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Nächster IPCC-Bericht: Der Weltklimarat steckt fest

Der Weltklimarat IPCC steckt in einer schweren Krise. China, Saudi-Arabien und andere Staaten blockieren den Zeitplan für den nächsten Sachstandsbericht. Lauter Protest kommt von den kleinen Inselstaaten und aus der Wissenschaft.

Der Weltklimarat IPCC steckt in der schwersten Krise seiner fast 40-jährigen Geschichte. Bei seiner 65. Vollversammlung in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba konnten sich die Delegierten vergangene Woche weder auf den Zeitplan für den nächsten großen Klimabericht noch auf das Budget einigen.

Der IPCC-Vorsitzende Jim Skea brach die Beratungen am späten Freitagabend ab. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits Delegierte abgereist, darunter Vertreter:innen ärmerer Staaten und kleiner Inselstaaten. Eine Fortsetzung wurde angekündigt, ein neuer Termin allerdings zunächst nicht genannt.

Im Zentrum steht der siebte Sachstandsbericht zum Klimawandel. Seine drei Teilberichte behandeln Ursachen, Folgen und Gegenmaßnahmen. Vor allem ist umstritten, wann sie erscheinen sollen.

Denn 2028 steht die nächste globale Bestandsaufnahme des 2015 beschlossenen Pariser Klimaabkommens an. Dabei prüfen die Staaten, wie weit die Weltgemeinschaft bei der Begrenzung der Erderhitzung vorangekommen ist und ob die bisherigen Klimaschutzmaßnahmen genügen, um die vereinbarten Ziele zu erreichen.

Auf Grundlage dieser Bilanz sollen die Länder dann ihre Klimaziele und Maßnahmen nachschärfen. Der Weltklimarat IPCC liefert dafür die entscheidenden wissenschaftlichen Erkenntnisse. 

Es sei eine beispiellose Situation, erklärt die Klimaforscherin und stellvertretende IPCC-Vorsitzende Diana Ürge-Vorsatz auf Nachfrage. Zunächst müssten auch die IPCC-Leitung und das Sekretariat die Situation verarbeiten. „Wir arbeiten an Lösungen.“

Ungelöster Streit seit 2024

Aufgrund der Vertraulichkeitsregeln des IPCC könne sie nicht über Einzelheiten der Plenarsitzung sprechen, sagt Ürge-Vorsatz. Doch auch ohne Sitzungsinterna ist die Konfliktlinie ein offenes Geheimnis. Der Streit hat inzwischen sechs IPCC-Sitzungen überdauert und schwelt seit Beginn der Verhandlungen über den siebten Sachstandsbericht im Januar 2024.

Eine Gruppe von Staaten, darunter Saudi-Arabien, China, Indien und Russland, lehnt die geplante Veröffentlichung im Sommer 2028 ab. Ihr Argument: Forschende aus dem globalen Süden bräuchten mehr Zeit, um ihre Erkenntnisse einzubringen.

Die meisten Staaten drängen hingegen auf einen ambitionierten Zeitplan, wie aus dem Bericht des Earth Negotiations Bulletin, eines unabhängigen Informationsdienstes für internationale Umweltverhandlungen, hervorgeht. Das gilt besonders für Europa, Südamerika, aber auch die kleinen Inselstaaten und viele weitere.

In einem Gespräch mit Klimareporter° sagte Diana Ürge-Vorsatz vor einem Jahr zu diesem Streitpunkt: „Der Zeitplan des IPCC ist sehr genau geprüft worden und steht in vollem Einklang mit denen früherer Berichtszyklen.“ Es sei also zumindest fraglich, ob der vorgeschlagene Zeitplan wirklich zu knapp bemessen ist. 

Tatsächlich wird die Klimaforschung bislang vor allem von reichen Ländern geprägt. Der IPCC bemüht sich jedoch, diese Dominanz aufzubrechen: Nach eigenen Angaben stammen 51 Prozent der 664 ausgewählten Fachleute aus Entwicklungs- und Schwellenländern.

„Man sollte sich nicht auf vorgeschobene Argumentationslinien einlassen“, sagt Wolfgang Lucht, Leiter der Abteilung Erdsystemanalyse am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und selbst Autor mehrerer IPCC-Berichte.

Zwar stoße der „explizit inklusive“ Prozess des IPCC auf die Dominanz westlicher und zunehmend auch chinesischer Wissenschaftssysteme. Mehr Zeit allein ändere daran jedoch nichts.

Die Arbeit an den Berichten beruhe „schon immer vor allem auf einer idealistischen Selbstverpflichtung der Wissenschaftler:innen“, sagt Lucht. Eine bessere personelle und finanzielle Unterstützung könne ihre Beteiligung erleichtern und den Prozess inklusiver machen.

„Beschämendes Spiel auf Zeit“

Ausgerechnet der ungelöste Streit um die Finanzierung verschärft jedoch die Unsicherheit. Der IPCC finanziert sich über freiwillige Beiträge seiner Mitgliedsstaaten.

Aus dem entsprechenden Treuhandfonds werden unter anderem Sitzungen organisiert und die Teilnahme von Forschenden und Regierungsdelegationen aus Entwicklungsländern unterstützt. Bleiben zusätzliche Mittel aus, könnte es für Wissenschaftler:innen und Delegierte aus Ländern mit geringeren finanziellen Ressourcen schwieriger werden, sich gleichberechtigt am Berichtsprozess zu beteiligen. 

Mit dem Scheitern der Budgetentscheidung für 2027 bleibt diese Unterstützung unsicher. Erstmalswurde die eigentlich rein technische Frage der Finanzierung des Berichtszyklus zum offenen Streitpunkt.

Laut Earth Negotiations Bulletin blockierten Saudi-Arabien, Indien und Russland am letzten Sitzungstag den Vorschlag, zumindest die Budgets für 2026 und 2027 zu verabschieden. Saudi-Arabien und Indien hatten zuvor kritisiert, dass einzelne Budgetposten einen ambitionierten Zeitplan begünstigen würden.

IPCC-Chef Jim Skea widersprach dieser Auffassung. Laut Ürge-Vorsatz hatten zudem einige Staaten angekündigt, ihren Finanzbeitrag zu erhöhen.

Kritiker:innen wittern hinter der Forderung nach mehr Zeit politische Interessen. Für große Öl- und Gasexporteure wie Saudi-Arabien sind wissenschaftliche Erkenntnisse über die notwendige Abkehr von fossilen Energien politisch unbequem. 

China und Indien wiederum wollen ihren wirtschaftlichen Entwicklungsspielraum bewahren und setzen weiterhin in erheblichem Umfang auf Kohle. 

Lucht sieht darin einen Versuch, nicht nur die Klimadiplomatie, sondern zunehmend auch deren wissenschaftliche Grundlage zu behindern. 

Besonders scharf reagierten auch Vertreter:innen der Inselstaaten, deren Existenz durch den steigenden Meeresspiegel bedroht ist. Tina Stege, Klimabeauftragte der Marshallinseln, beklagte, Vorschläge für einen Kompromiss seien immer wieder zurückgewiesen worden. Sie sprach von einem beschämenden Spiel auf Zeit, obwohl keine Zeit mehr zu verlieren sei.

Lucht fordert ein viertes IPCC-Kapitel

Gegen die Blockade regt sich auch Widerstand aus der Wissenschaft. In einem offenen Brief fordern 117 Autor:innen des siebten IPCC-Sachstandsberichts, an einem ambitionierten Zeitplan festzuhalten.

Sie halten ihn für vereinbar mit gründlicher Forschung und der Beteiligung von Wissenschaftler:innen aus allen Weltregionen. Deshalb wollen sie ihre Arbeit trotz des politischen Stillstands fortsetzen.

„Eine wissenschaftliche Einschätzung, die erst nach den Entscheidungen vorliegt, deren Grundlage sie sein soll, kann ihren Zweck nicht erfüllen“, heißt es in dem Brief.

Die Stärke des IPCC droht zunehmend zu seiner Schwäche zu werden. Das Problem liegt in seiner Konstruktion. Unabhängige Forschende erarbeiten die Berichte, doch über die Zusammenfassungen für politische Entscheidungsträger, die Themen und auch den Zeitplan beraten die Regierungen mit. All diese Fragen müssen im Konsens entschieden werden.

So tragen zwar selbst skeptische Staaten die Ergebnisse mit. Das Konsensprinzip eröffnet ihnen aber zugleich Möglichkeiten, den Prozess aufzuhalten. 

Diese Blockade des IPCC-Prozesses sei Ausdruck einer fortschreitenden Politisierung der Klimawissenschaft, sagt Wolfgang Lucht. „Da den Fakten wissenschaftlich nicht widersprochen werden kann, wird stattdessen der Prozess diffamiert.“

Ginge es nach Lucht, würde der IPCC schon längst auch die politischen und gesellschaftlichen Ursachen in den Blick nehmen, die ihn nun selbst lähmen. Er fordere schon lange, die IPCC-Berichte um ein viertes Kapitel zu ergänzen: eine wissenschaftliche Analyse, „warum Klimapolitik bisher scheitert“.

Die Verzögerung spielt den Blockierern jedenfalls in die Karten. Je langsamer die Arbeit vorankommt, desto unwahrscheinlicher wird es, dass der voraussichtlich wenig schmeichelhafte IPCC-Report rechtzeitig zum 33. Weltklimagipfel 2028 zur Verfügung steht.

Quelle

Der Bericht wurde von der Redaktion „klimareporter.de“ (Joachim Wille und David Zauner) 2026 verfasst – der Artikel darf nicht ohne Genehmigung (post@klimareporter.de) weiterverbreitet werden! 

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