Energie- und Klimabilanz 2025: Selbst das Wetter ließ den Klimaschutz im Stich
In der Substanz ist der Klimaschutz in Deutschland – die Energiewirtschaft ausgenommen – in den letzten Jahren nicht vorangekommen. Das legt die vom Thinktank Agora Energiewende vorgelegte vorläufige Klimabilanz für 2025 offen.
Die deutsche Klimabilanz hatte in den letzten Jahren einige Helfer. Erst kam Corona, dann die durch den Ukraine-Krieg verschärfte Energiepreiskrise, dann die schwache Konjunktur. Das senkte die CO2-Emissionen massiv. Milde Winter taten ihr Übriges. All dies ließ Deutschland beim Klimaschutz besser dastehen, als die Substanz es real zeigt.
2025 blieb sich die Industrie treu und schwächelte weiter. In energieintensiven Bereichen sank die Produktion um 3,2 Prozent und sogar um zehn Prozent bei der emissionsintensiven Erzeugung von Rohstahl und Eisen, listet die am Mittwoch veröffentlichte Klimabilanz 2025 des Thinktanks Agora Energiewende auf.
Allerdings spielte letztes Jahr das Wetter nicht mehr so richtig mit. Die gegenüber 2024 kühleren Temperaturen ließen den fossilen Brennstoffeinsatz in Öl- und Gasheizungen, in Heizwerken und Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen ansteigen.
Weil auf fossiler Basis mehr geheizt wurde, legten in den Gebäuden die CO2-Emissionen 2025 um mehr als drei Prozent zu, gibt Agora Energiewende an.
Dagegen konnten letztes Jahr auch die erneuerbaren Energien nicht so viel ausrichten. Zu verzeichnen war das schwächste Windjahr, seit 1950 entsprechende Aufzeichnungen begannen. Wasserkraft litt ihrerseits unter Trockenheit.
Erneuerbare litten unter Windschwäche und Netzproblemen
Wenigstens diese Rückgänge konnte die Photovoltaik kompensieren dank eines sonnenreichen Jahres sowie eines Ausbaus um 17.500 Megawatt. Zu viel mehr reichte es aber nicht.
Der Klimaeffekt der Erneuerbaren litt auch darunter, dass wegen Netzengpässen viel Ökostrom abgeregelt wurde und dafür Erdgas- und Steinkohlekraftwerke liefen. Deren Erzeugung legte laut dem Thinktank zusammen um rund sechs Milliarden Kilowattstunden zu. Zugleich ging der Braunkohlestrom um 3,7 Milliarden Kilowattstunden zurück.
Im Ergebnis all dessen stagnierten 2025 praktisch die Emissionen der Energiewirtschaft laut den Angaben bei 182 Millionen Tonnen CO2, das sind nur drei Millionen Tonnen weniger als im Vorjahr.
Stockt es bei der Energiewende, kann es beim Klimaschutz in Deutschland derzeit nicht vorangehen. Entsprechend bescheiden fallen die von Agora Energiewende am Mittwoch in Berlin präsentierten Zahlen aus.
Danach lagen die deutschen Emissionen letztes Jahr bei rund 640 Millionen Tonnen CO2. Gegenüber 2024 sanken sie um nur neun Millionen Tonnen oder 1,5 Prozent. Im Vorjahr hatte die CO2-Minderung noch bei 23 Millionen Tonnen oder 3,4 Prozent gelegen.
CO2-Minderung in Deutschland stagniert
Bei diesen Mengenangaben ist die Klimawirksamkeit aller Treibhausgase berücksichtigt und in CO2-Äquivalente umgerechnet, teilt Agora Energiewende dazu mit. Neben dem CO2 sind dies vor allem Methan und Lachgas.
Für die faktische Stagnation der CO2-Minderung macht Julia Blasius vor allem strukturelle Probleme verantwortlich. Zwar seien Wind und Sonne auch 2025 das Rückgrat der Energiewende geblieben, sagte die Direktorin von Agora Energiewende am Mittwoch. Allerdings könne der Stromsektor – bisher das Zugpferd der Emissionsminderung – die Versäumnisse in Verkehr und Gebäuden nicht dauerhaft ausgleichen.
Verkehr und Gebäude überziehen dabei ihre jährlichen Klimavorgaben immer rasanter. Die CO2-Emissionen im Verkehr legten 2025 um zwei Millionen auf 145 Millionen Tonnen zu. Damit wird das Jahresbudget mittlerweile um 28 Millionen Tonnen überzogen. Vor allem wurden mehr Kraftstoffe getankt, obwohl inzwischen fast jeder fünfte neu zugelassene Pkw einen E‑Antrieb hat.
Strafzahlungen von bis zu 34 Milliarden Euro
Im Gebäudesektor beträgt die Überziehung 2025 „nur“ 14 Millionen Tonnen. Im Neubau machen Wärmepumpen zwar schon zwei von drei Heizungen aus, ihr Anteil in den Bestandsgebäuden erreicht aber erst fünf Prozent.
In der Bilanz weist auch Agora Energiewende darauf hin, dass die Verfehlungen in Verkehr und Gebäuden Deutschland teuer zu stehen kommen könnten. Der Thinktank schließt sich hier der Prognose des Expertenrats für Klimafragen an. Laut den Regierungsberatern wird Deutschland seine Pflichten aus der EU-Klimaschutzverordnung voraussichtlich um 224 Millionen Tonnen CO2 überziehen.
Aus Sicht des Thinktanks könnte das die Bundesrepublik bis zu 34 Milliarden Euro kosten, um zum Ausgleich entsprechende CO2-Emissionsrechte zu kaufen. Das ist die bisher höchste bekannte Schätzung.
Allerdings ist fraglich, ob die EU-Verordnung in der jetzigen Form Bestand haben wird. Mit der Verschiebung des europäischen Emissionshandels für Gebäude und Verkehr auf 2028 sowie der Aufweichung des sogenannten Verbrennerverbots ab 2035 steht der Klimaschutz in Europa gerade auf der Kippe.
Erreichen der Klimaziele mit vielen Unwägbarkeiten
Auch für Deutschland fragt sich, wie groß der politische Handlungsdruck auf die Regierung beim Klimaschutz ist. Da gibt es offensichtlich ziemliche Unwägbarkeiten.
So rechnet Agora Energiewende in der Bilanz vor, Deutschland müsse nunmehr jedes Jahr im Schnitt eine jährliche CO2-Minderung um 36 Millionen Tonnen erzielen, um das Klimaziel 2030 noch zu erreichen. Das ist gemessen an dem 2025 Erreichten eine sehr ehrgeizige Marke.
Anzumerken ist weiter, dass die Klimabilanz des Thinktanks keineswegs vollständig ist. So geht Agora Energiewende auf die zuletzt enorm schlechte Entwicklung der natürlichen CO2-Senken in Deutschland nicht näher ein. Doch ohne eine großflächige Revitalisierung vor allem der Wälder kann Deutschland seine Klimaziele nicht erreichen.
Deutliche Worte findet der Thinktank aber für die CO2-Bilanz der Industrie. „Wir sollten uns nicht darauf verlassen, dass die Industrie Emissionen einspart, indem Produktion zurückgeht“, erklärte Julia Blasius am Mittwoch. Ziel müsse es sein, dass die Industrie gestärkt und wettbewerbsfähig wird und die Wirtschaft wieder wächst.
Was die Gesetzesvorhaben der Bundesregierung angeht, zeigt sich Agora Energiewende mit Forderungen eher zurückhaltend. Bei der Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes müsse der Vorrang des Netzanschlusses für Erneuerbare erhalten bleiben, verlangte Blasius beispielsweise.
Beim geplanten Gebäudemodernisierungsgesetz legte sie sich nicht fest, ob neu eingebaute Heizungen wie bisher zu 65 Prozent erneuerbar betrieben werden müssen. Blasius sprach mehrfach nur davon, dass neue Heizungen „mehrheitlich“ mit Erneuerbaren laufen sollten.
Trotz der Unwägbarkeiten sieht Agora Energiewende das Klimaziel für 2030 aber noch als erreichbar an, anknüpfend an entsprechende Prognosen des Umweltbundesamtes und des Klima-Expertenrats.
Bei der schwarz-roten Regierung baut der Thinktank allerdings weniger auf klimapolitischen Ehrgeiz, sondern vor allem auf die Überzeugungskraft der Kostenvorteile von Sonne, Wind und Speichern. In den letzten Jahren hätten die Erneuerbaren eine „Schubkraft“ aufgebaut, betonte Blasius. „Es wäre fatal, dies wieder abzuwürgen, vor allem, wenn man sich das internationale Umfeld anschaut.“
Auch geopolitische Aspekte sprechen aus Sicht der Politökonomin für den weiteren Ausbau der Erneuerbaren. Damit verringere Deutschland seine sehr große Abhängigkeit von Energieimporten, sagte sie.
Auf CO2-einsparendes Wetter wie in vielen Jahren zuvor kann Deutschland offenbar erstmal nicht hoffen. Auch Anfang 2026 zeigt uns Petrus die eiskalte Schulter.
Quelle
Der Bericht wurde von der Redaktion „klimareporter.de“ (Jörg Staude) 2026 verfasst – der Artikel darf nicht ohne Genehmigung (post@klimareporter.de) weiterverbreitet werden!







