Ad

Anzeige

Zurück zur Übersicht

19.04.2019

Judas liebte Jesus

Judas und Jesus waren keine Feinde. Sie liebten sich. Judas hat Jesus nicht verraten. Die Tragik dieser Fehlübersetzung aus dem Aramäischen belastet das Christentum seit jeher und hat zum fatalen Antisemitismus geführt. Von Franz Alt

Wahrscheinlich stehen in keinem anderen Buch der Welt so viele Fake News wie in der Bibel, dem Buch der Bücher, dem Bestseller aller Bestseller. Ein  besonders krasses Beispiel finden Sie in jeder offiziellen Bibel der Welt bei Matthäus 10,34.  Danach soll Jesus angeblich gesagt haben: „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert“. So einen Unsinn soll der Pazifist der Bergpredigt gelehrt haben? Jesus ein Kriegstreiber? In seiner Muttersprache Aramäisch heißt derselbe Ausspruch  ganz anders: „Ich bin nicht gekommen, Harmonie zu verbreiten, sondern Streitgespräche zu führen“. Das ist Jesus-gemäß. Das passt zu seiner Friedenslehre „Glückselig sind die Friedensstifter“. Das ist Bergpredigt pur.

Der aramäische Jesus

Leider ist diese groteske Falschübersetzung keine Ausnahme. Der Theologe und evangelische Pfarrer Günther Schwarz hat 40 Jahre jeden Tag Aramäisch gelernt, um den wirklichen Jesus in seiner Muttersprache zu verstehen. Das Ergebnis seiner Aramäisch-Studien hat er in 20 Büchern und 150 wissenschaftlichen Aufsätzen hinterlassen: Jedes zweite Jesus-Wort ist demnach in der offiziellen Bibel  falsch übersetzt.  Günther Schwarz ist 2009 gestorben, aber die falschen Übersetzungen und die Fälschungen sind noch immer nicht korrigiert. Die Fake News stehen noch immer in circa vier Milliarden Bibeln und richten viel Unheil und Verwirrung an.  Vor allem beim Geschehen am Gründonnerstag und Karfreitag und in der Judas-Geschichte. War Judas wirklich der Jesus-Verräter?

Wenn ich einen japanischen Germanisten frage, in welcher Sprache er Goethe studiert, sagt er natürlich: „In Deutsch“. Wenn ich aber einen Theologie-Professor frage: „In welcher Sprache studieren Sie Jesus?“, sagt er: „In Griechisch“. Wenn ich dann erwidere „Jesus sprach aber Aramäisch“, bekomme ich zur Antwort „Aber die Evangelien sind nur in Griechisch überliefert“. Doch das ist falsch. Für die meisten Theologen scheint das Aramäische eine existenzbedrohende Gefahr zu sein. Warum nur?

Unbestreitbar ist Aramäisch die Muttersprache Jesu, genauer galiläisches Westaramäisch. Dazu gibt es eine Reihe von Wörterbüchern, die jeder Theologe benutzen kann. Außerdem gibt es im Talmud Aufzeichnungen in der Mundart Jesu.  Weitere Quellen sind der westaramäische Peschitta-Text, mit dem der US-Aramäisch-Gelehrte Rocco A. Errico, einer der bedeutendsten Aramäisch-Kenner unserer Zeit, arbeitet,  und die altsyrischen Evangelien. Syrisch stand dem aramäischen Jesus-Dialekt sehr nahe. In Deutschland leben heute über 80.000 syrische Christen und Theologen, welche diese Sprache immer noch sprechen. Und außerdem gibt es die Rückübersetzungen der meisten Jesusworte aus dem Griechischen ins Aramäische von dem Aramäisch-Experten Günther Schwarz.

Judas: Ein Freund Jesu

Nun also zur wirklichen Geschichte zwischen Jesus und Judas wie sie im Aramäischen überliefert ist. Sie bietet uns einen ganz neuen Blick auf das Verhältnis Jesu zu seinem Freund Judas.

Am Vorabend seines Leidens, am Gründonnerstag, sagt Jesus in der aramäischen Urfassung des Neuen Testaments zwei Sätze zu und über Judas: „Ich – Ich sage euch: Einer von euch muss mich übergeben“ und direkt zu Judas: „Was du tun musst, tue es sofort“. Im Religionsunterricht und in vielen Predigten haben wir fast alle das Gegenteil gehört und gelernt – mit fürchterlichen Folgen in den letzten 2.000 Jahren Weltpolitik. Die verhängnisvolle Übersetzung wird auch in diesen Tagen in allen christlichen Kirchen der Welt wieder gepredigt werden.

2.000 Jahre hören die Christen bis heute, dass Judas ein fürchterlicher Verräter war. Noch am Karfreitag 2016 vergleicht Papst Franziskus den „Verräter“ Judas mit jenen islamistischen Terroristen, die wenige Tage zuvor in Brüssel mit ihren feigen Selbstmordattentaten 35 Menschen in den Tod gerissen und über 200 verletzt haben. Welch eine verhängnisvolle Fehldeutung! War Jesus tatsächlich ein Verratener als der er in Literatur, Kunst und Religion seit 2.000 Jahren gilt?

Wenn man mit Hilfe der Muttersprache Jesu, die auch Judas sprach, die Judas-Überlieferung untersucht, entdeckt man: Judas hat lediglich getan, was ihm Jesus aufgetragen hat. Er hat ihn nicht „verraten“, sondern „übergeben“. Alles andere ist schreckliche und verhängnisvolle Fehldeutung.

Als Einziger der zwölf Apostel stammte Judas aus Jerusalem und kannte sich in dieser Großstadt aus. Deshalb schickte Jesus gerade ihn zu den Hohepriestern, um sich gefangen nehmen zu lassen. Die anderen Elf waren Galiläer vom Land, die sich in der Hauptstadt nicht auskannten. Das Wort „verraten“ liegt dem griechischen „paradidonai“ zugrunde. Es kann aber auch „übergeben“ oder „überantworten“ heißen.

In den vier offiziellen Evangelien kommt „paradidonai“ insgesamt 59mal vor. Interessanterweise wird dieses Wort im Zusammenhang mit Judas 32mal mit „verraten“ übersetzt – wenn es jedoch nicht auf Judas bezogen ist, wird es immer mit „übergeben“ oder „überantworten“ wiedergegeben – so hat es Günther Schwarz festgestellt.   Mit dieser „verräterischen“ Übersetzung wurde Judas zum schimpflichsten aller Verräter der Weltgeschichte abgestempelt. Und Papst Franziskus vergleicht ihn mit heutigen Terroristen!

In der aramäischen Übersetzung sagt Jesus zu Judas: „Was du tun musst, tue es sofort“ (Jh. 13, 27). Judas handelt also zweifellos im Auftrag Jesu. Jesus war bewusst nach Jerusalem gegangen, um seinen Weg ans Kreuz zu gehen. Das war seine „Rolle“. Und Judas „Rolle“ war, ihm dabei zu helfen. Beide „Rollen“ sind nicht voneinander zu trennen.

Der Ende 2018 verstorbene und bekannteste israelische Schriftsteller unserer Zeit, Amos Oz, unterstellt in seinem Roman „Judas“ ganz realistisch diesem einen „Verrat aus übergroßer Liebe“. Doch die real christliche Judasgeschichte ist die Urgeschichte des Antisemitismus.

Oz: „Sie ist seit 2.000 Jahren das Tschernobyl des Antisemitismus. Denken Sie an die Renaissancebilder vom letzten Abendmahl. Die Jünger sehen alle sehr arisch aus, blond und blauäugig. Judas sitzt in der Ecke und ist ein hässliches semitisches Monster mit einer schrecklichen Nase. Das ist keine Nazikarikatur im „Stürmer“, das ist Renaissancekunst, 400 Jahre vor Göbbels. Der Holocaust hat hier seinen Ursprung. Wir alle sind Judas, Gottesverräter, Geldgierige, Zyniker.“ Soweit der Jude Amos Oz. Er hat Recht. Falsche oder gefälschte Übersetzungen können auch politisch schreckliches und grauenhaftes Unheil anrichten, ja sogar den Nazis dienen und Völkermord und Auschwitz rechtfertigen helfen.

Seit 2.000 Jahren wird Judas von Christen mit Schmutz beworfen ähnlich wie Jesus vor 2.000 Jahren damals von jüdischen Theologen. Der „Verräter“ war tatsächlich Jesu treuester Jünger. Nicht Judas hat Jesus verraten, sondern Petrus als er Jesus zweimal verleugnete bevor „der Hahn dreimal krähte.“(Mk. 14.72). Generationen von Christen wollen nicht vergessen und nicht vergeben, dass es Juden waren, die vor der Kreuzigung Jesu gerufen haben: „Weg mit ihm! Kreuzige ihn! Sein Blut komme über uns und unsere Kinder“ (Jh. 19.15). Deshalb ist im Christentum bis heute jeder Jude ein potentieller Judas, ein potentieller Verräter.

Der Judaskuss gilt bis heute als der berüchtigtste, berühmteste und feigste Kuss der Geschichte. Der Verräter aller Verräter war aber gar kein Verräter. Im Deutschen sind Jude und Judas beinahe dasselbe Wort – was zu einer unvorstellbaren politischen Katastrophe geführt hat. Beides steht für Verrat und Verräter. Seit 2.000 Jahren sind  d i e  Juden für die Judenhasser identisch mit Judas. Erst heute bekommt Judas durch eine richtige und faire Übersetzung eine völlig neue Anerkennung.

Amos Oz zu Recht: „Judas liebte Jesus“

Er hat seinen Meister nicht verraten, obwohl genau dies in allen vier herkömmlichen Evangelien noch immer so furchterregend falsch steht. Vielleicht war Judas sogar der gläubigste  seiner Jünger. Jesus und seine Jünger waren Juden und Söhne von Juden. Der Jude Judas hat die Kreuzigung, die der Jude Jesus wollte, als sein enger Freund lediglich organisiert – in freundschaftlicher Abstimmung mit seinem Meister Jesus. Nach sieben Jesus-Büchern mit zum Teil ebenfalls falschen Übersetzungen habe auch ich Grund, mich für meine früheren antisemitischen Fehler zu entschuldigen.

Walter Jens in seinem letzten Roman „Der Fall Judas“ über den angeblichen Verräter: „Ohne Judas kein Kreuz, ohne Kreuz keine Erfüllung des Heilsplans. Keine Kirche ohne diesen Mann, keine Überlieferung ohne diesen Überlieferer“.

Was ist die Aufgabe des Gründonnerstag und Karfreitag heute

Wer den 2.000 Jahre alten christlichen Antisemitismus und Antijudaimus psychologisch und psychotherapeutisch aufarbeiten will, muss mit der Korrektur der Judasgeschichte beginnen. Das ist die Aufgabe des Gründonnerstag und Karfreitag heute. Ohne Judas kein Karfreitag und kein Ostern. Und wahrscheinlich kein Christentum. Wenn die christliche Kirche Zukunft haben soll, muss sie endlich lernen, auf die Ur-Worte ihres Meisters zu hören. Wenn die Worte nicht stimmen, ist die ganze Botschaft falsch.

Der Unterschied zwischen Griechisch und Aramäisch vor 2.000 Jahren ist etwa so groß wie heute der Unterschied zwischen Deutsch und Arabisch. Deshalb lautet meine Osterbitte 2019 an Papst und Bischöfe beider Konfessionen, das Neue Testament von Aramäisch-Gelehrten endlich in Jesu Muttersprache rückübersetzen zu lassen. Denn die heutige Welt braucht eine Jesus-Renaissance. Günther Schwarz hat dazu bereits gute Vorarbeit geleistet.

Zurück zur Übersicht

Das könnte sie auch interessieren