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© Depositphotos.com | kwest | Warum wurden und werden Maßnahmen gegen die Klimaerhitzung hinausgezögert?

Wieviel Zeit bleibt uns noch, und was sollten wir mit dieser anfangen?

Gibt es noch eine Hoffnung auf Begrenzung des Klimawandels?

Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, aber die Wahrscheinlichkeit ist passé. Der Weltklimarat hat das Ausdrucksvermögen der Sprache bis ans Limit getrieben. Drastischer lassen sich das zunehmende Tempo der Klimaerhitzung und deren Auswirkungen nicht mehr verbalisieren. Er sagt, dass das Zeitfenster für Gegenmaßnahmen dabei ist, sich zu schließen. Doch noch sei es nicht zu. Wenige Jährchen würden noch bleiben.

Es ist ja verständlich. Er will nicht die Botschaft, dass Hopfen und Malz verloren ist, in die Welt setzen und damit bewirken, dass sämtliche Bemühungen um Klimaschutz aufgegeben werden. Andere Wissenschaftler nehmen diese Rücksicht nicht. Der australische Think Tank „Break Through“ veröffentlichte im April 2021 die Untersuchung „CARBON BUDGETS FOR 1.5 & 2°C„. Danach bewirkt die bereits jetzt in der Atmosphäre befindliche Treibhausgasmenge in wenigen Jahren die Überschreitung der 1,5 Grad. Die 2 Grad wären nur dadurch zu halten, dass sämtliche Klimagas-Emissionen umgehend gestoppt würden, was natürlich illusorisch ist.

Überraschen können diese Berechnungen überhaupt nicht. Vor etlichen Jahren wurde als besonders entscheidender „Kipppunkt“ das Tauen der Permafrostböden hervorgehoben, da hierbei riesige Mengen von Methan frei werden, das mit seiner in den ersten Jahren hundertfachen Klimawirkung von CO2 weitere Kipppunkte anstößt. Dieses Auftauen ist mitsamt seinen Dominoeffekten heute im vollen Gang.

Auch Matthias Hüttmann von der eher unaufgeregt agierenden Deutschen Gesellschaft für Sonnenenergie schreibt, dass „durch ständiges Hinauszögern von Maßnahmen“ die „Klimakrise“ nicht mehr überwunden werden kann und zur „Katastrophe“ mutiert. „Es kommt zu einem neuen klimatischen Zustand, der nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Die große Katastrophe, oder vielleicht auch anschaulicher die Apokalypse, ist erreicht.“

Hierzu tritt nun noch ein Krieg in Europa. Neben dem menschlichen Leid, das er verursacht, schädigt er nicht nur Klima und Umwelt zusätzlich und in katastrophalem Ausmaß, sondern hat das Zeug, sich zu einem Weltkrieg mit Atomeinsatz auszuweiten. Wenn es auch dazu kommt, dürfte das „Experiment Menschheit“ vorbei sein. Einstweilen hat sich die Gruppe der G7-Staaten, der Deutschland derzeit vorsitzt, darauf verständigt, die Ukraine über Jahre hin weiter mit Waffen zu beliefern.

Warum wurden und werden Maßnahmen gegen die Klimaerhitzung hinausgezögert?

Die Grundursache besteht darin, dass die profitorientierte Wirtschaft den Klimaschutz, den Umweltschutz und die Energiewende nicht will. Diese widersprechen dem ganzen Wesen der Profitmaximierung, welche Massenproduktion braucht und dementsprechend massive und rabiate Eingriffe in die Natur für Rohstoffe, Transportwege und vieles mehr.

Die erneuerbaren Energien sind kleinteilig und dezentral. Auch dies widerspricht dem Wesen des Kapitals, welches stets zunehmende Konzentration anstrebt. Die Regierungen hängen am Schlepptau der Konzerne. Schon das „Ur-EEG“ 2000 musste gegen den Willen der Regierung durchgesetzt werden. Eine Gruppe von Parlamentariern um Hermann Scheer (SPD) und Hans-Josef Fell (Grüne) verfassten es und brachten es als „Parlamentsgesetz“ durch den Bundestag. In der Folgezeit wurde es durch bürokratische Auflagen zunehmend deformiert. Heute verortet ein grüner Wirtschaftsminister Versorgungssicherheit und Friedensenergie nicht bei den Erneuerbaren, sondern im LNG, dem klima- und umweltschädlichsten Brennstoff überhaupt, von dessen Energie 30 Prozent allein für Gasverflüssigung, Transport und Re-Gasifizierung benötigt werden.

Trotz aller inszenierten Widrigkeiten – so wurden die erneuerbaren Energien beispielsweise lange Zeit völlig grundlos als „Strompreistreiber“ hingestellt – bestätigten Umfragen immer wieder neu, dass die Mehrheit der Bevölkerung die Energiewende will. Die Regierungen konnten daher nicht offen gegen die Energiewende vorgehen, sondern mussten hinterhältige Methoden anwenden. Hürden und Hemmnisse wurden in einem Bürokratiedschungel versteckt, der für Nicht-Fachleute undurchschaubar ist.

Akteure für Klimaschutz und Energiewende übersehen deren politischen Charakter

Aber auch viele Akteure der Energiewende blickten nicht durch. Sie gingen ingenieurmäßig an die Sache heran, betrachteten die Energiewende als ein technisches Problem. Widersinnige gesetzliche Regelungen führten sie auf mangelnden Sachverstand in den Ministerien zurück und bemühten sich, diesen mit ihrer Expertise unter die Arme zu greifen. Sie erkannten nicht, dass es bei der Energiewende nicht nur um eine neue Technik der Energieerzeugung geht, sondern um eine Umwälzung der ganzen Gesellschaft: um die Ablösung der lebensgefährlich gewordenen kapitalistischen Denk- und Handlungsweise durch eine globale Gemeinwohlwirtschaft und dass es hierbei zu einem brisanten politischen Konflikt mit den bisher führenden Kräften kommt und kommen muss.

In Kreisen von Klima-, Umwelt- und Naturschützern kann man aktuell erleben, dass Forderungen nach Beendigung des Ukraine-Kriegs mit der Begründung abgewiesen werden, dass sie „politisch“ seien, während man doch Umwelt- und Naturschutz zum Thema habe. Diese Trennung vorzunehmen, wo Krieg die schlimmstmögliche Schädigung von Umwelt und Natur darstellt, die vorstellbar ist, kann nicht nur mit Sparten-Borniertheit erklärt werden. Dahinter steckt vielmehr auch eine angstvolle Ahnung, dass mit dem Erkennen des politischen Charakters von Umwelt- und Naturzerstörung ein ganzes System, eine ganze Weltanschauung in die Brüche geht.

Gute Vorsätze nach 1945, doch Parlamentarismus ist nicht Demokratie

Der Weg vom 2. Weltkrieg in die BRD war mit besten Vorsätzen gepflastert. Sogar die CDU befürwortete damals die Sozialisierung großer Kapitalien. Dass „Eigentum verpflichtet“, wurde allgemein anerkannt. Nach der Nazi-Diktatur sollte eine „echte Demokratie“, also Herrschaft des Volkes, entstehen. Hier fängt allerdings der Betrug – oder wohlmeinend ausgedrückt: die Verwirrung – schon wieder an. Herrschen kann nämlich nur diejenige Schicht einer Gesellschaft, die die Produktion der materiellen Grundlagen und damit die Gestaltung der Lebenswirklichkeit in der Hand hat. Und das sind die Besitzer und Betreiber der Industrie und nicht „das Volk“. Dass das Volk Sprecher in die Parlamente wählen darf, bedeutet nicht, dass es herrscht. Den Parlamentarismus als „Demokratie“ zu bezeichnen, ist eine Irreführung. Denn die Herrschaft wird von den Führern der Produktion ausgeübt. Diese stehen nicht zur Wahl, gestalten aber die Realität. Oder wurde von einem Parlament beschlossen, dass das Automobil zu erfinden und zu verbreiten sei? Nein. Das Parlament kann über Marginalien mitbestimmen, zum Beispiel in welcher Höhe die Rücklichter zu montieren sind. Entsprechend verhält es sich bei allen weiteren epochemachenden Techniken, vom Fernsehen bis zur Digitalisierung.

Ziemlich lang konnte der schöne Schein von Demokratie und Geltung sinnvoller Gesetze aufrechterhalten werden. Wenn es Missstände gab, wurde die Ursache in fehlenden Mehrheiten für bessere Regelungen gesehen. Das nächste Mal also eine andere Partei wählen! Die Mitbestimmung weitete sich von Regierungen und Parlamenten sogar in weitere Regionen der Gesellschaft aus. Es kam zur Mitbestimmung in den Betrieben, und in weiteren wichtigen Bereichen. Gerade auch im Umweltschutz erkämpften sich Bürgerinitiativen einen Einfluss. Man konnte durchaus zur Überzeugung gelangen, dass es auf diese Weise möglich sei, dem Gemeinwohl immer mehr Geltung zu verschaffen.

Energiewende: Schluss mit lustig

Auch die von der Bevölkerung ausgehenden Initiativen zu einer breiten und eigenständigen Nutzung der erneuerbaren Energien wurden anfangs geduldet. Als aber absehbar wurde, dass die gesamte Energieerzeugung von den Erneuerbaren übernommen werden könnte und somit die grundlegende Branche der gesamten Wirtschaft und Gesellschaft von wenigen Konzernen in die Hände von Millionen Menschen übergehen würde, gab die konventionelle Energiewirtschaft mit den Regierungen als Transmissionsriemen Kontra. Andernfalls wäre es in der Energieerzeugung zu einer Sphäre echter Volksherrschaft gekommen, die sich dann möglicherweise auch auf weitere Bereiche ausgedehnt hätte.

Der Ukraine-Krieg hat eine zwiespältige Wirkung: Statt die Erneuerbaren schlagartig von allen Fesseln zu befreien, beschleunigt die Ampel-Koalition den Umstieg auf LNG. Auf der anderen Seite passiert jetzt das, wofür die Energiewende-Akteure viele Jahre mit relativ bescheidenem Erfolg gearbeitet haben: Ganz unabhängig von der Regierungspolitik gibt es einen Run der Bevölkerung auf Photovoltaik. Jetzt erkennt man, dass die Diffamierung der Erneuerbaren als „Preistreiber“ eine Lüge war, und dass das Gegenteil richtig ist.

Wir benötigen eine umfassend neue Weltanschauung

Hoffentlich kommt es zu weiteren Erkenntnisprozessen: Nämlich, dass die so schön scheinende Nachkriegsentwicklung in größerem Kontext betrachtet, eben doch nur eine Seifenblase war, die jetzt geplatzt ist. Jene Entwicklung hat durch Klima- und Umweltzerstörung zur Unbewohnbarmachung des Planeten beigetragen und mündet nun auch noch in einen Krieg, der möglicherweise alles beendet.

Der jetzige, von extremer Unsicherheit geprägte Moment demonstriert die Scheinhaftigkeit der Sicherheiten, in denen wir uns lange gewiegt haben. Dass heute, wo es um die Erhaltung der Lebensvoraussetzungen auf dem Planeten geht, ein Krieg um Macht- und Einflusssphären regionaler Mächte geführt wird, ist ein Anachronismus sondergleichen. Die Zeit des „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ und des „Blut und Ehre“ ist vorbei. Ebenso die der politischen Kräfte, die daran heute noch glauben und den Krieg durch Waffenlieferung verlängern.

Ebenso wie wir auf die umweltfreundlichen sanften und friedlichen erneuerbaren Energien umsteigen, müssen wir heute und in Zukunft auch Auseinandersetzungen mit Unseresgleichen auf „umweltfreundliche“ Weise austragen. Krieg ist antiquiert.

Wie andere friedliebende Kräfte lehnt auch der Dalai Lama Gewalt grundsätzlich ab. Nicht aus einem Kalkül, dass Gewaltlosigkeit vielleicht zielführender ist als Gewalt, sondern weil Gewaltanwendung grundsätzlich verfehlt ist, den Gesetzen der Schöpfung widerspricht. Franz Alt hat mitgehört, als er jungen ungeduldigen Tibetern sagte: „Wenn ihr zur Gewalt greift, werde ich sofort als Euer Dalai Lama zurücktreten“.

Ein Handeln erkunden, das frei von Zielvorstellungen ist und JETZT als stimmig und richtig empfunden wird, könnte ein sinnvolles Experimentierfeld für die Zeit sein, die uns noch verbleibt.

Quelle

Mit freundlicher Genehmigung von Christfried Lenz | Erstveröffentlichung in „pv-magazine“ 17.05.202 | Mitglied des Gründungsvorstands der BürgerEnergieAltmark eG.

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