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Depositphotos | Sergey Nivens

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„Atomkrieg wäre der letzte Krieg der Menschheitsgeschichte“

Interview-Serie von Christian Frietsch mit Franz Alt. Teil 2 „Krieg“

Christian Frietsch führte anlässlich dessen 85. Geburtstags mit dem Schriftsteller 10 Interviews zu 10 wesentlichen Lebensbegriffen. Jedes Interview dauert etwa fünf Minuten. Im ersten Interview der Serie befassen sich Christian Frietsch und Franz Alt mit dem Begriff „Liebe“ – im zweiten Interview mit dem Begriff „Krieg“.“Ein Atomkrieg wäre der letzte Krieg der Menschheitsgeschichte“, Franz Alt.

goodnews4: Franz, wir sind in diesen Zeiten mit etwas konfrontiert, wodurch viele Menschen erschrocken sind, nicht nur in Europa, in der ganzen Welt. Dass es so etwas tatsächlich gibt in der zivilisierten europäischen Welt. Einen Krieg. Kriege toben überall, nur wir haben nicht darauf geachtet. Was ist denn für Dich das Wesen des Krieges, hast Du darüber mal tiefer nachgedacht?

Franz Alt: Die mangelnde Reflektion derer, die Kriege machen. Wenn Du eine Umfrage machst, weltweit, ist mit Sicherheit das Gros der Menschen gegen Krieg. Privat findest Du kaum jemanden, der für Krieg ist. Und auch in der Politik sagen alle, sie seien für Frieden. Mir ist mal aufgefallen, im Deutschen Bundestag, als es eine Debatte gab über die atomare Nachrüstung, das war die Bundestagssitzung, wo am Schluss die Mehrheit für atomare Nachrüstung war, in der aber das Wort «Frieden» am meisten gefallen ist von allen Bundestagssitzungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie haben für Gewalt gestimmt, aber am meisten das Wort «Frieden» gebraucht. Das heißt, es wird gar nicht über das Wort «Frieden» reflektiert und nachgedacht. Atomare Nachrüstung hieß, im Zweifel den Untergang der Menschheit in Kauf nehmen.

goodnews4: Wenn man mal versucht, tiefer hineinzugehen, viele Theologen, Philosophen und Soziologen haben versucht, sich damit zu beschäftigen und die These aufgestellt: Krieg ist das Prinzip der Natur. Die Menschen, die sich gegenseitig beschimpfen, Konflikt, Krieg und Auseinandersetzungen sind eher die Regel. Wenn man in die Physik schaut, ist der Stärkere immer derjenige, der den anderen verdrängt – man wirft den Stein ins Wasser und der Stein verdrängt das Wasser – ist das nicht ein Urprinzip des Daseins, das Andere zu verdrängen, es klein zu machen, es zu vernichten, seine Omnipotenz zu zeigen, die Ressourcen für sich zu gewinnen? Ist das nicht in uns implantiert und wir haben gar keine Chance das zu ändern?

Franz Alt: Implantiert ist die Gewalt in uns schon, genauso wie das Böse in uns implantiert ist. Nur, als Mensch mit Herz und Verstand haben wir die Möglichkeit, das zu überwinden. Ich lese im neuen Testament den Satz: «Überwinde das Böse durch das Gute.» Wir haben im Bereich der Politik seit 2.000 Jahren den altrömischen Grundsatz: «Wenn Du Frieden willst, musst Du den Krieg vorbereiten.» Das einzige Ergebnis dieses katastrophalen Mottos ist Krieg, Leid, Elend, Massenmord, Massenflucht. Im Atomzeitalter können wir uns dieses altrömische Prinzip nicht mehr leisten, denn ein Krieg jetzt wäre, ein Atomkrieg, der letzte Krieg der Menschheitsgeschichte und damit gäbe es keine Menschen mehr, die noch einen Krieg führen könnten. Ich werde nie vergessen, das wurde mir klar in einer Report-Sendung, in der ich Carl Friedrich von Weizsäcker eingeladen hatte, ein Bruder des früheren Bundespräsidenten, den großen Philosophen und Atomphysiker Carl Friedrich von Weizsäcker. Und Carl Friedrich von Weizsäcker hat gesagt: «Spätestens jetzt im Atomzeitalter müssen wir den Krieg ein für alle Mal abschaffen.» Die Alternative wäre die Vernichtung der Menschheit, weil es dann irgendwann durch technischen Zufall oder dadurch, dass ein Mensch durchdreht, der den Knopf am Atomdrücker hat. Das wäre das Ende der Menschheit.

goodnews4: Aber es ist doch das gleiche Paradoxon, wie Du angesprochen hast, dass alle Menschen den Frieden wollen, dass man sich aber doch, wenn der Ungerechte, der Böse angreift, wehrt. Ist es nicht aussichtslos, dieser Zwickmühle zu entkommen?

Franz Alt: Ich habe mal über diese Frage ein Streitgespräch mit Helmut Kohl unter vier Augen gehabt. Helmut Kohl hat gesagt, weil ich gegen atomare Nachrüstung war, er war dafür: «Alt, wenn Sie mit Ihrer Frau im Wald spazieren gehen und sie wird angegriffen, denn wehren Sie sich doch vermutlich.» «Ja, klar», sage ich, «aber ich werde keine Atombomben einsetzen, das bedeutet dann nämlich auch den eigenen Tod». Und das ist das Neue im Atomzeitalter und das haben viele Politiker einfach noch nicht begriffen.

goodnews4: Das ist logisch, aber die Lösung wäre ja, dass der Andere dieses Dogma anerkennt und sagt: «Ok, wir sind gewalttätig, aber nur bis zu diesem Punkt und das ist die rote Linie für alle.» Wer kann das garantieren?

Franz Alt: Wir sind auf dem Weg international dieses Prinzip zu begreifen und den Krieg abzuschaffen. 131 Staaten der UNO haben beschlossen, auf ihrem Gebiet werden nie Atombomben stationiert und sie werden auch keine eignen entwickeln.

goodnews4: Dann hoffen wir, dass der Krieg mal ein Ende findet, Franz.

Franz Alt: Wir haben keine andere Wahl.

Quelle

goodnews4 2023 | Danke für das Interview.Das Interview führte Christian Frietsch für goodnews4.de

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