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18.07.2015

Abgehängt - Wo bleibt der Mensch, wenn Computer entscheiden?

Computer haben keinen common sense. Zu einer gelungenen Darstellung der Probleme, die die Computer mit uns anrichten Von Rupert Neudeck

Der Untertitel ist noch sprechender als der Haupttitel: Wo bleibt der Mensch, wo bleibe ich, wenn Computer allein entscheiden? Das ist ein sehr gut ausgeklügeltes Buch, das keinen Aspekt unserer Vernunfturteile, der Gefühle, der Ängste, der Irritationen, der zunehmenden Generationsabgründe auslässt. Es beginnt bei dem wahrscheinlich dramatischsten Beispiel, das wir kennen, weil wir – und sei es im Urlaub – alle irgendwann Passagiere sind. Die Piloten bekamen am 4. Januar 2013 in den USA eine einseitige Meldung oder Mahnung, sie war ein SAFO, ein „Sicherheitshinweis für Piloten“.

Dieses kurze Dokument regte an, dass Fluggesellschaften, wo immer das für sie möglich sei, „sich für den manuellen Flug einsetzen“. Es gab gar keinen aktuellen Grund, es gab nicht eine Variation des 11.09.2001, es gab nur die Mahnung, das zu tun, weil der übermäßige Einsatz des Autopiloten zu einer „Verschlechterung der Fähigkeiten von Piloten führen kann, das Flugzeug schnell aus einem unerwünschten Zustand zu führen“.

Unser Auto wird demnächst auch ein Auto-Pilot werden, indem es sich selbst chauffiert. Einer der Entwickler dieses Autos machte am 9. Oktober 2010 eine sensationelle Ankündigung. Google machte in einem Blogbeitrag klar, dass das Unternehmen Autos entwickelt, die selbst fahren“. Und das war auch  noch der in Deutschland geborene Sebastian Thrun, der das bekannt machte… Das Buch belässt es nicht bei den technischen Beschreibungen des Wandels, es beschreibt die Folgen für den homo sapiens.

Der Computer führt dazu, dass wir auch bescheidener werden. Denn wie schon vorher in der Kopernikus- und der Psychoanalyse Revolution von Freud sagt uns der Computer in seiner rasenden Entwicklung, dass „viele der als einzigartig menschlich betrachteten Fähigkeiten gar nicht so einzigartig“ seien. Und: „Sobald Computer schnell genug sind, können sie unsere Fähigkeit, Muster zu erkennen, Entscheidungen zu treffen und aus Erfahrung zu lernen, reproduzieren“. Das hätten wir zum ersten und dramatischen Mal 1997 erfahren, als der schachspielende Supercomputer von IBM – der alle fünf Sekunden eine Milliarde möglicher Züge auswerten kann, den Weltmeister Garry Kasparow schlug.

Nun ist aber mit dieser Technologie auch die Angst verbunden, dass sie uns die Arbeitsplätze wegnimmt und damit etwas, was integral zu unserem Leben gehört. Die Roboter haben schon ganze Auto-Produktionsstraßen unter sich aufgeteilt, so dass es immer weniger Menschen gibt, die einem bei der Erledigung einer Arbeit helfen. Bertrand Russel zitiert der Autor, der schon 1924 sagte; „Maschinen werden verehrt, weil sie schön sind, und geschätzt, weil sie Macht verleihen, man hasst sie weil sie hinterhältig sind und verabscheut sie, weil sie zur Sklaverei führen“.

Ja, man würde gern wissen, wie Karl Marx und Friedrich Engels auf diese von Computern regulierte Arbeitswelt blicken würden, würden sie jetzt leben. Es gab in den Zeiten der auftrumpfenden Industrie-Zivilisation immer auch Maschinenstürmer. In England nannte man sie die Luddisten benannt nach Ned Ludlamaus, der nachts die neuen Maschinen zerstörte. Doch die Luddisten (1811 – 1816) und andere Maschinenstürmer konnten den Fortschritt der Maschinen bis heute nicht aufhalten. 1930 begann das Gespenst der von John Maynard Keynes sogenannten „technologischen Arbeitslosigkeit“ am Himmel zu erscheinen und hat uns bis heute nicht ganz verlassen. Andere Autoren in unserer Lebenszeit setzten noch einen drauf.

Jeremy Rifkin schrieb das beunruhigende Buch „Das Ende der Arbeit“. Es gab Kassandren, die uns gesagt haben, dass die technologische Arbeitslosigkeit real sei, dass sie noch zunehmen würde. Arbeitspolätze, so hieß es, werden durch Technologie vernichtet. Die Industrieroboter nehmen zu und werden immer billiger, also werde sich die Schere zwischen den verlorengegangenen und den neu geschaffenen Arbeitsplätzen weiter öffnen. Doch hat sich herausgestellt, dass die Nachfrage nach Arbeitern an den Wirtschaftszyklus gebunden ist. Auf jeden Fall werden wir, sagt der Autor, wie die Flugabwehrschützen im 2. Weltkrieg unser Verhalten und unsere Fähigkeiten den Möglichkeiten der Maschinen anzupassen haben, auf die wir angewiesen sind.

Das dritte Kapitel behandelt den Verkehrsbereich, an den wir alle durch Faszination und Notwendigkeit viel zu stark gefesselt sind: den Flugverkehr. Fliegen hat nichts mehr mit der Romantik zu tun, die ein Schriftsteller und Pilot dazu, Antoine de Saint-Exupery empfunden hat. Der Autor beschreibt zwei Fälle, in denen Piloten es nicht schafften, bei Ausschalten oder Verkümmerung des Autopiloten die Flugmaschine rechtzeitig in eine Lage zu bringen, dass es den Flug fortsetzen konnte. Der schlimmere Fall war der eines Airbus A 330 der Air France von Rio de Janeiro nach Paris. Drei Stunden nach dem Start geriet das Flugzeug in einen Sturm. Es schaltete sich der Autopilot ab. Der Kopilot Bonin zog daraufhin die Steuersäule zurück. Das Flugzeug stieg steil in die Höhe und verlor an Geschwindigkeit. Die Crew hätte jetzt wissen müssen, dass das Flugzeug zu langsam war. Wenn Bonin, der Kopilot, die Steuersäule einfach losgelassen hätte, hätte sich die A 330 wohl selber wieder ausgerichtet. Doch dann fiel die Maschine in drei Minuten mehr als 9.000 Meter tief.

Der Autor betont: der Ersatz mechanischer Bewegungen durch digitale Signale führe nicht zu einer völligen Umstrukturierung der Steuerung im Cockpit. Aus dem Piloten ist jedenfalls ein Computerbediener geworden, der dann im Falle einer Katastrophe auch nicht mehr wie im Traum die entsprechende Schnüre ziehen oder den entsprechende Hebel zur Seite drehen kann, weil er es nicht gelernt hat. Darin sehen viele Flug- und Automatisierungsexperten ein Problem – zumindest für die Flugluftfahrt.

Der Leser taucht ein in eine  souveräne Untersuchung der Folgen der globalen Automatisierung  und dessen, was sie mit uns anstellt. Im Kapitel über die Welt der Navigationssysteme betont der Autor, dass wir alle durch die Automatisierung behindert sind bei der Durchreise durch die physische Welt: Wir können sie nicht mehr ursprünglich erleben. Er zitiert einen Journalisten der New York Times, David Brooks, der 2007 schrieb, was die „GPS-Göttin“ oder das Navi-Gerät mit ihm angestellt habe: Nach wenigen Wochen sei ihm aufgefallen, dass er ohne die Göttin nirgendwo mehr hin kann. „Bei jeder Fahrt, tippte ich die Adresse in ihr Gerät und folgte dann selig ihren satellitengesteuerten Anweisungen. Ich bemerkte, dass ich schnell die letzten Reste geographischen Wissens vergaß“. Der Preis sei ein Verlust an „Autonomie“.

Forschungen hätten ergeben, dass Kartenlesen die räumliche Orientierung verbessert. Der Autor beschreibt, wie die Inuit-Eskimos auf Igloolik die Einführung der GPS-Technologie als „kulturelle Tragödie“ erleben. Wobei wir aber - so der Autor - die wir in einem Land mit ausgezeichneter Infrastruktur leben, uns bereits „seit langer Zeit größere Navigationsleistungen abgewöhnt und die Fähigkeit dazu verloren haben“.

Er betreibt mit dem Buch auch eine Entmythologisierung der Computer. Sie sind praktisch und produktiv, aber frei „von jeglicher Neugier, Vorstellungskraft und Weltgewandtheit“. Und noch genauer und vielleicht philosophischer: Wir können dem Computer Big data keinen Wahrheitsgehalt zumessen. Algorythmen folgen unter Umständen völlig falschen Vorhersagen. Dieser Umstand bedeutete bereits den Untergang für einige stark computerisierte Hedgefonds und Maklerfirmen. Und dann kommt ein wuchtiger Satz, der diesen Mythos abräumt: „Trotz aller Vorzüge beweisen Computer immer noch einen beängstigenden Mangel an gesundem Menschenverstand“.

Das ist nicht nur wichtig für uns als Menschen, die in dieses Zeitalter eintreten, es zeigt uns auch etwas von der Gelassenheit, die in der postkopernikanischen Gesellschaft bei Computerdaten nötig ist. Für viele Berufsausbilder wird es auf Grund der Einführung der Computer zu Änderungen im Berufsfeld und Berufsbild gehen.

Ganz besonders riskant scheint das für die Ärzte zu werden. Sie werden immer mehr unter Druck geraten, wenn sie Anordnungen der Verwaltung bekommen, die Kontrolle über die Diagnosen und Behandlungen immer mehr an die Software abzugeben. Aber sie sind nicht die einzigen. Bei den Juristen gibt es ähnliche Entwicklungen. Immer mehr setzen Anwälte bei der Durchsuchung von Datenbanken und beim Aufsetzen von Dokumenten Computer ein.

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Quelle   Rupert Neudeck 2015 | Grünhelme 2015

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