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:: Stirbt die Artenvielfalt? Erst sterben die Pflanzen, dann die Tiere und dann der Mensch 3/8

Albert Einstein hatte schon prophezeit: „Wenn die Biene einmal von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben.“ Fast über Nacht sind 2007 in den USA etwa 600.000 Bienenvölker verschwunden – beinahe ein Viertel der gesamten Population. Schuld war vermutlich ein Virus, das die Tiere geschwächt hat.

Weil kranke Bienen ihren Stock verlassen, um die gesunden Artgenossen nicht anzustecken,  fanden die Imker nur noch Königinnen und Brut in den Bienenwaben.

 

Tatsächlich meldeten Obst- und Gemüsebauern in den USA im letzten Jahr Ernteverluste in Milliardenhöhe. Das Schwinden der ökologischen Vielfalt ist auch ein unermesslicher ökonomischer Verlust. Unsere wichtigste Lernaufgabe im 21. Jahrhundert heißt: Mit der Natur wirtschaften und nicht länger gegen die Natur.

 

Der Mensch braucht die Natur, aber sie braucht uns nicht. Pfleglich mit der Natur umzugehen, hat nichts mit Sentimentalität oder Naturromantik zu tun, sondern ist schiere Selbsterhaltung und ein Akt von klugem Egoismus.

 

Dass wir heute dabei sind, uns selbst auszurotten, ist gerade kein Beweis von menschlicher Intelligenz. In unserer Zeit spielt sich das Drama des größten Artensterbens der Geschichte ab, seit vor 65 Millionen Jahren die Dinosaurier ausgestorben sind.

 

Aus ökonomischen Gründen hat sich in Sri Lanka die Zahl der Reissorten in den letzten 50 Jahren von 2000 auf fünf reduziert. Und in den USA werden heute noch 12 Apfelsorten angebaut – vor 100 Jahren waren es noch 250. Heute werden auf riesigen Saatgutbetrieben standardisierte Hochleistungsprodukte angeboten, die auf künstliche Bewässerung, Dünge- und Pflanzenschutzmittel angewiesen sind. Doch Chemie und Pestizide vernichten wiederum unzählige Tier- und Pflanzenarten. Ein Teufelskreis.

 

Menschen können auch positiv in die Naturabläufe eingreifen. Für die Nahrungsmittelproduktion hat der Mensch, seit er sesshaft wurde, 7000 Pflanzenarten kultiviert, durch Züchtung immer neue Sorten entwickelt und dadurch einen Beitrag zur Biodiversität geleistet. Natürliche Züchtung statt moderner naturwidriger Gentechnik!

 

Doch die industrielle und chemisierte Landwirtschaft hat den in Jahrtausenden geschaffenen Artenreichtum in wenigen Jahrzehnten zum teilweise vernichtet. 76 % der genetischen Vielfalt der Nutzpflanzen sind bereits für immer verloren. Und diese Verarmung geht weiter.

 

Hühner zum Beispiel werden so gezüchtet, dass gewünschte Merkmale wie rasches Muskelwachstum oder das Legen vieler Eier nicht vererbt werden können. Über zwei Drittel des weltweiten Legehennenbestandes stammen heute aus zwei europäischen Betrieben.

 

Auf der Bonner Biodiversitätskonferenz wird auch darüber gestritten werden, was Pharmafirmen der Industriestaaten dafür bezahlen müssen, wenn sie genetische Ressourcen aus Regenwäldern der armen Länder nutzen. Den Industrieländern geht es darum, einen ungehinderten Zugang zum genetischen Reichtum der Regenwälder zu haben. Zudem wollen sie sich Patente für ihre Produkte sichern, was die Entwicklungsländer zurecht ablehnen. Ein Patent auf Leben ist schlicht Größenwahn. Menschen sind nicht Gott. Technik-Patente sind verständlich – aber Natur-Patente sind pervers und unanständig.

 

Auf der Bonner Tagesordnung stehen außerdem ein besserer Schutz der Wälder und die Errichtung eines globalen Netzwerkes von Schutzgebieten in den Ozeanen. Nur so könnte das komplette Abholzen der Regenwälder und das Leerfischen der Ozeane noch verhindert werden.

 

Artensterben auch in Deutschland

Auch in Deutschland werden die Lebensräume für Pflanzen und Tiere immer knapper. Über 72 % aller deutschen Biotop-Typen gelten als bedroht. Ein Fortschritt sei freilich, dass die zunehmende Ökolandwirtschaft geholfen habe, den Rückgang typischer Hecken und Gehölze entlang der Felder zu stoppen, stellt das Bundesamt für Naturschutz fest.

 

Durch den Klimawandel gehen jedoch global die Ernten zurück und die Arten sterben noch schneller aus als heute. Schon bei einem Grad höherer Temperatur muss mit 17 % weniger Ernte von Mais und Soja gerechnet werden. Ein Anstieg der Temperatur von 2 Grad würde in Nordindien schon ein Drittel weniger Weizenernte bedeuten. Bei einem Land, das in den nächsten 30 Jahren mit 500 Millionen mehr Einwohnern rechnen muss, eine zutiefst beunruhigende Perspektive. Hinzu kommt die dramatische Verringerung der Reissorten-Vielfalt in Indien und China in den letzten Jahrzehnten.

 

Wir Pyromanen verbrennen alles

Das derzeitige Artensterben vergleicht der Chef des World-Watch-Instituts in Washington, Lester Brown, mit dem letzten großen Artensterben vor 65 Millionen Jahren, als die Dinosaurier verschwanden. Die damalige Ursache war ein Meteoriteneinschlag, der zu einem brutalen Kälteeinbruch führte. Alle sechs großen Artensterben der Evolution waren durch natürliche Phänomene verursacht. Das das jetzige 7. große Artensterben ist erstmals von einer Spezies bewirkt. Und diese Spezies nennt sich auch noch „Homo sapiens“. Lester Brown: „Zum ersten Mal in der langen Geschichte unseres Planeten hat sich eine Spezies so weit entwickelt, wenn es denn so bezeichnen kann, dass sie einen Großteil des übrigen Lebens auslöschen kann.“

 

Mit der Rodung der Regenwälder verbrennen wir ein riesiges, unwiederbringliches Reservoir an genetischer Information. Die Zahl der Menschen steigt, aber die Arten, mit denen wir unseren Heimatplaneten teilen, schwinden.

  • In Singapur sind in den letzten 50 Jahren 61 % aller Singvögel ausgestorben.
  • In England sind seit 1975 zwischen 50 und 80 % der bekanntesten Vogelarten verschwunden.
  • Durch Überfischung, Wasserverschmutzung und naturwidrige Landwirtschaft sind weltweit bereits 37 % aller Fischarten ausgerottet.
  • In den USA sind allein seit 1995 zehn Süßwasserfischarten ausgestorben.
  • In den semi-ariden Gebieten Mexikos sind 68 % der heimischen Fischarten verschwunden.
  • In Europa ist die Hälfte aller Fischarten gefährdet.
  • In bayerischen Flüssen und Seen sind noch 70 Fischarten zu Hause. 59 davon stehen auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten. Lachs, Finte, Maifisch und Stör werden nicht mehr mitgezählt. Sie sind bereits ausgestorben.
  • Im Amazonas werden bei weiterer Erwärmung über die Hälfte der 1.000 Schmetterlingsarten, aber auch die Hälfte der 10.000 verschiedenen Pflanzenarten in absehbarer Zeit ein für alle Mal verschwinden.

In Parks und Reservaten versuchen wir schon heute, die Vielfalt des Lebendigen so gut wie möglich zu retten. Wenn es uns aber nicht gelingt, das Weltklima zu stabilisieren, werden wir langfristig kein einziges Ökosystem auf dieser schönen Erde retten können. Und damit sinken auch die Zukunftschancen für unsere eigene Zivilisation.

 

Denn: Erst stirbt die Pflanze, dann das Tier und schließlich der Mensch. Die Natur repariert vieles, aber nicht alles. Wenn die Vielfalt des Tier- und Pflanzenreichtums abnimmt, ist das mehr als ein Problem für Liebhaber von Käfern und Vögeln.

 

Der Artenreichtum sichert nicht nur unsere Ernährung und Gesundheit, er ist auch die Grundlage der Herstellung vieler Produkte. Allein zur Produktion von Arzneimitteln werden heute 10.000 bis 20.000 Pflanzenarten genutzt. Wer selbst die Heilkraft von Pflanzenpharmaka schon dankbar erlebt hat, versteht die Weisheit unserer Vorfahren, wonach „gegen jedes Zipperlein ein Kräutlein gewachsen“ sei, er weiß aber auch um die bevorstehende Verarmung durch das Artensterben.

 

Die Vernichtung der Ökosysteme bedroht außerdem unser Klima und die Trinkwasserversorgung auf dem gesamten Planeten.

 

Vom Artensterben profitieren allein die Pharma- und Chemiekonzerne, denn dadurch wächst ihr Markt für standardisiertes, patentiertes und oft gentechnisch verändertes Saatgut.

 

Positiv ist, dass die Politik jetzt immerhin das Problem erkannt und auf ihre Agenda gesetzt hat. Mit Reden und Streiten allein ist der Artenvielfalt freilich noch nicht geholfen. 5.000 Teilnehmer diskutieren in Bonn 10 Tage darüber, wie die Vielfalt des Lebens gerettet werden kann und wie Kosten und Nutzen gerecht verteilt werden können. Umwelt- und Entwicklungsorganisationen veranstalten vom 12. – 16. Mai eine internationale Alternativkonferenz unter dem Titel „Planet Diversity“.

 

Wenn die Vielfalt bedroht ist, ist das Leben bedroht. Der prominente deutsche Klimaforscher, Professor Hans Joachim Schellnhuber, befürchtet, dass sich durch die Klimaerwärmung das Artensterben nochmals beschleunigen könnte. Mit fünf Grad globaler Erwärmung könnten noch in diesem Jahrhundert die Hälfte aller Arten verschwinden.

 

Die großen Gewinner des Klimawandels, so Schellnhuber, könnten die Viren sein: „Sie sind hochgradig anpassungsfähig, vermehren sich unheimlich schnell. Es könnten neue Krankheitserreger entstehen oder aus regionalen Nischen ausbrechen. Durchs weltweite Reisen wird es wahrscheinlich sehr viel schwieriger, solche Krankheiten in Zukunft auszusperren.“

 

In Zeiten der Globalisierung hängt immer mehr miteinander zusammen. Menschen und Völker sind noch mehr aufeinander angewiesen als früher. Auch deshalb sind der Klimawandel und das derzeitige Artensterben die größte Herausforderung der Menschheit im 21. Jahrhundert.“

 

Die Herausforderung ist nicht nur eine ökonomische und ökologische, sie ist vielmehr eine ethisch-moralische. Gefragt sind in erster Linie unser Überlebenswille und unsere Verantwortung für künftige Generationen.

 

Haben wir noch einen Brut-Instinkt? Oder leben wir schon nach dem Motto: Nach uns die Sintflut?“

 

Nach einem Vortrag kam kürzlich ein älterer Herr zu mir und meinte: „Herr Alt, was Sie sagen und schreiben ist ja recht und schön. Aber bin jetzt 70 Jahre alt. Für mich reicht’s noch.“ Ich fragte ihn dann, ob er Kinder habe. Er zeigte ein überraschtes Gesicht, schwieg und ging.

 

Teil 4: Welche Arten sind am meisten bedroht?

Quelle:

Franz Alt 2008

Erstveröffentlichung "tz" München 2008

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