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© Depositphotos.com | filmfoto | „Wenn, wie derzeit im Westen Nordamerikas, extreme Hitze häufiger wird und die Temperaturen über längere Zeit auf hohem Niveau liegen, steige der physiologische Stress nicht nur bei Menschen, sondern auch bei Tieren und Pflanzen.“

Wissenschaftler warnen vor Hitzefolgen

Die Wetterextreme der letzten Tage scheinen zu illustrieren, dass sich das Klima schneller verändert als bisher angenommen. Es mehren sich Forderungen, die Anpassung an die veränderten Verhältnisse voranzutreiben – zumal sich bei den globalen CO2-Trends keine Entspannung abzeichnet.

Die extreme Hitze in Kanada und dem Nordwesten der USA hat mittlerweile teilweise apokalyptische Folgen: In dem Ausflugsort Lytton im Westen Kanadas erreichte die Quecksilbersäule die im Wortsinne lebensfeindliche Temperatur von 49,6 Grad Celsius. Hitze, Trockenheit und Wind führten schließlich dazu, dass der Ort praktisch niederbrannte.

Allein in der Provinz British Columbia starben seit Freitag letzter Woche nahezu 500 Menschen eines „plötzlichen Todes“, dreimal mehr als normalerweise. Sehr wahrscheinlich haben die Rekordtemperaturen daran einen hohen Anteil, wie die kanadischen Behörden erklärten.

Wenn, wie derzeit im Westen Nordamerikas, extreme Hitze häufiger wird und die Temperaturen über längere Zeit auf hohem Niveau liegen, steige der physiologische Stress nicht nur bei Menschen, sondern auch bei Tieren und Pflanzen, betonte heute Senthold Asseng, Experte für Atmosphäre-Pflanze-Boden-Systeme an der TU München, in einer Mitteilung.

Schon ab 23 Grad kommt es dem Agrarwissenschaftler zufolge bei hoher Luftfeuchtigkeit zu einer „leichten“ Hitzebelastung für den Menschen, bei niedriger Luftfeuchtigkeit ab 27 Grad. „Werden Menschen über längere Zeit Temperaturen über 32 Grad Celsius bei extrem hoher Luftfeuchtigkeit oder über 45 Grad Celsius bei extrem niedriger Luftfeuchtigkeit ausgesetzt sind, kann das tödlich sein“, erläutert Asseng.

© piixabay.com | Dean Moriarty | Klimaanlagen verbrauchen viel Energie und heizen wiederum den Klimawandel an.

Zum Ende des Jahrhunderts könnten laut seiner Prognose „45 bis 70 Prozent der globalen Landfläche von Klimabedingungen betroffen sein, bei denen der Mensch ohne technische Hilfen, wie etwa Klimaanlagen, nicht mehr überleben kann. Derzeit sind es zwölf Prozent“.

Künftig würden so bis zu drei Vierteln der menschlichen Bevölkerung chronisch durch Hitze gestresst. Eine ähnliche Zunahme der Hitzebelastung erwartet Asseng für Nutztiere und -pflanzen, aber auch für wildlebende Arten.

Für den Forscher ist klar: Extreme Hitze mit weit über 40 Grad Celsius erfordert Gegenmaßnahmen, etwa in Form von klimatisierten Räumen. Aber auch eine stärkere natürliche Beschattung durch Bäume oder Bauten könne die Hitze mildern.

Zudem gelte es, Städte und Gebäude so umzugestalten, dass sie temperaturpassiver sind, beispielsweise durch hellere, reflektierende Dach- und Wandfarben oder eine bessere Wand- und Dachisolierung.

Juni in Deutschland deutlich zu warm

Auch wenn Deutschland derzeit keine Temperaturen jenseits der 40 Grad verzeichnet: Der vergangene Monat war der drittwärmste Juni seit Beginn kontinuierlicher Wetteraufzeichnungen vor 140 Jahren, wie der Deutsche Wetterdienst (DWD) meldete.

Mit glatten 19 Grad Celsius lag der Temperaturschnitt in diesem Juni um 3,6 Grad über dem Mittelwert des Vergleichszeitraums von 1961 bis 1990. Im Vergleich zu dem schon deutlich wärmeren Jahrzehnt von 1991 bis 2020 betrug das Plus noch immer 2,6 Grad.

In der ersten Hitzewelle des Jahres Mitte Juni stieg laut DWD das Thermometer in Berlin-Tempelhof und Baruth südlich von Berlin am höchsten auf jeweils 36,6 Grad. In Bad Kreuznach südwestlich von Mainz wurden insgesamt acht heiße Tage gezählt, an denen die Temperatur die 30-Grad-Marke übertraf.

Weltweite CO2-Emissionen bleiben hoch

Unterdessen weisen Klimawissenschaftler darauf hin, dass trotz der „Corona-Delle“ der weltweite Treibhausgas-Ausstoß in den nächsten Jahren wohl erschreckend hoch bleiben wird. Ein merkbarer Fortschritt sei trotz aller politischen Ankündigungen „noch nicht in Sicht“, ergab eine Bestandsaufnahme, die Forscher in aller Welt unter Leitung des Berliner Klimainstituts MCC zusammenstellten.

Laut der im Fachmagazin Environmental Research veröffentlichten Studie stiegen die globalen Treibhausgas-Emissionen von 2010 bis 2018 um elf Prozent. Nur in wenigen Bereichen sei der Ausstoß deutlich zurückgegangen, so etwa im Energiesektor in Europa. Dagegen legte in Asien die besonders klimaschädliche Kohleverstromung zu. In fast allen Weltregionen stiegen die Emissionen in den Bereichen Verkehr und Gebäude.

Größter Emittent ist der Studie zufolge die Industrie. Der Sektor stieß 2018 weltweit 20,1 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalent aus, mehr als ein Drittel der gesamten Treibhausgas-Emissionen. Gegenüber 2010 war das eine Steigerung um 14 Prozent. Die anteiligen Emissionen aus dem Stromsektor, um die Industrie anzutreiben, sind darin laut MCC enthalten.

Die Trends im Jahrzehnt vor Corona zeigten nur wenig Fortschritt in Richtung Dekarbonisierung, fasste MCC-Experte und Mitautor Jan Minx zusammen. Weltweit seien die Emissionsminderungen durch den technischen Fortschritt meist durch das Wirtschaftswachstum überkompensiert worden.

Quelle

Der Bericht wurde von der Redaktion „klimareporter.de“ (Jörg Staude) 2021 verfasst – der Artikel darf nicht ohne Genehmigung (post@klimareporter.de) weiterverbreitet werden! 

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