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12.11.2019

"World Nuclear Waste Report – Focus Europe“ veröffentlicht

Die Endlagerung von hochradioaktivem Atommüll stellt Regierungen weltweit vor große, bisher nicht ansatzweise gemeisterte Herausforderungen und birgt unkalkulierbare technische, logistische und finanzielle Risiken. Das stellt der erste „World Nuclear Waste Report – Focus Europe“ fest.

Nach Berechnungen im World Nuclear Waste Report werden alleine in Europa (ohne Russland und die Slowakei [1]) über 60.000 Tonnen abgebrannter Brennstäbe weiterhin nur in Zwischenlagern gelagert. Abgebrannte Brennstäbe sind hochradioaktiver Abfall. Bisher habe kein Land der Welt ein Endlager für hochradioaktive Abfälle aus Atomkraftwerken in Betrieb genommen. Auch in Deutschland begännen derzeit erst neue Planungen. Frankreich weise mit 25 Prozent die meisten abgebrannten Brennstäbe auf, gefolgt von Deutschland mit 15 Prozent und dem Vereinigten Königreich mit 14 Prozent.

Darüber hinaus seien in Europa bislang mehr als 2,5 Millionen m3 an schwach- und mittelradioaktiven Abfälle angefallen. Über ihre gesamte Lebensdauer hinweg würden die europäischen Atomreaktoren rund 6,6 Millionen m3 verschiedenste Typen von Atommüll produzieren. Vier Länder verantworteten den Großteil dieser Abfälle: Frankreich mit 30 Prozent, Großbritannien mit 20 Prozent, die Ukraine mit 18 Prozent und Deutschland mit 8 Prozent.

Laut dem World Nuclear Waste Report stellten zudem die unterschätzten Kosten für Zwischen- und Endlagerung ein weiteres, finanzielles Risiko für die Steuerzahler dar, für das bislang kein Land ein konsistentes Finanzierungsmodell vorweisen könne.

„Weltweit wächst die Menge an Atommüll. Doch auch 70 Jahre nach Beginn des Atomzeitalters hat kein Land der Welt eine wirkliche Lösung für die strahlenden Hinterlassenschaften und weiteren Risiken der Atomkraft gefunden“, sagte Rebecca Harms, frühere Europaabgeordnete von Bündnis 90/DIE GRÜNEN und Initiatorin des Reports. “ Die größte Herausforderung ist der verbrauchte Brennstoff. Dieser macht zwar nur einen geringeren Teil des Atommülls aus, ist aber wegen seiner hohen und extrem langlebigen Radioaktivität sowie der Hitzeentwicklung der am schwierigsten zu lösende Teil des Problems.“, so Harms.

Der Schweizer Geologe und Sozialwissenschaftler Marcos Buser sagte: „Immer größere Mengen an hochradioaktivem Müll müssen für immer längere Zeiten zwischengelagert werden, da bislang kein Land der Welt ein geologisches Tiefenlager für hochradioaktive Abfälle in Betrieb genommen hat. Das Problem ist, dass diese Zwischenlager auch unter Sicherheitsaspekten nicht für eine derart langfristige Nutzung konzipiert wurden“. Der Schweizer Atomexperte warnte davor, dass die Zwischenlager zudem bereits heute an die Grenzen ihrer Kapazitäten stoßen. So sei beispielsweise das Lager für abgebrannte Brennstäbe in Finnland bereits zu 93 Prozent ausgelastet. „Die Schließung und der folgende Rückbau vieler Atomkraftwerke wird die Mengen an Atommüll nochmals drastisch erhöhen“, warnt Buser.

Neben den Sicherheitsaspekten sind laut Report die enormen Kosten der Zwischen- und Endlagerung ein weiteres Risiko. „Nationale Regierungen und Betreiber unterschätzen die Kosten für die Stilllegung sowie Lagerung und Entsorgung von Atommüll oft erheblich“ sagte Ben Wealer, co-Autor der Studie und Wirtschaftsingenieur an der Technischen Universität Berlin. In vielen Ländern klaffe eine große Lücke zwischen den zu bewältigenden Kosten und den Finanzmitteln, die dafür eingeplant sind. Verstärkt würde das Problem dadurch, dass mit der Endlagerung auch unkalkulierbare Risiken verbunden sind, die zu enormen Kostensteigerungen führen können, wie es derzeit die deutsche Bundesregierung mit dem Endlager Asse erlebt.

Ebenso wendeten Regierungen oftmals das gesetzlich verankerte Verursacherprinzip in der Praxis nicht konsequent an. „Kein einziges Land in Europa hat bislang ausreichend vorgesorgt, um die Kosten der Endlagerung des Atommülls zu finanzieren. Es droht, dass die reellen, massiven Kosten letztendlich von den Steuerzahlern getragen werden“, warnte Wealer.

Der Bericht zeige, dass die Ewigkeitslasten der Atomkraft nur unter erheblichen Anstrengungen zu bewältigen sein werden, sagte Rebecca Harms. Die ehemalige Europaabgeordnete aus dem Wendland unterstrich: „Nach über 40 Jahren Beschäftigung mit dem Thema gehe ich davon aus, dass es noch mehrere Generationen dauern wird, bis ein erstes Endlager in Betrieb genommen werden kann, das nach bestem Wissen und Gewissen gesucht und genehmigt wurde“. Darum habe sie diesen Report initiiert: „Es ist wichtig, der nächsten Generation nicht nur das Problem, sondern auch das Wissen aus der Atommülldebatte weiterzugeben“, so Harms.

  • Ellen Ueberschär, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, sagte: „Die zahlreichen, ungelösten Probleme im Umgang mit Atommüll belegen in aller Klarheit, dass Atomenergie keine Zukunft hat. Zugleich verdeutlicht der Bericht, dass es mit dem Ausstieg nicht getan ist. Unzureichende Rückstellungen für die Entsorgung dürfen nicht zu Lasten der Sorgfalt und Sicherheit bei Entscheidungen zur Zwischen- und Endlagerung führen. Die Suche nach einem geeigneten Endlager braucht größere öffentliche Aufmerksamkeit. Der Bericht soll eine qualifizierte internationale Debatte ermöglichen.“

Hintergrund: Der erste World Nuclear Waste Report – Focus Europe gibt einen Überblick über die globalen Herausforderungen, die wachsende Mengen von Atommüll mit sich bringen. Er wurde von einem Dutzend internationaler Wissenschaftler/innen verfasst und fokussiert sich auf Europa. Der Bericht ergänzt damit den etablierten World Nuclear Industry Status Report, der jedes Jahr von einem Expertenteam um Mycle Schneider herausgeben wird. Diese erste Ausgabe des World Nuclear Waste Reports wird auf Französisch und Tschechisch übersetzt. Die Initiatoren beabsichtigen, eine Folgeausgabe in zwei bis drei Jahren aufzulegen, um Trends und Entwicklungen sichtbar zu machen.
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[1] Die Berechnungen des Reports umfassen alle europäischen Länder, die Atomkraft nutzen. Ausgenommen hiervon sind Russland und die Slowakei, da die Datenlage dieser beiden Länder mangelhaft ist.

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  • Laden Sie den Bericht hier herunter (PDF)
  • Die Kurzfassung können Sie hier herunterladen (PDF)

 

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Quelle   Heinrich-Böll-Stiftung 2019

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