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© bigstock | WavebreakMediaLtd | Wie neue Zahlen zeigen, ist die Kohlenutzung in den USA schon im freien Fall. Im ersten Halbjahr 2020 fiel der Kohleverbrauch unter 30 Mio. Tonnen und damit unter das Verbrauchsniveau von 1974, nach einem Peak von ca. 90 Mio. Tonnen in 2008.

US-Energieversorger: Sonne und Wind statt Kohle

US-Energieversorger legen Kohlekraftwerke still und ersetzen sie mit Solar-, Windkraft und Batterien

Weit verbreitet – insbesondere in der Erdgaswirtschaft und bei unbelehrbaren Atomkraftbefürwortern – ist die Meinung, dass man große fossile und atomare Kraftwerke, vor allem Kohlekraftwerke, nicht stilllegen könne, weil Speicherkapazitäten noch nicht genügend vorhanden oder zu teuer seien. Die typische Redewendung lautet: „Solange die Speicherfrage nicht gelöst ist, muss man übergangsmäßig auf flexible Erdgaskraftwerke zurückgreifen.“ Auch die Atomkraftbefürworter begründen ihre Forderung nach einer Laufzeitverlängerung für deutsche Atomkraftwerke mit der angeblich ungelösten Speicherfrage.

Ausgerechnet in den USA, wo Präsident Trump alles versucht, um mit hohen Subventionen Kohle- und Atomkraftwerke in Betrieb zu halten, schalten immer mehr Energieversorger ganze Kraftwerke ab und ersetzen sie durch Erneuerbare Energien mit Speichern. Die Triebfeder dahinter ist, dass sie mit Solar- und Windkraftwerken plus Batterien versorgungssicher und kostengünstiger den Strom produzieren können, als mit den umweltschädlichen Kraftwerken.

Aufhorchen lassen jüngste Entscheidungen von großen Energieversorgern in den Bundestaaten Arizona, Colorado, Florida und New Mexico. Sie könnten den Beginn einer Revolution in der US-Stromversorgung markieren, die zwar Präsident Trump gar nicht gefällt, aber dem Klimaschutz in höchstem Maß dient. Dort werden Kohlekraftwerke stillgelegt, ohne dass neue Erdgaskraftwerke für die Flexibilisierung der Schwankungen von großen Solar- und Windparks benötigt werden, denn Batteriespeicher reichen dafür aus. Solar, Wind und Batteriespeicher sind offensichtlich günstiger als das allseits für besonders billig gehaltene US-Frackinggas, und auch als die bestehenden Kohlekraftwerke.

So haben beispielsweise Tucson Electric Power (TEP) aus Arizona und Colorado Springs Utilities (CSU) beschlossen, mehrere größere Kohlekraftwerkseinheiten vom Netz zu nehmen und sie mit Erneuerbaren Energien und Speichern zu ersetzen, ohne neue Erdgaskraftwerke. So will TEP alleine 2.457 MW Windparks, 457 MW neue Solarparks und 1400 MW Batteriespeicher schon im kommenden Jahr bauen. Alle Kohlekraftwerke will TEP bis 2031 schließen.

Sollte Präsidentschaftsbewerber Biden die US-Wahl gewinnen und sein Nullemissionsprogramm durchbringen, dann wird es kein Halten mehr geben und die USA wird lange vor Deutschland aus der Kohle aussteigen, ohne neue Erdgaskraftwerke zu bauen.

Schon vorher, aber erst recht jetzt mit der Coronakrise kommt die Stromproduktion aus Kohle immer weiter ins Hintertreffen. Trotz neuem Zubau von Kraftwerken wird in diesem Jahr der Kohleverbrauch nach Angaben der Internationalen Energieagentur IEA weltweit um etwa 8% sinken. Ein klares Zeichen der Unwirtschaftlichkeit vieler Kohlekraftwerke.

Wie neue Zahlen zeigen, ist die Kohlenutzung in den USA schon im freien Fall. Im ersten Halbjahr 2020 fiel der Kohleverbrauch unter 30 Mio. Tonnen und damit unter das Verbrauchsniveau von 1974, nach einem Peak von ca. 90 Mio. Tonnen in 2008.

Dass auch Atomkraftwerke immer weiter wirtschaftlich unter die Räder kommen, darauf hat kürzlich Raimund Kamm, Vorsitzender des bayerischen Landesverbandes Erneuerbare Energien, auf der „Sonnenseite“ hingewiesen. So sind im ersten Halbjahr 2020 weltweit 3 große Atomkraftwerke abgeschaltet worden, kein neues ist in Betrieb gegangen und kein neuer Bau wurde begonnen. Offensichtlich braucht es trotz steilen Ausbaus der Erneuerbaren Energien in der Welt die Atomkraft auch nicht um die Schwankungen aus Sonne und Wind auszugleichen.

Solche Hybridkraftwerke, wie die von TEP entstehen inzwischen auch in Europa. Wie RWE’s Energieblog en:former berichtet, entsteht gerade eines der ersten großen Hybridkraftwerke in den Niederlanden, mit einer Leistung von 38 MW PV, 22 MW Wind und 12 MW Batteriespeichern. Um auch in kleinen Einheiten für Bürgerenergien versorgungssichere Kombikraftwerke möglich zu machen, hat die Energy Watch Group kürzlich eine Gesetzesinitiative zur Förderung solcher Anlagen vorgestellt.

In Bayern, wo das Abschalten der letzten Atomkraftwerke im übernächsten Jahr ansteht, wird der Ausbau der Erneuerbaren Energien allerdings weiter von Ministerpräsident Söder behindert. So ist bisher in 2020 kein einziges neues Windrad ans Netz gegangen. Kamm vermutet wohl zu Recht, dass Söder den Ersatz der in zwei Jahren endgültig abzuschaltenden letzten Atomkraftwerke durch Erneuerbare Energien verhindern will. Offensichtlich will Söder die nächste Laufzeitverlängerung erpressen.

Auch der deutsche Kohleausstieg bis 2038, beschlossen von CDU/CSU/SPD erscheint in dem Lichte der US-Entwicklung als besonders irre. In den USA schließen schon heute viele Kohlekraftwerke aus wirtschaftlichen Gründen und in Deutschland werden über 4 Milliarden Steuergelder verschleudert, um die letzten Kohlekraftwerke noch bis 2038 am Netz zu halten. Absurder und verantwortungsloser kann Politik nicht handeln und von Klimaschutz kann keine Rede sein.

Und alle Ewiggestrigen, die immer noch davon reden, dass „die Speicherfrage bei Erneuerbaren Energien ungelöst“ sei, sollten in die USA schauen und staunen, wie weit dort schon heute Versorgungssicherheit mit Einheiten aus 100% Erneuerbaren Energien und Speichern sogar kostengünstig verwirklicht werden. Es braucht keine Übergangstechnologien, weder Erdgaskraftwerke, noch eine Laufzeitverlängerung der Atomkraft.

Quelle

Hans-Josef Fell 2020Präsident der Energy Watch Group (EWG) und Autor des EEG

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