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24.02.2017

Wachstum über alles

Warum gibt es so viele Wachstumsfetischisten in Deutschland? Ein neues Buch gibt hierzu eine Erklärung: wegen des gekonnten, anhaltenden Zusammenspiels von Wissenschaft, Politik und Wirtschaftsjournalismus! Eine erste Einschätzung dazu von Professor Udo E. Simonis

Die Geschichte des deutschen Journalismus gilt als ein im Allgemeinen gut beackertes Forschungsfeld; weitgehend brach liegt jedoch die Geschichte des Wirtschaftsjournalismus. Von dieser Hypothese ausgehend, will Ferdinand Knauß einen Beitrag dazu leisten, diese Lücke zu schließen – durch Sichtung und Analyse der Berichterstattung über das Thema „Wirtschaftswachstum“ in der meinungsbildenden deutschen Presse. Hierzu hat er sich drei der reichweitenstärksten überregionalen Zeitungen vorgenommen, die die wirtschaftspolitische Diskussion von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart prägen: die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), das Nachrichtenmagazin Der Spiegel und die Wochenzeitung Die Zeit.

Untersucht wurden ressortübergreifend alle Ausgaben der drei Blätter seit deren erstem Erscheinen, einschließlich ihrer Online-Ausgaben bis Ende 2015. Betrachtet wurde dazu das gesamte Korpus aller in den drei Blättern erschienenen Artikel, sofern diese das Thema „Wirtschaftswachstum“ im makroökonomischen Sinne betreffen. Da es aber schon eine mediale Vor- und Frühgeschichte des Wachstumsparadigmas vor der Erfindung des Bruttosozialprodukts (BSP) gab, untersucht er auch die Zeit zwischen 1918 und 1934, und zwar anhand der Vossischen Zeitung, eine der wenigen Zeitungen jener Jahre, die komplett und mit Suchwortfunktion digitalisiert wurde. Die Jahre des Nationalsozialismus werden in dem Buch dagegen nicht behandelt.

Eine entscheidende Voraussetzung der Entwicklung des Wachstumsparadigmas sieht der Autor in der Erfindung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, insbesondere des Konzepts des Gross National Product (GNP) beziehungsweise des Bruttosozialprodukts (BSP). Nach 1945 setzten die USA die Methode der Berechnung des BSP durch mit Hilfe der Organisation für europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit (OEEC), der späteren OECD.

Das 1. Kapitel des Buches nennt der Autor daher die Phase „Als man noch nicht wusste, was wachsen soll“  und belegt dies mit den Berichten der Vossischen Zeitung und der Rolle des Instituts für Konjunkturforschung, dem Vorläufer des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, das zentral wichtig wurde für die Verbreitung des Wachstumsbegriffs. Der „Zwang zum Wachstum charakterisiert die neuzeitliche Wirtschaftsentwicklung“, so hieß es in der Voss. Wachstum wird als einzige Möglichkeit zur Behebung einer Zwangslage vorgestellt.  Die Analyse der Voss in den turbulenten Jahren zwischen Erstem Weltkrieg und nationalsozialistischer Diktatur zeigt, dass sich damals schon die spätere Bedeutung des Wachstums abzeichnet. Und daran hatten die früheren Handelsredakteure erheblichen Anteil, die nun zu Wirtschaftsredakteuren wurden.

Das 2. Kapitel des Buches beleuchtet die 1950er Jahre, deren neuen Fortschrittsglauben und dessen Propheten. „Das Wachstum ist der neue Fortschrittsglaube“, hieß es in der FAZ von 1959. Und so begann die beispiellose Medienkarriere des „Wirtschaftswachstums“ zum ökonomischen,  politischen und – nicht zuletzt – zum journalistischen Leitbegriff. Während in den ersten Nachkriegsjahren noch selten von Wachstum zu lesen war, änderte sich das sehr rasch nach der Währungsreform 1948 mit dem, was die Zeitgenossen das „Wirtschaftswunder“ nannten.

Der Autor meint aber gleich anfügen zu sollen, dass die bis heute anhaltende Konjunktur des Wachstumsbegriffs im Grunde unabhängig sei von den tatsächlichen Wachstumsraten: „In jenen Jahren, als die deutsche Wirtschaft am stärksten wuchs, schrieb man noch sehr viel weniger über dieses Wachstum als in den späteren, wachstumsschwächeren Jahren“ (S. 31).

Das zeigt beispielhaft die Analyse der FAZ, die seit 1949 die Wirtschaftsberichterstattung in Deutschland prägte wie keine andere Zeitung. Das Zeit-Archiv liefert für die ersten Erscheinungsjahre von 1946 bis 1949 hingegen keinen einzigen Treffer zum Suchwort „Wirtschaftswachstum“. Auch im Spiegel fand nur eine verspätete Entwicklung statt. In den Kommentaren des Herausgebers Rudolf Augstein unter dem Pseudonym „Jens Daniel“ spielte Wirtschaft jedenfalls keine Hauptrolle. Auf die Wachstumserfolge der frühen 1950er Jahre, die in der FAZ euphorisch gefeiert wurden, blickte Augstein eher gelangweilt „Man hat ein tüchtiges Volk arbeiten lassen, das ist alles“, kommentierte er nach den Bundestagswahlen 1953 die Wirtschaftspolitik. Das relative Desinteresse des Spiegel an Wirtschaftsfragen aber schwand gegen Ende der 1950er-Jahre.

Der Begriff „Wirtschaftswachstum“ erscheint erstmals 1963 in einem Spiegel-Heft. In den 1960erJahren taucht er in insgesamt 31 Spiegel-Artikeln auf, in den 1970ern in 235, in den 1980ern in 277 und in den 1990ern in 301 Artikeln. Auch wenn der Aussagewert solcher Auszählungen begrenzt sein mag, ist die darin zu erkennende Tendenz eindeutig. Im Jahr 1960 hat sich aber in Deutschland  „Wirtschaftswachstum“ als öffentlicher Leitbegriff etabliert.

Wie ist diese Medienkarriere zu erklären? Der Autor sieht die Antwort zunächst einmal in den neuen Möglichkeiten der Berichterstattung. Die neue Methodik, die amerikanische Ökonomen vor und während des Zweiten Weltkriegs entwickelt hatten, sollten nicht nur Wirtschaft und Politik verändern, sondern auch die Art und Weise, wie darüber berichtet wird. Sie wurden von deutschen Journalisten übernommen, aber nie ernsthaft reflektiert – so das gleich folgende  kritische Urteil des Autors. Deshalb entdeckten sie weder die methodischen Schwächen des BSP-Konzepts – noch ihre eigene Rolle als willige Träger der Wachstumsbotschaft der OECD (S. 40).

Eine grundlegende Kritik am Ziel und an der Methodik des Messens von Wirtschaftswachstum ist nach Auffassung des Autors in den Jahren des deutschen Wiederaufbaus in der Presse nicht auszumachen. Was es gab, allerdings eher in den Feuilletons als in den Wirtschaftsseiten, waren jedoch viele kulturpessimistische Warnungen vor der Herrschaft des Materialismus in der Wohlstandsgesellschaft. In dieser Zeit übernahm (etwa ab 1960) die Politikchefin der Zeit, Marion Gräfin Dönhoff, die Rolle der wirtschaftsskeptischen Mahnerin. Doch bei dieser Fortschrittsskepsis spielten  ökologische Probleme und Bedenken noch keine große Rolle. Nicht die Zerstörung der Natur, sondern die Effekte der Konsumgesellschaft auf die Kultur und die politische Moral machten Sorgen.

Doch der Höhepunkt des neuen Fortschrittsglauben an das Wirtschaftswachstum war noch längst nicht erreicht: in den 1960er Jahren sollte es nicht nur in den Medien zum politischen Ziel erklärt werden. Der Professor der Ökonomie und Medienliebling Karl Schiller machte Wachstum zum Gesetz. „Wachstum über alles?“ stand am 13. Februar 1967 über dem Leitartikel der ersten Seite der FAZ. Und „Wachstum - mehr Wachstum!“ tönte es immer lauter aus der Presse. Doch dies war auch eine Antwort auf drastische Änderungen in der Politik.

In der Regierungserklärung von Bundeskanzler Kiesinger überstrahlte das angestrebte Wirtschaftswachstum alle anderen Ziele: 14 mal kam der Begriff darin vor. Die große Zeit der Ökonomen als Politikberater begann.  Besonders erfolgreich breitete sich die Wachstumsideologie auf den Seiten der Zeit und des Spiegels aus. Wirtschaftsminister Karl Schiller sorgte dafür, dass aus dem bestehenden „Gesetz zur Förderung der wirtschaftlichen Stabilität“ das „Gesetz zur Förderung der Stabilität und das Wachstums der Wirtschaft“ wurde.

Doch während Spiegel und Zeit eine ‚moderne‘ Wachstumspolitik forderten und förderten, ging die Wirtschaftsredaktion der FAZ erstmals in die publizistische Opposition: „Das modern gewordene Verlangen nach mehr und immer noch mehr, ebenso wie die eng damit verknüpfte Vorstellung von der Machbarkeit des wirtschaftlichen Wachstums ist eine ‚geistige Gleichgewichtsstörung‘ und als krankhaft zu bezeichnende ‚Vermessenheit‘“ (S. 71).

Spannend ist auch das 4. Kapitel des Buches über 1970er-Jahre – „Die Grenzen des Wachstums und den Gegenschlag der Ökonomen“, die ihre Knappen und Epigonen bei den Wirtschaftsjournalisten fanden. Die neu entdeckte  „Umwelt“ war für Journalisten eigentlich ein ergiebiges Thema, gerade für ein Magazin wie den Spiegel. Doch es ist genau dieses Blatt, das die Wachstumskritiker massiv angriff und auch persönlich diffamierte (S. 87). Der Club of  Rome wird mit dem Titel „Unheilspropheten“ versehen, Dennis Meadows, der geniale Hauptautor der „Grenzen des Wachstuns“ wird als politisch einfältig abgekanzelt und  selbst Gunter Hofmann von der Zeit schrieb: „Für Siege sind die Ökologen nicht gerüstet“ (S.97).

Kein Wirtschaftsjournalist der drei untersuchten Zeitungen habe, so sagt der Autor,  die gängige Ökonomen-These, Wirtschaftswachstum diene dem Schutz der Umwelt,  jemals  kritisch auseinandergenommen. Und er schließt deshalb mit einem insgesamt vernichtenden Urteil: „Der Wirtschaftsjournalismus nahm die Chance zur Emanzipation nicht wahr, die die wachstumskritische Literatur der 1970er-Jahre bot“ (S. 98). Kein Wunder daher, dass so die lange Gegenwart des Wachstumsparadigmas begann und weiter zementiert wurde.

Das 5. Kapitel des Buches präsentiert die Interviews des Autors mit drei bekannten Wirtschaftsjournalisten. Der Rezensent möchte es den Lesern des Buches überlassen zu entscheiden, ob darin in dieser Passage auch echter Erkenntnisgewinn zu finden ist.

Im 6. Kapitel geht der Autor der Frage nach, warum Wirtschaftsjournalisten kein eigentliches Interesse, sondern eher ein ausgeprägtes Desinteresse an der Wachstumsfrage hatten. Er zitiert dazu die Studie der Stiftung Denkwerk Zukunft, in der die quantitative und die qualitative Bedeutung des Themas „Nachhaltigkeit“  im Vergleich zur traditionellen Wachstumsberichterstattung ( „Ökonomie“)  in vier deutschen Tageszeitungen und im Spiegel  untersucht worden ist. Das Ergebnis: „Ökonomie schlägt Nachhaltigkeit 7 : 1 !“ Das heißt: Auf einen Zeitungsartikel, der ökologische Fragen behandelt, kommen im Schnitt sieben Artikel, die sich mit wirtschaftlicher Dynamik und Expansion befassen. Besonders krass war dabei dieses Missverhältnis bei der FAZ. (Der Rezensent hätte hier gern aus der eigenen Erfahrung mit seinen drei Tageszeitungen berichtet: Wirtschaftspolitik in allen drei Zeitungen; Umweltpolitik sporadisch nur in einer von ihnen; dafür aber ein großer Sportteil und sogar ab und an eine Pferde-Seite).

Das Fazit des Autors: Die kritische Beschäftigung mit der Frage nach der Zukunft des Wirtschaftswachstums findet weitgehend unter Ausschluss der allgemeinen Öffentlichkeit statt. Dort, wo ein Umdenken zu beobachten ist, sind es die Feuilletons und die Wissenschaftsressorts, nicht aber, oder nur selten dagegen, die Politik- und Wirtschaftsressorts. Deshalb beschließt er, sich einige im gegenwärtigen Wirtschaftsjournalismus stark verbreitete Narrative des langlebigen Wachstumsparadigmas näher anzusehen. Die drei wichtigsten „Erzählungen aus dem Reich des ewigen Wachstums“  (7. Kapitel) sind seiner Meinung nach: 1. „Es gibt ein Wachstum der Grenzen durch Innovation“. 2. „Der Standort Deutschland ist das Ersatzvaterland“. 3. „Die Einwanderer sind die Wachstumsretter“.

Dieses Kapitel ist interessant und auch gut zu lesen. Doch dem Rezensenten fehlt als eigenes Fazit eine andere Geschichte, die er prägnant aber bisher nur in englischer Sprache gehört hat: „Economic growth is a substitute for equality. As long as there is growth, there is hope. And that makes great income differences acceptable” (Henry C. Wallich). In etwas anderer Fassung: “The day of the GNP is over. Not completely of course. Most economists master only one set of ideas in a lifetime. Those who learned that an expanding GNP is the goal of public policy continue to cling to their thesis as to a lift raft in a storm, as to them, in some degree it is” (John K. Galbraith).

Ferdinand Knauß setzt sein zweites Fazit etwas anders unter der Überschrift: „Eine indexierte Wirtschaftspresse“. Die Indexing-Hypothese der Medienforschung kann nach seiner Untersuchung auch in Wirtschaftsfragen bestätigt werden: Wirtschaftsjournalisten passten sich in der großen Mehrheit den Hauptströmungen der gängigen wirtschaftspolitischen Ansichten an. Dazu gehöre das Wachstumsparadigma, das alle im Bundestag vertretenen Parteien so gut wie geschlossen mittragen. Auch unter Wirtschaftsjournalisten herrsche meist nur Uneinigkeit über die Frage, wie man zu mehr Wachstum komme, aber kaum, ob das Ziel auch angemessen sei.

Und er endet dann mit einer starken Aussage: „Der Rückblick auf die vergangen Jahrzehnte bestätigt die Vermutung, dass der Wirtschaftsjournalismus nur eingeschränkt der Idealvorstellung der demokratischen Idee entspricht, ein völlig unabhängiges kritisches Korrektiv der Macht zu sein. Stattdessen ist er eher ein Resonanzraum der vorherrschenden Ansichten“ (S. 173).

Und dann fordert er die Kollegen Journalisten dazu auf, ihre Gefolgschaft gegenüber der Ökonomie aufzukündigen: „Das Ende des Zeitalters des Wachstums erfordert einen Wirtschaftsjournalismus, der sich vom ökonomischen Expertentum der Vergangenheit emanzipiert“ (S. 175).

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Quelle   Udo E. Simonis 2017 ist Professor Emeritus für Umweltpolitik am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) und Redakteur des Jahrbuch Ökologie

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