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pixabay.com | Felix Mittermeier | Wald

© pixabay.com | Felix Mittermeier

Klimaveränderungen in Deutschland:“Wälder sterben einen relativ stillen Tod“

Deutschland wird kein afrikanisches Klima bekommen, sagt der Dürre-Experte Andreas Marx. Dennoch bedeute der Klimawandel viel Stress, vor allem für die Forsten und Wälder. Sommerliches Wassersparen sei eher bei der Industrie sinnvoll. Interview: Joachim Wille

Klimareporter°: Herr Marx, Europa erwärmt sich schneller als alle anderen Kontinente – diese Nachricht vom Copernicus-Klimadienst der EU hat viele Menschen aufgeschreckt. Bekommen wir bald Verhältnisse wie in Afrika – mit extremen, langanhaltenden Dürren?

Andreas Marx: Nein, da kann ich Sie beruhigen. Das wird so nicht passieren, trotz des Klimawandels.

Die globale Erwärmung hat die Folge, dass trockene Gebiete noch trockener werden und sehr nasse Gebiete noch nasser. Der Bereich dazwischen ändert sich nicht so stark – und dort leben wir. Wir haben insofern Glück.

In Europa sehen wir: Der Mittelmeerraum ist heute schon relativ niederschlagsarm, und das verschärft sich. Skandinavien ist heute bereits extrem nass, und das nimmt zu. In Deutschland verändern sich die Niederschläge nicht so stark, wenn man die Jahresbilanz betrachtet, also Winter- und Sommerhalbjahr zusammen.

Also alles im grünen Bereich, trotz der starken Erwärmung?

So einfach ist es auch wieder nicht. Wegen der deutlich höheren Temperaturen muss man im Sommer häufiger mit starken Dürren rechnen – die Hitze verstärkt das Austrocknen der Böden.

Man muss wissen, die Niederschläge fallen in Deutschland nicht über das Jahr verteilt gleich. Im Winter sind sie stärker, und hier nehmen die Niederschläge tendenziell etwas zu. Im Sommer gibt es weniger Regen, und hier erwarten wir, dass die Mengen in etwa gleich bleiben. Deswegen steigt durch den Klimawandel die Dürregefahr.

Welche Folgen hat das?

Andrea Marz | © Sebastian Wiedling/UFZ

Kritisch ist es besonders für die Wälder und Forste. Der Boden bis hinunter in zwei Tiefe ist praktisch bundesweit wesentlich trockener als normal, die Bäume werden nicht gut mit Wasser versorgt – und das bereits seit 2018. Das war das erste Jahr mit einer extremen Trockenheit, die sich 2019, 2020 und 2022 wiederholte.

Seither sind etwa 800.000 Hektar Waldfläche verloren gegangen, durch Trockenheit und Folgeschäden wie Borkenkäferbefall. Auch in diesem Jahr ist nicht auszuschließen, dass es so weitergeht. Wälder sterben einen relativ stillen Tod. Der Ausfall großer Flächen durch Trockenheit erzeugt leider viel weniger Aufmerksamkeit, als wenn Stürme oder Waldbrände die Ursache sind.

Erwarten Sie Probleme auch für die Landwirtschaft? 

Hier sind die Erwartungen gemischt. In Deutschland ändert sich der Ertrag auf den Feldern im langjährigen Schnitt kaum, der Anteil überdurchschnittlich schlechter und guter Jahre nimmt aber zu. Das hängt damit zusammen, dass nicht nur extrem trockene Jahre häufiger werden, sondern auch gute, nasse Jahre. Im Mittel ändert sich damit wenig.

Allerdings müssen sich die Bauern auf die stärkeren Ausschläge einstellen und sehen, dass sie betriebswirtschaftlich über die trockenen Phasen kommen, die weniger Ertrag und damit Einkommen bringen.

Müssen die Bauern dann auf andere Pflanzen umstellen, die Extreme besser verkraften?

Im großen Stil wird das nicht nötig sein. Winterweizen ist heute die wichtigste Feldfrucht, und das dürfte auch so bleiben.

Im Sommer könnten zusätzlich Feldfrüchte wie Erdnüsse oder neue Hirsesorten günstig sein, die weniger Wasser brauchen, weil die höheren Temperaturen Trockenheit begünstigen. Allerdings bringt das ein Vermarktungsrisiko, denn für neue, bisher exotische Pflanzen gibt es keine eingeführten Lieferketten. Da müssen die Landwirte auf Eigenvermarktung setzen.

Auch durch Züchtung verändertes Saatgut, das besser angepasst ist, kann viel bewirken. Dieser Prozess läuft ja heute schon.

In diesem Jahr liegen die Grundwasserstände sehr niedrig, weil es im letzten halben Jahr vergleichsweise wenig Niederschläge gab. Droht uns ein neuer Dürresommer?

Wir haben weniger Grundwasser als normal, aber in diesem Jahr keine kritische Situation.

Wie wahrscheinlich ist es denn generell, dass wir erneut extreme, lange Trockenphasen bekommen – so wie 2018 bis 2020?

Solche Phasen waren bisher extrem selten, sie kamen etwa einmal pro 100 Jahre vor. Durch den Klimawandel treten Dürren zukünftig zwar häufiger auf, bleiben aber ein Extremereignis und werden kein neuer Normalzustand.

Baumsterben im Harz. Bei großflächigen Zerstörungen, etwa als Klimawandelfolge, bereitet Waldbesitz keine große Freude mehr. (Bild: Arthur Junker)

Müssen wir uns wegen der heißeren Sommer um die Trinkwasserversorgung Sorgen machen?

Die Wasserversorgung ist relativ gut aufgestellt. Erstens wirkt stabilisierend, dass wir mehrere Wasserherkünfte nutzen, wie Grundwasser, Talsperren sowie Uferfiltrat an Flüssen. Zweitens wirken regionale Wasserverbände und ‑leitungen und in einigen Regionen auch Fernwasserleitungen stabilisierend. In der Langfrist-Bilanz dürften sich die Grundwasserstände wenig verändern, da die Winterniederschläge eher zunehmen.

Trotzdem sollte man die Sicherheit der Versorgung für Trockenphasen weiter verbessern. Etwa, indem man die Grundwasser-Verfügbarkeit durch mehr Versickerung von Flusswasser erhöht, so wie das im Raum Frankfurt am Main mit Wasser aus dem Rhein bereits gemacht wird. Oder durch Erhöhung der Mauern von Talsperren, wodurch mehr Kapazitäten für trockene Phasen geschaffen werden.

In Berlin wird sogar diskutiert, eine Fernwasserleitung von der Ostsee her zu bauen, um die Hauptstadtregion, die zunehmend unter Wasserknappheit leidet, besser zu versorgen …

Eine Pipeline von der Ostseeküste zu bauen, ist nicht zielführend. Der Aufwand wäre viel zu groß, da erst eine Entsalzung und dann ein Pumpen über weite Strecken notwendig würde. Aber grundsätzlich müssen Berlin und das Umland sich schon Gedanken machen, wie es mit der Wasserversorgung weitergehen soll.

Großstädte in Deutschland können sich generell nicht selbst komplett mit Wasser versorgen, weil der Verbrauch dort höher ist als die Wassermenge, die sich durch Niederschläge natürlich bildet. Das bedeutet: Man muss den Zuzug von Menschen oder die Wassernutzung in der Industrie begrenzen – oder eben noch mehr Wasser aus anderen Regionen heranschaffen. Andere Möglichkeiten gibt es nicht.

Warum nicht die Wassernutzung effizienter machen und schlicht mehr einsparen?

Wassersparen ist im Normalfall nicht sinnvoll. Im Winter haben wir das Problem, dass zu wenig Wasser verbraucht wird, um die Wasser- und Abwasserleitungen intakt zu halten. Die müssen dann zusätzlich mit Trinkwasser gespült werden. Im Sommer hingegen verbrauchen wir viel mehr Wasser, dann ist das Leitungsnetz teilweise schon an der Grenze der Belastbarkeit.

In sehr trockenen Sommern und anhaltenden Dürrephasen über mehrere Jahre macht das Einsparen Sinn. Allerdings muss man dann frühzeitig mit den großen Verbrauchern zum Beispiel in der Industrie Regelungen finden, da, wo es wirklich etwas bringt. Bisher ist es juristisch schwierig, deren Wassernutzungsrechte einzuschränken.

Den Privatleuten das Rasensprengen und Poolbefüllen zu verbieten, was die Behörden dann gerne anordnen, bringt mengenmäßig ziemlich wenig.

Letzte Frage: Wenn uns keine afrikanischen Verhältnisse beim Klima drohen, worauf müssen wir uns dann wirklich einstellen?

Wir bekommen im Laufe dieses Jahrhunderts ein Klima wie in Südfrankreich oder Norditalien. Das erfordert zwar Anpassung, ist aber zu schaffen. Wir in Deutschland werden auch zukünftig eine wasserreiche Region sein.

Quelle

Das Interview wurde von der Redaktion „klimareporter.de“ (Joachim Wille) 2026 verfasst – der Artikel darf nicht ohne Genehmigung (post@klimareporter.de) weiterverbreitet werden! | Andreas Marx leitet das Klimabüro am Helmholtz-Zentrum für Umwelt­forschung (UFZ) in Leipzig. Der Umwelt- und Klima­wissen­schaft­ler verantwortet auch das Informations­portal „Dürre­monitor“ des UFZ.

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