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IPCC-Szenarien: Klimakatastrophe abgesagt?

Klimaleugner von Trump bis AfD sehen sich durch die Streichung des extremsten Erwärmungsszenarios durch den Weltklimarat betätigt. Sie liegen falsch. Fachleute erklären, warum.

Für ihn war die Sache gleich klar: US-Präsident Donald Trump machte aus einer komplexen Debatte in der Klimaforschung eine politische Waffe. Auf seiner Online-Plattform Truth Social schrieb er am vorigen Wochenende, das oberste Klimagremium der Vereinten Nationen, der Weltklimarat IPCC, habe „gerade eingeräumt, dass seine eigenen Projektionen (RCP8.5) falsch waren! Falsch! Falsch! Falsch!“

Auch Klimawandel-Leugner in Deutschland schlugen zu. Fritz Vahrenholt, früherer Hamburger Umweltsenator und ehemaliger Manager bei Shell, Repower und RWE Innogy, befand: „IPCC: Klimakatastrophe war gestern, sie fällt aus.“ Klimagesetze und entsprechende Subventionen müssten „rigoros abgeschafft werden“.

Und die AfD zog das Thema sogar in den Bundestag. Karsten Hilse, klimapolitischer Sprecher der Fraktion, sprach am Mittwoch in einer aktuellen Stunde dazu vom „größten Betrug, der jemals an der Menschheit begangen wurde“.

Anlass der Debatte ist die neue Generation von Szenarien für die internationale Klimaforschung. Die in bisherigen IPCC-Berichten bislang häufig genutzte Hoch-Emissions-Variante SSP5‑8.5, Nachfolger der älteren RCP8.5, soll nicht mehr benutzt werden.

Darin wurde angenommen, dass die Länder der Welt den Verbrauch von Kohle, Öl und Gas weiterhin über Jahrzehnte hinweg weiter steigern, also praktisch keine Klimapolitik ergreifen. Das ist freilich nach heutigem Stand wegen internationaler Bemühungen zum Klimaschutz, billig gewordener erneuerbarer Energien, dem Boom bei der E‑Mobilität und veränderter Energiemärkte wenig wahrscheinlich.

Dem trug eine Arbeitsgruppe, die Vorschläge für die neuen Analysen im „World Climate Research Programme“ machte, Rechnung. Allerdings bezeichnete sie auch die bisher ebenfalls betrachteten sehr optimistische Pfade zur sicheren Einhaltung des 1,5-Grad-Erwärmungslimits als kaum noch plausibel.

Also: Die Bandbreite der möglichen Szenarien hat sich verengt.

„Klimaschutz hat gewirkt“ 

Fachleute halten es für absurd, daraus zu schließen, das Klimaproblem sei abgesagt. Die Meteorologin Diana Rechid vom Helmholtz-Zentrum Hereon in Geesthacht bei Hamburg erläutert: „Zukunftsszenarien sind keine Vorhersagen für die Zukunft.“

Dass RCP8.5 und SSP5-8.5 heute nicht mehr plausibel seien, heiße nicht, „dass sie unmöglich oder gar falsch sind“, so die Leiterin der Abteilung Regionaler und Lokaler Klimawandel am dortigen Climate Service Center Germany. Die Lage habe sich verändert, also müssten die Szenarien aktualisiert werden.

Das ist zunächst eine gute Nachricht. Niklas Höhne, Mitgründer des New Climate Institute in Köln, bringt es auf die Formel: „Klimaschutz hat gewirkt.“ Die erneuerbaren Energien seien inzwischen so stark, dass ein unendliches Wachstum fossiler Energien ausgeschlossen werden könne. Die Wissenschaft habe „nicht falsch gelegen oder gar Hysterie verbreitet“.

Sein Kollege Erich Markus Fischer, Klimaphysiker an der ETH Zürich, spricht von einem „Präventionsparadox“: Die schlimmsten Szenarien seien nicht eingetreten, „nicht, weil die Wissenschaft sich geirrt hätte, sondern weil viele Staaten Klimaschutz betreiben“.

Tatsächlich steuerte die Welt 2015 bei Abschluss des Pariser Klimaabkommens mit den damals umgesetzten Klimaschutz-Maßnahmen auf absolut katastrophale rund 3,5 Grad zu. Inzwischen sind es laut dem UN-Umweltprogramm Unep „nur“ noch 2,3 bis 2,5 Grad.

Das Klimasystem reagiert nicht linear

Warum wurde RCP8.5, das eine Erwärmung um 4,8 Grad ermittelt, trotzdem so oft genutzt? Solche Szenarien dienten oft als eine Art Stresstest für das Klimasystem, erläutern die Fachleute. Man habe RCP8.5 und SSP5-8.5 verwendet, „um das Klimawandelsignal von den natürlichen Schwankungen zu isolieren“.

Das heißt nicht, dass Forschende RCP8.5 als wahrscheinlichste Zukunft verkauft hätten. Es war ein Worst-Case-Szenario, kein Fahrplan. Jana Sillmann, Professorin für Klimastatistik und Klimaextreme an der Universität Hamburg, betont ebenfalls, Szenarien seien „nie Prognosen“, sondern Instrumente der Risikoabschätzung.

Dass die Lage besser ist als der alte Worst Case, bedeutet freilich nicht, dass sie gut ist. Klimaforscher Höhne betont, die Abschaffung des alten Extremszenarios sei „keineswegs als Entwarnung“ zu verstehen. Die Wissenschaft gehe heute davon aus, dass ein bestimmtes Temperaturniveau gravierendere Auswirkungen habe als noch vor zehn Jahren eingeschätzt.

Speziell die Wahrscheinlichkeit, dass Kippelemente des Klimasystems wie das Abschmelzen des Eisschildes an Nord- und Südpol oder das Austrocknen des Amazonas-Regenwaldes ausgelöst werden, sei höher.

Zwei bis drei Grad seien nicht harmlos, nur weil fünf Grad unwahrscheinlicher geworden sind. Und schon die heutige Erwärmung von bis zu 1,5 Grad zeige, was mehr Energie im Klimasystem bedeutet: Hitzewellen, Dürren, Starkregen, Waldbrände, schwindende Gletscher, Risiken für Gesundheit, Ernten und Infrastruktur.

Gerrit Lohmann vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven, verweist mit Blick auf die Szenarien-Debatte darauf, dass Deutschland bereits deutlich über zwei Grad Erwärmung gegenüber dem vorindustriellen Niveau liegt, die Arktis sogar bei mehr als drei Grad. Das Klimasystem reagiere nicht linear, irreversible Veränderungen seien reale Risiken. Aus der Neubewertung von RCP8.5 abzuleiten, Klimaschutz sei unnötig oder überzogen gewesen, sei „politische Irreführung“.

Groteske Verdrehung von Ursache und Wirkung

Das neue Worst-Case-Szenario geht immer noch von etwa 3,5 Grad Erwärmung bis Ende des Jahrhunderts aus statt der 4,8 Grad im alten. Von Entwarnung kann also keine Rede sein. Denn auch der untere Rand der Szenarien wird schwieriger.

Weil die globalen Treibhausgas-Emissionen auch in den letzten Jahren weiter angestiegen sind und die Welt nahe am 1,5-Grad-Limit liegt, rücken sogenannte Overshoot-Szenarien in den Fokus. Darin wird angenommen, dass die 1,5 Grad zunächst für eine gewisse Zeit überschritten werden und die Erwärmung später durch schnellere Emissionsminderung und CO2-Entnahme aus der Atmosphäre wieder gesenkt wird.

Das ist freilich kein bequemer Ausweg, sondern ein riskanter Notpfad. Es wird eine Reihe von Möglichkeiten diskutiert – darunter großflächige Aufforstung, Wiederherstellung von Mooren, Anreicherung von Böden mit Biokohle, aber auch technische Verfahren zur CO2-Entnahme und ‑Speicherung oder ‑Nutzung für Produkte. Doch all das ist aufwändig oder sehr teuer und noch nicht ausgereift.

Von einer Entwarnung, wie Trump, Vahrenholt und AfD sie verkünden, kann also keine Rede sein. Es ist grotesk: Dass die Klimakatastrophe in ihrer extremen Ausprägung gestrichen werden konnte, liegt ausgerechnet am zunehmenden Erfolg von Klimapolitik und billiger Ökoenergietechnik, die von Trump und Co bekämpft werden.

Der fossile Albtraum ist unwahrscheinlicher geworden, die sichere Einhaltung von 1,5 Grad ist es aber ebenfalls. Dazwischen liegt keine Komfortzone, sondern ein gefährlicher Korridor, in dem jedes Zehntelgrad über die Höhe der Gefahren und Schäden entscheidet.

Quelle

Der Bericht wurde von der Redaktion „klimareporter.de“ (Joachim Wille) 2026 verfasst – der Artikel darf nicht ohne Genehmigung (post@klimareporter.de) weiterverbreitet werden! 

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