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pixabay.com | geralt | Hitzewellen und anderes Extremwetter werden gerade in Europa die Wirtschaft empfindlich treffen.

© pixabay.com | geralt | Hitzewellen und anderes Extremwetter werden gerade in Europa die Wirtschaft empfindlich treffen.

Deutschland braucht dringend einen Hitzeaktionsplan

Hitzewellen werden auch in Deutschland zur Normalität, warnt Grünen-Chef Robert Habeck. Er fordert ein Warnsystem und entsprechende Maßnahmen für Risikogruppen und in den Städten. In Nachbarländern wie Frankreich sind Hitzepläne bereits vorhanden.

Immer häufiger wird Europa in den Sommermonaten von extremen und anhaltenden Hitzewellen heimgesucht. „Die gegenwärtige Sommerhitze kommt nicht überraschend“, sagt Grünen-Chef Robert Habeck. „Solche Hitzewellen werden das neue Normal sein.“ Deutschland müsse sich daher besser für Hitzewellen wappnen, fordert er. „Wir brauchen einen Hitzeaktionsplan zum Schutz der Gesundheit“, so Habeck gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Es sollte ein bundesweites Beratungstelefon geben, Risikogruppen müssten besondere Beachtung finden.

Hitze gefährdet die Gesundheit, der Staat muss handeln

Einige Klimawissenschaftler haben sich bereits darauf spezialisiert, die Folgen des Klimawandels auf die Gesundheit zu erforschen. Sie haben Daten von etlichen Städten gesammelt und werten sie aus. Diese wollen sie verwenden, um Menschen in Zukunft vor solchen Hitzeperioden zu schätzen, indem vorzeitig Maßnahmen ergriffen werden.

Die deutsche Bundesregierung sei hier in der Pflicht, so Habeck. Sie solle sich ein Beispiel an Frankreich nehmen, wo bereits ein mehrstufiger Hitzeaktionsplan umgesetzt werde. Der Bund müsse eine Gesamtstrategie entwickeln, „die regional von den Landesregierungen und lokal von den Kommunen, den Gegebenheiten entsprechend, angepasst wird.“

Städte im Hitze-Fokus

Extrem und sogar lebensgefährlich wird es vor allem in den Städten. Dort bilden sich sogenannte Hitzeinseln, Stadtplätze, an denen sich die hohen Temperaturen tagsüber aber auch nachts stauen. Vor allem nachts geben die versiegelten Flächen, Straßen und Betonfassaden die über den heißen Tag gespeicherte Wärme wieder ab. An Schlaf ist dann für viele Stadtbewohner nicht mehr zu denken, der Körper kann sich nicht mehr regenerieren. Wie in der Corona-Krise trifft es auch hier vor allem ältere Personen und solche mit Gesundheitsproblemen. „Viele Menschen leiden körperlich, unter Schlaflosigkeit und Herz-Kreislauf-Beschwerden. Forschungen gehen von Tausenden von vorzeitig sterbenden Menschen aus, auch hier in Deutschland“, warnt Habeck.

Frankreichs Hitze-Trauma

Die Folgen einer extremen Hitzewelle haben Frankreich im Jahr 2003 nachhaltig traumatisiert: Ähnlich wie jetzt bei Corona wurden täglich Hitzeopfer gemeldet, es gab nicht genug Kältekammern für die Toten. Auch hier traf es vor allem ältere und schwächere Menschen. Frankreich hat reagiert. Der Plan Canicule (Plan Hitzewelle), gibt zunächst Warnstufen heraus. Von gelb bis rot – dann ist es schon ganz heiß. Auch in diesem Jahr werden Rekordtemperaturen über 40 Grad erwartet bzw. wurden schon örtlich erreicht.

Frankreichs Städte haben ein Register mit älteren, alleinstehenden Personen eingeführt, denn sie gelten als besonders gefährdet. Sie erhalten bei anhaltender Hitze Hilfe und Beratung von Sozialarbeitern. Rathäuser bieten bspw. gekühlte Räume und Versorgung für jene an, die sich nicht selbst helfen können.

Klimaschutz kostet Geld, doch Klimaanpassung ist noch viel teurer

Die Anpassung an die veränderten Bedingungen durch den Klimawandel kostet Geld. Die Bundes-Grünen schlagen ein Förderprogramm in Höhe von 800 Millionen Euro vor. Das sollte die Einrichtung von weiteren Grünflächen, Grün an Gebäuden und Frischluftschneisen, beinhalten, für mehr Schattenflächen sorgen sowie öffentliche Wasserspender finanzieren, so Grünen-Chef Habeck.

Tiefgreifender Strukturwandel notwendig

Doch das reicht bei weitem nicht aus. Das französische Gesundheitsministerium hat nach dem tödlichen Hitzesommer erkannt, dass die Städte sich grundlegend verändern müssen. Gemäß den Szenarien des Weltklimarates könnten am Ende des Jahrhunderts Temperaturen über 35 Grad zum Alltag in Mitteleuropa gehören. In Städten ist es dann meist noch einige Grad wärmer.

Seit 2003 verhängen bereits manche Metropolen in Hitzeperioden Fahrverbote für fossil betriebene Autos. Denn Abgase heizen die Städte weiter auf. Durch die Hitze steigen die Ozon- und Feinstaubwerte, das führt bei vielen Menschen zu Atem- oder Herz-Kreislauf-Problemen. Einige Städte bieten mit mobilen wassersprühenden Brunnen Passanten ein wenig Abkühlung.

Neue Studie zur Klimaanpassung im urbanen Raum

Auch das seien nur Tropen auf die sprichwörtlich heißen Steine, sagen die Klimaforscher. Und haben eine Studie für die Klimaanpassung in Städten erarbeitet. Betonierte und asphaltierte Plätze wie etwa Schulhöfe müssen entsiegelt und begrünt werden, Gründächer wo es möglich ist, Bäume entlang der Straßen statt Parkplätze. In Paris findet der Umbau bereits statt, dank der beherzten Klimapolitik der Bürgermeisterin Anne Hidalgo. Parkplätze wurden reduziert und dafür Grünstreifen für Passanten sowie Fahrradstraßen gebaut, Plätze entsiegelt, neue Infrastrukturen für kurze Wege geschaffen.

Doch auch die Mehrzahl der Gebäude ist nicht für den Klimawandel gerüstet. Kontraproduktiv wirken Klimaanlagen – die jetzt europaweit wieder verstärkt eingesetzt werden. Vor allem in Büros und städtischen Gebäuden. Klimaanlagen arbeiten wie Kühlschränke, kühlen die Luft mit viel Energie im Raum herunter und geben die warme Luft nach außen ab – so dass draußen wieder merklich mehr Hitze entsteht.

Die Forscher haben für eine größere Stadt berechnet, dass etwa zehn Prozent der versiegelten Flächen durch Grünflächen ersetzt werden müssten, das würde voraussichtlich ausreichen, um die Temperatur um rund drei Grad zu senken. Die europäische Stadt muss jetzt umdenken. Der nächste Hitzesommer kommt bestimmt.

Quelle

Der Bericht wurde von der Redaktion “energiezukunft“ (na) 2020 verfasst – der Artikel darf nicht ohne Genehmigung weiterverbreitet werden! | energiezukunft | Heft 28 / 2019 | „Urbane Energiewende“ |  Jetzt lesen | Download

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