Hitzestress vom Atlantik bis zum Mittelmeer
Eine neue Attributionsstudie zeigt: Das Verbrennen von Öl, Gas und Kohle treibt die Temperaturen in Europas Meeren massiv nach oben. Das bedroht Ökosysteme und erhöht auch die Risiken für die Menschen an den Küsten.
Europas Meere geraten immer stärker in Hitzestress. Von den Gewässern rund um Irland bis ins Mittelmeer lagen die Oberflächentemperaturen in diesem Sommer außergewöhnlich hoch, zum Teil wurden Abweichungen von mehr als sechs Grad gegenüber den langjährigen Mittelwerten gemessen.
Eine neue Analyse des Forschungsnetzwerks World Weather Attribution (WWA) kommt nun zu dem Ergebnis, dass der menschengemachte Klimawandel hierfür der entscheidende Treiber ist. Die Erwärmung der europäischen Küstenmeere verläuft danach sogar schneller als die globale Erwärmung insgesamt.
Die Forscherinnen und Forscher aus der Schweiz, Schweden, den USA, Irland und Großbritannien untersuchten vier Regionen: die Gewässer rund um Irland und Großbritannien, die Biskaya, die Atlantikküste der Iberischen Halbinsel sowie das westliche und östliche Mittelmeer.
Besonders stark ist der Trend im Mittelmeer, wo die Wassertemperaturen etwa doppelt so schnell steigen wie die globale Durchschnittstemperatur.
Nach den Berechnungen hat der menschengemachte Klimawandel die Spitzenwerte der Meeresoberflächentemperatur im Mittelmeer inzwischen um etwa zwei Grad erhöht. Für die Biskaya und die iberischen Küstengewässer beträgt der Klimaeffekt rund 1,4 Grad, für die keltischen Gewässer 1,3 Grad.
Ohne die bisherige globale Erwärmung um im Schnitt rund 1,4 Grad wären die jetzt beobachteten Werte laut der Untersuchung in weiten Teilen extrem unwahrscheinlich oder praktisch unmöglich gewesen.
„Alarmierender Temperaturanstieg durch fossile Energien“
„Von den Atlantikgewässern vor Irland bis zum Mittelmeer erleben Europas Meere einen alarmierenden Temperaturanstieg“, sagte der Berner Klimaphysiker Thomas Frölicher, der an der Studie beteiligt war.
Die Analyse zeige klar, dass dies vom Klimawandel angetrieben werde, „insbesondere durch die fortgesetzte Verbrennung fossiler Energieträger“. Jede zusätzliche Tonne Kohlendioxid in der Atmosphäre verändere die Küstengewässer und ihre Ökosysteme.
Wie ungewöhnlich die Lage ist, zeigt auch die Fläche der marinen Hitzewellen. In der Biskaya und vor der Iberischen Halbinsel waren 2026 rund 90 Prozent des untersuchten Meeresgebiets betroffen, im westlichen Mittelmeer etwa 80 Prozent, im östlichen rund 70 Prozent und in den Gewässern rund um Irland und Großbritannien ebenfalls 80 Prozent.
Ohne die bisherige menschengemachte Erwärmung wären die Anteile laut der Studie deutlich kleiner: im östlichen Mittelmeer etwa neun statt 70 Prozent, in der Biskaya 40 statt 90 Prozent.
Die Ergebnisse passen zu den Messungen des EU-Klimadienstes Copernicus. Danach brachte schon der Juni 2026 für die Ozeane zwischen 60 Grad südlicher und 60 Grad nördlicher Breite mit durchschnittlich 20,9 Grad die höchste je für einen Juni registrierte Meeresoberflächentemperatur. Copernicus registrierte zugleich marine Hitzewellen im westlichen Mittelmeer und an der europäischen Atlantikküste.
Neben der langfristigen Treibhausgas-Erwärmung können bestimmte Wetterlagen die Temperaturen zusätzlich hochtreiben: anhaltende Hochdruckgebiete, geringe Bewölkung und schwache Winde begünstigen die starke Erwärmung der obersten Wasserschichten.
Nur ein Teil der Arten kann nach Norden ausweichen
Wie die globale Erwärmung auf die Meere wirkt, ist grundsätzlich seit Langem bekannt. Die Ozeane haben bisher mehr als 90 Prozent der zusätzlichen Wärme aufgenommen, die durch den menschengemachten Treibhauseffekt im Klimasystem gespeichert wurde.
Wärmeres Oberflächenwasser verstärkt zudem die Schichtung des Ozeans. Das heißt: Die Durchmischung mit tieferen, kühleren Wasserschichten wird schwieriger, wodurch weniger Sauerstoff und Nährstoffe in manche Meeresregionen gelangen können.
Die Folgen sind bereits sichtbar. Die steigenden Wassertemperaturen können Korallen, Schwämme, Seegraswiesen und Großalgen schädigen oder großflächig absterben lassen.
Solche Arten bilden Lebensräume für zahlreiche andere Organismen. Verschwinden sie, können sich die Auswirkungen durch die gesamte Nahrungskette ziehen – bis hin zu Fischen, Seevögeln und Meeressäugern.
„Das Leben in Europa Meeren gerät zunehmend unter Druck“, sagte der Meeresökologe und Co-Autor der WWA-Analyse, John Bruno von der University of North Carolina, der zu den Auswirkungen des Klimawandels auf marine Ökosysteme forscht.
Manche Arten könnten nach Norden ausweichen, andere seien dazu nicht in der Lage. Viele näherten sich den biologischen Grenzen ihrer Anpassungsfähigkeit.
An Land steigen Extremwetter- und Gesundheitsrisiken
Das verändert auch Fischerei und Ernährung. Der Weltklimarat IPCC erwartet zum Beispiel für das Mittelmeer eine weitere Verschiebung hin zu wärmeliebenden Arten – kälteangepasste Arten dürften dort weiter zurückgedrängt werden.
Zugleich können auch in anderen Meeresregionen wirtschaftlich wichtige Arten wie Kabeljau, Schellfisch, Makrele, Jakobsmuschel oder Hummer bei anhaltender Erwärmung stark unter Druck geraten.
Die Folgen der Meereshitze bleiben aber nicht auf das Wasser beschränkt. Warme Meere geben mehr Wärme und Feuchtigkeit an die Atmosphäre ab. Das kann in Küstenregionen vor allem nachts die Abkühlung bremsen und bei hoher Luftfeuchtigkeit den Hitzestress für Menschen erhöhen.
Zugleich steht der Atmosphäre mehr Wasserdampf zur Verfügung, ein Turbo für Starkregen-Ereignisse. Besonders in den Anrainerstaaten des besonders erwärmten Mittelmeers lässt sich das feststellen.
Hinzu kommen direkte Gesundheitsrisiken. Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) warnt, dass sich Vibrio-Bakterien in warmem, brackigem Küstenwasser besonders gut vermehren. Sie können unter anderem Magen-Darm-Erkrankungen und teils schwere Wundinfektionen verursachen.
Übertragungswege sind offene Wunden oder rohe beziehungsweise unzureichend gegarte Meeresfrüchte. Anfang Juli meldete die Behörde nach den frühen europäischen Hitzewellen bereits ungewöhnlich günstige Bedingungen für die Erreger. Infektionen sind in Europa zum Glück bisher selten.
„Wir können uns nicht einfach aus diesem Problem herausanpassen“
„Für Strandbesucher in kühleren Ländern mag wärmeres Wasser zunächst attraktiv klingen“, sagte Claire Bergin vom Icarus Climate Research Centre der irischen Maynooth University. Unter der Oberfläche seien die Folgen jedoch sehr ernst.
Die Erwärmung habe das Potenzial, ganze Ökosysteme umzugestalten, von denen Küstengemeinden für Nahrung und Einkommen abhängen, so die WWA-Forscherin. Zugleich könne extremes Wetter an Land verschärft werden.
Die Gruppe untersuchte denn auch, was bei weiterer Erwärmung droht. Bei einem globalen Temperaturanstieg von 2,8 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau – zurzeit ein realistisches Szenario – wären vergleichbare marine Hitzeereignisse in den vier Regionen noch einmal rund 1,3 bis 1,9 Grad heißer als jetzt.
Damit würden in vielen Meeresgebieten Temperaturen erreicht, die heutige Arten kaum noch tolerieren können. Der Spielraum, sich durch Wanderung oder biologische Anpassung auf die neuen Bedingungen einzustellen, würde für viele Arten immer kleiner.
Klimaanpassung kann Schäden mindern, etwa durch besser geschützte Lebensräume, geringeren zusätzlichen Stress durch Überfischung und Verschmutzung, angepasste Fischerei und Aquakultur sowie bessere Überwachung und Frühwarnsysteme.
Doch das WWA-Team betont, der Spielraum dafür sei begrenzt. „Wir können uns nicht einfach aus diesem Problem herausanpassen“, sagt die Klimaforscherin Friederike Otto vom Imperial College London.
Viele Menschen und Wirtschaftssektoren seien darauf angewiesen, dass sich die Meere nicht immer schneller aufheizen. Je länger der Ausstieg aus fossilen Energien hinausgezögert werde, desto höher werde der Preis.
Quelle
Der Bericht wurde von der Redaktion „klimareporter.de“ (Joachim Wille) 2026 verfasst – der Artikel darf nicht ohne Genehmigung (post@klimareporter.de) weiterverbreitet werden!







