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pixabay.com | Martin Ludlam | Landwirtschaft Dünger

© pixabay.com | Martin Ludlam | Der wichtigste Bestandteil vieler mineralischer Dünger ist Ammoniak. Dieser Stoff wird aus Stickstoff und Wasserstoff hergestellt. Der Stickstoff stammt aus der Luft, doch der Wasserstoff wird bislang meist aus Erdgas gewonnen.

Welternährung: Der Düngemittel-Schock

Der Iran-Krieg bedroht auch die internationale Lebensmittelsicherheit. Denn ohne synthetischen Stickstoffdünger kommt die industrielle Landwirtschaft nicht aus – und der wird aus Erdgas hergestellt und weltweit gehandelt.

Donald Trumps Krieg im Nahen Osten trifft nicht nur die Energiemärkte – er beginnt auch die weltweite Landwirtschaft zu beeinträchtigen. Die Blockade der Straße von Hormus, einer der wichtigsten Energierouten der Welt, hat die Produktion und Verfügbarkeit von Düngemitteln spürbar erschwert.

Für Landwirte rund um den Globus steigen die Preise, zugleich wächst die Sorge vor Lieferengpässen bei einem der wichtigsten Produktionsfaktoren der modernen Landwirtschaft.

Die Meerenge zwischen Iran und Oman gilt als zentrale Schlagader des globalen Energiesystems. Rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Erdöls und Flüssigerdgases wird hier transportiert. Fällt dieser Verkehr aus oder wird er stark eingeschränkt, steigen die Energiepreise sofort – mit weitreichenden Folgen auch für Industrien, die stark von fossilen Brennstoffen abhängen. Dazu gehört die Düngemittelproduktion.

Denn der wichtigste Bestandteil vieler mineralischer Dünger ist Ammoniak. Dieser Stoff wird aus Stickstoff und Wasserstoff hergestellt. Der Stickstoff stammt aus der Luft, doch der Wasserstoff wird bislang meist aus Erdgas gewonnen.

Produziert wird Ammoniak anschließend im energieintensiven Haber-Bosch-Verfahren. Deshalb hängen die Produktionskosten von Stickstoffdüngern eng mit den Preisen für Erdgas zusammen. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur entfallen bis zu 70 Prozent der Produktionskosten von Ammoniak auf den Energieeinsatz. 

Energieintensiv und stark globalisiert 

Genau hier schlägt der Konflikt im Golf durch. Der Anstieg der Gaspreise hat die Herstellungskosten für Dünger deutlich erhöht. Nach Angaben des britischen Senders BBC sind die Düngerpreise zuletzt um etwa ein Viertel auf fast 580 US-Dollar pro Tonne gestiegen.

Gleichzeitig kommt es zu Produktionsrückgängen, weil einige Firmen angesichts der hohen Energiepreise ihre Produktion drosseln oder vorübergehend stilllegen. Schon während der Energiekrise nach dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 mussten mehrere europäische Ammoniakfabriken zeitweise schließen, weil Erdgas als Rohstoff zu teuer geworden war.

Die Bedeutung dieser Entwicklung ist kaum zu überschätzen. Rund die Hälfte der globalen Nahrungsmittelproduktion hängt nach Schätzungen von Fachleuten direkt oder indirekt von mineralischen Stickstoffdüngern ab.

Seit der sogenannten Grünen Revolution in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat ihr Einsatz die landwirtschaftlichen Erträge stark gesteigert. Weltweit werden heute jährlich mehr als 180 Millionen Tonnen Stickstoffdünger produziert.

Die wichtigsten Hersteller sind China, Indien, Russland und die USA, doch auch die Staaten rund um den Persischen Golf mischen hier mit. Saudi-Arabien, Katar, Iran, Oman und die Vereinigten Arabischen Emirate stellen zusammen 20 bis 30 Prozent der globalen Ammoniak- und Düngemittel-Exporte, und der Golf von Hormus ist auch hierfür das Nadelöhr. 

Die Produktion ist energieintensiv und stark globalisiert. Große Ammoniakfabriken produzieren für den Stickstoffdünger Millionen Tonnen jährlich und beliefern internationale Märkte.

Transporte über große Distanzen gehören zum Standard – obwohl Ammoniak ein giftiger Stoff ist, der unter Druck oder bei niedrigen Temperaturen transportiert werden muss. Das macht Lieferketten anfällig für geopolitische Krisen und Energiepreisschocks. 

Ökolandbau verzichtet auf Kunstdünger 

Die aktuellen Turbulenzen zeigen erneut, wie abhängig die industrielle Landwirtschaft von fossilen Energien ist. Wenn Erdgaspreise steigen oder Lieferketten unterbrochen werden, geraten Landwirte schnell unter Druck.

Höhere Düngerpreise verteuern die Produktion von Getreide, Mais oder Reis – und können letztlich auch die Lebensmittelpreise nach oben treiben. Schon zu Beginn des Ukrainekriegs 2022 hatten Wissenschaftler sowie die Vereinten Nationen vor Auswirkungen auf die globale Ernährungssicherheit gewarnt.

Vor diesem Hintergrund gewinnt die Suche nach Alternativen an Bedeutung. Eine Möglichkeit sieht die Agrarwissenschaft in einer stärkeren Umstellung auf ökologischen Landbau. In diesem System wird weitgehend auf synthetische Stickstoffdünger verzichtet.

Stattdessen setzen Betriebe auf Fruchtfolgen, Leguminosen wie Klee oder Bohnen sowie auf organische Dünger aus Mist oder Kompost. Diese Methoden können Stickstoff auf natürliche Weise in den Boden bringen und die Abhängigkeit von industriell erzeugtem Dünger verringern. Gleichzeitig verbessert sich häufig die Bodenfruchtbarkeit und die Biodiversität auf den Feldern. 

Allerdings gilt auch: Die Erträge im Ökolandbau sind im Durchschnitt 15 bis 20 Prozent geringer als in der konventionellen Landwirtschaft. Eine umfassende Umstellung würde daher vermutlich Veränderungen bei Ernährungsgewohnheiten und Flächennutzung sowie aktiveres Vorgehen gegen die Lebensmittelverschwendung erfordern.

Dennoch sehen viele Fachleute in einer Ausweitung des ökologischen Landbaus eine Möglichkeit, die Verwundbarkeit der globalen Ernährungssysteme zu reduzieren. 

„Grüne“ oder lokale Ammoniak-Produktion 

Ein zweiter Ansatz will zumindest die Dünger-Herstellung verändern. Einige Unternehmen und Forschungsgruppen arbeiten daran, Ammoniak mit erneuerbarem Strom zu produzieren. Dabei wird Wasser per Elektrolyse in Wasserstoff und Sauerstoff gespalten. Der Wasserstoff reagiert anschließend mit Stickstoff aus der Luft zu Ammoniak – ähnlich wie im klassischen Verfahren, nur ohne das Erdgas. 

Diese sogenannte „grüne Ammoniakproduktion“ – die auch für klimaneutrale Schiffstreibstoffe im Gespräch ist – könnte die Treibhausgasemissionen der Düngemittelindustrie senken und zugleich die Abhängigkeit von fossilen Energieimporten verringern. Eine dieser Tage veröffentlichte Analyse des US-Technologie-Informationsdienstes ID Tech Ex verweist darauf, dass höhere Gaspreise die Wettbewerbsfähigkeit solcher Anlagen verbessern können.

Hinzu kommt ein weiterer Trend, auf den der Branchendienst hinweist: die Entwicklung kleiner, modularer Anlagen für die lokale Produktion von Ammoniak.

Unternehmen wie das US-Start‑up Talus Ag oder die britische Technologiefirma Nium arbeiten an Systemen, die zwar nur einen Bruchteil der Mengen klassischer Großanlagen produzieren, dafür aber direkt in landwirtschaftlichen Regionen betrieben werden können. Ein Beispiel ist eine Anlage in Kenia, die mit Solarstrom arbeitet und täglich etwa eine Tonne Ammoniak erzeugt. 

Solche Systeme könnten vor allem in Regionen ohne Zugang zu großen Häfen interessant sein, wo der Transport von Ammoniak besonders teuer ist. Wenn günstiger erneuerbarer Strom verfügbar ist, kann eine lokale Produktion laut ID Tech Ex bereits heute wirtschaftlich sein – zumal geopolitische Krisen immer wieder zeigen, wie schnell globale Lieferketten ins Wanken geraten.

Die Blockade der Straße von Hormus macht damit nicht nur die Abhängigkeit der heutigen Agrarwirtschaft von industrieller Produktion sichtbar. Sie könnte zugleich ein weiterer Anstoß sein, die Produktion eines der wichtigsten Betriebsmittel der Landwirtschaft neu zu denken – nachhaltiger, klimafreundlicher und unabhängiger von fossilen Energien.

Für die Ernährung der Weltbevölkerung wäre das ein Schritt zu einem stabileren und resilienteren Ernährungssystem.

Quelle

Der Bericht wurde von der Redaktion „klimareporter.de“ (Joachim Wille) 2026 verfasst – der Artikel darf nicht ohne Genehmigung (post@klimareporter.de) weiterverbreitet werden! 

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