wahrscheinlicher machen. „Bei Ozeantemperaturen auf diesem Niveau und El Niño am Horizont werden wir in den kommenden Monaten wahrscheinlich weitere Temperaturrekorde fallen sehen“, sagte Buontempo.

Ob die Rekorde nur ein vorübergehender Ausschlag sind oder tatsächlich den von dem Experten angesprochenen „Beginn einer neuen Phase“ markieren, ist noch offen.

Quelle

Der Bericht wurde von der Redaktion „klimareporter.de“ (Joachim Wille) 2026 verfasst – der Artikel darf nicht ohne Genehmigung (post@klimareporter.de) weiterverbreitet werden! | Bild: EU/Copernicus

Diese Meldung teilen

‹ Zurück zur Übersicht

Das könnte Sie auch interessieren