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02.06.2018

Der Tollhauseffekt - Von Archimedes lernen will gelernt sein

Angeblich soll Archimedes von Syrakus, ein griechischer Mathematiker, Physiker und Ingenieur, vor über 2000 Jahren herausgefunden haben, wie sich das Volumen von unförmigen Körpern berechnen lässt. Von Matthias Hüttmann

Um den Goldgehalt einer Krone zu prüfen, tauchte er diese in einen vollen Wasserbehälter und maß die Menge des überlaufenden Wassers. Die Menge an Wasser, das die Krone verdrängte, entsprach ihrem Volumen. Der Legende nach soll ihm die Idee, auch als Archimedisches Prinzip bekannt, beim Hineinsteigen in die Badewanne gekommen sein. Er soll daraufhin „Heureka!“ (altgriechisch: „Ich hab’s gefunden!“) gerufen haben und nackt auf die Straße gelaufen sein.

Nun, egal, ob dies so geschehen ist, das Prinzip ist weitgehend bekannt und mathematisch unstrittig. Der US-Kongressabgeordnete Mo Brooks muss ein ähnliches Heureka-Erlebnis gehabt haben. Seine Zweifel, dass der Anstieg des Meeresspiegels menschengemacht sei, ließen ihn wahrscheinlich nicht in Ruhe und zu folgender These hinreisen, bei der er sich in gewisser Weise auf Archimedes bezieht. Nur eben falsch herum. Seine probate Theorie für den Anstieg des Meeresspiegels: Die abbrechenden Steine der Klippen von Dover und anderswo seien schuld. Mal ironisch formuliert: Dann wäre es auch der Rügenener Kalk, der am Ende Sylt untergehen lässt. Haben Sie’s verstanden? Und was ist mit den Badegästen weltweit, sind die auch berücksichtigt? Ob Mo Brooks die Frage versteht?

Seine theoretischen Ergüsse sind zum einen abstrus, wenn man bedenkt, dass rund 71 Prozent  der Erdoberfläche Wasser sind und die durchschnittliche Meerestiefe 3.800 m beträgt, mal abgesehen von dem Volumen des Meerwassers von 1,338 Mrd. km3 (und damit einen Anteil von 96,5 % am Weltwasservorkommen). Zum anderen, und das ist das eigentlich bedenkliche, drücken sich scheinbar gebildete Entscheidungsträger auf diese Weise davor, anzuerkennen, dass steigende Meeresspiegel das Resultat globaler Erwärmung sind.

Aber damit nicht genug. Eine weitere kursierende These besagt, dass Schlammablagerungen und Erosion eine Ursache für den Anstieg des Meeresspiegels sind. Der Schlamm, der von Flüssen in den Ozean gespült wird, soll maßgeblich für den steigenden Wasserspiegel verantwortlich sein. Das Wasser hätte dann weniger Platz in den Ozeanen, weil sich der Boden nach oben bewegt. Und  das ist nicht alles, was so herumgeistert. Neben der wissenschaftlichen Weisheit von Mo Brooks gibt es weitere, fast schon verzweifelte Versuche der Klimaleugner, Gründe und Theorien zu finden, die plausibel die menschliche Unschuld beweisen sollen. Dazu benutzt man gern den Trick, wissenschaftlich seriös zu erscheinen. Auch in dem Fall, dass der bislang unerforschte Ausbruch von Hunderten von Unterwasservulkanen in den Ozeanen und deren Ablagerungen einen großen Effekt habe. So sollen sich tektonische Platten während Unterwasser-Erdbeben überlagern und damit immens viel Wasser verdrängen, was den Meeresspiegel anhebt.

All die Thesen haben folgenden Pferdefuss: Zum einen passierte das mit den bröckelnden Steinen, der Sedimenteintragung und den tektonischen Ereignissen schon „immer“, der steigende Meeresspiegel dagegen ist ein heutiges Phänomen. Zum anderen stimmen die Dimensionen nicht.

Diese Geschichten haben nun Andrea Dutton und Michael E. Mann* dazu veranlasst, einen kleinen Artikel mit dem Titel „Das Wasser steigt, weil es wärmer wird“ zu verfassen: Darin schreiben Sie zum wiederholten Male deutlich, dass die Forschung ausdrücklich belegt, dass die Ursache für das Ansteigen des Meeresspiegel der vom Menschen verursachte Klimawandel sei. Sie erklären  geduldig und nachvollziehbar, dass sich das Eis nicht auf den Landflächen ansammelt, sondern schmilzt. Auch ist es in der Antarktis nicht zu kalt, damit Eis schmelzen kann. Zudem erodieren die wärmenden Ozeane das Eis von unten und destabilisieren somit die Eisdecke. Denn eigentlich ist es ganz einfach: Wenn sich Wasser erwärmt, dehnt es sich aus. Wenn sich das Eis erwärmt, schmilzt es. Diese Tatsachen zu leugnen, bedeutet nicht nur, den Klimawandel zu leugnen. Es geht darum, grundlegende Physik zu verleugnen. So erlebte New York City Überschwemmungen, die durch die vom Menschen gemachte Erwärmung verursacht wurden. Fazit: Ohne konzertierte Anstrengungen zur Reduzierung der Klimaschadstoffe könnte ein erhöhter Meeresspiegel den größten Teil der Wall Street dauerhaft überschwemmen... auch so ein Malheur.

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* Am ersten Juli erscheint mit „Der Tollhauseffekt“, die deutsche Ausgabe von „The Madhouse Effect“. Über das Buch schreibt der deutsche Klimaforscher Stefan Rahmstorf: „Diese verrückte Welt lässt sich manchmal nur mit Humor aushalten. Toles und Mann machen sich einen großartigen (und doch auch ernsten) Spaß mit den verbiesterten Abstreitern der Realität, die massiv von Interessengruppen finanziert werden, aber sich nicht selten gar als moderne Galileos inszenieren.“

Michael E. Mann ist einer der Hauptautoren des dritten Sachstandsberichtes des IPCC zur globalen Erwärmung und dort wiederum maßgeblich verantwortlich für den Abschnitt über erdgeschichtliche Klimaänderungen. Auch außerhalb der Fachkreise hat er durch sein „Hockeyschläger-Diagramm“ Bekanntheit erlangt. Tom Toles gibt dem Buch durch seine zahlreichen bissigen Zeichnungen eine ganz besondere Qualität. Der politische Karikaturist hat unter anderem schon den Pulitzer-Preis für „editorial cartooning“ erhalten. Seine Cartoons werden momentan vor allem in der Washington Post veröffentlicht.

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