‹ Zurück zur Übersicht
Depositphotos | lilmallugirl

© Depositphotos | lilmallugirl

Die Erde hat Fieber

Ende Mai veröffentlichte die Nationale Ozean- und Atmosphärenbehörde der Vereinigten Staaten NOAA, die die Messstation Mauno Loa auf Hawaii betreibt, einen neuen Rekordwert: 417,2 ppm (parts per million CO2). Damit liegt der bisherige diesjährige Höchstwert schon 2,4 ppm über dem letztjährigen Wert. Was sich nach wenig anhört, ist in Wirklichkeit ein erschreckend hoher Anstieg. Von Hans-Josef-Fell

Damit wird die irdische Atmosphäre schon im kommenden Jahr die 420 ppm CO2 überschreiten, die von manchen Klimaforscher*innen in der Vergangenheit als so gefährlich bezeichnet wurde, da dann der Klimakollaps nicht mehr aufzuhalten sei. Die heutigen Apelle und Beschreibungen von Spitzenklimaforscher*innen sind auf Grund des Versagens der Weltgemeinschaft noch wesentlich dramatischer, ja fast schon resignierend.

Klar erkennen kann man, dass alle bisherigen Klimaschutzbeschlüsse, Weltklimakonferenzen, nationale Klimaprogramme, ob in Deutschland, der EU oder sonst wo in der Welt vollkommen versagt haben. Alle bisherigen Beschlüsse der Weltgemeinschaft von Kyoto 1997 bis Paris 2015 haben so gut wie keinen Effekt für den Klimaschutz gebracht.

Grafik 1

Die Corona-bedingten weltweiten wirtschaftlichen Einschnitte haben zwar zeitweise für einen merklichen Rückgang der Emissionen gesorgt (ca. 17% weniger im April), aber sie fallen insgesamt nur sehr wenig ins Gewicht, sodass über das Jahr gerechnet höchstens mit einem Emissionsrückgang von 4-7% gerechnet werden kann. Damit lägen die diesjährigen weltweiten Emissionen trotz Corona-Krise im Mittel der letzten 10 Jahre und gehörten somit immer noch zu den höchsten jemals gemessenen Emissionswerten.

Während es sich vielleicht gut anhören mag, dass wir dieses Jahr 4-7% weniger CO2 ausstoßen könnten, ist dies dennoch eine Schreckensmeldung. Denn jedes zusätzlich ausgestoßene Gramm CO2 trägt zur Erhitzung des Planeten bei. Professor Ralph Keeling von der University of California San Diego verglich den Zuwachs von CO2 in der Atmosphäre mit Müll, der auf einer Abfalldeponie abgeladen wird: „So lange wir weiterhin [CO2] emittieren, so lange wird der Müllhaufen anwachsen.“

Eine weitere Steigerung der CO2-Konzentration auf ca. 420 ppm im kommenden Jahr wird die Folge sein. Während sich das Klima also schon unter der bisherigen CO2-Konzentration zunehmend erhitzt, erhöht sich diese Konzentration durch jede Emission und macht somit eine noch schnellere Erwärmung unseres Planeten wahrscheinlicher. Allein um die Wachstumsrate des gemessenen CO2-Gehalts merklich zu mindern, bräuchten wir jährliche 20-30% Emissionsreduktion über mindestens ein halbes Jahrzehnt hinweg. Und selbst dann, würde sich nur die Geschwindigkeit verringern, mit der sich die Welttemperatur weiter erhöht.

Um das Schlimmste noch verhindern zu können, müsste die Weltgemeinschaft auf Nullemissionen bis 2030 setzen. Und genau darauf käme es jetzt an, die Wirtschafts- und Konjunkturprogramme, die weltweit hochgefahren werden, um Wirtschaftskrisen zu verhindern, sind entscheidend. Es darf kein „zurück zum Status Quo“ geben, denn der bedeutet eine zunehmend beschleunigte Erhitzung des Planeten und eine Gefährdung der menschlichen Zivilisation innerhalb der kommenden Jahrzehnte.

Doch die Schreckensnachrichten aus Mauna Loa beeindrucken offensichtlich kaum jemanden in Politik, Medien und Wirtschaft. Sowohl das deutsche Klimaschutzpaket, das Konjunkturpaket, wie auch der European Green Deal setzen weiter auf hohe Emissionen in den kommenden Jahrzehnten. Mit diesen Programmen ist der Eintritt des Planeten in die irdische Heißzeit mit der möglichen Folge des Auslöschens der menschlichen Zivilisation unvermeidlich.

Im Kern solcher Programme müsste die schnellstmögliche Abkehr von allen fossilen Energieträgern sein, der größten Quelle für Treibhausgase. Doch während vielerorts die Abkehr von der Kohle politisch beschlossen oder marktwirtschaftlich bedingt vorangetrieben wird, wird Erdgas oftmals noch als der „klimaschonendere“ fossile Energieträger angesehen, da hier schließlich weniger CO2 ausgestoßen werde. Doch erstens ist „weniger Emissionen“ eben auch keine Option und zweitens verursachen Produktion und Transport von Erdgas Emissionen eines weiteren Treibhausgases, welches nach wie vor zu wenig Beachtung findet: Methan (CH4).

Neben dem CO2-Anteil in der Atmosphäre misst man in Mauna Loa auch dessen Methangehalt und dieser steigt ebenfalls besorgniserregend schnell. Während der Anteil nicht in ppm, sondern in ppb (parts per billion) angegeben wird, spielt das Gas dennoch eine nicht minder wichtige Rolle für die Erwärmung des Planeten. Denn das globale Erwärmungspotential (GWP) von Methan ist nach 20 Jahren etwa 85-mal größer als das von CO2. Da sich Methan schneller verflüchtigt, nähert sich die Langzeitwirkung beider Treibhausgase über die Jahrzehnte an, aber für die kommenden entscheidenden 20-30 Jahre stellt Methan eine enorme und wachsende Gefahr für unser Klima dar.

Grafik 2

In der Methankurve aus Mauna Loa kann man übrigens sehr schön das deutlich schnellere Anwachsen der Methankonzentration ab etwa ca. 2008 erkennen, also genau in den Jahren, in denen das US-amerikanische „Frackingwunder“ begann, das seit dem für hohe Methanemissionen sorgt. Aus diesem Grund dürfen Produktion, Transport und Verbrauch von Erdgas nicht vorangetrieben werden, sondern müssen zusammen mit Kohle- und Erdölgewinnung noch in diesem Jahrzehnt beendet werden.

Die gerade im Bundeskabinett beschlossene nationale Wasserstoffstrategie wird aber den Methanausstoß weiter erhöhen. Denn noch für einige Jahrzehnte setzt die Bundesregierung statt ausschließlich auf grünen Wasserstoff, auch auf Erdgaswasserstoff, sogenannten blauen oder türkisen Wasserstoff.

Die Zahlen aus Mauna Loa zeigen uns abermals mehr als deutlich, dass die Menschheit bislang beim Klimaschutz komplett versagt hat. Das Zeitfenster um den Einstieg in die irdische Heißzeit noch zu verhindern, schließt sich in diesem Jahrzehnt. Jeder Monat, in welchem nicht endlich die Weichen auf eine Nullemissionswirtschaft für 2030 gesetzt werden, bringt uns schneller auf den Pfad in Richtung einer unabwendbaren Katastrophe an dessen Ende die Auslöschung der menschlichen Zivilisation steht. Doch Bundesregierung und Europäische Kommission, wie auch die meisten anderen Regierungen der Welt, sind weit davon entfernt diese dramatische Lage zu erkennen, geschweige denn ernsthaft gegenzusteuern.

Grafik 1 | www.esrl.noaa.govGrafik 2 | www.esrl.noaa.gov
Quelle

Hans-Josef Fell 2020Präsident der Energy Watch Group (EWG) und Autor des EEG

Diese Meldung teilen

‹ Zurück zur Übersicht

Das könnte Sie auch interessieren