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Verzögerungen beim Netzanschluss blockieren in Deutschland Investitionen von über 45 Milliarden Euro

Neue Studie zeigt: Stockende Verteilnetzanschlüsse verzögern in acht europäischen Staaten Investitionen in Erneuerbare und Speicher im Wert von rund 100 Milliarden Euro – allein in Deutschland stecken schätzungsweise 40.000 Projekte in Warteschlangen

Kurz bevor die Vorhaben von Wirtschaftsministerin Reiche zu Erneuerbaren und Stromnetzen im Kabinett beraten werden, zeigt eine heute veröffentlichte Studie des Beratungsunternehmens AFRY im Auftrag des Netzwerks Beyond Fossil Fuels (BFF): die stockende Netzmodernisierung ist schon jetzt ein wirtschaftlicher Hemmschuh. Knappe Anschlusskapazitäten im Stromverteilnetz und lange Wartezeiten verhindern in großem Umfang Investitionen in die Energiewende. Allein in Deutschland warten Erneuerbaren-Projekte mit einer Gesamtleistung von schätzungsweise 140 Gigawatt und rund 130 Gigawatt Batteriespeicher auf einen Netzanschluss, wie die Studie zeigt. Selbst unter der Annahme, dass nur ein Teil dieser Projekte realisiert wird, beläuft sich der geschätzte Gesamtwert verzögerter Investitionen auf rund 45 Milliarden Euro (siehe Hinweis am Ende des Textes).

 „Verzögerungen beim Verteilnetzanschluss blockieren Investitionen in zentrale Zukunftstechnologien und verhindern einen schnelleren Abschied von fossilen Abhängigkeiten – das ist in der aktuellen Krise doppelt teuer. Statt des kontraproduktiven Netzanschlusspakets der Bundesregierung braucht es jetzt einen Netzanschluss-Booster“, kommentiert Henri Schmitz, Referent für Energiepolitik bei der Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch.

Verteilnetzanschlüsse nicht nur in Deutschland knapp

Neben Deutschland beleuchtet die Studie die Situation in sieben weiteren europäischen Ländern. Über alle acht Länder summieren sich Warteschlagen für den Verteilnetzanschluss auf rund 375 Gigawatt für Erneuerbare und rund 455 Gigawatt für Batteriespeicher im Wert von insgesamt rund 100 Milliarden Euro (bezogen auf realistischerweise gebaute Kapazitäten, siehe Hinweis am Ende des Textes). Betrachtet wurden Projekte, deren Anschlussbegehren noch bearbeitet wird oder für die zwar eine Anschlusszusage vorliegt, die aber noch nicht in Betrieb genommen wurden. Nicht berücksichtigt wurden wegen der mangelhaften Datenlage die Warteschlangen für neue Verbraucher wie Ladeinfrastruktur, Rechenzentren oder Großwärmepumpen.

 „Die Studie von AFRY gibt einen ersten Eindruck von der Größenordnung des Problems – allerdings nur für Erneuerbare Energien und Speicher. Gleichzeitig häufen sich Berichte von Unternehmen aus dem produzierenden Gewerbe, die bis zu zehn Jahre auf einen Netzanschluss für Investitionen in die Elektrifizierung warten. Ohne Zweifel ist das Problem also noch viel größer, als es die Studie vermuten lässt“, kommentiert Imke Irmer, Teamkoordinatorin Erneuerbare und Infrastruktur bei der Deutschen Umwelthilfe, weiter.

Regulatorische Reformen für beschleunigte Netzanschlüsse

Als Gründe für Verzögerungen beim Netzanschluss nennen die Studien-Autor:innen neben fehlenden Anschlusskapazitäten insbesondere ineffiziente Regelungen für die Bearbeitung von teils spekulativen Anschlussbegehren und die Reservierung von Kapazitäten, langwierige Planungs- und Genehmigungsprozesse sowie Engpässe bei Lieferketten und Fachkräften. Für Deutschland identifiziert die Studie besonderen Handlungsbedarf: Insbesondere die fragmentierte Umsetzung von Anschlussregelungen durch über 850 Verteilnetzbetreiber, der Mangel an Transparenz im Verteilnetz sowie fehlende Anreize zur Umsetzung regulatorischer Anforderungen und digitaler Lösungen werden kritisiert.

Imke Irmer zu den Plänen der Bundesregierung für ein Netzanschlusspaket: „Das Netzpaket ist völlig ungeeignet, den Flaschenhals Verteilnetzanschluss zu beseitigen. Der geplante Redispatch-Vorbehalt droht Investitionen in Erneuerbare Energien zu verzögern. Die geplante Priorisierung von Anschlussbegehren durch Verteilnetzbetreiber räumt ausgerechnet denen noch mehr Entscheidungsgewalt ein, die den Rückstand beim Netzausbau maßgeblich mitverursacht haben. Im Falle einer derart einseitigen Verschiebung der Verantwortung droht ein Flickenteppich aus über 800 Einzelregelungen durch dann nahezu übermächtige Netzbetreiber. Das Problem verzögerter Netzanschlüsse wird dadurch sicher nicht kleiner, sondern sogar noch verstärkt. Von nützlichen Maßnahmen zur Beschleunigung des Netzausbaus, die zum Beispiel auch Netzbetreiber zu einem besseren Verhalten motivieren, findet sich hingegen keine Spur.“

Die Studie zeigt auch, wie es mit Blick auf Warteschlangen im Verteilnetz besser gehen kann: So werden schnelle Netzanschlussprozesse in Großbritannien finanziell angereizt, in Griechenland werden Anschlussbegehren nach einheitlichen Vorgaben priorisiert. Daher fordert Germanwatch-Energieexperte Henri Schmitz: „Bundesregierung und Bundesnetzagentur sollten sich daran ein Beispiel nehmen und Netzbetreiber endlich auf Basis eindeutiger Vorgaben in die Pflicht nehmen. Ein Lichtblick im Netzpaket sind diesbezüglich die Vorgaben zur Herstellung von Transparenz über freie Anschlusskapazitäten und zur Digitalisierung von Anschlussverfahren. Auch hier braucht es jedoch finanzielle Anreize für die Umsetzung.“  

Zum methodischen Hintergrund der Studie

Betrachtet wurden ausschließlich Projekte mit einer Leistung von mehr als 1 Megawatt. Die Analyse für Deutschland erfolgt auf Basis von Daten aus dem Marktstammdatenregister und der SMARD-Datenbank, teils ergänzt um plausibilisierende Schätzungen. Angaben zum geschätzten Investitionswert der betrachteten Projekte basieren auf der Anwendung technologiespezifischer Kapital- und Betriebskosten sowie Realisierungswahrscheinlichkeiten (20% für Wind, 25% für PV und Speicher, reduziert auf 10% in Fällen, wo Anschlusswarteschlangen technologiespezifische Ausbauziele überschreiten).

Zur Studie

Quelle

Germanwatch.org 2026

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