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Zwangsinternate in Tibet: Menschenrechtler fürchten kulturelle Auslöschung

Die Parallelen zu kolonialen Zwangsinternaten für indigene Bevölkerungen damals in Kanada, den USA oder Australien sind schwer zu ignorieren: drei von vier Kindern in Tibet müssen auf Internate gehen, welche die chinesische Regierung zur kulturellen Assimilation vorsieht. Von Sarah Schäfer

„Ethnische Einheit“ lautet das Gebot der Stunde, welches sogenannten Minderheiten wie den Tibetern in China dazu verhelfen soll, das chinesische „Mutterland“ zu ehren und sich selbst als Teil einer chinesischen Großfamilie zu sehen. Für ihre distinktive tibetische Identität bleibt da kein Platz mehr. Seit dem Amtsantritt Xi Jinpings 2012 hat sich diese Politik besonders verschärft.

Viele von ihnen sind fast noch Kleinkinder, als sie von ihren Familien in Tibet getrennt werden, um die Schulen zu besuchen. Während rund 78% tibetischer Kinder im Alter von sechs bis 18 auf Zwangsinternate gehen, schätzen exiltibetische Menschenrechtsorganisationen, dass die Anzahl der Kinder zwischen vier und sechs Jahren sich auf mindestens 900.000 belaufen könnte.

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Die Zwangsinternate, auf die tibetische Kinder im Alter von 4 bis 18 Jahren nun geschickt werden, sind nur die Spitze des Eisbergs einer repressiven Politik, welche Tibeter seit der völkerrechtlich umstrittenen Annexion Tibets an China 1951 durchleben. Es war das 17-Punkte-Abkommen, was damals unter chinesischer Androhung einer militärischen Invasion unterschrieben wurde, um Tibet formell in die Volksrepublik China zu integrieren. Aber selbst dieser Vertrag sah eine Fülle autonomer und kultureller Rechte für Tibet vor, welche in Realität jedoch nur auf Papier gelten.

Bericht deckt Ausmaß der Zwangsassimilation auf

„Ich habe einen sechsjährigen Sohn und dreijährige Zwillinge[…].Kinder in dieser Phase brauchen die Fürsorge ihrer Eltern und ihrer Familien, um ihnen beim Essen, Baden und Anziehen zu helfen und, was vielleicht noch wichtiger ist, um nachts die Monster zu verscheuchen, um sie zu trösten, wenn sie krank sind oder sich verletzt haben, und um ihnen zu versichern, dass alles gut wird“, sagte die tibetische Menschenrechtlerin Lhadon Thetong im März bei einer Anhörung der US Kongress-Exekutivkommission für China mit dem Titel „Erhaltung Tibets: Bekämpfung kultureller Auslöschung, erzwungene Assimilation und transnationale Unterdrückung“. Neben ihr sagte auch Schauspieler und Vorsitzender der International Campaign for Tibet, Richard Gere, vorm Kongress aus.

Ladon Thetong ist Geschäftsführerin des Tibet Action Institutes, welches 2021 maßgeblich dazu beigetragen hatte, die erschreckenden bildungspolitischen Entwicklungen in Tibet an die Öffentlichkeit zu bringen. In dem ausführlichen Bericht „Separated from their Families, hidden from the World“ (Getrennt von ihren Familien, verborgen vor der Welt) haben Forscher trotz des repressiven Überwachungsapparats in Tibet Daten darüber gesammelt, wie massiv die chinesische Regierung besonders in den letzten 10 Jahren im Rahmen der Schulbildung vorgegangen ist, um tibetische Identität und Kultur weitestgehend auszulöschen und sie mit der chinesischen zu ersetzen.

Im Bericht kommen Zeugen zu Wort, die selbst auf einem der Zwangsinternate waren oder bereits früher eines besuchten, welches rückblickend als Vorgänger des jetzigen Systems verstanden werden kann. Der tibetische Soziologe Gyal Lo schaute sich über 50 der Internate in Tibet an, um die Auswirklungen auf die tibetische Gesellschaft zu erforschen. Als seine Arbeit den chinesischen Behörden negativ auffiel, floh auch er aus Tibet, um vom Exil aus Aufmerksamkeit für das Thema zu generieren. Gyal Los Famile ist direkt betroffen, seine Großnichten im Alter von vier und fünf Jahren gehen ebenfalls auf die Internate. Bei den seltenen Besuchen nach Hause seien sie ihren Eltern und Großeltern komplett entfremdet, verhielten sich emotional distanziert, bedauert er.

Während Tibeter berichten, dass viele der Kinder aufgrund der großen Distanzen die Familie nur einmal im Jahr besuchen dürften, weißt Peking die Vorwürfe zurück. Im UN Menschenrechtsrat sagte ein chinesischer Delegierter im März es gebe keine Zwangstrennung von Eltern und Kindern. Die Kinder dürften ihre Familie jedes Wochenende sehen und Besuch sei jederzeit gestattet. Für Gyal Lo und Lhadon Thetong klingen solche Aussagen zynisch. Sie und etliche Aktivisten weltweit machen weiter auf die Missstände aufmerksam. In der internationalen Politik findet das zunehmend Resonanz.

Der UN-Sozialausschuss sowie unabhängige UN-Sonderberichterstatter verurteilten die Menschenrechtsverletzungen bereits Anfang des Jahres. In einigen Ländern wie den USA oder Kanada schloss man sich der Kritik an. Zuletzt hatte US Außenminister Anthony Blinken im August angeordnet, dass die US-Regierung Visa-Beschränkungen gegenüber chinesischen Beamten verhängen wird, welche mitverantwortlich für die Zwangsinternate seien. Auch der Menschrechtsausschuss der Bundesregierung veröffentlichte im April eine Stellungnahme, in der er die Schließung der Internate forderte.

Wirtschaftliche und bürgerrechtliche Konsequenzen bei Widerstand

Von einer systematischen Auslöschung, einem „kulturellen Genozid“ sprechen Tibeter und Menschenrechtsgruppen. Während die Brutalität des chinesischen Angriffs auf tibetisches Leben zu Zeiten der Kulturrevolution der 60er Jahre noch offensichtlich war, so scheint es der kommunistischen Führung im Rahmen ihrer Bildungspolitik zu gelingen, koloniale Bestrebungen in Bezug auf Tibet hinter der Rhetorik des „Fortschritts“ und der „Armutsbekämpfung“ zu verdecken.

Hinzu kommen bürgerrechtliche und wirtschaftliche Folgen für all diejenigen, die sich weigern, ihre Kinder auf die Internate zu schicken. Zum einen verlören tibetische Familien ihre Rechte, staatliche Unterstützung zu beantragen, zum anderen riskierten sie, dass die Kinder schlechte Chancen auf dem zukünftigen Arbeitsmarkt haben, in dem fließendes Chinesisch vorausgesetzt wird. Da auch die traditionell tibetische Lebensweise des Nomadentums durch Zwangsansiedlungen fast komplett ausgelöscht wurde, sei Bildung für die Zukunft tibetischer Kinder umso wichtiger.

Der Bericht von Tibet Action Institut zeigt weiter, dass Eltern mit der Schließung sämtlicher tibetischer Privat- und Klosterschulen kaum eine Alternative bliebe als sie auf die chinesischen Internate zu schicken, zudem sie sich bei Widerstand dem Risiko von Strafzahlungen und anderen Repressionen aussetzten. Tibeter seien sich der Unfreiwilligkeit ihrer Situation bewusst – das chinesische Bildungssystem zu umgehen, zöge Einschüchterungen nach sich, denn jede Form des kulturellen Protests würde in Tibet hart bestraft.

Besonders nach den letzten Massenprotesten während der Olympischen Spiele in Peking 2008 hätten sich die Repressionen und staatliche Kontrolle in Tibet stark verschärft. Tibetische Kultur in Form von Tanz und Gesang auf öffentlichen Veranstaltungen ist zwar erlaubt, Tibet-Aktivisten kritisieren dies allerdings als oberflächliches Überspielen der Realität. Die von der chinesischen Führung legitimierten Kulturaufführen seien eine „Disneyfizierung“, welche chinesischen Touristen zur Unterhaltung angeboten würde, habe aber mit authentischer tibetischer Kultur und Religion kaum mehr etwas gemein.

In den 80er Jahren erlebte Tibet eine kulturelle Öffnung. Die Brutalität chinesischer Zwangsmaßnahmen in den ersten Jahrzehnten nach Tibets Besetzung wurde gewissermaßen beglichen, indem Exiltibeter wieder Kontakt in ihre Heimat aufnehmen konnten, tibetischer Unterricht an Dorfschulen in Tibet stattfand und auch der tibetische Buddhismus ein Wiederaufleben erfuhr. Sämtliche zerstörte Kloster wurden neu aufgebaut und tibetische Kinder wurden in ihrer tibetischen Muttersprache erzogen. Besonders in Ost-Tibet (den Regionen Amdo und Kham) hielt diese Situation bis in die 2000er an. Es mangelte jedoch an und finanziellen und personellen Ressourcen für Bildung. Zentralisierte Internate etablierten sich um 2001, als über 80% der Dorfschulen geschlossen wurden und bis 2010 zu Internatsschulen zusammengeführt wurden.

Während es auch in Gebieten, die mehrheitlich von Han Chinesen bewohnt sind, Internate gibt, so sind es vor allem die Minderheitenregionen Chinas, die von der Etablierung solcher Heimschulen betroffen sind. In der Autonomen Region Tibet (tibetisch: Ü-Tsang) seien es alleine 79,8% der Schüler, die auf ein Internat gingen – weitaus mehr als im Vergleich zu Han Chinesen, von denen es etwa 20-30% seien, so Tibet Action Institute. Laut einem Beschluss des chinesischen Staatsrats für Bildung aus dem Jahr 2015 würden die Internate der Verwirklichung der „langfristigen Stabilität des Landes“ dienen.

Das System der Internatsschulen wurde in den letzten Jahrzehnten stetig entwickelt. Die einst regionale tibetische Bildung ist fast vollständig verschwunden. Etliche Schulen werden zusammengeführt wie zum Beispiel zwischen 2008 und 2011, wo 87 Grund- und Sekundarschulen aus tibetischen Dörfern in elf Internatsschulen integriert wurden, was den Kindern oft keine andere Wahl gibt, als die Heimat zu verlassen, weil die Schulen schlicht zu weit weg von ihrem Wohnort liegen.

Tibeter fürchten das Aussterben ihrer Muttersprache

Chinesisch ist mittlerweile auch in Tibet die Hauptsprache an allen Schulen und ideologischer Unterricht zugunsten der Kommunistischen Partei Chinas gehört zum Curriculum. Die meisten Lehrer in Tibet sind Chinesen, nicht Tibeter. Was die chinesische Regierung als „bilingualen Unterricht“ in Tibet verkauft, entpuppt sich in Realität als Unterricht auf Chinesisch. Es ist meist nur die tibetische Sprache, die heutzutage in Tibet noch auf Tibetisch unterrichtet wird. „Das ist also die zweisprachige Erziehung: Theoretisch bedeutet das, dass man beide [Sprachen] lernen kann. Das klingt schön. Aber in der Praxis wird die Arbeitssprache [in Schulen und Büros] selbst auf der Ebene der Gemeinden [auf dem Land] immer mehr Chinesisch“, erzählte ein tibetischer Professor 2018 der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch.

Tibet Action Institute legte offen, dass seit 2021 nun auch in tibetischen Kindergärten ausschließlich Chinesisch gesprochen werde, sodass viele tibetische Kinder mit Beginn der Grundschule oft besser Chinesisch als Tibetisch sprächen. Auch inhaltlich würde in den Schulbüchern vielmehr würde die Lebensrealität von Han Chinesen präsentiert und politische Indoktrination sei Teil des Lehrauftrags. Mit tibetischer Kultur und Religion habe das wenig zu tun.

Vergewaltigungen, Schläge und Mobbing in Internaten an der Tagesordnung

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„Es war körperlich, emotional und psychologisch quälend und erschöpfend. Ich hatte keinerlei Freude am Lernen oder an der Bedeutung von Bildung…Ich wollte nur überleben. Ich war so traumatisiert, dass alles, woran ich denken oder worüber ich mir Sorgen machen konnte, war wie ich dem Mobbing, den Schlägen, der sexuellen Belästigung oder dem Hunger entkommen könnte“, berichtet ein Zeuge im Bericht von Tibet Action Institute, der eine der Internatsschulen vor 2009 besuchte.

Neben der kulturellen Zerstörung in Tibet sind es vor allem auch mentale Folgen, welchen tibetische Schüler auf den Internaten ausgesetzt sind. Im Schlafsaal 11-13-jähriger Mädchen waren Vergewaltigungen und physische Belästigungen an der Tagesordnung: „Wahllose Männer kletterten nachts in den Mädchenschlafsaal“, berichtet eine andere Zeugin, „viele Male waren es nur zufällige Männer und sie waren nicht einmal von der Schule. Es war nicht ungewöhnlich, dass ein männlicher chinesischer Lehrer in das Zimmer der Mädchen eindrang und sie vergewaltigte oder sexuell belästigte.“ Ein anderer Schüler, der ein Zwangsinternat in Rebkong besuchte, berichtet von extremer Einsamkeit, mangelhaften sanitären Einrichtungen und regelmäßigen Schlägen von Lehrern. Auf einem Internat in Lhasa besuchen Eltern regelmäßig ihre Kinder an einem Zaun, um ihnen Verpflegung von zuhause zu bringen. Den Schülern, die ihre Eltern dort treffen wird jedoch von Lehrern mit Punktabzug gedroht. Der Sozialforscher Guo Tingting führte Interviews mit einigen der Schüler in Lhasa und Umgebung. Heimweh gebe es bei fast allen, schreibt er 2018 in einer Studie: „Wenn man sich mit Schülern unterhält und sie fragt, ob sie Heimweh haben, sagen 99 % der Schüler, dass sie ihr Zuhause und ihre Eltern vermissen.“

Die Traumata von ehemaligen Schülern früherer Internate lassen bereits erahnen, wie es den Kindern in den heutigen Zwangsinternaten geht. Bereits jetzt zeichnet sich ab, dass tibetische Internatsschüler von Gefühlen der Bedeutungslosigkeit und Minderwertigkeit geplagt sind. Sowohl in der chinesischen Gesellschaft als auch in den Schulen sind Tibeter rassistischen Vorurteilen ausgesetzt, etwa dass sie als Nomaden „dreckig“ oder „unzivilisiert“ seien.

Unabhängige Untersuchungen und freie Recherchen sind in Tibet gegenwärtig kaum möglich. Die Region ist für die Außenwelt abgeschottet und es ist schwierig, das konkrete Ausmaß an physischer, sexueller und emotionaler Gewalt in den Zwangsinternaten herauszufinden. Doch eins scheint sicher: tibetische Schüler und ihre Eltern entscheiden sich nicht freiwillig für die Internate. Zwischen 1985 und den 2010ern gingen manche Tibeter noch auf die sogenannten ‚neidi Schulen‘, welche Assimilation in Tibet anstrebten, jedoch einen eher elitären Charakter hatten und sich damals nur auf die Autonome Region Tibet konzentrierten. Die gegenwärtigen Entwicklungen der Zwangsinternate erstrecken sich über das gesamte tibetische Plateau. Sie haben unter der Führung von Xi Jinping im letzten Jahrzehnt ein Ausmaß angenommen, welches die Sorgen von Tibetern über die systematische Auslöschung ihrer Kultur bestärkt wie selten zuvor seit der Besetzung Tibets.

Quelle

Sarah Schäfer 2023

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