‹ Zurück zur Übersicht
Europa Verlag | Jasmin Taylor | Im Namen Gottes

© Europa Verlag | Jasmin Taylor | Im Namen Gottes

Die mutigen Frauen im Iran

Das Buch von Jasmin Taylor ist eine erschreckende Analyse, wie die freie Welt der systematischen Unterdrückung iranischer Mädchen und Frauen zusieht. 

„Stellen Sie sich vor, Sie wachen morgen früh auf, und die Welt ist eine andere. Plötzlich dürfen Frauen in ihrem Land nicht mehr ohne Kopftuch das Haus verlassen. Ihre Körper müssen mindestens bis zu den Ellenbogen und Knöcheln bedeckt sein. Es ist Ihnen untersagt, in der Öffentlichkeit zu tanzen oder zu singen, und auch das Fahrradfahren ist verboten. Um das Land zu verlassen, benötigen Sie die Erlaubnis Ihres Ehemannes oder eines männlichen Vormunds. Sie haben weder das Recht, Entscheidungen bezüglich ihrer Kinder zu treffen, noch ihre Meinung öffentlich zu äußern, geschweige denn eine politische Karriere einzuschlagen, um für ihre Rechte zu kämpfen. Was machen Sie in solch einer  Situation? Es gibt zwei Möglichkeiten: sich wortlos dem Regime zu beugen und die plötzliche, systematische Unterdrückung zu akzeptieren oder sich gegen sie aufzulehnen.“

Das sind die ersten Sätze in einem Buch über den Mut der iranischen Frauen, dessen Lektüre mich tief erschüttert hat. Dabei wurde mir auch klar, wie wenig wir im demokratischen, sicheren und freien Deutschland über die undemokratischen, unsicheren, unfreien und frauenfeindlichen Regime in der Welt wirklich wissen. Am Verhältnis zu Frauen zeigt sich der Reife- und Zivilisationsgrad einer Gesellschaft, eines Staates, einer Firma, einer Religion oder auch eines jeden Mannes.

Das Buch der iranischen Autorin Jasmin Taylor „IM NAMEN GOTTES – die Unterdrückung der Frauen im Iran“ erscheint zur rechten Zeit. Es will nichts weniger als eine Zeitenwende in einem Land, dessen islamische Mullah-Regierung  menschenverachtend wie kaum eine andere ist. Im Namen Gottes wird Religion – wieder einmal – als furchtbares und menschenverachtendes Herrschaftsinstrument missbraucht. Die Geschichten dieses Buches stehen für das Schicksal von über 40 Millionen Iranerinnen. Besonders schockierend ist, dass Frauenhass und Gräueltaten auf den Grundlagen des islamisch-iranischen Rechts basieren – wie Jasmin Taylor eindrucksvoll belegt.

Die Autorin – und das ist neu – zeigt nach jeder Frauengeschichte einen Vergleich der islamisch-iranischen Gesetzgebung mit internationalem Recht. So bietet das Buch einen schockierenden Einblick in den Alltag einer frauenverachtenden Diktatur.

Die Autorin flüchtet mit 17 Jahren während des ersten Golfkriegs nach Deutschland. Viele ihrer Freunde waren im Bombenhagel umgekommen, auch sie musste um ihr Leben fürchten. Deutschland ließ Mitte der Achtziger noch problemlos minderjährige Iraner mit dem Flugzeug einreisen. Jasmin versuchte, ihre Eltern davon zu überzeugen, dass sie in Deutschland ein bessere Zukunft habe als in Teheran. Die Eltern sind gegen die Flucht. Jasmin droht mit Selbstmord, flieht alleine, arbeitet in Deutschland zunächst in einem Hotel, besucht nebenher einen Sprachkurs, schafft den Weg aufs Gymnasium und nach dem Abitur sogar an die Universität. In den USA studiert sie Psychologie und Management, baut danach in Berlin als selbständige Unternehmerin eine Touristikfirma mit 60 Mitarbeitern auf, wurde 2011 als erste Frau mit  dem „Travel Industry Manager of the Year“ ausgezeichnet, gründet die Hilfsorganisation SIS, Strong Independent Sisters, in der sie anderen geflüchteten Frauen aus dem Iran, Afghanistan, Syrien und Eritrea hilft, die deutsche Sprache zu lernen.

Jasmin Taylor arbeitet heute als Beraterin in der Destinations- und Hotelprojektentwicklung.  Jetzt sagt die auch erfolgreiche Buchautorin: „Wenn ich heute im Fernsehen die Flüchtlingsströme sehe, erinnert mich das an mein eigenes Schicksal“. Sie meint optimistisch: „Wenn jemand die Flüchtlingskrise schafft, dann Deutschland.“

Diese kluge, emanzipierte und lebenslustige Emigrantin aus dem Iran bereichert die deutsche Gesellschaft, vergisst aber nie das Schicksal der Frauen in ihrer Heimat: „Auch sie sollen eines Tages in Freiheit, Frieden und Wohlstand leben.“ Deshalb lässt sie in ihrem Buch sieben aktuelle Frauen-Schicksale zu Wort kommen. Diese Geschichten einer schrecklichen Männerherrschaft sind ein unwiderlegbarer Hinweis darauf, dass das heutige Regime im Iran  ähnlich wie die Taliban-Herrschaft im Nachbarland Afghanistan auf den Misthaufen der Geschichte gehört.

Passend zu diesem Buch erhielt in diesen Tagen die mutige Menschenrechtsaktivistin Narges Mohammadi den Friedensnobelpreis. Sie ist die fünfte Preisträgerin, die diesen höchsten Preis auf unserem Planeten im Gefängnis erhält und steht damit in einer Reihe mit: Dem Journalisten Carl von Ossietzki, der den Preis 1935 für seinen Widerstand gegen die Nazi-Herrschaft erhielt, der Aktivistin Aung San Sun Kyi für die gewaltfreie Demokratisierung ihres Heimatlandes Myanmar (1991), dem chinesischen Schriftsteller Liu Xiaoba (2010), der drei Jahre im Gefängnis saß und erst 2017 entlassen wurde und dem belarussischen Schriftsteller Ales Bjaljatski (2022).

Die 51-jährige Narges Mohammadi saß insgesamt über 3o Jahre im Gefängnis und wurde zu 154  Peitschenhieben verurteilt. Noch im Gefängnishof stieg sie auf das Dach eines Fahrzeugs und rief: „Nieder mit der Islamischen Republik.“ Die aktuelle Friedennobelpreisträgerin sieht ihre Auszeichnung auch als Auszeichnung für alle Frauen, die Jasmin Taylor in ihrem Buch „IM NAMEN GOTTES“ zu Wort kommen lässt.

Wie wichtig dieses Buch ist, zeigt ein aktueller Vorfall: erst vor wenigen Tagen wurde eine 16-jährige Kurdin in der Teheraner U-Bahn so stark misshandelt, dass sie ins Koma fiel. Der Grund für die Misshandlung durch die iranischen „Sittenwächter“: Das Mädchen war ohne Kopftuch unterwegs. Frauen in Iran werden willkürlich verhaftet, eingesperrt, gefoltert, vergewaltigt und hingerichtet.

Europa Verlag | Jasmin Taylor | Im Namen Gottes
© Europa Verlag

In diesem Buch beschreiben mutige iranische Frauen schonungslos die staatlich verordnete Abwertung und Diskriminierung der Frau. Sie zeigen, dass Mädchen ab neun Jahren „rechtmäßig“ verheiratet werden und ihren meist älteren Männern sowie dem Staat schutz- und rechtlos ausgeliefert sind. Und sie offenbaren die brutale Realität, dass dieses Regime die ganze Welt mit der höchsten Zahl von Hinrichtung weiblicher Personen schockiert.

Dieses Buch ist eine Erinnerung daran, dass wir alle die Millionen Frauen, die noch heute in männlicher Unterdrückung und Ausbeutung leben, die Gefangenen, die Toten, die um ihre Würde Kämpfenden, nicht vergessen dürfen. Ihr Kampf für die Freiheit ist ihnen wichtiger als ihre eigene Freiheit. Das ist die eindrucksvolle Botschaft dieses Buches. Die Veröffentlichung ist aber auch ein Zeichen der Hoffnung für alle iranischen Bürgerinnen und Bürger.

Quelle

Franz Alt 2023

Diese Meldung teilen

‹ Zurück zur Übersicht

Das könnte Sie auch interessieren