EU-Energiepolitik: Atomträume aus Brüssel
Die Atomvision der EU-Kommission ist weit von der Realität abgehoben. Ursula von der Leyen sollte sich nicht von Emmanuel Macron für die finanziell hochriskanten französischen Pläne einspannen lassen.
Es war wie die Faust aufs Auge. Ausgerechnet zum 15. Jahrestag der Fukushima-Katastrophe beschwört EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen eine Renaissance der Atomkraft.
Es sei ein Fehler gewesen, den Anteil der Kernenergie im europäischen Strommix auf nur noch knapp 15 Prozent sinken zu lassen, erklärte sie auf einem Atomenergie-Gipfel in Frankreich.
Und die CDU-Politikerin postulierte: Die EU müsse „ein globales Zentrum der Kernenergie der nächsten Generation werden“. Die Atomkraft sei schließlich verlässlich und preiswert.
Ist das wahr? Grund genug, um zu sagen: Zurück in die Zukunft?
Von der Leyen will die EU-Konten dafür aufbohren. Anders als bisher wäre die Förderung nicht mehr auf Forschung beschränkt.
Geld aus EU-Programmen soll auch fließen für die Laufzeitverlängerung von Alt-Reaktoren, für Neubauten – und besonders für eine Technologie, auf die viele Atomfreunde große Hoffnungen setzen: Mini-Reaktoren, SMR genannt, die, da modular angelegt, angeblich schneller und günstiger gebaut werden können als die bisherigen AKW.
Negative Lernkurve
Kann das funktionieren? Kann von der Leyen eine Atomrenaissance herbeisubventionieren, die weltweit bisher nicht stattfindet?
Tatsächlich sinkt die Bedeutung der Kernkraft seit rund zwei Jahrzehnten, von China abgesehen. Außerhalb dieses Landes ist die globale Atomstrom-Produktion seit dem letzten Rekordjahr 2006 um 14 Prozent zurückgegangen.
Die meisten Reaktoren kamen Mitte der 1980er Jahre ans Netz, der höchste Anteil der Atomkraft am weltweiten Strommix wurde 1996 erreicht. Der neue globale Stromrekord von 2024, ganz knapp über dem von 2006, ist fast ausschließlich auf Pekings Atomkurs zurückzuführen.
Hauptproblem beim Neubau von Atomkraftwerken in Marktwirtschaften ist: Sie sind extrem teuer geworden. Praktisch jedes große Projekt in Europa und Nordamerika hat massive Kosten- und Bauzeitüberschreitungen erlebt, ob in Frankreich, Finnland, Großbritannien oder den USA.
Es ist eine negative Lernkurve: Anders als bei Solar- und Windkraft werden neue Anlagen nicht billiger, sondern immer teurer.
Der letzte Kostenstand für den französisch-chinesischen Doppel-Reaktor vom Typ EPR in Großbritannien, der nach mindestens 13 Jahren Bauzeit wohl frühestens 2030 ans Netz geht, lautet umgerechnet 41 statt geplanter 21 Milliarden Euro.
Sehr spät und kaum bezahlbar
Schon das zeigt: Eine jetzt gestartete breite Atom-Renaissance, für die EU-weit zig solcher Reaktoren nötig wäre, käme für Energiesicherheit und Klimaschutz sehr spät und wäre kaum bezahlbar, auch nicht mit den Zuschüssen aus Brüssel.
Die Hoffnung einiger Regierungen, und nun auch der EU-Kommission, richtet sich deshalb auf die Mini-Reaktoren. Doch auch hier klafft eine große Lücke zwischen Vision und Realität.
SMR sollen in Fabriken serienmäßig produziert werden, um Kosten zu sparen. In der Praxis existiert eine solche industrielle Fertigung bisher nirgends. Selbst die Internationale Atomenergieorganisation IAEA rechnet bis 2030 nur mit einigen Demonstrationsprojekten.
Erst im Laufe der 2030er Jahre könnte eine Fabrikfertigung stehen – falls sich die Hoffnung auf niedrige Kosten überhaupt bewahrheitet und die Sicherheits- und Akzeptanzprobleme wirklich gelöst sind. Schließlich würden die zahlreichen „Mini-Nukes“ nahe an Siedlungen stehen. Von den Fragen der Uranbeschaffung und Atommüll-Endlagerung ganz zu schweigen.
Die Brüsseler Atomvision ist weit von der Realität abgehoben, entstanden unter dem Druck vor allem von Frankreich, dessen Präsident Emmanuel Macron an seinem Atomkurs festhalten will, obwohl der zum finanziellen Debakel zu werden droht.
Von der Leyen hätte sich dafür nicht einspannen lassen sollen. Das Erneuerbaren-Energiesystem voranzubringen, ist die realistischere Alternative.
Quelle
Der Bericht wurde von der Redaktion „klimareporter.de“ (Joachim Wille) 2026 verfasst – der Artikel darf nicht ohne Genehmigung (post@klimareporter.de) weiterverbreitet werden!







