Am Anfang war Adenauer
Konrad Adenauer war ein großer Europäer. Schon 1953 sagte er: „Die Einheit Europas war ein Traum von wenigen. Sie wurde eine Hoffnung für viele. Sie ist heute eine Notwendigkeit für alle.“
Darin sehe ich seine größte Leistung. Gerade heute. Am 05. Januar 2026 würde Konrad Adenauer 150 Jahre alt. Eine Wertschätzung von Franz Alt.
1876 geboren wurde er zu Beginn der Weimarer Republik Ende 1917 Oberbürgermeister von Köln und blieb es bis ihn 1933 die Nazis absetzten. Die Nazis lehnte der überzeugte Katholik ab. Mehrmals war er eingesperrt.
Ich wurde 1938 geboren und habe als Kind noch die Hitlerei erlebt. In der ersten Klasse der Volksschule im Jahr 1944 mussten wir den Lehrer in meinem kleinen badischen Dorf Untergrombach mit „Heil Hitler, Herr Lehrer“ begrüßen. Mein Vater war Mitglied der SA. Und ich war als Kind stolz darauf, dass an Hitlers Geburtstag an unserem Haus die Nazi-Fahne immer zuerst hing, bevor sie an den Nachbarhäusern auftauchte.
Mit einem Freund im Leiterwagen zog ich noch in den letzten Kriegstagen hinter einer Beerdigungs-Prozession her und wir sangen dabei den Nazi-Song: „Siegreich wollen wir Frankreich schlagen“. Die älteren Leute im Dorf erzählten diese Geschichte noch Jahrzehnte später.
Doch dann kam die sensationelle Wende: Die deutsche Kapitulation, die Besatzungszeit der drei Westalliierten, die Währungsreform 1948 sowie das Grundgesetz und die erste Bundestagwahl 1949. Nach 1945 setzte sich Adenauer für die neu gegründete CDU ein, welche die Zusammenarbeit von Katholiken und Protestanten, früheren Zentrumsleuten und christlichen Gewerkschaftlern betonte. Letztere glaubten an einen „christlichen Sozialismus“. Doch Adenauer wollte eine Bundesregierung „ohne die Sozis“.
Die Adenauer-Ära begann im Jahr 1949. An der ersten Regierung Adenauer waren vier Parteien beteiligt und Im ersten Deutschen Bundestag neun Fraktionen vertreten. Das scheint heute nahezu unvorstellbar. Es gab noch keine Fünf-Prozent-Hürde wie seit 1953.
Erste Bundesregierung Adenauer 1949
Im Sommer 1949 legte der damals 73-jährige Konrad Adenauer den Grundstein für seine eigene 14 Jahre dauernde Kanzlerschaft.
Am 15. September 1949 wurde schließlich Konrad Adenauer mit der knappsten Mehrheit von 202 von 402 Stimmen zum ersten Bundeskanzler gewählt – ohne seine eigene Stimme wäre er nicht Kanzler geworden. Und die politische Entwicklung in Deutschland hätte eine ganz andere werden können. Adenauers trockener Kommentar „Et hät noch immer jut jejangen.“
Noch in diesen Nachkriegsjahren sprachen meine Eltern davon, dass wir Hitler „zwei Dinge verdanken: „Die deutschen Autobahnen“ und den „Kampf gegen den Kommunismus“. Noch als Jugendlicher sah ich das ähnlich.
Adenauer versuchte, die junge Bundesrepublik zu einer „wehrhaften Demokratie“ auszubauen. Die „Wiedergutmachung“ gegenüber den Juden sah er als „eine Pflicht“. Das bedeutete auch, dass Deutschland schon bald im beginnenden Ost-West-Konflikt zum Mit-Akteur im westlichen Bündnis wurde. Der „Alte“ wurde immer populärer. Und ich stand an seiner Seite. Ich war so ein Adenauer-Fan, dass meine beiden jüngeren Schwestern oft witzelten: „Franz wird mal Adenauer“. Für mich war Adenauer jetzt so etwas wie ein guter politischer Opa, der das Land aus dem Nachkriegselend führt.
Die „Neutralisierungspolitik“ der SPD nannte der „Alte“ „eine Eselei“. Ich hielt das alles für richtig.
Die Regierung Adenauer 1953
Auf den CDU-Wahlplakaten 1953 war zu lesen: „Alle Wege des Marxismus führen nach Moskau. Deshalb CDU“. Damit wurde die SPD der Kollaboration mit Kommunisten beschuldigt. Das hielt ich dann doch für zynisch. Das Ergebnis der Wahl am 6. September 1953: CDU/CSU 45,2 Prozent, die SPD landete wie festgemauert bei 28,8 Prozent, die FDP bei 9,5 Prozent, die Deutsche Partei bei 3,3 Prozent und die neu gegründete Gesamtdeutsche Partei bei 5,9 Prozent. Adenauer bildete mit der FDP und den Gesamtdeutschen eine neue Regierung.
Das populärste Ereignis dieser Regierung gelang dem Kanzler als er 1956 ca. 10.000 deutsche Kriegsgefangene aus der Sowjetunion „heimholte“ und dafür Moskau diplomatisch anerkannte. Doch dazu schrieb Gräfin Marion Dönhoff in der „Zeit“: Adenauer habe mit der „Freiheit der Zehntausend die Knechtschaft der 17 Millionen (in der DDR) besiegelt“. Freiheit war Adenauer stets wichtiger als Einheit. Adenauer wurde immer mächtiger und Ich wurde gegenüber seinem schlichten Anti-Kommunismus immer kritischer.
Absolute Mehrheit für Adenauer 1957
Die Union hat mit 50,2 Prozent die absolute Mehrheit gewonnen und damit alle kleineren Parteien – mit Ausnahme der FDP (7,7 Prozent) – unter die Fünf-Prozent-Marke gedrückt. Das hatte Adenauer im schon fast biblisch zu nennenden Alter von 81 Jahren geschafft.
Adenauer war auf dem Höhepunkt seiner Macht, aber auch auf dem Höhepunkt seines Starrsinns angekommen. Er wollte jetzt sogar Atomwaffen für Deutschland und nannte diese völlig falsch und verharmlosend „eine Weiterentwicklung der Artellerie“. SPD, Gewerkschaften, die evangelische Kirche und Linkskatholiken stellten sich dagegen. Sie waren die Vorgänger der später noch weit stärker gewordenen Friedensbewegung, die ich dann mit meinem Buch „Frieden ist möglich – Die Politik der Bergpredigt“ voll unterstützte. Adenauer und sein Verteidigungsminister Strauß gerieten in die Defensive. Und der populäre Kanzler machte den Kardinalfehler seiner Kanzlerschaft: Er beanspruchte im April 1959 das Amt des nächsten Bundespräsidenten. Er wollte damit den möglichen Kanzler Erhard, den er glaubte als seinen Nachfolger nicht mehr verhindern zu können, eindämmen. Doch es begann die Kanzler-Dämmerung. Wenige Wochen später nahm er die Bewerbung als Bundespräsident zurück. Adenauer, der unberechenbare Patriarch!
Mein „Opa-Adenauer“-Bild bröckelte.
Kanzlerdämmerung 1961
Das Ergebnis der vierten Bundestagswahl 1961: CDU/CSU 45,5 Prozent, SPD 32,2, und FDP 12,8 Prozent. Das reichte gut für eine schwarz-gelbe Regierung.
Schon im Jahr darauf erschütterte die „Spiegel-Affäre“ die Bundesregierung. Adenauers Verteidigungsminister Strauß musste zurücktreten. Und schon ein weiteres Jahr später folgte Adenauers Rücktritt. Der „ewige Kanzler“ konnte nicht verhindern, dass Erhard sein Nachfolger wurde. Für mich stand Konrad Adenauer für unsere Freiheit und Ludwig Erhard für Wohlstand. In den Sechzigern war ich Kreisvorsitzender der Jungen Union in Karlsruhe-Land, aber recht kritisch gegenüber dem schieren Anti-Kommunismus der CDU.
Ich erlebte die Adenauer-Jahre voller Dankbarkeit als Zeit der Befreiung von der Hitlerei. Aus dem Kanzler nach der deutschen Katastrophe wurde der führungsstarke Begründer der zweiten deutschen Demokratie. Es geht mir ähnlich wie Joschka Fischer, der heute sagt: „Je älter ich werde, desto wichtiger wird Adenauer für mich“. Der immer Adenauer-kritische Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein schrieb zu Adenauers Tod 1967: „Er war ein ganz großer Häuptling“. Und ein noch größerer Europäer. Ich erfuhr 1967 in Liechtenstein von seinem Tod und weinte. Danach schrieb ich meine Doktorarbeit über Adenauers erste Regierungsbildung.
Heute kommt das „Opa-Adenauer“-Bild wieder zurück. Doch ich weiß auch, dass Vergangenheit verklärt.
- Franz Alt „Es begann mit Adenauer. Der Weg zur Kanzlerdemokratie“ – Herder Verlag (1975)
- Franz Alt „Es begann mit Adenauer“ | Es war die Stunde Null nach 1945. Nazi-Deutschland war besiegt. Vor 75 Jahren, am 10. August 1948, begann am bayerischen Chiemsee eine Sternstunde der deutschen Demokratie-Geschichte.
Quelle
Franz Alt 2026 / Erstveröffentlichung „Frankfurter Rundschau“ | 04.01.2026








