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20.10.2019

Erhard Eppler ist tot

Einer der großen Vordenker der Öko- und Friedensbewegung in Deutschland und Europa, der SPD-Politiker Erhard Eppler, ist tot. Auch die Sonnenseite hat dem Ökologen und engagierten Friedensarbeiter Eppler viele Inspirationen zu verdanken. Vor knapp drei Jahren hat Prof. Udo Simonis das letzte Buch, das Erhard Eppler zusammen mit dem Radikal-Ökologen Nico Paech schrieb, eine Rezension geschrieben, an die wir noch einmal im Gedenken an Erhard Eppler erinnern.

Selektives Wachstum – Ohne Wachstum!

Soll die Wirtschaft noch wachsen? Wenn ja, wie? Oder muss die Wirtschaft schrumpfen? Wenn ja, warum? Eine spannende, anregende Streitschrift – und eine umfassende Einschätzung dazu von Professor Udo E. Simonis

Erhard Eppler, der Politiker und Publizist, ist einer der bedeutendsten Vordenker der SPD. Mit seinem Buch „Ende oder Wende“ (1975) trug er wesentlich zur Entstehung der Umweltbewegung in Deutschland bei. Niko Paech, der radikale Ökologe, wurde mit seinem Buch „Befreiung vom Überfluss“ (2012) zu einem wichtigen Protagonisten der „Postwachstumsökonomie“. Die beiden sollten auf Einladung des oekom Verlages ein Streitgespräch über ihre theoretische Position und ihre praktische Arbeit führen, das von Christiane Grefe, einer führenden Umweltjournalistin, moderiert werden sollte, die auch ein wichtiges Buch zum Thema geschrieben hat: „Global Gardening. Bioökonomie – neuer Raubbau oder Wirtschaftsform der Zukunft“ (2016.)

Gelegentlich ist es gut und angemessen, das Lesen eines Buches mit dem letzten Teil zu beginnen. Im Anhang des vorliegenden Buches sind zwei kurze Essays der beiden Kontrahenten abgedruckt. Epplers Essay trägt den Titel „Selektives Wachstum“ – und beginnt so: „Was wir heute ‚wirtschaftliches Wachstum‘ nennen, war ursprünglich nur eine statistische Zahl. Man hatte sich verständigt, wie die wirtschaftliche Gesamtleistung eines Staates, das Bruttoinlandsprodukt, errechnet werden könne. Wenn diese Summe von einem Jahr zum anderen anstieg, nannte man dies ‚das Wachstum‘. Wenn sich Phasen stärkeren Wachstums mit Phasen schwächeren Wachstums abwechseln, waren das Aufschwung bzw. Abschwung.“  So weit, so gut. Schwierig aber wird es, wenn Wachstum zum politischen Ziel gemacht wird; dann kann dieses Ziel alles Mögliche und manches Unmögliche rechtfertigen, dann entstehen Abhängigkeiten und Verwirrungen.

Wo Wachstum zum zentralen Ziel aller Politik wird, sagt Eppler, sei die Rutschbahn zum Marktradikalismus gebaut; dort landeten dann auch die Politiker, die eigentlich etwas ganz anderes wollen oder wollen sollten. Wachstum als generelles Ziel führe zum Primat der Ökonomie über eine Politik, deren Pflicht dann darin bestünde, die wirtschaftlich Mächtigen bei Laune zu halten. Eppler folgert daraus: Es hätte keinen Sinn, Wachstumsraten von 3 oder 4 Prozent zum politischen Ziel zu machen; doch abwegig sei auch, ein Nullwachstum anzustreben. Er hält fest: „Es kommt nicht darauf an, wie viel wächst oder nicht wächst – sondern was wächst“ (S. 182). Das ist Epplers Plädoyer für „Selektives Wachstum.“

Er begründet dies auf einfache Art und Weise. Selektives Wachstum fordere auf zum Diskurs: Was wollen wir wachsen sehen, was nicht? Was muss schneller wachsen, als die Marktkräfte es wachsen lassen? Was muss schrumpfen? Mit der Frage, was denn wachsen soll und was besser nicht, werde der Primat der Politik (wieder) hergestellt. Selektives Wachstum erfordere dann die politische Debatte und politische Entscheidungen, Gesetze oder administratives Handeln.

Eppler endet sein Plädoyer mit einer eigenständigen Einschätzung: „Eine Diskussion darüber, was wachsen und was schrumpfen muss,  damit wir unsere natürlichen Lebensgrundlagen schonen, könnte unsere Demokratie besser beleben als alles Jammern über Demokratieverdrossenheit… Politik lebt von der Frage, wie wir leben wollen“ (S. 186).

Niko Paech beginnt seinen Essay über „Postwachstumsökonomie“ mit einer anders gearteten, spektakulären Aussage: Die Wachstumsdebatte sei eine Gespensterdebatte. Eine weitere Steigerung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) sei im Grunde gar keine Option mehr: Wirtschaftswachstum scheitere absehbar an Ressourcenengpässen, verringere nicht die enormen Verteilungsdisparitäten, fördere nach Erreichen eines bestimmten Wohlstandsniveaus keine Glückszuwächse mehr herbei und sei nie ohne ökologische Schäden zu haben (S. 188). Unabdingbar sei hingegen eine absolute Entlastung der Ökosphäre. Ein Beispiel: Die in Deutschland pro Kopf und Jahr anfallende CO2-Menge von durchschnittlich 11 Tonnen müsste zur Stabilisierung des Klimas auf deutlich unter drei Tonnen gesenkt werden.

Das vielfach propagierte „Grüne Wirtschaftswachstum“ könne nicht die Antwort auf diese historische Herausforderung sein. Alle bisher ersonnenen und propagierten grünen Lösungen, ganz gleich, ob es sich dabei um Passivhäuser, Elektromobile, Ökotextilien, Photovoltaikanlagen, Bionahrungsmittel, Offshoreanlagen, Blockheizkraftwerke, smart grids, solarthermische Heizungen, Cradle-to-cradle-T-Shirts, Carsharing oder digitale Services handele, kämen nicht ohne weiteren physischen Aufwand, neue Produktionskapazitäten, zusätzliche materielle Infrastrukturen und größere Transporte aus. Paech folgert in apodiktischer Weise: „Alle bekannten grünen Technologien lösen die ökologischen Probleme nicht, sondern transferieren diese nur in eine andere physische, räumliche, zeitliche oder systemische Dimension“ (S. 191).

Wenn aber eine Entkopplung des BIP von ökologischen Schäden systematisch  fehlschlage, dann verblieben als Ausweg nur die (schrittweise) Reduktion industrieller Produktionssysteme und deren (teilweiser) Ersatz durch Versorgungssysteme, die ohne Wachstum und auf ökologisch verantwortbarem Niveau stabilisiert werden können (S. 193). Dieser Weg in die „Postwachstumsökonomie“, sagt Paech, sei vorgezeichnet, wenn nicht ‚by design‘, das heißt proaktiv und vorsorglich gestaltend, dann ‚by desaster‘, nämlich spätestens, wenn globalisierte Fremdversorgungssysteme (partiell oder total) kollabierten.

Paech konzediert, dass das Wirtschaften und das Leben in der Postwachstumswelt von größerer materieller Genügsamkeit und höherer Sesshaftigkeit („Glück ohne Kerosin“) geprägt wäre, aber gerade deshalb auch krisensicherer, verantwortbarer und stressfreier sein werde. Auf einen entsprechenden Sinneswandel der Entscheidungsträger in Parlament und Regierung setzt er allerdings nicht, die dezentrale und autonome Entwicklung vieler „Rettungsboote“ sei vielmehr die Chance und auch die passende Strategie (S. 198).

Wie aber streiten die beiden Protagonisten nach dieser Positionsbestimmung miteinander? Nun, sie beginnen zunächst mit einem gemeinsamen Gang durch Epplers grünen Garten und verbleiben dann eine Zeitlang bei freundlichen Nettigkeiten und einem Blick zurück. „Sie waren in meiner Jugend eine Gallionsfigur“ – so ist das 1. Kapitel überschrieben (und Eppler gemeint), wobei es um die Bedeutung und die Handlungsfähigkeit der Politik und ihr Verhältnis zur Zivilgesellschaft geht. Viele personelle Erinnerungen kommen hoch - an Jochen Steffen, Volker Hauff und Hermann Scheer bei dem einen, an Herman Daly, Rofie Hueting, Petra Kelly und Carl Amery bei dem anderen.

„Die Grünen hätte man nicht zu gründen brauchen, hätte es genug Epplers in der SPD gegeben“, meint Paech (S. 48). Bei Bundeskanzler Helmut Schmidt gab es zwei Dinge, die ihn absolut nicht interessierten: „Das eine war die Ökologie, das andere war die Dritte Welt. Genau diese beiden Dinge waren mir wichtig. Da musste es krachen“, erinnert sich Eppler (S. 49). Christiane Grefe, die Moderatorin, will beide Diskutanten in bessere Stimmung bringen mit dem Hinweis, dass mit dem Biodiversitätsabkommen der Vereinten Nationen, den globalen Nachhaltigkeitszielen und den Pariser Beschlüssen zum Klimaschutz doch etwas erreicht worden sei. Der Jüngste im Kreis aber beendet das Kapitel in Katerstimmung: „Wir haben nichts erreicht. Die Ökosphäre stirbt immer schneller, während gleichzeitig ständig neue Nachhaltigkeitsfortschritte gefeiert werden“ (S. 51).

Im 2. Kapitel des Buches geht es um die Verteilungsfrage und eine neue Verteilungspolitik. Es beginnt mit dem Hinweis auf den „globalen ökologischen Fußabdruck“ und die öffentlichkeitswirksame Beachtung des „Erdüberlastungstages“, an dem die Menschheit das ökologisch regenerierbare Quantum an Wasser, Boden und anderen natürlichen Ressourcen für ein Jahr verbraucht hat und der immer früher ansteht – inzwischen schon im August des Jahres. Die Moderatorin formt daraus die provokante Frage: „Ist der Schlüssel zur nachhaltigen Entwicklung tatsächlich, dass unsere Wirtschaft schrumpfen muss?“

In einem strikten Sinne verstanden bleibt diese Frage im Folgenden unbeantwortet. Beiden Diskutanten ist aber klar, dass damit ein wichtiger Zusammenhang hergestellt wurde. „In dem Augenblick, wo es tatsächlich kein Wachstum mehr gibt, wird die Verteilungsdiskussion sehr ernsthaft und ist nicht mehr abzuweisen“, antwortet Eppler (S. 64). Paech will den Verteilungskonflikt dadurch entschärfen, dass man mit neuen Lebensmodellen unabhängiger wird von dem, worum sich alles balgt: „Es geht um eine Mäßigung der Ansprüche, die uns ohnehin nicht mehr guttun“ (S. 65). Man könne zum Beispiel die Werbung verbieten. Das führt Eppler zu dem Aufschrei, den der Verlag auf den Buchdeckel gedruckt hat: „Was Sie vorhaben, Herr Paech, das wäre eine Revolution!“ Er schränkt aber sogleich ein: „…eine sanfte Revolution, ohne Revolutionäre“ (S.79). Fragt dann aber seinen Kontrahenten, warum er in seinem Buch nicht auch über Kapitalismus, Macht und Interessen rede. Paechs Antwort: „Kapitalismus und der damit verbundene Verweis auf die angebliche Machtfrage blendet auf bequeme Weise nicht nur die individuelle Verantwortung aus, sondern leugnet die vielen Freiräume, die wir haben, um dem aktuellen Wirtschaftssystem an unzähligen Stellen den Boden zu entziehen“ (S.81).

Das 2. Kapitel endet mit einer scharfen Abgrenzung voneinander. Eppler sieht in der (globalen) Debatte um „green growth – grünes Wachstum“ eine neue Qualität des Denkens und Handelns und zugleich den Versuch einer Antwort auf seine alte Frage: Was soll noch wachsen? Dass sein Gesprächspartner Paech diese Debatte kritisiert, kann er nicht nachvollziehen.

Um diesen Dissens besser auszuloten, verlockt die Moderatorin die Kontrahenten im 3. Kapitel auf das Thema Energie. Dass die „Energiewende“ ein typisch sozialdemokratisches Projekt sei, will Eppler zunächst mit Hinweis auf die historische Rolle belegen, die Hermann Scheer dabei gespielt hat. Er selbst sei froh über alles, was in die richtige Richtig gehe, weil so vieles in die falsche Richtung geht. Der Einstieg in die erneuerbaren Energien, das sei doch eindeutig die richtige Richtung. Und technologische Stolpersteine zu Beginn einer neuen Entwicklung seien mit der Zeit doch immer erledigt worden.

Paech hält dem entgegen, dass auch erneuerbare Energien nicht konfliktfrei und zum ökologischen Nulltarif zu haben seien. Wo immer man tiefer bohre, brächen die technischen Visionen in sich zusammen. Selbst Scheer habe die technischen Möglichkeiten der Wind- und Solarenergie überschätzt. Meist verlagerten technische Innovationen die Umweltschäden nur, statt sie zu lösen. Wer Kohle und Öl verdrängen wolle, schaffe das nicht durch ein Wachstum der Energieerzeugung, sondern nur durch Rückbau der Energienachfrage. Und er wiederholt dann sein Mantra: „Die Einhaltung ökologischer Grenzen setzt eine Schrumpfung des Bruttoinlandsprodukts voraus“ (S. 101).

Christiane Grefe, die Moderatorin, meint feststellen zu können, dass der Dissens der Kontrahenten eigentlich nur darin bestehe, dass sie die Weiterentwicklung von Technologien unterschiedlich einschätzten. Paech stimmt zu, fügt aber an, dass dies auch eine moralische Frage sei. An Eppler gewendet fragt er: „Wie kann ich das Schicksal der Umwelt, und damit der Menschheit, einem technischen Fortschritt anvertrauen, der noch gar nicht eingetreten ist …oder dessen Nebenfolgen sich erst herausstellen, wenn’s zu spät ist“ (S. 119). Eppler antwortet darauf mit einem empörten Satz. „Dass ich technologiegläubig sein soll, höre ich mit fast 90 Jahren zum ersten Mal“ (S. 120).

Paech wehrt sich auf andere Weise: „Sie werfen mir vor, dass ich einen radikalen Sprung fordere, der nicht durchsetzbar sei. Mitnichten! Nichts ist billiger, unkomplizierter und voraussetzungsloser umzusetzen als das pure Weglassen. Im Verkehr ist das noch wichtiger als bei der Elektrizität.“

Im abschließenden 4. Kapitel geht es um die Frage Parteipolitik versus Zivilgesellschaft - oder ob und wie beide gemeinsam aktiv werden müssten. Niko Paech macht zunächst ein unerwartetes Eingeständnis: Eine Strategie der Wachstumsvermeidung oder der Rücknahme des Wachstums werde wohl nicht nur in Deutschland, sondern nirgendwo auf der Welt eine Mehrheit finden. „Wahlen gewinnt nur, wer mehr Geld oder neue Freiheiten verspricht. Sobald Regierungen Einschränkungen etablieren wollen, sind sie dem Kreuzfeuer der Mehrheit ausgesetzt“ (S. 142). Das aber dürfe einen Wissenschaftler nicht davon abhalten, an der Idee einer Postwachstumsökonomie weiterzuarbeiten.

Er setzt dabei auf zwei Verstärker: auf „Krise“ und auf „Pioniere“. Die philosophische Grundidee, dass sich die Vernunftbegabung des Menschen in Verbindung mit seiner Freiheit langsam aber sicher kollektiv durchsetzen werde, sei ins Wanken geraten. Je länger man sich aber weigere, die Notwendigkeit einer Reduktionsstrategie anzuerkennen, desto wahrscheinlicher würden Krisen; viele der aktuellen Krisen seien im Grunde Eruptionen des globalen Wachstumswahns. Der zweite Verstärker seien die Postwachstumspioniere, ganz gleich ob sie sich zur Minimalisten- oder zur Degrowth-Bewegung zählen, die durch Übung vorwegnähmen, was demnächst ohnehin unvermeidlich werde.

Erhard Eppler endet das Gespräch auf eher väterliche Art und Weise. Ihm sei durchaus bewusst, dass hinter Paechs Ideen und Zielen ein Stück Wahrheit stecke. Aber der Sprung von der jetzigen (verschwenderischen) Gesellschaft auf die neue (genügsame) Gesellschaft sei einfach zu groß. In der Politik gehe zudem alles hintereinander, nicht miteinander. Und was die Ökologen angehe, führe der Konflikt zwischen Zurückhaltung und drohendem Kreuzfeuer dazu, dass die direkte Begegnung mit der Politik gar nicht mehr stattfände - oder nicht mehr gewollt sei. Zudem könne eine Gesellschaft in einer bestimmten Zeitspanne nur beschränkt lernen; jetzt habe sie erst mal die „Energiewende“ zu bewältigen (S. 155).

Diese Besänftigung seitens des alten erfahrenen Politikers mag der junge radikale Ökologe nicht unkommentiert sein lassen. Er hält den Rückbau der Wachstumswirtschaft nicht für rückständig, sondern für einen notwendigen, neuen Weg – und endet mit einem persönlichen Bekenntnis: „Ich fände die Forderung zukunftsweisend, dass wir in Deutschland nicht nur die erste Gesellschaft werden, die die Atomenergie überwindet, sondern auch die erste, die eine Autobahn zurückbaut, einen Flughafen abwickelt oder Flächen entsiegelt, statt weiter zu expandieren oder gar ähnliche Projekte wie Stuttgart 21 hochzuziehen“ (S. 152).

Fazit: Dies ist ein in jedem Sinne spannendes und anregendes Buch. Nicht ohne Widersprüche, aber voller Engagement für eine andere, bessere Welt. Daher musste dies hier auch zu einer außergewöhnlich langen Rezension werden – was der Leserin und dem Leser den Zugang zur Thematik erleichtern mag, aber trotzdem die vollständige Lektüre des Buches ans Herz legt.

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Quelle   Udo E. Simonis 2016 ist Professor Emeritus für Umweltpolitik am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) und Redakteur des Jahrbuch Ökologie

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