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Bigi Alt | Mojib Latif ist Meterologe und Klimaforscher und leitet am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel den Forschungsbereich Ozeanzirkulation und Klimadynamik.

© Bigi Alt | Mojib Latif ist Professor für Ozean­zirkulation und Klima­dynamik am Helmholtz-Zentrum für Ozean­forschung Kiel (Geomar) und an der Universität Kiel, außerdem Präsident der Deutschen Gesellschaft des Club of Rome und der Akademie der Wissen­schaften in Hamburg.

„Klimaanpassung ist jetzt das A und O“

Einen Turbo bei der Klimaanpassung fordert Klimaforscher Mojib Latif. Interview: Joachim Wille

Maßnahmen zum Hitzeschutz in Krankenhäusern, Seniorenheimen, Schulen und Kindergärten sollten aus dem Sondervermögen, dem Klima- und Transformationsfonds und dem Abbau umweltschädlicher Subventionen finanziert werden.

MojibLatif "Heisszeit - Mit Vollgas in die Klimakatastrophe – und wie wir auf die Bremse treten" | Ein kämpferischer Aufruf des prominenten Klimaforschers Prof. Mojib Latif
MojibLatif „Heisszeit – Mit Vollgas in die Klimakatastrophe – und wie wir auf die Bremse treten“ | Ein Aufruf des prominenten Klimaforschers Prof. Mojib Latif

Klimareporter°: Herr Latif, Deutschland und große Teile Europas haben kürzlich eine außergewöhnlich lange und extreme Hitzewelle erlebt. Müssen wir Temperaturen von 40 Grad und mehr inzwischen als das „neue Normal“ betrachten?

Mojib Latif: Temperaturen von 40 Grad gab es noch vor einigen Jahrzehnten in Deutschland nicht. Daran sehen wir, dass die globale Erwärmung sehr dynamisch verläuft und vor allem auch Europa betrifft. Klar ist: Extreme Hitzewellen werden in der Zukunft häufiger auftreten und noch intensiver werden.

Die Bundesregierung betont inzwischen häufig die notwendige Anpassung. Besteht die Gefahr, dass Klimaanpassung als Ersatz für konsequenten Klimaschutz missverstanden wird – nach dem Motto: Richten wir uns eben auf drei Grad Erwärmung ein?

Die Gefahr besteht durchaus, obwohl man es seitens der Politik nicht zugeben möchte. Gerade in Zeiten finanzieller Engpässe könnte man die notwendigen Transformationsprozesse auf die lange Bank schieben.

Welche konkreten Entscheidungen müsste die Bundesregierung jetzt treffen, damit die nächste Hitzewelle nicht wieder nur Betroffenheit und kurzfristige Hilfsmaßnahmen auslöst? Wo wären schnelle Fortschritte beim Klimaschutz besonders wichtig – im Verkehr, bei Gebäuden, in der Energiepolitik oder beim Abbau fossiler Subventionen?

Wir müssen uns alle Bereiche schnellstens vornehmen. An erster Stelle muss aber die Gesundheit der Menschen stehen. Deswegen müssen umgehend Maßnahmen zum Hitzeschutz in Krankenhäusern, Seniorenheimen, Schulen und Kindergärten getroffen werden. Die erforderlichen Finanzmittel müssen aus dem Sondervermögen, dem Klima- und Transformationsfonds und dem Abbau umweltschädlicher Subventionen kommen.

Anderes Thema: Deutschland verursacht zwei Prozent der weltweiten Emissionen. Wie begegnen Sie dem Argument, nationale Klimaschutzmaßnahmen seien weitgehend wirkungslos, solange China, die USA, Indien und andere große Emittenten nicht entschlossener handeln?

Das ist eine Frage der globalen Gerechtigkeit. Unser Pro-Kopf-Ausstoß etwa ist viel höher als der vieler anderer Länder.

Dennoch: Deutschland hat mit der Energiewende einen bedeutenden Beitrag zum globalen Klimaschutz geleistet. Wir haben die erneuerbaren Energien bezahlbar gemacht. Aus diesem Grund boomen sie weltweit, und wir können heute die schlimmsten Szenarien ad acta legen.

Die internationale Klimapolitik steckt trotz inzwischen 30 Weltklimakonferenzen in der Krise, während geopolitische Konflikte und neue Investitionen in Öl und Gas zunehmen. Braucht es neben den UN-Gipfeln neue Bündnisse und Instrumente – etwa einen verbindlichen Ausstieg aus fossilen Energien, Klimaclubs großer Emittenten oder stärkere Handelssanktionen gegen klimaschädliche Produktion?

Das Wichtigste ist: Der CO2-Ausstoß muss einen Preis haben. Der europäische Emissionshandel funktioniert, das haben die letzten Jahre gezeigt. Nun muss die Weltpolitik es schaffen, so ein System weltweit zu installieren.

Auf jeden Fall sollten die Länder vorangehen, die ernsthaft Klimaschutz betreiben wollen. Sie müssen sich aber schützen vor Ländern, die nicht mitmachen, und die Einfuhren aus diesen Ländern verteuern.

Welche Rolle spielte der menschengemachte Klimawandel bei dieser konkreten Hitzewelle?

Allein die Tatsache, dass wir in den letzten Jahren neue Allzeit-Rekorde registrieren, spricht schon dafür, dass der menschengemachte Klimawandel hier eine Rolle spielt. Mit Klimamodellen kann man zudem zeigen, dass extreme Hitzewellen wie die jüngste ohne den Anstieg der Treibhausgase in der Atmosphäre kaum möglich wären.

Besonders belastend waren ja nicht nur die Höchsttemperaturen am Tag, sondern auch die tropischen Nächte. Welche gesundheitlichen Folgen erwarten Sie, wenn solche Hitzeperioden häufiger, länger und großräumiger auftreten?

Auch bezüglich der Nachttemperaturen hat es mit 29,4 Grad einen neuen Allzeit-Rekord gegeben. In zahlreichen Wohnungen war es vermutlich noch sehr viel wärmer. Der menschliche Körper stößt bei solchen Temperaturen an seine Grenzen. Das Faktum, dass es viele Hitzetote gab, spricht für sich.

Deutschland gilt als wohlhabendes und technisch gut ausgestattetes Land, ist aber auf extreme Hitze vielfach schlecht vorbereitet. Wo sehen Sie die größten Defizite?

Wir haben die globale Erwärmung nicht ernst genommen und die Infrastruktur nicht an die neuen Umweltbedingungen angepasst, obwohl die Entwicklung vorherzusehen war. Das Resultat: Wir sind in keiner Weise angepasst. So weit hätte es nicht kommen dürfen. Wenn schon die Deutsche Bahn von Bahnreisen abrät, spricht das Bände. 

Klimaanpassung ist jetzt das A und O. Hier besteht dringender Handlungsbedarf. Die globale Erwärmung wird weiter voranschreiten, denn die weltweiten Treibhausgasemissionen, auf die es ankommt, sind selbst nach dem Pariser Klimaabkommen 2015 weiter angewachsen

Herr Latif, Sie warnen seit Jahrzehnten öffentlich vor den Folgen der Erderwärmung. Nun treten viele der damals beschriebenen Entwicklungen sichtbar ein, trotzdem steigen die weltweiten Emissionen weiter. Müssen Sie sich eingestehen, dass Ihr jahrzehntelanges Mahnen letztlich wenig oder gar nichts bewirkt hat – und was lässt Sie dennoch weitermachen?

Es ist schon ernüchternd zu sehen, dass Wissen nicht automatisch zum Handeln führt. Dennoch gab es Fortschritte wie etwa den großen Zuwachs an erneuerbaren Energien weltweit.

Was noch fehlt, ist der politische Wille, die vorhandenen Möglichkeiten auszuschöpfen. Wir haben genügend saubere Energie auf der Welt, wir haben die Technologie, sie zu nutzen, und wir haben auch das Geld für die nötigen Investitionen. Das gibt mir Hoffnung.

Quelle

Das Interview wurde von „klimareporter.de“ – Joachim Wille 2026 geführt – der Artikel darf nicht ohne Genehmigung (post@klimareporter.de) weiterverbreitet werden! 

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