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:: Der hungrige Planet

Wie können wir Wohlstand mehren, ohne die Erde auszuplündern? Hunger, eine Frage unserer Generation. Ein Buch von Paul Collier. Von Rupert Neudeck

Das ist das britische Denken von politischen Zusammenhängen. Paul Collier entblättert eines von den großen Problemen weltweiter Politik, die man einmal Entwicklungspolitik, ein anderes Mal Wirtschaftspolitik nennt, ein drittes Mal Freihandelszone mit immer neuer erkenntnisleitender Leichtigkeit. Er ist nach Ralf Dahrendorf der erste, der aus Europa ein Weltpolitiker und Welt-Intellektueller ist. Ein Soziologe und ein Politiker. Einer, der nicht nur gezwungen werden muss, zuzugeben, dass er von anderen abgeschrieben hat, sondern der zur Entstehung  seines Buches sagt, dass er das alles, was er da auf 300 Seiten ausbreitet, den Teams und Mitarbeitern mit-verdankt.

 

Alles ist kompliziert, aber Professor Collier macht es dann erfahrbar durch eine gute Darstellung im Buch, aber auch durch plastische Beispiele. Es geht ihm zum ersten Mal um die Vereinbarkeit von Ökonomie und Ökologie. Die Probleme seien Informationssymmetrie und Korruption. 2009 berichtete die Financial Times - so schreibt der Autor -  von den Goldexporten der Demokratischen Republik Kongo in Höhe von einer Milliarde USD. Davon  nimmt die Regierung nur 37.000 US-Dollar ein. Collier fragte den Finanzminister, denn er zweifelte an der Genauigkeit der Zahlen – als ob es darüber genaue Zahlen geben könnte! Der Finanzminister gab aber zu, dass es ein großes Schmugglerproblem gäbe.

 

Afrika habe ebenso viele wirkliche Ressourcen wie die OECD Länder. Wenn das so ist, dann wäre der wahre Wert seiner natürlichen Rohstoffe fünfmal so hoch wie bei den bereits entdeckten. Das Problem lässt sich gar nicht abschätzen. Die Einkünfte aus nicht erneuerbaren Ressourcen reduzieren sich auf ein Zehntel ihrer wirklichen Größe. Das Ausmaß dieses Problems lässt die Debatte darüber, ob die Entwicklungshilfe zu hoch oder zu niedrig sei, zu einem Nebenkriegsschauplatz werden. Und doch seien für jedes Wort, das über die Probleme dieses Hungers geschrieben wurde, bestimmt hunderte und Tausende von Wörtern über die Entwicklungshilfe geschrieben worden.

 

Er ist misstrauisch gegenüber Regierungen, aber wünscht sich Regierungen, die sich beraten lassen. Er berichtet, dass die britische Regierung, also seine Regierung, sich bei der Auktion für Handyfrequenzen um 18 Milliarden Pfund irrte!

 

Das britische Schatzamt schloss einen Vertrag mit einer britischen Telefongesellschaft und forderte einen Preis von 2 Mrd. Pfund. In letzter Sekunde mahnte ein Ökonom die Regierung, es könne sein, dass sie Opfer von asymmetrischen Zahlen werden und deshalb nicht wissen könne, welcher Preis angemessen wäre. In seinem typischen britischen understatetment-Stil sagt Collier, in diesem einen Fall hätte das Schatzamt auf einen Ökonomen gehört. Die Auktion brachte nicht zwei, sondern 20 Milliarden Pfund ein.

 

Typisch die Mischung von Analyse und erlebten Berichteten im Buch des Professors aus Oxford: Was könne man von Finanzministerien in Afrika erwarten, wenn sie den Verkauf von Schürfrechten verhandeln? „Am Tag, nachdem ich dieses dem Präsidenten von Sierra Leone dargelegt hatte, rief er die Weltbank an“. Er wollte sich über Auktionen beraten lassen.

 

Wie altersweise der Stil des berühmten Ökonomen Collier geworden ist, zeigt die Bemerkung in Klammern, die so in keiner wissenschaftlichen Arbeit stehen dürfte: Von der Weltbank wurden nicht die Bodenschätze gemessen, die vorkommen, sondern nur die bekannten. Die noch unentdeckten Vorkommen konnten natürlich nicht einbezogen werden. Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“. Und in Klammern fügt er mit Wittgenstein im Auge schelmisch hinzu: „Hat das nicht schon jemand anders gesagt?“

 

Der Autor hat ein ganz neues Feld entdeckt, das in seinen früheren Büchern so noch nicht vorkam: „Natur als Ressource“ und die „Ethik der Natur“. Das Buch durchzieht die Abneigung des Autors gegen Romantiker. Für den romantischen Flügel der Umweltschützer sei die Natur etwas so Besonderes, dass wir nur ihre Wächter sein können. Das lehnt Collier ab. So bekommen wir keine Vereinbarung zwischen Ökonomie und Ökologie und wir bekommen auch das drängende Hungerproblem bei einer Weltbevölkerung hin, die bald bei 9 Milliarden ist. Biologische Vielfalt ist etwas Gutes, aber kein Zweck an sich.

 

Der säkulare Autor macht klar, dass sogar Jesus im Lukasevangelium von einem reichen Mann berichtet, der fortgeht und jedem seiner Diener Geld hinterlässt. Bei der Rückkehr des reichen Mannes wird der gelobt, der das Geld gut verwendet hat. Collier: „Wir können mit der Natur dasselbe tun. Vor allem können wir die Natur dazu nutzen, das Schicksal der untersten Milliarde zu verbessern.“

 

Das ist das bisher gediegenste Buch über die Frage, wie unsere Welt mit der Nahrungsmittelproduktion und dem Bevölkerungswachstum standhält und gleichzeitig dem Wachstum Einhalt gebietet. Bei dem dritten Teil über die „Natur als Fabrik“ lässt sich der Autor auf eine umfassende Reflexion über den Emissionshandel mit CO2-Rechten ein.

 

Auch hier bewegt sich Collier abseits aller Romantiker-Pfade, weshalb das Buch für unsere Umweltschutzaktivisten von besonderer korrigierender Bedeutung ist. Zusätzliches CO2 sei zur Verbindlichkeit geworden. Kohlendioxid wird nicht nur von der Industrie ausgestoßen. Es entsteht auch durch die wohl natürlichste aller Wirtschaftsformen, durch Viehhaltung. Collier: „Seit Jahrhunderten ziehen Viehhirten durch die Wildnis. - Unglückseligerweise sind Kühe für die Erderwärmung gefährlicher als Atomkraftwerke, die Energie ohne CO2 Ausstoß erzeugen: Das ist so, weil Kühe furzen“.

 

Die Emissionshandel-Kiste erinnert den Autor an die christliche Theologie des Mittelalters,. Die zwischen Sünden der Unterlassung und des Begehens unterschied. Der Tod sei der Sünde Sold, hieß es, man nahm das wörtlich und gab jeder Sünde einen Preis. Vergebung gab es durch den Verkauf von Ablässen. Zur modernen Variante der Umweltpolitik ist die Sünde der Emission geworden. Der Sold der Sünde ist die globale Erwärmung. Die Variante des Ablasshandels ist das Emissionsrecht.

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