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:: Stirbt die Artenvielfalt? Wer ist schuld am Artensterben? 1/8

Heute beginnt auf der "Sonnenseite" die siebenteilige Artenschutzserie zur Artenschutzkonferenz in Bonn: In dieser Serie geht es um die Zukunft des Lebens. Auf unserer Erde gibt es Millionen von Lebensarten – Pflanzen, Tiere, Menschen. Die Fülle des Lebens ist in Milliarden Jahren gewachsen. Millionen Arten haben wir bis heute noch gar nicht entdeckt – vor allem die Vielfalt des Lebens in den Regenwäldern und in den Meeren.

Heute beginnt auf der "Sonnenseite" die siebenteilige Artenschutzserie zur Artenschutzkonferenz in Bonn: In dieser Serie geht es um die Zukunft des Lebens. Auf unserer Erde gibt es Millionen von Lebensarten – Pflanzen, Tiere, Menschen. Die Fülle des Lebens ist in Milliarden Jahren gewachsen. Millionen Arten haben wir bis heute noch gar nicht entdeckt – vor allem die Vielfalt des Lebens in den Regenwäldern und in den Meeren.

 

Wir können sicher sein, dass die natürliche Lebensvielfalt keine bloße Laune und Spielerei der Natur ist, sondern eine große Bedeutung für den Fortbestand des Lebens auf der Erde hat. Ohne die Vielfalt von Tieren und Pflanzen gibt es keine Menschen. Und dennoch rotten wir zur Zeit jeden Tag bis zu 150 Tier- und Pflanzenarten aus. Wir führen einen Dritten Weltkrieg gegen die Natur und damit gegen uns selbst. Im Jahr 1900 gab es in Bayern noch 35 verschiedene Rinderrassen – jetzt sind es gerade noch vier. In China wurden vor 80 Jahren noch 6.000 verschiedene Reissorten angebaut, jetzt sind es noch sechs. 

 

Mit dem Artensterben zerstören wir unsere eigenen Lebensgrundlagen:

  • Regenwälder werden abgeholzt
  • die Meere vergiftet
  • Feuchtgebiete trockengelegt und
  • Ackerland zubetoniert.

Je stärker wir Menschen in die Natur eingreifen, desto mehr und desto schneller das Artensterben. Und wir werden immer mehr Menschen. Zur Zeit Jesu gab es etwa 250 Millionen Menschen. 1800 Jahre später etwa eine Milliarde. Als ich vor 70 Jahren geboren wurde, waren wir 2 Milliarden, heute 6,5 und in 50 Jahren werden etwa 10 Milliarden Menschen auf dieser kleinen Erde leben.

 

Das heißt: Megastädte entstehen, die Böden werden durch Umweltgifte belastet, immer mehr fossile Rohstoffe werden verbraucht und verbrannt, die Klimaerwärmung beschleunigt sich, der Meeresspiegel steigt und die Welt wird zunehmend technisiert. Sind wir noch zu retten?

 

Ende Mai findet in Bonn die größte Artenschutzkonferenz aller Zeiten statt: 5000 Biologen, Artenforscher, Klimaschützer und Politiker diskutieren 10 Tage lang im Auftrag der UNO, wie wir die Artenvielfalt (Biodiversität) erhalten und das Leben bewahren können. Die Hauptfrage der Bonner Konferenz: Ist die Artenvielfalt noch zu retten? Was müssen wir tun?

 

Wir werden in dieser Serie sehen, dass die Lage ernst, aber nicht hoffnungslos ist. „Die Bedingungen, die Zukunft besser zu gestalten, und die Möglichkeiten, die Fehler der jüngsten Vergangenheit zu vermeiden, waren noch nie so gut wie heute“, sagt der Münchner Evolutionsbiologe Josef H. Reichholf.

 

Freilich: Wenn wir das Artensterben stoppen wollen und den Klimawandel noch aufhalten, dann darf unsere Ethik nicht länger hinter der Entwicklung unserer Technik zurückbleiben und unsere Liebe zum Leben nicht hinter unserer Macht. Das heißt: Wir müssen lernen, ökologisch zu wirtschaften. Sonst trifft zu, was der Dalai Lama in einer meiner Fernsehsendungen gesagt hat: „Ohne Menschen ginge es der Erde besser.“

 

Nur noch zehn Pflanzenarten und fünf Nutztierarten bilden heute die Basis fast der gesamten Welternährung. Noch vor 80 Jahren waren es hundert mal so viele. „Neben dem Klimawandel ist die Erhaltung der Artenvielfalt unsere dringlichste Aufgabe“, sagt Bundesumweltminister Sigmar Gabriel. Der Unterschied zwischen den beiden Themen: Der Klimawandel wird von Millionen Menschen bereits als bedrohlich für das eigene Leben empfunden, nicht aber das Artensterben. Dabei wissen wir: Ohne Tiere und Pflanzen kann es Menschen nicht geben. Wir sind als „homo sapiens“ eine ganz junge Spezies von gerade mal 2 Millionen Jahren und stehen auf den Schultern unserer älteren Geschwister, den Tieren und Pflanzen. Und diese Lebensgrundlage zerstören wir in ungeheurem Tempo. Heute vollzieht sich das Artensterben etwa 1000 mal schneller als noch vor 200 Jahren.

 

Die Natur braucht mindestens 24.000 Jahre, um eine neue Spezies zu schaffen, aber wir rotten – wie gesagt – jeden Tag 150 Tier- und Pflanzenarten aus:

  • durch den Klimawandel
  • durch Flächenverbrauch
  • durch eine chemisierte Landwirtschaft und
  • einen nicht nachhaltigen Lebensstil.

Die Hauptursache des Artensterbens ist unsere katastrophale Energiepolitik und der dadurch bedingte Klimawandel. An einem Tag verbrennen wir heute durch Kohle, Gas und Erdöl, woran die Natur 500.000 Tage gearbeitet hat. Jeder von uns spürt bereits den Klimawandel:

  • Der Frühling kommt früher und der Herbst später
  • 2008 hatten wir den wärmsten März seit 150 Jahren
  • 2007 hatten wir den heißesten April seit 400 Jahren
  • In den letzten 15 Jahren hatten wir die wärmsten zehn Jahre seit 1860.

Die Zeichen des Klimawandels werden immer deutlicher. Im 20. Jahrhundert hatten wir eine globale Erwärmung von 0,8 Grad. Im 21. Jahrhundert können es bis zu acht Grad werden, wenn wir alles verbrennen, was heute noch an Kohle, Gas und Erdöl im Boden ist. Dann möchte ich nicht mein Enkel sein!

 

Wir werden unseren Planeten als Treibhaus nicht wiederkennen, wenn wir die solare, umweltfreundliche Energiewende nicht in den nächsten 30 Jahren organisieren. Dass und wie dies jedoch möglich ist, habe ich in meinem soeben erschienenen Buch „Sonnige Aussichten – Wie Klimaschutz zum Gewinn für alle wird“ im Detail beschrieben.

 

Die Sicherung unserer Tier- und Pflanzenvielfalt und damit unserer Lebensqualität darf nicht den wirtschaftlichen Interessen Einzelner aus Industrie oder der Agrarlobby geopfert werden. Wir brauchen, sagt Landwirtschaftsminister Horst Seehofer zurecht, eine „Renaissance der bäuerlichen Landwirtschaft“ und nicht immer größere Agrarfabriken. Die beste Landwirtschaft im Sinne des Artenschutzes ist die Biolandwirtschaft, die ohne Pestizide und Agrarchemie arbeitet und damit der Artenvielfalt und dem Artenschutz dient.

 

Artenschutz ist vor allem eine ethische Aufgabe. Wir Menschen haben nicht das Recht, Gott ins schöpferische Handwerk zu pfuschen und weiterhin Evolution rückwärts zu spielen. Wir sind nicht Schöpfer, wir sind Geschaffene.

 

Es geht aber auch um den Nutzen, den Natur und Mensch aus der Artenvielfalt ziehen. Denn Pflanzen und Tiere sind für uns Menschen auch ökonomisch von großem Vorteil – nicht nur für unsere Ernährung, sondern auch für Tausende pharmazeutische Produkte und damit für unsere Gesundheit.

 

Umweltminister Gabriel nennt als Beispiel die Erkenntnisse, welche Medizin und Pharmazie aus dem Speichel der Vampirfledermaus ziehen: Ein Enzym dieses Speichels, das gegen Blutgerinnung wirkt, soll bei der Behandlung von Schlaganfällen helfen. Gabriel: „Wer was gegen Fledermausschutz tut, spielt möglicherweise mit seinem eigenen Leben.“ Es ist nicht intelligent, wirtschaftliche Interessen grundsätzlich höher zu bewerten als Naturschutzinteressen. Im Gegenteil: Eine intakte Natur ist immer die Voraussetzung für ökonomischen Erfolg. Die Ökologie ist viel älter als die heutige Ökonomie. Die Ökologie ist vielmehr die Basis jeder erfolgreichen Wirtschaft. Aber genau diese Basis zerstören wir heute wegen scheinbarer wirtschaftlicher Zwänge.

 

Bei der bevorstehenden UNO-Artenschutzkonferenz spielt der Zugang zu den genetischen Ressourcen eine zentrale Rolle – zum Beispiel die Frage:  Wem gehört die Artenvielfalt in den Regenwäldern? Den dort lebenden indigenen Völkern oder den großen Pharmakonzernen in den Industriestaaten? Die reichen Länder haben ihre früheren Urwälder schon lange abgeholzt und erheben jetzt Ansprüche auf freien Zugang zu dem genetischen Reichtum in den Regenwäldern der Armen. Und die Armen befürchten eine neue Runde der Ausrottung ihrer Naturschätze – zurecht.

 

Schon 1992 beim großen Umweltgipfel in Rio haben 189 Staaten und die EU das „Übereinkommen über die biologische Vielfalt (CBD) beschlossen – zusammen mit dem Klimarahmen-Abkommen und der Wüstenkonvention. Alle drei Abkommen sind völkerrechtlich verbindlich. Theoretisch! Doch die Praxis aller drei Abkommen ist bislang ungenügend:

  • Das Klima erwärmt sich
  • Die Wüsten breiten sich weiter aus und
  • Der Artenreichtum schwindet.

Bei der Konferenz in Bonn soll es darum gehen, die Rio-Beschlüsse zu konkretisieren und bis 2010 weltweit das Artensterben deutlich zu reduzieren: Die biologische Vielfalt soll auch für künftige Generationen erhalten werden, sie soll nachhaltig genutzt werden und die Nutzung soll möglichst gerecht zwischen armen und reichen Völkern möglich sein.

 

Die Welt erwartet vom Gastgeberland Deutschland zurecht eine Vorbildfunktion beim Überlebensthema Artenschutz. Schließlich hat Deutschland bei den Arten- und Lebensräumen die höchste Gefährdungsrate in ganz Europa: 40 % der einheimischen Tierarten sind bestandsgefährdet oder bereits extrem selten und fast die Hälfte der Pflanzengesellschaften sind gefährdet. Von den Lebensräumen sind gar 72 % gefährdet.

 

Neben dem Klimawandel, der das Abwandern von Arten nach Norden beschleunigt, sind die Intensivierung der Land- und Forstwirtschaft sowie die Zerschneidung und Versiegelung von Lebensräumen die wesentlichen Ursachen des Artensterbens. Pro Tag werden zur Zeit in Deutschland 115 Hektar Fläche zubetoniert. Unzerschnittene verkehrsarme Räume gibt es in Deutschland nur noch auf 21 % der Bundesfläche.

 

Für viele Deutsche ist Artenschutz identisch mit dem Schutz von Elefanten in Afrika, Walen in Japan und Eisbären in der Arktis. Warum aber soll Afrika Elefanten schützen, wenn Bayern den ersten Bären abschießt, der sich hier wieder blicken ließ?

 

Teil 2: Sag mir, wo die Blumen sind 2/7

Quelle:

Franz Alt 2008

Erstveröffentlichung "tz" München 2008

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