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© Depositphotos.com | Kzenon | Die Beteiligung an der Energiewende in der einen oder anderen Form verändert den Blick darauf.

Wie stehen die Menschen in Deutschland zum Klimaschutz: Sieben Erkenntnisse

Erst Heizungsgesetz, dann Agrardiesel: Man könnte den Eindruck bekommen, dass der Widerstand gegen Klimaschutz zunimmt. Aber stimmt das? Drei große Studien zeigen, wie es um die Akzeptanz des Klimaschutzes steht. Von Lena Bäunker

Seit mehr als 60 Jahren sieht meine Oma einen Acker, wenn sie aus dem Fenster ihrer Küche schaut. Im Sommer wächst hier Weizen, im Winter Raps, alle paar Jahre Wildblumen.

Jetzt möchte ein Investor eine Solaranlage aufstellen. Zwölf Hektar soll sie groß werden und bis zu zwölf Megawatt Solarstrom erzeugen. Ein lukratives Geschäft. Und wichtig! Denn damit Deutschland seine Klimaziele erreichen kann, müssen wir viel mehr Solarstrom erzeugen.

Das weiß auch meine Oma. Dennoch scheut sie sich, ihren Anteil an dem Acker zu verkaufen. Sie möchte nicht auf drei Meter hohe Kunststoff-Glas-Konstruktionen schauen. Und sie hängt an dem Stück Land, das einst ihr Mann gekauft hat.

Es ist ein Dilemma, das wohl vielen hierzulande bekannt ist: Klimaschutz, ja – aber bitte nicht in meinem eigenen Garten. Das spiegelt sich deutlich in den Diskussionen um das Heizungsgesetz wider. Viele Bürger:innen befürworten die Wärmewende, doch Eingriffe in ihren Heizungskeller gehen ihnen zu weit.

Ein ähnliches Bild zeichnen die Proteste der Landwirt:innen, die wegen der Streichung klimaschädlicher Subventionen vor Kurzem auf die Straße gezogen sind.

Es scheint, als wachse der Widerstand gegen den Klimaschutz.

Doch: Stimmt dieser Eindruck? Wie stehen die Menschen in Deutschland aktuell zum Thema Klima? Antworten darauf liefern drei Umfrage-Studien (siehe Kasten ganz unten), deren sieben wichtigste – zum Teil überraschende – Ergebnisse hier vorgestellt werden.

Großteil der Deutschen unterstützt Klimaschutz, Tendenz sinkend

Grundsätzlich kann der Klimaschutz auf einen großen Rückhalt in der Bevölkerung zählen. Laut der Bertelsmann-Studie sind 54 Prozent der Bevölkerung sehr besorgt angesichts des Klimawandels. 69 Prozent der Befragten unterstützen die Energiewende, 56 Prozent die Verkehrswende.

Die PACE-Studie zeigt, dass einem Drittel der Befragten die aktuell ergriffenen Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels nicht weit genug gehen. Sie wollen mehr.

Allerdings ist die Unterstützung im Vergleich zu den Vorjahren gesunken.

Im Sommer 2022 fand noch fast die Hälfte aller Befragten, dass die Klimamaßnahmen nicht weit genug gehen. Das ist fast doppelt so viel wie heute. Und während 2022 nur rund 20 Prozent der Befragten die Klimaschutzmaßnahmen, die damals ergriffen wurden, als stark übertrieben empfanden, sind es heute 36 Prozent.

Anreiz-Maßnahmen sind beliebter als Verbote

Das klingt nach einem Rückschlag für die Klimakrise. Wo die Studien jedoch nach einzelnen Klimamaßnahmen differenzieren, zeichnet sich ein hoffnungsvolleres Bild ab.

So befragt die PACE-Studie die Teilnehmenden nach ihren Meinungen zu 22 verschiedenen Maßnahmen. 17 davon werden von einer Mehrheit unterstützt.

Auf Platz eins der beliebtesten Maßnahmen liegt der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, wobei 76 Prozent der Befragten eine starke Zustimmung zeigen. Auf den weiteren Plätzen folgen der Ausbau des Schienennetzes, die Förderung erneuerbarer Energieträger, finanzielle Anreize für nachhaltiges Verhalten sowie die Abschaffung von Kurzstreckenflügen bei Alternativen.

Die mit Abstand unbeliebteste Klimamaßnahme ist hingegen das Verbot der Erstzulassung von Autos mit Verbrennungsmotor ab 2030. 51 Prozent sind dagegen oder stimmen nur gering zu.


Die Studien

Planetary Health Action Survey (PACE)

Seit Sommer 2021 führt PACE regelmäßig Online-Befragungen durch, um Einflussfaktoren auf klimaschutzrelevante Einstellungen und Verhaltensweisen besser zu verstehen.

Die aktuelle PACE-Befragung basiert auf einer deutschlandweiten Online-Quotenstichprobe mit 1003 Teilnehmer:innen, die die erwachsene Allgemeinbevölkerung zwischen 18 und 74 Jahren für die Merkmale Alter, Geschlecht und Bundesland abbildet.

PACE ist ein gemeinschaftliches Forschungsprojekt mehrerer Einrichtungen: Universität Erfurt, Robert Koch-Institut, Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Leibniz-Institut für Psychologie, Science Media Center und Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin.

Ariadne-Studie zur Zustimmung zu Klimaschutzpolitik in Deutschland

Die Ariadne-Studie schätzte die durchschnittliche Zustimmung in der Bevölkerung zu 26 Klimaschutzmaßnahmen in den Sektoren Wärme, Verkehr und Energie auf Bundesländer-, Landkreis- und kommunaler Ebene in den Jahren 2017 bis 2021.

Die Schätzungen basieren auf zwei bundesweit repräsentativen Panel-Umfragen, dem Sozialen Nachhaltigkeitsbarometer und dem Ariadne Wärme-und-Wohnen-Panel.

Ariadne ist ein Konsortium von 27 Forschungseinrichtungen, darunter die TU München, das Klimaforschungsinstitut MCC in Berlin und das Münchner Ifo-Institut.

Studie der Bertelsmann-Stiftung zu Klimapolitik und sozialer Gerechtigkeit

Die Studie der Bertelsmann-Stiftung untersucht Zielkonflikte in Bezug auf Klimaschutzmaßnahmen, Wirtschaftspolitik und soziale Gerechtigkeit. Sie basiert auf Umfragedaten des Sozialen Nachhaltigkeitsbarometers der Energie- und Verkehrswende, einer bevölkerungsrepräsentativen Online-Panelbefragung von über 6.500 Personen

Die Studie wurde im Dezember 2023 veröffentlicht und entstand in Zusammenarbeit mit dem Forschungszentrum für Nachhaltigkeit (RIFS) in Potsdam.

Die Bertelsmann-Stiftung ist eine private Stiftung, die „Reformprozesse“ und „Prinzipien unternehmerischen Handelns“ für eine „zukunftsfähige Gesellschaft“ fördern will. Das Soziale Nachhaltigkeitsbarometer ist ein Projekt der Eon-Stiftung.

Quelle

Der Bericht wurde von der Redaktion „klimareporter.de“ (Lena Bäunker) 2024 verfasst – der Artikel darf nicht ohne Genehmigung (post@klimareporter.de) weiterverbreitet werden! Der Text ist zuerst bei Perspective Daily erschienen.

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