Reaktion auf Energiekrise: Mehr Homeoffice, billigere ÖPNV-Tickets, günstigere Wärmepumpen
Die EU-Kommission reagiert mit Vorschlägen zum Energiesparen auf die Teuerung infolge des Iran-Kriegs. In Deutschland gibt es deutliche Mehrheiten für die Fortsetzung der Energiewende als Weg aus der Krise.
Die Europäische Kommission arbeitet angesichts steigender Energiepreise infolge des Krieges im Nahen Osten an einem Maßnahmenpaket, das kurzfristig Entlastung durch Energieeinsparungen bringen soll, aber auch den Übergang zu sauberer Energie beschleunigt. Im Zentrum stehen Vorschläge wie mehr Homeoffice, günstigere Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel und steuerliche Anreize für klimafreundliche Technologien.
Nach Informationen aus einem internen Dokument, über das zunächst die Financial Times berichtete, will Brüssel die EU-Mitgliedsstaaten ermutigen, Beschäftigten in Unternehmen mehr Arbeiten von zu Hause aus zu ermöglichen. Konkret wird vorgeschlagen, dass sie, wo es möglich ist, mindestens einen Tag pro Woche im Homeoffice arbeiten. Ziel ist es, den Pendelverkehr und damit den Verbrauch von Sprit zu reduzieren.
Flankiert werden soll dieser Ansatz durch eine stärkere Förderung des öffentlichen Nahverkehrs. Subventionen könnten Fahrtickets verbilligen und so einen Anreiz schaffen, vom Auto auf Bus und Bahn umzusteigen. Auch hier geht es primär darum, kurzfristig Energie einzusparen, ohne unmittelbar in industrielle Prozesse oder die Energieversorgung eingreifen zu müssen.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf steuerlichen Maßnahmen. Die Kommission empfiehlt, die Mehrwertsteuer auf klimafreundliche Technologien wie Wärmepumpen und Solaranlagen zu senken. Damit sollen Investitionen in effizientere Heizsysteme beschleunigt werden.
Ergänzend wird diskutiert, sogenannte soziale Leasingmodelle auszubauen. Diese könnten ärmeren Haushalten den Zugang zu Technologien wie Elektroautos, Batteriespeichern oder Wärmepumpen erleichtern, ohne dass sie die hohen Anfangsinvestitionen leisten müssen.
Darüber hinaus plant die Brüsseler Kommission, „ehrgeizige“, wenn auch bislang nicht konkret bezifferte Ziele für die Elektrifizierung in verschiedenen Sektoren festzulegen, um so den Verbrauch fossiler Energien zurückzudrängen. Unterstützt werden sollen die Mitgliedsstaaten auch bei der stärkeren Koordinierung von Energieeinkäufen sowie bei sozialen Ausgleichsmaßnahmen wie Preisdeckeln oder Einkommenshilfen.
Mit Gesetzesänderungen im Bereich der Strommarktregeln will die Kommission die Netzkosten für Strom senken. Außerdem soll sichergestellt werden, dass Strom niedriger besteuert wird als fossile Brennstoffe.
Maßnahmen wie nach Ausbruch des Ukraine-Kriegs
Viele der aktuellen Vorschläge erinnern an die Maßnahmen, die nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 ergriffen wurden. Damals stand Europa vor einer abrupten Verknappung von Gaslieferungen aus Russland, was zu drastischen Preisanstiegen führte. Die EU und ihre Mitgliedsstaaten reagierten mit einem Mix aus kurzfristigen Einsparmaßnahmen und strukturellen Reformen.
Öffentliche Gebäude wurden weniger beheizt, Klimaanlagen gedrosselt und die Beleuchtung von Denkmälern eingeschränkt. Viele Länder führten zudem Kampagnen ein, um Bürger zum Energiesparen zu bewegen. Auch die Industrie wurde angehalten, ihren Verbrauch zu reduzieren oder Prozesse anzupassen.
Parallel dazu setzte die EU mit Programmen wie „Repower EU“ auf eine rasche Diversifizierung der Energieversorgung. Flüssigerdgas-Importe wurden ausgeweitet, neue Lieferverträge abgeschlossen und der Ausbau erneuerbarer Energien beschleunigt. Zudem wurden strategische Gasreserven aufgebaut und Mindestfüllstände für Speicher eingeführt.
Einige Mitgliedsstaaten führten auch Preisbremsen ein oder besteuerten Übergewinne von Energiekonzernen. Auf EU-Ebene wurden Instrumente zur Abschöpfung der Übergewinne und zur Entlastung von Verbrauchern entwickelt.
Auch diesmal will die Kommission die Mitgliedsstaaten bei Regeln zu Preisdeckeln und der Stützung von Einkommen unterstützen. Eine EU-weite Übergewinnsteuer, wie sie von einigen Mitgliedsstaaten gefordert wurde, ist in den Vorschlägen laut Financial Times aber nicht vorgesehen.
Wie schon 2022 steht die Kommission vor der Herausforderung, wirksame Maßnahmen vorzuschlagen, ohne die Souveränität der Mitgliedsstaaten zu stark einzuschränken. Deshalb betonten EU-Vertreter, dass es sich überwiegend um Empfehlungen handelt. „Wir betreiben kein Mikromanagement im Leben der Menschen“, heißt es dazu aus Brüssel. Die Vorschläge sollen den EU-Staats- und Regierungsspitzen am Mittwoch vorgestellt werden.
Zwei Drittel der Deutschen setzen auf Erneuerbare
In der breiten Bevölkerung dürften die Vorschläge zum Umbau des Energiesystems auf Zustimmung treffen. So zeigt eine Umfrage, dass 66 Prozent der Befragten in Deutschland angesichts der aktuellen Lage den erneuerbaren Energien eine wachsende Bedeutung zuschreiben, während nur zwölf Prozent das ausdrücklich nicht so sehen. Durchgeführt wurde die Umfrage im Auftrag des Energieversorgers Eon vom Marktforschungsunternehmen Yougov.
Ähnlich das Ergebnis einer Umfrage von Civey für Vattenfall. Auf die Frage, wie Deutschland bei der Energieversorgung in geopolitischen Krisen unabhängiger werden kann, geben 62 Prozent der Befragten den Ausbau von Energienetzen und ‑speichern an. 56 Prozent nennen den Ausbau erneuerbarer Energiequellen.
Rund 38 Prozent der Befragten sehen jedoch auch in mehr konventionellen Kraftwerken in Deutschland eine Lösung für mehr Unabhängigkeit, 25 Prozent wollen gar explizit an fossilen Energien festhalten. Es folgen Energieeinsparungen im Alltag (18 Prozent) sowie staatliche Eingriffe in den Energiemarkt (15 Prozent).
Bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern bestehe der Wille, in dezentrale, klimafreundliche Energielösungen zu investieren, sagte der Vertriebschef von Eon Energie Deutschland, Filip Thon. „Die Energiewende gewinnt dadurch wieder neues Tempo.“ Der Konzern verzeichnete zuletzt eine deutlich stärkere Nachfrage nach Solardächern und Wallboxen für E‑Autos.
Nicht ganz so positiv sieht man die Lage beim Bundesverband Solarwirtschaft (BSW-Solar) und beim Bundesverband des Solarhandwerks. Im Heimsegment habe es im März zwar durchaus eine Belebung des Geschäfts gegeben, allerdings bei Weitem nicht so stark wie nach Beginn des Ukraine-Kriegs 2022. Der BSW-Solar spricht von einer „Erholung auf niedrigem Niveau“, der Handwerksverband von einem „stabilen Markt“.
Der Absatz von Wärmepumpen hierzulande hat indes schon jetzt einen kräftigen Zuwachs erlebt. Laut den Zahlen zur Heizungsförderung aus dem Bundeswirtschaftsministerium wurden im März über 33.500 Anträge auf Zuschüsse für eine Wärmepumpe gestellt, 30 Prozent mehr als im Februar und fast 50 Prozent mehr als im Januar.
Auch bei der Elektromobilität gibt es eine deutlich positive Tendenz. Im März wurden 71.000 reine E‑Autos zugelassen, so viele wie bisher noch nie in einem Monat. Gegenüber dem März 2025 betrug das Plus 66 Prozent. Fachleute führen das allerdings nicht auf den Irankrieg, sondern eher auf die neue E‑Auto-Förderung zurück, die rückwirkend zum 1. Januar gilt.
Ob es in der zweiten Jahreshälfte einen zusätzlichen Nachfrageeffekt wegen des Iran-Krieges und der gestiegenen Spritpreise gibt, „bleibt abzuwarten und ist auch von dessen weiterem Verlauf abhängig“, hieß es dazu beim Verband der Automobilindustrie (VDA).
Quelle
Der Bericht wurde von der Redaktion „klimareporter.de“ (Joachim Wille) 2026 verfasst – der Artikel darf nicht ohne Genehmigung (post@klimareporter.de) weiterverbreitet werden!







