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© Depositphotos.com | DarioStudios | Starkniederschläge kommen nicht häufiger als früher, werden aber viel heftiger.

Hochwasser in Süddeutschland: Überflutet

Schon wieder ein Hochwasser, diesmal im Süden der Republik. Es braucht bessere Vorbeugung – und mehr Geld dafür. Ein Job für Christian Lindner. Ein Kommentar von Joachim Wille

Diesmal ist der Süden der Republik betroffen. Land unter in Teilen von Baden-Württemberg und Bayern, nachdem extreme Regenmengen in kürzester Zeit vom Himmel gefallen sind. Straßen wurden zu Wasserstraßen, viele Keller und Erdgeschosse sind geflutet, Not-Evakuierungen wurden nötig, Landkreise riefen den Notfall aus – das volle Programm.

Erst vor zwei Wochen, am Pfingstwochenende, gab es dasselbe Szenario im Saarland und in Rheinland-Pfalz, und fünf Monate vorher, nach dem Jahreswechsel, hatte es Niedersachsen und Bremen erwischt.

Zum Glück sind die Folgen bei diesen drei Hochwassern nicht so verheerend wie 2021, als die Megafluten an den Flüssen Ahr und Erft in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen über 180 Tote und rund 40 Milliarden Euro Wiederaufbaukosten forderten.

Die Bevölkerung ist frühzeitig und umfassend gewarnt worden, die Katastrophen- und Rettungsdienste leisten gute Arbeit, und es gab zum Glück keine vergleichbaren Zahlen von Opfern.

Trotzdem sind die drei Flutereignisse für viele der betroffenen Menschen ein Schock, den sie zeitlebens nicht vergessen werden. Einmal abgesehen von den finanziellen Schäden, die von den Versicherungen bei Weitem nicht komplett abgedeckt werden. Die Folgekosten der Unwetter in Niedersachsen werden auf mindestens 160 Millionen Euro geschätzt, die im Saarland und Rheinland-Pfalz auf über 200 Millionen.

Die Frage ist: Muss man sich an die Häufung solche Unwetter gewöhnen? Sind sie die neue Normalität in Zeiten des Klimawandels, so wie auf der anderen Seite Hitze- und Trockenperioden intensiver werden, wie wir das in den Jahren 2018 bis 2020 und 2022 erlebt haben?

Laut dem Deutschen Wetterdienst hat die jährliche Zahl der Tage mit starken Niederschlägen seit Mitte des letzten Jahrhunderts zwar nur leicht zugenommen, wobei sie im Winter häufiger, im Sommer aber seltener wurden. Allerdings: Die Intensität ist höher geworden.

Das heißt, es fallen höhere Regenmengen in kürzerer Zeit. Das verstärkt die Folgen. Kanalisationssysteme laufen sofort über, Bäche schwellen schneller zu reißenden Fluten an, die Hochwasser-Wellen in Flüssen überlagern sich.

Fachleute fordern „Unwetter-Umbau“

Die Klimaforschung erwartet, dass die Extremwetterlagen weiter zunehmen, so auch beim Regen. Der Weltklimarat sagt voraus, dass die derzeit in Europa beobachteten intensivsten Niederschlagsereignisse bei jeder weiteren Erwärmung um ein Grad Celsius etwa doppelt so häufig werden.

Der Grund ist Physik. Pro Grad höherer Temperatur nimmt die Atmosphäre rund sieben Prozent mehr Feuchtigkeit auf, die aus Meeren, Seen und Flüssen verdunstet. Die entsprechenden, in den Wolken gespeicherten Wassermassen entladen sich auch wieder, und zwar nach den Klimamodellen vermehrt in Starkregenfällen in kurzen Zeitspannen von bis zu 24 Stunden. Genau das, was jetzt auch wieder in Süddeutschland passiert ist.

Die Konsequenz daraus liegt auf der Hand. Deutschland muss nicht nur, wie der Rest der Welt, mehr für die Begrenzung des Klimawandels tun, indem alle Wirtschaftssektoren beschleunigt auf Klimaneutralität umgestellt werden.

Es muss auch mehr in die Vorbeugung gegen Extremwetter-Ereignisse investiert werden – auf allen Ebenen, vom Bund über die Länder und die Kommunen bis zu den Unternehmen und den Privatleuten.

Die aktuellen Unwetter unterstreichen noch einmal die Forderungen nach einer „Klima-Risiko-Taskforce“ und einem „Unwetter-Umbau“, wie sie erst jüngst von einem Forschungsteam der TU Kaiserslautern aufgestellt wurden. Das heißt: Es müssen Starkregen-Risikokarten erstellt, Wohnhäuser und öffentliche Gebäude, wo nötig, entsprechend umgebaut sowie Kanalsysteme und Versickerungsflächen ausgebaut werden. Auch ein weiter verbessertes Frühwarnsystem bei Überflutungen ist wichtig.

Natürlich sind das keine Erkenntnisse, die plötzlich vom Himmel fallen. Solche Forderungen gibt es seit vielen Jahren, mit besonderer Dringlichkeit von Fachleuten erhoben nach der verheerenden Ahrtal-Flut, ohne dass sie flächendeckend umgesetzt würden.

Der Bundestag hat sogar bereits ein Klimaanpassungsgesetz beschlossen, das im Sommer in Kraft treten wird und die Länder sowie speziell die Kommunen dazu antreiben soll, mehr für Risikovorsorge und Klimaanpassung zu tun. Die Frage ist nur, wer die nötigen Umbau-Maßnahmen bezahlt. Die hier federführende Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) hat eingeräumt, es gebe bisher keine entsprechende Finanzierung für die nötigen Anpassungsmaßnahmen.

Das muss sich dringend ändern. Bekanntermaßen sind Bund, Länder und Kommunen schon jetzt am Limit, es ist nicht genug Geld da, um die vorhandene Infrastruktur – von Verkehrswegen über Schulen bis Sportstätten – auch nur zu erhalten.

Um die zusätzlichen Aufgaben der Klimaanpassung zu bewältigen, braucht es mehr Mittel, etwa durch die Aufnahme eines Sondervermögens wie bei der Bundeswehr. Das müsste, nach den Bildern vom Wochenende aus den Flutgebieten, eigentlich auch Finanzminister Christian Lindner (FDP) einsehen.

Quelle

Der Kommentar wurde von der Redaktion „klimareporter.de“ (Joachim Wille) 2024 verfasst – der Artikel darf nicht ohne Genehmigung (post@klimareporter.de) weiterverbreitet werden! 

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